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Meinungen
05/28/2020

Robert Treichler: Sorry seems to be the hardest word

Politiker sollen sich entschuldigen. Wir sollten ihre Entschuldigungen annehmen. Klingt einfach.

Jeder macht mal einen Fehler. Der eine hat eine Affäre mit der Praktikantin, der andere verplaudert sich mit der Gattin beim Abendessen. Die Fälle wiegen unterschiedlich schwer, besonders aus der Sicht der Ehefrau, aber entschuldigt haben sich beide Staatsoberhäupter: „Ich bereue das zutiefst“, sagte der damalige US-Präsident Bill Clinton – allerdings erst nach monatelangem Dementi. „Das tut mir aufrichtig leid. Es war ein Fehler“, twitterte Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Tag, nachdem er von einer Polizeistreife mehr als eine Stunde nach der coronavirusbedingten Sperrstunde mit seiner Ehefrau und einem befreundeten Paar im Schanigarten eines Wiener Lokals betreten worden war.

„Auch Präsidenten haben ein Privatleben“, hatte Clinton einst ebenso flehend wie vergeblich behauptet. Selbstverständlich haben sie im Zweifelsfall keines, wie er bald einsehen musste. Van der Bellen versuchte es erst gar nicht und nutzte für seine Entschuldigung den offiziellen Twitter-Account. Ein Präsident, wenn er die zur Seuchenbekämpfung erlassene Sperrstunde schnalzt, ist alles, nur keine Privatperson.

Van der Bellen ist nicht der erste Spitzenpolitiker, der mit Anti-Pandemie-Gesetzen oder -Verordnungen in Konflikt gerät, derlei Verhalten scheint vielmehr ansteckend zu wirken. Eine kleine Auswahl der Distancing-Muffel: Der neuseeländische Gesundheitsminister David Clark fuhr mitten in der Phase des strengsten Lockdowns mit seiner Familie an den Strand.

Bundeskanzler Sebastian Kurz unternahm eine nicht als solche deklarierte Meet&Greet-Tour ins Kleinwalsertal, wo seine schiere Anwesenheit die Scharen von Anhängern alle behördlich verhängten Maßnahmen vergessen ließ.

Im Vereinigten Königreich bildete sich rund um Premier Boris Johnson gar so etwas wie ein Renitenz-Cluster. Der Premier selbst schüttelte in einer Coronavirus-Krankenstation allen die Hände und erkrankte danach schwer; Neil Ferguson, Virologe und Berater der Regierung, verletzte die von ihm selbst befürworteten Regeln und traf sich während des Lockdowns heimlich mit seiner Geliebten; schließlich wurde bekannt, dass Dominic Cummings, Johnsons engster Berater, zu einer Zeit, als die Regierung verordnet hatte, zu Hause zu bleiben, mit seiner Frau und seinem Sohn 400 Kilometer zum Anwesen seiner Eltern gefahren war.

Die Öffentlichkeit debattiert über die Sinnhaftigkeit der einschränkenden Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung, Regierung und Behörden warnen, drohen, appellieren und strafen – und dann werden einzelne ihrer Vertreter dabei ertappt, wie sie sich über die Regeln hinwegsetzen. Wie soll man ein solches Verhalten bewerten? Es suggeriert uns Normalos, dass die strengen Verordnungen bedenkenlos übertreten werden dürfen und die düsteren Warnungen vor den schlimmen Risiken eines solchen Verhaltens nicht ernst zu nehmen sind. Das ist gefährlich.

"Auch Politiker können Dummheiten begehen. Welche davon lässlich sind, entscheidet letztlich das Volk bei der nächsten Wahl."

Das Besondere an diesen Verfehlungen von Spitzenrepräsentanten ist, dass sie und wir alle gleichermaßen von den Einschränkungen betroffen sind. Wir wissen ganz genau, wie aufreibend der Lockdown und die langsame Öffnung sind, und auch die Verlockung von Übertretungen kennen wir nur zu gut. Einfach mal schnell ausbrechen, Normalität genießen – und zwar nicht die „neue Normalität“ – und darauf bauen, dass ohnehin nichts passiert und es keiner bemerkt.

Und weil wir, die Öffentlichkeit, das so gut nachvollziehen können, und weil manche von uns wohl auch schon mal eine Übertretung begangen haben, sind wir für einen in der Politik eher seltenen Akt empfänglich: eine Entschuldigung.

Die einzelnen Fälle mögen unterschiedlich schwerwiegend sein, irgendwie menschlich nachvollziehbar sind sie alle: mit der Ehefrau länger sitzen bleiben als erlaubt; mit der Familie an den Strand fahren; die Geliebte besuchen; die Fans nicht enttäuschen, die sich um einen scharen …

Politiker sind darauf trainiert, recht zu behalten oder wenigstens diesen Eindruck zu vermitteln. Irrtümer, Versagen, Fehleinschätzungen passen nicht in dieses Image. In dieser Situation jedoch ist genau das gefragt: einzubekennen, falsch gehandelt zu haben, und sich dafür zu entschuldigen. Van der Bellen ist das gelungen; Gesundheitsminister David Clark urteilte über sich selbst, er sei „ein Idiot gewesen“; Virologe Ferguson trat als Regierungsberater zurück. Kurz hingegen gestand zwar zu, beim nächsten Mal Dinge anders und besser machen zu wollen, die Worte „Entschuldigung“ und „Es tut mir leid“ bekam er einfach nicht über die Lippen. Dominic Cummings schließlich ging so weit, zu behaupten, er habe alles richtig gemacht und keinerlei Regel verletzt.

Fehlverhalten gepaart mit Selbstgerechtigkeit wird zu Arroganz. Auch Politiker können Dummheiten begehen. Welche davon lässlich sind, entscheidet letztlich das Volk bei der nächsten Wahl. Wir, die Öffentlichkeit (und ganz besonders die zur Rechthaberei neigenden Journalisten), sollten dabei nicht unversöhnlich sein. „Ich bin ein Idiot gewesen“ ist vielleicht ein bisschen viel verlangt, für den Anfang reicht auch ein aufrichtiges „Sorry“.

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