Ausgemustert: Hilft die "Aktion 20.000" wirklich?

Ausgemustert: Hilft die "Aktion 20.000" wirklich?

Die Generation 50 plus ist die größte Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt. Mit der "Aktion 20.000" soll sich das ändern. Wirkt die Maßnahme – oder ist sie nur ein teures Placebo?

Es war einer der letzten Beschlüsse der scheidenden SPÖ/ÖVP-Koalition, und er fiel unter lauter und kritischer Begleitmusik. Mit der sogenannten "Aktion 20.000“ sollen für Arbeitslose über 50 geförderte Jobs bei gemeinnützigen Vereinen und Gemeinden geschaffen werden; der Bund zahlt Lohn- und Lohnnebenkosten. In der Analyse des Problems waren sich noch alle einig: Über 50-Jährige haben es sehr schwer, einen neuen Job zu finden, wenn sie arbeitslos werden. Mit 97.795 ist jeder vierte Arbeitslose älter als 50 - überall sonst sinkt die Arbeitslosigkeit, in der Altersgruppe 50 plus steigt sie.

Umstrittener ist das Rezept: Die "Aktion 20.000“ gilt, zum Ärger der Wirtschaftskammer, nicht für die Privatwirtschaft, gefördert werden Jobs für ältere Langzeitarbeitslose ausschließlich in Gemeinden oder Non-Profit-Vereinen, und zwar mit 778 Millionen Euro. Die NEOS halten das für Steuergeldverschwendung. Sozialminister Alois Stöger argumentiert dagegen, statt Arbeitslosengeld auszuzahlen, sei es sinnvoller, Menschen zu beschäftigen und ihnen Gehalt zu überweisen. Ziel ist es, Jobs für 20.000 Arbeitslose zu schaffen.

Sozialminister Alois Stöger

Sozialminister Alois Stöger

Seit 1. Juli läuft die Aktion, befristet für zwei Jahre und auf Pilotprojekte. 500 Ältere arbeiten als Alltagsbetreuer in Pflegeheimen, wo sie Ausflüge mit einer Rollstuhlgruppe machen oder Karten spielen, in Gartenanlagen von Städten. AMS-Vorstand Johannes Kopf hält es für eine entscheidende Frage, "ob man genug sinnvolle Tätigkeiten in Gemeinden findet, die bisher nicht gemacht wurden“. Zweite Frage: Gelingt über diese geförderten Jobs der Wiedereinsteig in den Arbeitsmarkt? profil hat Betroffene nach ihren ersten Erfahrungen gefragt.

Serdar Yaycioglu, Jahrgang 1961

Dem klassischen Bild eines älteren Arbeitslosen entspricht der Mann nicht. Er hat in Deutschland Informatik studiert und zahlreiche Zusatzausbildungen gemacht, seine Diplome füllen einen ganzen Ordner - einerseits. Andererseits weist seine Erwerbsbiografie ein Merkmal auf, das als Risiko für Arbeitslosigkeit gilt: Yaycioglu wechselte öfter Arbeitsplatz und Arbeitsort, von Deutschland über die Türkei nach Österreich, von Projekten in der EDV-Abteilung der Nationalbank über ein Krankenhaus zu Bildungsinstituten. Nach dem letzten Wechsel fand er keinen neuen Job mehr und war seit dem Jahr 2015 arbeitslos - und das, "obwohl ich wirklich nicht teuer gewesen und mit einem Bruttogehalt von 1500 Euro zufrieden gewesen wäre. Weniger verdienen jüngere Programmierer auch nicht.“ Seit zwei Wochen ist er via "Aktion 20.000“ bei der Schuldnerberatung tätig, auch in der EDV, und es ist ihm vorerst auch egal, dass dieser Job auf zwei Jahre befristet ist: "Wir Ältere können auch etwas, ich kann jetzt meine Erfahrung weitergeben.“

Peter Froschauer, Jahrgang 1964

Der Historiker, Archäologe und Politikwissenschafter war 13 Jahre lang Assistent an der Universität. Diese erste Karriere endete 1999 durch ein Sparprogramm des Wissenschaftsministeriums. Der Oberösterreicher sattelte um, in der Frühphase des IT-Booms war es für Quereinsteiger möglich, als Computerexperte Fuß zu fassen. Bis 2012 werkte Froschauer in der IT-Branche, die Folgen der Wirtschaftskrise fegten ihn aus dem Arbeitsmarkt, sein Tätigkeitsfeld wurde gestrichen. Er fand danach nur mehr kurzfristige oder geringfügige Jobs und war seit 2015 arbeitslos. "Ich weiß nicht, wie viele Hundert Bewerbungsschreiben ich verschickt habe. Ganz selten kam es überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch, dann wurde ich gefragt, ob ich mich imstande sehe, die Funktion überhaupt auszufüllen. Ich habe die ernüchternde Erfahrung gemacht, dass im IT-Bereich Erfahrung wenig zählt. Dabei zähle ich mich mit 53 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen.“ Seit dem 1. Juli werkt Froschauer beim Magistrat der Stadt Linz, baut für die Seniorenzentren sichere Datennetze auf und ist "heilfroh, wieder eine sinnvolle Tätigkeit zu haben“. Zumindest für zwei Jahre, so lange ist sein Job befristet.

Manfred Steineck, Jahrgang 1959

Manfred Steineck, Jahrgang 1959

Manfred Steineck, Jahrgang 1959

Nach der Handelsschule war der Niederösterreicher auf der Vienna Business School und hatte danach ein sehr stabiles Berufsleben: Er arbeitete 34 Jahre in der Holzbranche im Verkaufsinnendienst. 2013 erkrankte er an Krebs, war ein Jahr im Krankenstand - "und der Wiedereinsteig gelang mir nicht“. "Ich habe mich oft beworben auf Jobportalen und über Bekannte in der Branche einen Job gesucht, Vorschläge vom Arbeitsmarktservice bekommen, aber egal, was ich probiert habe, nichts hat funktioniert.“ Die vier Kinder sind schon erwachsen und ausgezogen, dennoch wurde es nach mehrjähriger Arbeitslosigkeit "eng“, erzählt Steineck: "Mit der Notstandshilfe rutscht man weit runter.“ Seit vergangenem Montag ist Steineck bei der Stadt Traiskirchen angestellt; er soll dort als Magazineur die Geräte für den Bauhof der Stadt verwalten. Diese Tätigkeit gab es bisher nicht, Steineck weiß "nach den paar Tagen“ noch nicht genau, woraus sie bestehen wird. Jedenfalls findet er es "super, wieder zu arbeiten“.

Magdalena Freißmuth, Geschäftsführerin

Magdalena Freißmuth, Geschäftsführerin

Magdalena Freißmuth, Geschäftsführerin

Der Verein "Frauen für Frauen“ hat drei Beratungsstellen, Magdalena Freißmuth ist Geschäftsführerin in Oberwart. Dort finden Kurse statt, Berufstrainings, Finanzcoaching oder Lebenshilfe-Beratung. Es gibt auch Ausbildungen in der "Frauenbibliothek“ - aber nur bis mittags, danach steht der Raum leer. Freißmuth liebäugelte schon länger mit der Idee, in der Bibliothek am Nachmittag Kurse anzubieten, konkret für anerkannte Flüchtlinge, um Deutsch zu lernen und zu üben. "Bisher ist das an den Personalkosten gescheitert“, erzählt Freißmuth. Als sie von der "Aktion 20.000“ hörte, kam ihr eine Idee: Eine ihrer Klientinnen, die schon länger arbeitslose Dana P., war ehrenamtlich für Flüchtlinge engagiert. Seit zwei Wochen werkt Dana P. im Verein, der "Frauenraum“ in der Bibliothek ist an vier Nachmittagen in der Woche geöffnet, Frau P. koordiniert und organisiert die Angebote, die dort stattfinden, und soll Flüchtlingsfrauen auch über Deutschkurse zu anderen Weiterbildungsangeboten führen. Ob das funktioniert, kann Freißmuth nicht beantworten: "Das Ganze läuft erst die zweite Woche.“

Hans Michael Hamschick, Jahrgang 1959

Der gelernte Organisationsmanager hat das Pech, dass sein letzter Arbeitsplatz im Personalmanagement einer Bank war. Dadurch kann er Zwischentöne decodieren - und bilanziert ernüchtert: "Ich habe meinen Arbeitsplatz 2009 verloren, mich seither x-mal beworben. Natürlich hat niemand zugegeben, dass ich zu alt bin - aber wenn man lange genug im Personalmanagement war, hört man das heraus.“ Hamschick versuchte es mit einer Zusatzausbildung, studierte an der Fachhochschule Wissensmanagement, aber auch das verhalf ihm nicht zu einem neuen Arbeitsplatz. Seit 3. Juli hat der Wiener wieder einen - und gleich gewaltigen Stress: "Ich bin dafür zuständig, das Pilotprojekt Aktion 20.000 in Wien mit dem Waff mitzuorganisieren.“ Etwa die Veranstaltung vergangenen Mittwoch im Rathaus, bei der sich Tausende Arbeitslose informierten, welche Tätigkeiten es bei der "Aktion 20.000“ überhaupt gibt. Das Ganze ist Neuland, auch für Hamschick: "Es ist fast ironisch, dass ich jetzt mithelfe, dass andere ältere Arbeitslose wieder Jobs bekommen.“