profil vor 25 Jahren: Scheidung als Chance

Die Auswirkung einer Scheidung auf die Kinder war Thema der Coverstory vom 3. April 1989. Die US-Psychotherapeutin Judith Wallerstein hatte 15 Jahre lang über Scheidungsfolgen geforscht. Ihr Fazit: Nicht die Trennung an sich, sondern der falsche Umgang damit führe zu Schäden. Eine Chance, die Scheidung gut zu verarbeiten, hätte ein Kind nur, wenn ihm Vater und Mutter als Eltern erhalten blieben. Dass die erste Langzeitstudie zum Thema aus den USA kam (wo jede zweite Ehe geschieden wurde), war für die österreichische Kinderpsychologin Brigitte Rollett wenig überraschend. "Scheiden lässt man sich, reden tut man nicht darüber“, charakterisierte sie die Lage hierzulande. Während österreichische Politiker über eine Verankerung der Familie in der Verfassung diskutierten, wurde bereits jede dritte Ehe geschieden.

Mit einem "Etikettenschwindel“ der besonderen Art beschäftigte sich Kolumnistin Elfriede Hammerl: "Jeder Film, jeder Roman, der nicht von Frauen handelt, die graue Hausmäuse sind, gilt gleich als feministisches Werk“, schrieb sie, was den fatalen Eindruck hinterlasse, "es gäbe sozusagen zwei Arten von Feminismus: a) eine segensreiche, vom Patriarchat gesponserte Entwicklung der grauen Maus zum bunten, aber pflegeleichten Paradiesvogel, sprich: zur Frau, die nicht vergisst, das Selbstverdiente auch in schwarze Strapse zu investieren, und b) eine unselige Terrorbewegung frustrierter Egoistinnen.“

Nicole Schmidt