10 Fragen an Atomkraftexperten

Die Strahlenkatastrophe in Japan hat die alten Feindbilder zwischen Kernkraftgegnern und -befürwortern wiederbelebt. Die Kettenreaktion treibt oft seltsame Blüten. Zeit, sich zurückzulehnen und nachzusehen, wie die Situation der Kernenergie und ihrer Gefahren tatsächlich ist. Zehn Antworten auf zehn drängende Fragen.

Die Anruferin wirkte gestresst. Der private Radiosender benötige dringend einen O-Ton für einen Beitrag, der in den nächsten Minuten auf Sendung gehen solle. Michael Hlava, Pressesprecher des Austrian Institute of Technology (AIT) in Seibersdorf, ruft umgehend zurück. Frage der Reporterin: „Wie viele AKWs betreiben die AIT in Österreich und wie sicher sind diese?“ Hlava nach einer Schrecksekunde: „Wie bitte? Seibersdorf wurde vor neun Jahren stillgelegt, das war ein Forschungsreaktor. Österreich hat gar keine AKWs.“ Die Reporterin erleichtert: „Danke, Sie haben mir sehr geholfen.“

Glückliches Österreich.
Während sich Japaner – ohnedies sehr verhalten – mit Recht vor realen Strahlen, radioaktiven Partikeln in Fisch und Salat, in der Milch und im Trinkwasser fürchten, schrecken sich die Alpenbewohner vor imaginären Atomkraftwerken, und zwar so, dass sie 300 bis 500 Euro für einen Geigerzähler auf den Tisch blättern und die Geräte ebenso ausverkauft sind wie die Bestände an Jodtabletten in Apotheken. Aufwachen, bitte! Es war alles nur ein böser Traum – Österreich hat sich im Jahr 1978 der Atomgefahr ein für alle Mal entledigt, wenigstens im eigenen Land.

Aber hinter der Grenze ragen mächtige Kühltürme in den Himmel. In Temelín, Dukovany, Bohunice und Mochovce. Wir sind umzingelt. Teils von Uralt-Reaktoren wie Isar 1 in Bayern, der entgegen anderslautenden Berichten noch nicht völlig vom Netz ist und womöglich wieder voll ans Netz gehen wird, wenn die Regionalwahlen im Nachbarland geschlagen sind. Und Krško in Slowenien steht in einer Erdbebenzone. Für die Kernkraftwerke Temelín und Mochovce gibt es mächtige Ausbaupläne, und wer weiß, ob Italien seinen Parlamentsbeschluss zum Ausstieg aus dem Ausstieg nicht in die Tat umsetzt, wenn die Berichterstattung über die Reaktorkatastrophe in Japan abgeebbt und die Aufregung vergessen ist.
Auch die Eidgenossen, so scheint’s, wollen nicht von der gefährlichen Technologie lassen. Da ist Furcht durchaus angebracht. Die Boulevardmedien führen es seit ­vielen Jahren vor. Die Politiker folgen und liefern sich im Parlament einen Wettlauf, wer entschiedener und glaubwürdiger in Richtung Brüssel stürmt, um von der Welt den sofortigen und endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft zu fordern.

Denn noch immer sind Wälder und Wiesen vom Reaktorunglück in Tschernobyl belastet. Strahlende Partikel finden sich in Beeren, Pilzen und Wildtieren. Aber noch größer ist die Gefahr, die wir gar nicht kennen: Robert Steidl, Leiter des Instituts für Weinbau und Kellerwirtschaft im Lehr- und Forschungszentrum für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg, berichtet von einer Strahlenbelastung, von der wir noch nie gehört haben.

Im Jahr 1988 hatte sein Institut in Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Lebensmitteluntersuchung alle Weine der Jahrgänge 1955 bis 1988 auf C14- und Tritiumatome untersucht, Bestandteile eines radioaktiven Fall-outs. Steidl: „1963, als die Amerikaner ihre Atombombenversuche auf dem Bikini-Atoll durchgeführt haben, fanden wir im Wein zehnmal höhere Werte als nach Tschernobyl.“ Vielleicht war der Ankauf der Geigerzähler und Jodtabletten doch eine gute Idee.

Wie lässt sich die Atomkatastrophe in Japan einordnen?

