Morgenpost

Peter Weibel: Visionär, Exzentriker, Denkakrobat, Schelm

Zum Tod von Peter Weibel, der 78-jährig vor zwei Tagen verstarb.

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Das Bild zeigt Susanne Widl und Peter Weibel im Fond seines schwarzen Mercedes 190 in den 1970er. Die Rückbank seines Wagens hatte Weibel vor dem Fototermin mit Michael Horowitz noch schnell mit einer rotweißroten Flagge überzogen, die er sich knapp vor der Sperrstunde am Wiener Hof bei einem Fachgeschäft für Fahnen besorgt hatte.

Subversiver Aktionismus in jeder Form war sein Treibstoff: Egal ob er sich von Valie Export an einer Hundeleine auf allen Vieren kriechend durch die Wiener Innenstadt ziehen ließ oder, wie er es für seine nicht mehr zustande gekommene Rückkehr nach Wien geplant hatte, seine 120 000 Bücher in zwei Bibliothekstürmen unterbringen wollte, zwischen denen ein bewohnbarer Aufzug verkehren sollte.

Vor einigen Tagen war noch ein wildes Bild von Weibel in den sozialen Medien kursiert, das den langjährigen Direktor des Zentrums für Kunst und Medien in Karlsruhe schelmisch aus den Papierhalden und Zeitungstürmen seines demnächst zu verlassenden Büros blicken ließ. Ironischerweise wirkte das Szenario für einen Menschen, der ein Visionär des Digitalen war, wie ein Spitzweg-Gemälde, also nahezu rührend analog.

Über die visionäre Kraft des Weibel und seinen Stellenwert in der internationalen Kunstszene berichtet mein Kollege Stefan Grissemann. Der Liebesgeschichte zwischen Susanne Widl, der legendäre Chefin des Wiener Café „Korb”, früher Supermodel und Schauspielerin, und dem Weibel, war einzigartig, exzentrisch, aber auch schmerzhaft und hatte seit ihrem Beginn das Zeug zur Legende.

Widl erzählte im Interview: „Wir waren und sind immer ein bisschen wie Liz Taylor und Richard Burton. Streit, Hass, Tränen, Kristallgläser flogen, mit dem Fazit: Wir passen nicht zueinander, aber wir lieben uns“.

Die Amour fou begann am 16. Mai 1972, im „Korb” hatte die Widl den Weibel kennen gelernt, er war zu schüchtern gewesen, um sie zu grüßen. Die ersten zwei Jahre lebten und liebten sich die beiden in einer Waschküche, den der aus Odessa stammende Künstler, der vor Widl mit der Künstlerin Valie Export liiert, war so „bitterarm“, dass er sich keine Wohnung leisten konnte.

"Er war ein Außenseiter der Gesellschaft, genial, anarchisch, intellektuell”, erinnerte sich damals die Widl und sagte lachend: „Ich kann nicht behaupten, dass das Älterwerden unseren Kampfgeist reduziert hätte. Immer wenn er nach Wien gekommen ist, wusste ich, dass das Theater sehr bald von Neuem los gehen wird.” Beide waren immer erstaunlich offen, was ihre Intimitäten betraf, bei Interviews bekam man Brötchen, Champagner und Geschichten aus ihrer völlig unkonventionellen, völlig offenen Beziehung serviert. Weibl hatte für seine On-and-Off-Lebensgefährtin einen Satz aus einem Elvis-Song parat: „Als ich ihr erstmals in die Augen blickte, wusste ich: If you are looking for trouble, look into this face."

Mit dem Tod von Peter Weibel, der seine Reise von Karlsruhe nach Wien nicht mehr antreten konnte und im künstlichen Tiefschlaf gegangen ist, stirbt nicht nur einer der wichtigsten Nachkriegskünstler dieses Landes, sondern auch ein von Originalität und Authentizität sprühender Mensch, dessen Gedankenkaskaden mit einer Geschwindigkeit aus seinem Mund purzelten, dass man unter Stress stand, ihnen auch nur irgendwie folgen zu können.

„Wer unersetzbar sein will, muss vor allem anders sein” sagte Coco Chanel. Diesem Credo ist Peter Weibel mit allen Facetten seines Seins nachgekommen.

Unser tiefes Beileid gilt Susanne Widl!

Angelika Hager

Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort