Manfred Schumi („Kronen Zeitung“), Johanna Hager („Kurier“), AMS-Chef Johannes Kopf, Katharina Zwins (profil)

© Kurier/ Gilbert Novy

Club3
04/09/2022

AMS-Chef Johannes Kopf im Club3: „Kurzarbeit macht abhängig“

Um Vertriebene aus der Ukraine in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sei vor allem eines gefragt: Schnelligkeit. Auch aus der Kurzarbeitsfalle müsse Österreich so rasch wie möglich heraus.

von Katharina Zwins

Johannes Kopf konnte zuletzt erfreuliche Arbeitsmarktdaten präsentieren: Die Zahl der Jobsuchenden liegt unter dem Vor-Corona-Niveau. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Ukraine-Krieges treffen jedoch auch den österreichischen Arbeitsmarkt und erlauben kein Durchschnaufen – ein idealer Zeitpunkt, um mit dem AMS-Chef im Club 3 zu diskutieren, dem gemeinsamen TV-Talk von profil, „Kurier“ und „Kronen Zeitung“. Was würde ein  Stopp von russischem Gas für Österreich bedeuten? Woran hakt es bei der raschen Eingliederung von Ukrainerinnen und Ukrainern in den Arbeitsmarkt? Wie klappt die Zusammenarbeit mit der Regierung? Und warum sich ein AMS-Chef auch einmal irren kann.

Im März gab es in absoluten Zahlen so wenig arbeitslose Menschen wie seit zehn Jahren nicht mehr. Der gelernte Jurist, der dem Arbeitsmarktservice seit 2006 vorsteht, rechnet jedoch mit einer Rezession von „mehreren Prozent“, wenn kein russisches Gas mehr fließt. Dabei gibt Kopf offen zu, dass er sich geniere: Er lebe nämlich selbst in einem Wiener Altbau mit Gasheizung. Hinsichtlich der raschen Überwindung bürokratischer Hürden für ukrainische Vertriebene, wie etwa der Ausstellung von Beschäftigungsbewilligungen oder der Anerkennung ihrer Ausbildungen, gibt sich der Vorstand des AMS hingegen optimistisch – man habe aus 2015 gelernt. 

Apropos 2015: Aktuell sind lediglich 20 Prozent der Frauen, die im Jahr 2015 nach Österreich geflüchtet sind, beschäftigt. Für Kopf kein Grund zur Sorge: Frauen aus der Ukraine seien deutlich leichter in den Arbeitsmarkt zu integrieren als etwa Syrerinnen oder Afghaninnen. Ein Dorn im Auge bleibt Kopf jedoch der Mangel an Kinderbetreuung in Österreich.
Zuletzt waren beim AMS fast 120.000 offene Stellen gemeldet. Johannes Kopf nimmt hierbei vor allem die Arbeitgeber in die Pflicht: Unternehmen müssen zentral umdenken, um an Personal zu kommen. Das Wort „Wohlstandsphänomen“, also dass Menschen etwa nicht gerne am Abend, am Wochenende oder in den Semesterferien arbeiten wollen, sei dabei keinesfalls im negativen Sinne zu verstehen. 

Negative Aspekte sieht er hingegen im Modell der Kurzarbeit: „Es ist ein gutes Medikament, aber es macht abhängig. Es verhindert Struktur und Anpassung.“ Wie der Ausstieg genau gelingen soll und vor allem wann, darauf möchte sich Kopf nicht festlegen. Schließlich können Prognosen auch schiefgehen, wie etwa Kopfs Corona-Analyse 2021 zur Arbeitslosigkeit, die der AMS-Chef wesentlich schlimmer einschätzte: „Ich habe mich einfach geirrt“, räumt er ein. Wenig Konkretes gab es zur Reform des Arbeitslosengeldes –  Gesprächen wolle Kopf nicht vorgreifen.

Dass der AMS-Chef unter der türkis-blauen Regierung immer wieder zwischen die Fronten der Tagespolitik geriet – sogar Gerüchte über seinen möglichen Abgang lagen in der Luft –, scheint inzwischen völlig vergessen. Heutzutage stehen die Zeichen in puncto Regierung und AMS auf purer Harmonie, möchte man den Worten von Kopf glauben, der, wäre er nicht Chef von etwa 6000 AMS-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, vermutlich heute als Physiker arbeiten würde. Und das, wie nicht anders zu erwarten, natürlich in einem der vielen neuen „Green Jobs“, deren Förderung die Regierung zuletzt medienwirksam präsentierte.