Der Schweregrad von Störfällen in Atomkraftwerken wird international nach der siebenteiligen, so genannten INES-Skala angegeben. INES steht für International Nuclear and Radiological Events Scale. Den höchsten Level der Stufe 7 erreichte bisher nur die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, wo es am 26. April 1986 in Block 4 des Kraftwerks aufgrund eines Planungs- und Bedienungsfehlers zu einer Kernexplosion während der ablaufenden Kettenreaktion kam. „Wie bei einer Atombombe“, sagt der Wiener Kernphysiker Helmut Rauch, bis 2005 Leiter des Atominstituts der österreichischen Universitäten. Die Katastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi (Fukushima 1) wird nicht ganz so schwerwiegend eingestuft, aber noch immer schwerwiegend genug. Die japanische Nuklearaufsichtsbehörde JNES (Japan Nuclear Energy Safety Organization) hob den Schweregrad des Unglücks von ursprünglich Level 4 auf Level 5 an, eine Stufe, die einen „Unfall mit weiter reichenden Konsequenzen“ beschreibt. Dazu gehört eine erhöhte Strahlenbelastung auch außerhalb des Nahbereichs rund um das Kraftwerk, strahlende Partikel in Obst, Gemüse und im Trink- oder im Meerwasser, wie das in der vergangenen Woche in mehreren Distrikten rund um Fukushima und in erheblich abgeschwächter Form auch im Raum Tokio registriert wurde. Nicht nur österreichische Experten zogen eine deutliche Trennlinie zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die beiden Ereignisse seien weder nach Art ihres Zustandekommens noch nach dem Umfang der Auswirkungen vergleichbar. Aber was wäre das Worst-Case-Szenario für die in der Klassifikation für Level 5 genannten „weiter reichenden Konsequenzen“? Der Online-Nachrichtendienst der BBC hatte dazu schon Ende vorvergangener Woche Malcolm Sperrin, Direktor für medizinische Physik und klinische Technik am Royal ­Berkshire Hospital in Reading bei London, befragt. Sperrin: „Ein Worst-Case-Szenario wäre es, wenn Spaltprodukte aus dem Reaktor oder aus Lagerbehältern entweichen. Dann gäbe es rund um das Kraftwerk eine hohe Strahlenbelastung, was nicht heißen muss, dass diese auch die Bevölkerung erreicht. Aber wir sind definitiv nicht in der Situation, dass wir ein weiteres Tschernobyl erleben werden – diese Gefahr ist lang vorbei.“ Aber alle anderen von Sperrin genannten Befürchtungen sind in der Vorwoche eingetreten, sogar noch schlimmer als angenommen.


Wie viele Opfer forderte das ­Reaktorunglück von Tschernobyl?

Eine seriöse Bezifferung ist schwierig. Erstens, weil das wahre Ausmaß der Katastrophe zunächst auch innerhalb der Sowjetunion verschwiegen oder verschleiert wurde. Zweitens, weil die Langzeitfolgen noch nicht abschätzbar sind. Zwei Wochen nach dem Unglück kam es zu einem Treffen zwischen KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow und dem Chef der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergiebehörde IAEO, Hans Blix, bei dem Gorbatschow die Zusage machte, die Sowjetunion werde alle nötigen Unterlagen über das Geschehen in Tschernobyl und die registrierten Folgen zur Verfügung stellen. Bis heute werden diese Folgen äußerst kontrovers diskutiert. Im September 2005 veröffentlichte das Tschernobyl-Forum, bestehend aus mehreren Organisationen der Vereinten Nationen und an die UN assoziierten Agenturen, einen Untersuchungsbericht über die gesundheitlichen, ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen aus Sicht der Mitglieder des Forums. Zu diesen Mitgliedern zählten Vertreter des Umwelt- und des Entwicklungsprogramms der UN, des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe, des wissenschaftlichen Komitees über die Wirkung radioaktiver Strahlung der UN, dazu Vertreter der IAEO, der Weltgesundheitsorganisation WHO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO), der Weltbank sowie der Regierungen von Weißrussland, Russland und der Ukraine, also der unmittelbar betroffenen Länder. Einige Wissenschafter sowie Umweltschutzorganisationen kritisierten, der Bericht sei parteiisch und spiele die Auswirkungen herunter. WHO und IAEO sprechen von 50 Toten, die das Unglück unmittelbar gefordert habe oder die an akuter Strahlenkrankheit gestorben seien, und neun an Schilddrüsenkrebs verstorbenen Kindern. In den am stärksten betroffenen Ländern sei mit etwa 4000 zusätzlichen Krebserkrankungen zu rechnen. Franz Kainberger, Radiologe und Strahlenschutzexperte am Wiener AKH, sagt: „Die Ergebnisse diverser Studien über die Opferzahlen von Tschernobyl werden bis heute in beide Richtungen missbraucht.“ Kainberger rechnet damit, dass die Krebssterblichkeit in den stark betroffenen Ländern aufgrund der erhöhten Strahlenbelastung durch Tschernobyl erst in den kommenden Jahren deutlich ansteigen wird. Erst kürzlich legten Forscher des renommierten Schweizer Paul-Scherrer-Instituts (PSI) eine neue Studie mit der Bezeichnung „Secure“ vor. Darin schätzen sie die Zahl der latenten Todesfälle in einem Zeitraum von 70 Jahren nach dem Unfall auf 9000 für die Ukraine, Russland und Weißrussland und auf 33.000 für die gesamte nördliche Hemisphäre. Die Wissenschafter analysierten außerdem Berichte über schwere Unfälle im Energiesektor im Zeitraum zwischen 1970 und 2008. Als schwere Unfälle wurden Ereignisse mit weltweit mindestens fünf unmittelbaren Todesopfern gewertet. Die wenigsten unmittelbaren Todesopfer gab es im Bereich Kernenergie, die meisten in den Bereichen Kohle, Wasserkraft und Erdöl (31 versus 89.311). Allein im Jahr 1975 starben bei den Dammbruch-Katastrophen von Banqiao und Shimantan in China 26.000 Menschen. Teilt man die Zahl der Unfälle und die Zahl der Todesopfer nach OECD- und EU-Staaten auf der einen und Nicht-OECD-Staaten auf der anderen Seite, dann überwiegen die Zahl der Ereignisse und die Zahl der Opfer in den Nicht-OECD-Staaten um ein Vielfaches (siehe auch Grafik auf der nächsten Seite). Bezieht man die Verstrahlung, die womöglich jahrzehntelange Unbewohnbarkeit großer Landflächen sowie die Langzeitopfer in die Rechnung mit ein, dann schneidet die Kernenergie am schlechtesten ab. Setzt man hingegen die Zahl der Opfer in Relation zur produzierten Energiemenge, dann sieht es für die Kernenergie wieder besser aus.

Ist das slowenische AKW Krško tatsächlich erdbebengefährdet?
AKW-Gegner und Umweltschützer behaupten immer wieder, das kroatisch-slowenische Kernkraftwerk Krško, etwa 80 Kilometer südlich der österreichischen Grenze gelegen, stehe in einer Erdbebenzone. Das stimmt. Laut dem Seismologen Gerald Duma vom Österreichischen Erdbebendienst der Zentralanstalt für Meteo­rologie und Geodynamik sind weite Regionen des südeuropäischen Mittelmeerraums erdbebengefährdet, besonders der Süden Italiens, Griechenlands und Spaniens, aber auch die Balkanländer, die Westtürkei und Ostanatolien. Der Grund dafür ist eine im Mittelmeer liegende Bruchlinie, gebildet von der afrikanischen und der eurasischen Kontinentalplatte, die dort aufeinanderstoßen. Die afrikanische Platte schiebt sich im Bereich der Ostalpen in etwa 15 Kilometer Tiefe ­
unter die eurasische Platte, im Gegensatz zum Bereich der Westalpen, wo sich die eurasische Platte unter die afrikanische Platte schiebt. Die eurasische Platte ist eine der größten Kontinentalplatten des Planeten, sie reicht vom mittleren Atlantik bis nach Japan. An ihrem Ostrand stößt sie auf die nordamerikanische und die pazifische Kontinentalplatte. Die Bebenzonen in Südeuropa sind aber, was ihre seismische Aktivität anbelangt, mit der ungleich aktiveren Bebenzone im Raum Japan nicht vergleichbar. Duma spricht im Zusammenhang mit den Bebenzonen in Europa von einem „Süd-Nord-Gefälle“, denn je weiter man sich von Südeuropa in Richtung Norden entfernt, desto geringer ist die Erdbebengefahr. Die spezielle Plattentektonik im Bereich der Ostalpen hat im Friaul und darüber hinaus immer wieder zu Erdbeben geführt. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1115 wurden in diesem Raum insgesamt 200 größere Erdbeben registriert. Schon in prähistorischer Zeit brachen vom Dobratsch, einem 2166 Meter hohen östlichen Ausläufer der Gailtaler Alpen, vermutlich im Zusammenhang mit einem nahen Erdbeben 900 Millionen Kubikmeter Gestein ab und stürzten ins Tal. Beim schweren Erdbeben des Jahres 1348 brachen noch einmal 150 Millionen Kubikmeter Gestein von der Südflanke des Dobratsch ab und donnerten ins Tal. In den Jahren 1845 und 1895 wurde Laibach von schweren Erdstößen erschüttert. Im April des Jahres 1895 gab es sieben Tote, nahezu jedes Haus trug erhebliche Schäden davon. Am 6. Mai 1976 starben bei einem schweren Erdbeben im Friaul rund 1000 Menschen, zahlreiche Dörfer und Städte im Raum Udine wie Gemona, Osoppo und Venzone wurden nahezu völlig zerstört. Ausläufer des Bebens waren noch in Augsburg und Wien spürbar. Und erst vor zwei Jahren, am 6. April 2009, forderte ein schweres Erdbeben in der mittelitalienischen Stadt Aquila mehr als 100 Todesopfer, zahlreiche Gebäude wurden zerstört. Trotz dieser erheblichen seismischen Aktivitäten im Raum südlich von Österreich versichert Andrej Stritar, Direktor der slowenischen Atomaufsichtsbehörde, das mit amerikanischer Westinghouse-Technologie ausgestattete Kernkraftwerk Krško sei „so gebaut, dass es dem stärksten in diesem Raum möglichen Beben widerstehen kann“.

Hat das AKW Mochovce ­tatsächlich kein Sicherheitscontainment?

Ja, das stimmt, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima wird nicht müde, gegen die angeblichen Sicherheitsmängel des slowakischen Kernkraftwerks zu wettern. Erst vorvergangene Woche wies die SPÖ-Politikerin nach dem Reaktorunfall von Fukushima neuerlich darauf hin, dass das nur 160 Kilometer von Wien entfernte AKW über kein Containment (Schutzhülle) verfüge, das im Falle eines Unfalls vor dem Austritt von Radioaktivität schützt. Tatsächlich verfügen die Reaktorblöcke 1 und 2 von Mochovce über kein Volldruck-Containment, wie es bei westlichen Kernkraftwerken üblich ist. Aber es ist strittig, ob das allein schon ein erhebliches Sicherheitsmanko darstellt, weil das Sicherheitskonzept von Mochovce, einem russischen Reaktortyp der zweiten Generation, grundlegend anders ist als das westlicher Reaktoren. Kern dieses Sicherheitskonzeptes ist ein ganzes Druckabbau-Gebäude, wo überschüssiger Dampf aus dem Druckbehälter des Reaktors in einem aufwändigen Verfahren nach und nach kondensiert wird. Dabei wird der Dampf durch mehrere übereinander angeordnete Wasserbecken geleitet – im Fachjargon „bubble condenser system“. Dieses System hat sich bisher bewährt. Nachdem die Slowaken die Blöcke 3 und 4 des AKWs Mochovce nicht fertig gebaut hatten, suchten sie einen Investor und fanden ihn in der italienischen ENEL, dem drittgrößten Stromanbieter in Europa. ENEL erwarb 66 Prozent des staatlichen slowakischen Stromproduzenten Slovenské Elektrárne (SE), der neben kalorischen und Wasserkraftwerken auch Kernkraftwerke betreibt. Nahezu 50 Prozent des Strombedarfs wird in der Slowakei durch Kernenergie gedeckt, im Gegensatz zu Italien, das keine AKWs betreibt. Im Jahr 1987, ein Jahr nach der Katastrophe von Tschernobyl, wurde per Referendum der Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie beschlossen. Ministerpräsident Silvio Berlusconi trachtete jahrelang danach, diesen Beschluss wieder rückgängig zu machen, und begründete seine Forderung mit dem extrem hohen Strompreis in Italien. Anfang Juli 2009 hatte er es geschafft, nachdem nach der römischen Abgeordnetenkammer auch der Senat den Ausstieg aus dem Ausstieg gebilligt hatte. Die ENEL hatte sich aber in der Zwischenzeit für ein „Outsourcing“ des Bereichs Kernenergie entschieden, um so den Ausstieg Italiens durch Beteiligung an ausländischen Kernkraftwerksunternehmen elegant zu umgehen. Jetzt baut die ENEL die Blöcke 3 und 4 von Mochovce fertig und stattet sie mit westlicher Sicherheitstechnologie aus. „Die Bewohner von Mochovce haben mit dem Atomkraftwerk überhaupt kein Problem“, behauptet der slowakische Kernphysiker Michal Chudy, der derzeit am Wiener Atominstitut forscht, „die sind richtig sauer auf die Österreicher, denn was hier über das AKW Mochovce erzählt wird, grenzt schon an Hetze.“

Sind alle Grünen gegen Atomkraftwerke?

Nein, keineswegs. In Frankreich, das seinen Strombedarf zu 75 Prozent aus Nuklearenergie deckt, „sind die Leute stolz auf ihre Atomkraftwerke“, berichtet der Wiener Kernphysiker Helmut Rauch, Ex-Chef des Atominstituts der österreichischen Universitäten. „Ich bin oft in Frankreich, die Leute dort zeigen ihre Kernkraftwerke gerne her, darunter sind durchaus auch Vertreter der Grünen.“ In einem Land, in dem sich kaum jemand vorstellen kann, wie man den täglichen Strombedarf ohne Kernkraftwerke decken soll, mag das stimmen, aber sonst? Doch, es gibt sogar einen prominenten Grünen, der zwar kein Befürworter der Kernenergie ist, der diese Technologie aber aus einem anderen, ihm viel wichtiger erscheinenden Grund in Kauf nehmen will: dem Klimawandel. James Lovelock ist ein unabhängiger britischer Chemiker, Biophysiker, Mediziner und Buchautor, der in den sechziger Jahren zusammen mit der Mikrobiologin Lynn Margulis die so genannte Gaia-Hypothese entwickel hatte, benannt nach der gleichnamigen Erdmutter aus der griechischen Mythologie. Sie besagt, dass die Erde samt ihrer Biospäre wie ein Lebewesen betrachtet werden kann, das Bedingungen schafft und erhält, die nicht nur Leben, sondern auch eine Evolution komplexerer Lebewesen ermöglichen. Was immer auf der Erde passiert, auffallend sei, dass bestimmte Parameter wie der Sauerstoffgehalt der Luft oder der Salzgehalt der Meere gleich bleiben, und zwar über Jahrmillionen. In seinem jüngsten Buch: „Gaias Rache. Warum die Erde sich wehrt“ (im Juli 2008 als Taschenbuch erschienen) schreibt Lovelock, dass der Klimawandel in Wahrheit viel bedrohlicher sei als derzeit angenommen, „die größte Gefahr, der sich die Zivilisation bis jetzt gegenübersah“. Schon im Jahr 2004 hatte der Querkopf einen Artikel unter dem Titel „Kernkraft ist die einzige grüne Lösung“ verfasst. Untertitel: „Wir haben keine Zeit, mit visionären Energiequellen zu experimentieren; die Zivilisation ist bedroht.“ Lovelock plädiert dafür, den „kleinen Input, den erneuerbare Energien liefern, behutsam zu nutzen. Aber nur eine einzige sofort verfügbare Quelle trägt nicht zum Klimawandel bei, und das ist die Kernenergie.“ Die einstige Galionsfigur der grünen Bewegung: „Widerstand gegen Nuklearenergie fußt auf irrationalen Ängsten, genährt durch Fiktion im Hollywood-Stil, grüne Lobbys und die Medien. Diese Ängste sind nicht gerechtfertigt, und die Nuklearenergie hat sich seit ihrem Start im Jahr 1952 als die sicherste aller Energiequellen erwiesen.“ Nach Tschernobyl und angesichts der Strahlenkatastrophe von Fukushima klingen diese Aussagen wie eine Provokation. Umweltschützer vermuten, Lovelock sei dem Altersstarrsinn verfallen, die Atomlobby hingegen applaudiert und reicht seine Schriften herum. ­Lovelock ist das einerlei, er sieht den Klimawandel als die viel größere Bedrohung als Terrorismus oder die mögliche Verstrahlung durch Reaktorunfälle.

Wie sicher ist das AKW Temelín?

Kühltürme als größtes Feindbild einer ganzen Nation: Kein anderes Kernkraftwerk erzürnte – heftig geschürt von der „Kronen Zeitung“ – die Österreicher so sehr wie Temelín. Von Anfang an wurde der Fertigbau des südböhmischen AKWs mit Begriffen wie „Pannen“- oder „Schrottreaktor“ bedacht, sodass man meinen konnte, dort sei alles bis hin zur letzten Schraube defekt. Genüsslich wurde in der Erprobungsphase vor der Inbetriebnahme des Kraftwerks jeder auch noch so kleine Defekt im konventionellen Teil der Anlage ausgeschlachtet, als ginge es um einen schweren Atomunfall. Es gab aber auch tatsächliche und nicht unerhebliche Probleme, vor allem mit der von der Firma Škoda Energo gelieferten Turbine. Das Traditionsunternehmen hatte bis dahin maximal 500-Megawatt-Turbinen gefertigt, jetzt sollte es seine Expertise an der Konstruktion einer 1000-Megawatt-Turbine unter Beweis stellen. Jedes einzelne Schaufelrad musste separat und im Zusammenwirken mit den anderen Schaufelrädern getestet und für das Steuerungssystem optimal ausgerichtet werden. In den Testläufen traten dann wiederholt heftige Vibrationen auf, sodass Kritiker der Anlage monierten, diese könnten im Vollbetrieb zu fatalen Schäden an den Rohrleitungen auf der so genannten 28,8-Meter-Bühne führen, in ihren Augen ein zentraler Schwachpunkt der Anlage.
Doch nach und nach ließen sich die Vibrationen beheben, bis die Turbine rund und klaglos lief. Von den ursprünglich vier geplanten Reaktorblöcken wurden bisher zwei fertig gestellt und im Zeitraum 2000 bis 2003 in Betrieb genommen. Seither gab es 15 Störfälle, die mit Stufe 1 der internationalen siebenteiligen Pannenskala taxiert wurden. Bei den beiden Reaktoren des russischen Typs WWER 1000/320 handelt es sich um Druckwasserreaktoren der dritten Generation, die vom US-Unternehmen Westinghouse mit westlicher Sicherheitstechnologie ausgestattet wurden. Die in Wien ansässige UN-Atomenergiebehörde IAEA überprüfte das Sicherheitskonzept mehrfach und verlangte auch Adaptionen, um das westliche Sicherheitskonzept mit dem russischen Basisdesign abzustimmen. Die Anlage verfügt über ein Volldruck-Sicherheitscontainment, bestehend aus einer 1,2 Meter dicken Stahlbetonkuppel, die innen mit einer 0,8 Zentimeter dicken Stahlschicht ausgekleidet ist. Temelín gilt heute als modernstes von allen Kernkraftwerken in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, in Sicherheitsparametern vergleichbar einem neueren AKW westlicher Bauart. Dennoch üben Atomkraftgegner und Umweltschutzorganisationen Kritik an der Anlage. Greenpeace AKW-Sprecher Niklas Schinnerl: „Es stimmt zwar, dass Temelín im Vergleich zu Dukovany, Bohunice und Mochovce der modernste Reaktor in den ehemaligen Oststaaten ist, das Problem ist allerdings, dass es völlig überdimensioniert ist, sodass das Stahldruckgefäß in zwei Hälften geliefert und verschweißt werden musste. Wir sehen auch in der Kompatibilität von russischer Basis und westlicher Sicherheitstechnologie ein Problem.“ Der tschechische Reaktorbetreiber CEZ will das Kernkraftwerk Temelín weiter auf insgesamt vier Reaktoren ausbauen, musste aber sein Vorhaben aufgrund des von der deutschen schwarz-gelben Koalition gefassten Beschlusses zur Laufzeitverlängerung bei alten AKWs verschieben, weil dadurch ein wichtiger möglicher Absatzmarkt für den Stromexport eingebrochen wäre. Durch die Katastrophe von Fukushima und die in Deutschland verhängte Abschaltung von Alt-Reaktoren werden die Karten wieder neu gemischt.

Ist Strom aus Kernenergie ­tatsächlich billiger?

Ja und nein. Es kommt auf die Investitions- und Finanzierungskosten an, die in westlichen Demokratien in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gestiegen sind. In den siebziger Jahren wurden Kernkraftwerke noch in vier oder maximal fünf Jahren gebaut, heute benötigt man dazu vielfach doppelt so lang. Grund: Sicherheitsvorschriften, Auflagen und Einsprüche ziehen das Genehmigungsverfahren erheblich in die Länge, oft wächst der Aktenberg bis zu einem Volumen von fünf bis sechs Millionen Blatt Papier. Der Bau eines Kernkraftwerks ist heute ein äußerst komplexes Projekt, dessen Kosten durch jede Verzögerung in die Höhe schnellen. Deshalb hält sich die Begeisterung der Investoren in Europa und in den USA in Grenzen. Für die Betreiber ist es viel interessanter, bei der Regierung des jeweiligen Landes eine Laufzeitverlängerung für einen alten Meiler zu erwirken, denn nach einer Betriebszeit von 40 Jahren hat das Werk die Investitions- und Finanzierungskosten längst hereingespielt, die laufenden Kosten für Brennelemente und Wartung sind vergleichsweise gering. Das bedeutet, das Kraftwerk wird, vorausgesetzt, es gibt keinen größeren Störfall, zur Gelddruckmaschine.
Etwa 60 Prozent des eingesetzten Kapitals verschlingen die Baukosten, 25 Prozent die Betriebskosten, auf etwa fünf bis zehn Prozent belaufen sich die Treibstoffkosten samt Anreicherung. In China oder in Korea, wo es keinen Widerstand und keine Einsprüche gegen den Bau von Kernkraftwerken gibt, wo das Sicherheitsthema ein Thema unter vielen ist und die Behörden nicht laufend neue Unterlagen fordern, lässt sich ein Kernkraftwerk in der gleichen Zeit bauen wie vor 40 Jahren in Europa. Weil dort die aus Nuklearenergie gewonnene Kilowattstunde billiger kommt als eine Kilowattstunde aus Wasserkraft, wird die Nutzung der Kernenergie in dieser Weltgegend nicht nur weitergehen, sondern voraussichtlich noch erheblich wachsen. Im arabischen Raum haben die Koreaner die Europäer bereits aus dem Feld geschlagen, weil sie AKWs günstiger anbieten. In anderen nicht europäischen Ländern matchen sich vor allem Russen, Franzosen und Amerikaner um Aufträge für den Bau neuer Kernkraftwerke. In Europa und in den USA selbst sieht die Geschichte anders aus. Zwar werden immer wieder neue Projekte angekündigt, aber ob sie verwirklicht werden, steht auf einem anderen Blatt. Reinhard Haas, Professor am Institut für Energiesysteme und Energieökonomie an der TU Wien, demonstriert am Beispiel des im Bau befindlichen finnischen AKWs Olkiluoto, wie leicht Bauzeit und Kosten explodieren können.
Im Jahr 2003 rechneten die Betreiber mit einer Bauzeit von sechs Jahren und einem Preis von 3,8 Cent pro Kilowattstunde. Der im Jahr 2005 begonnene Bau ist derzeit weit von einer Fertigstellung entfernt, weil es durch verschiedene unerwartete Umstände zu erheblichen Bauverzögerungen kam. Zuerst traten in der Fundamentplatte Risse auf, welche das verantwortliche Baukonsortium vertuschen wollte. Die Atomaufsichtsbehörde kam aber dahinter und begann, alles nochmals genau zu kontrollieren. Da war gleich ein Jahr weg. Die Kraftwerkserrichter hatten mit den Banken besonders günstige Zinsen ausgehandelt, aber in der EU sind Zinsen deutlich unter dem Marktniveau als wettbewerbsverzerrend untersagt. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace machte sich diesen Umstand zunutze und klagte. Dann mussten die Banken marktkonforme Zinsen verrechnen. Das bedeutete gestiegene Kosten und eine weitere Bauverzögerung von zwei Jahren. Das in Hongkong beheimatete Beratungsunternehmen Platts Consulting Ltd., das vierteljährliche Einschätzungen über geplante oder im Bau befindliche Kraftwerke veröffentlicht, rechnet für das Kraftwerk Olkiluoto mit einem Fertigstellungstermin im Jahr 2014, das ist fast doppelt so lang wie ursprünglich angenommen. „Wenn die Bauzeit von sechs auf neun Jahre steigt, klettern die Zinsen schon fast auf die Hälfte der Gesamtkosten, steigt sie auf zwölf Jahre, dann steigt die Zinsenbelastung exponentiell, und der Preis für die Kilowattstunde klettert auf sieben Cent“, sagt Haas. „Dann ist Strom aus Kernenergie teurer als der aus anderen Energiequellen, der derzeit bei fünf Cent pro Kilowattstunde liegt.“ Dieser Rechnung hält Kernphysiker Helmuth Böck vom Atominstitut entgegen, es handle sich bei Olkiluoto wie auch beim Bau des französischen Atommeilers in Flamanville um Prototypen des European Pressurized Reactor (EPR), einen vom französischen AKW-Anbieter Areva entwickelten Reaktor der neuesten und modernsten Generation. Das Reaktordesign wurde speziell für eine Zulassung in allen EU-Staaten entwickelt (siehe auch Textblock „Gibt es sichere Kernkraftwerke?“ auf Seite 110). Vor zwei Jahren ließ Areva die Finnen, aber auch die französischen Kraftwerks­errichter wissen, es ginge zu den vereinbarten Preisen nicht mehr weiter. Darauf sprang der französische Staat mit Ausfallshaftungen ein. Haas: „Wissen Sie, wer die Kostenüberschreitungen von ­Olkiluoto zahlt? Der französische Steuerzahler!“

Gibt es sichere Kernkraftwerke?

Kein Atomkraftwerk ist absolut sicher. Es gibt immer Abwägungen zwischen dem abschätzbaren Risiko und den für Sicherheitsmerkmale aufgewendeten Kosten. Weil aber die Kraftwerksentwickler aufgrund bisheriger Störfälle dazugelernt haben, versuchen sie, bekannte Risiken beim Design neuer Reaktoren auszuschalten. Darunter auch solche, die beim japanischen Kernkraftwerk Fukushima 1 zum Ausfall sämtlicher Kühlsysteme, zur teilweisen Kernschmelze und zur Verstrahlung des Umlands geführt haben. Am Beispiel des vom französischen AKW-Anbieter Areva entwickelten European Pressurized Water Reactor (EPR, wird in den USA unter der Bezeichnung Evolutionary Pressurized Water Reactor angeboten) lässt sich das darstellen. Mehrere Neuerungen stechen dabei ins Auge: Der Reaktor verfügt erstens über ein doppelwandiges Containment (Sicherheitsbehälter, der radioaktive Stoffe einschließen soll, wenn der Reaktorkern im stählernen Druckbehälter schmilzt und dabei die 20 bis 25 Zentimeter dicke Stahlwand des Behälters undicht wird), zweitens einen so genannten Core Catcher, der verhindern soll, dass bei einer Kernschmelze der an die 3000 Grad heiße, hoch radioaktive Schmelzkuchen durch alle Barrieren nach unten durchschmilzt und sich ins Erdreich und ins Grundwasser frisst. Das doppelwandige, mit einer Stahlschicht ausgelegte Stahlbeton-Containment soll im Fall eines Flugzeugabsturzes oder eines Terroranschlags verhindern, dass Radioaktivität nach außen dringt. Ein weiteres wesentliches Sicherheitsmerkmal soll beim Ausfall sämtlicher Kühl- und Notkühlsysteme die Kühlung des Reaktorkerns und von abgebrannten, in Abklingbecken gelagerten Brennstäben aufrechterhalten, damit es zu keiner Überhitzung und nicht zum Austritt von Radioaktivität aus dem Kraftwerk kommt. Zu diesem Zweck ist über dem Reaktor ein Wasserreservoir eingebaut, das im Fall einer Störung in den Kühlsystemen und in der Stromversorgung selbsttätig Kühlwasser in die zu kühlenden Bereiche des Kraftwerks leitet – also auch ohne Bedienungsmannschaft. Das hätte einen schweren Störfall wie in Fukushima 1 verhindern können, sagen die Experten.

Ist die Endlagerfrage tatsächlich ungelöst?

Eines der zentralen Argumente, das Umweltschützer und AKW-Gegner gegen die Nutzung der Kernenergie anführen, ist das Faktum, dass es derzeit kein Atommüll-Endlager gibt. Zum Teil sind sie dafür selbst verantwortlich, weil sie etwa in Gorleben den Bau eines solchen Endlagers auf deutschem Boden verhindert haben. In vielen Gegenden stößt die beabsichtigte „ewige Ruhe“ für den strahlenden Mist auf Widerstand. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum AKW-Betreiber gar keine Eile damit haben, ihren Abfall zu entsorgen, sondern diesen vorerst im Bereich ihrer Kraftwerksanlagen zwischenlagern. Die Überlegung dahinter ist, dass es sich beim Atommüll gar nicht um Abfall, sondern um wertvolle Stoffe handle, die man irgendwann wiederverwenden könne. Die Kernphysiker sprechen von „Transmutation“ und meinen damit Verfahren, die es in Zukunft ermöglichen sollen, den viele Jahrtausende strahlenden Mist in kurz strahlenden Abfall zu verwandeln, sodass man ihn in einem speziell dafür ausgestatteten Lager für die spätere Nutzung deponieren könne. Die Transmutation wird derzeit in Laborversuchen erforscht. Kernphysiker sind überzeugt, dass das funktionieren wird, Kernkraftkritiker wie Antonia Wenisch vom Wiener Ökologie-Institut hingegen sind skeptisch, weil der strahlende Abfall zuvor in einem aufwändigen Verfahren chemisch aufbereitet werden müsste. Das wäre nicht nur teuer, sondern brächte auch „erhebliche neue Umweltprobleme“ mit sich. Insgesamt würden solche technischen Verfahren das ganze Segment der Kernenergie nur noch weiter verteuern und damit unattraktiv machen, glaubt Wenisch.