Analyse: Warum die jungen Österreicher Van der Bellen und Hofer wählen

Wer wird's? Junge Österreicher wählen vorzugsweise Van der Bellen oder Hofer

Wer wird's? Junge Österreicher wählen vorzugsweise Van der Bellen oder Hofer

Welche Kandidaten werden die jungen Österreicher bei der Bundespräsidentschaftswahl wählen? Was sind die Motive der unter 30-Jährigen? Was bedeutet ihr Wahlverhalten? Bernhard Heinzlmaier vom Österreichischen Institut für Jugendkulturforschung ist diesen Fragen in einer Studie nachgegangen.

Bernhard Heinzlmaier, Österreichisches Institut für Jugendkulturforschung: 42 Prozent der unter 30-Jährigen wollen am kommenden Sonntag Van der Bellen wählen, 80 Prozent sind gegen eine Abschaffung des Amtes des Bundespräsidenten, zwei Drittel haben nichts gegen das meist betagte Alter der Kandidaten und Kandidatinnen einzuwenden, und der bekannteste Kandidat unter jungen Österreichern und Österreicherinnen ist der chancenlose Spaßkandidat Richard Lugner.

• In den ersten beiden Aprilwochen wurden österreichweit 500 junge Österreicher im Alter zwischen 16 und 29 Jahren zur Bundespräsidentenwahl 2016 online befragt. Die Stichprobe wurde nach Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesländern gewichtet.

42 % der Wähler wollen am Sonntag Alexander van der Bellen ihre Stimme geben, danach folgt Norbert Hofer mit 20 %, Irmgard Griss mit 12 %, Rudolf Hundstorfer mit 11% und Andreas Khol mit 10 %. Richard Lugner ist zwar der bekannteste Kandidat, doch wählen wollen ihn nur 4 %.

Bedeutung des Amtes: 80 Prozent der Befragten verneinen die Aussage, dass der Bundespräsident unwichtig ist und daher abgeschafft werden sollte.

Alter der Kandidaten: Zwei Drittel der Befragten finden nichts am relativ hohen Alter der Kandidaten auszusetzen. Im Augenblick zeige sich eher ein Trend in die Richtung, dass man das würdige, machtsichere, erfahrene und vertrauenswürdige Alter in staatlichen Führungspositionen bevorzugt.

Bekanntheit der Kandidaten: Der chancenlose Spaßkandidat Richard Lugner ist unter jungen Wählern der bekannteste Kandidat, gefolgt von Alexander Van der Bellen (63%), Irmgard Griss ((46%), Norbert Hofer (45%) und Andreas Khol (43%). Eine dramatische Schwäche hat hier Rudolf Hundstorfer. Nur 39 % bringen seine Person in Zusammenhang mit der Hofburg-Kandidatur. Bernhard Heinzelmaier: „Offensichtlich ist es nicht gelungen, jene Medienkanäle zu bespielen, über die junge Zielgruppen erreichbar sind.

Wer wählt wen? Alexander van der Bellen ist Hero unter den höheren Bildungsschichten. Hier hat er eine Zustimmung von 54 %. In den niedrigen und mittleren Bildungsmilieus liegt er mit 28 % deutlich hinter Nobert Hofer zurück, der dort auf 36 % kommt.

• Der Freiheitliche ist der Kandidat der männlichen jungen Wähler, der unteren und mittleren Bildungsschichten und der jungen Facharbeiter.

• Irmgard Griss ist die Kandidatin der Eliten: Sie kann nur 4 Prozent aus den Milieus der unteren und mittleren Bildungspopulation ansprechen.

Nach Bernhard Heinzlmaier gibt es mehrere Erklärungen für die Sehnsucht der Jungen nach Alter und Erfahrung:

1) Im familiären und persönlichen Umfeld der jungen Menschen sind Personen Mangelware, die sich durch die Eigenschaft der Würde des Alters auszeichnen und zu denen man deshalb bewundernd hochsehen und sich an ihnen orientieren kann. Die meisten Erwachsenen ihrer Umgebung erscheinen den Jugendlichen „infantilisiert“, d.h. sie verweigern offensichtlich die verantwortungsvolle Erwachsenenrollen, indem sie sich jugendkulturelle Symbole aneignen (Mode, Frisuren, Sportausübung etc.) und zudem einen juvenilen Lebensentwurf praktizieren, d.h. ein ungebundenes, spontanes, diskontinuierliches und lustbetontes Leben führen. Jugendliche suchen offensichtlich reife erwachsene Menschen als Orientierungsinstanzen.

2) Die überwiegende Zahl der befragten jungen Menschen hält sich selbst nicht für reif genug , um Verantwortung zu übernehmen. Zudem glauben sie, dass sie noch eine lange Entwicklungszeit vor sich haben werden, bis sie für verantwortliche Positionen erfahren genug sind. Reife und die Fähigkeit zum pflichtbewussten Handeln wird weit in die späten Jahre der menschlichen Biographie hineinverlagert. Aus diesem Grund scheinen den jungen Menschen in erster Linie ältere Menschen verlässlich und abgeklärt genug, um eine verantwortungsvolle politische Tätigkeit ausüben zu können.


Die liberalen Elternhäuser mit ihrem entsprechen nicht den Bedürfnissen der jungen Menschen nach einem Leben unter vorgegebenen Rahmenbedingungen und stabilen Strukturen.

3) Ein wichtiger Impuls, der junge Menschen empfänglich für ältere Personen in Führungspositionen macht ist, dass sie auf der Suche nach Vater- und Mutterfiguren sind. Dies hängt damit zusammen, dass ihnen in der eigenen Herkunftsfamilie Vater- und Mutterfiguren fehlen, die ihnen Schutz bieten, Sicherheit vermitteln und die klare Regeln vorgeben. Die liberalen Elternhäuser mit ihrem Laissez-faire-Erziehungsstil entsprechen nicht den Bedürfnissen der jungen Menschen nach einem Leben unter vorgegebenen Rahmenbedingungen und stabilen Strukturen. Aus diesem Grund sind es vor allem starke Vater- und Mutterfiguren, die klar und deutlich sagen was sie wollen und denken, die junge Menschen faszinieren. Nachdem sich solche „Typen“ eher in der älteren Generation finden, ist die Hinwendung zu Politikern im höheren Alter erklärlich.

4) Die jungen Menschen sind die machtloseste Personengruppe in der Gesellschaft . Ihre meiste Zeit verbringen sie in den streng hierarchisierten Strukturen der Bildungsinstitutionen und der Arbeitswelt. Es ist eine sozial-kulturelle Regel, dass insbesondere die machtlosen besonders die Macht bewundern. Die politische und ökonomische Macht liegt in unserer Gesellschaft mehr denn je in den Händen der Generation der über 50-jährigen. Weil sie sie Macht generell bewundern, fühlen sich die Jugendlichen deshalb zu den älteren Trägern der Macht hingezogen und unterstützen diese bei Wahlen.


Aus diesem Grund sind jüngere Kandidaten im Amt des Bundespräsidenten kaum vorstellbar.

5) Das Amt des Bundespräsidenten wurde immer von alten Männern ausgeübt. Diese kulturelle Tatsache ist für die jungen Menschen offenbar zu einer unumstößlichen Regel geworden. Aus diesem Grund sind jüngere Kandidaten im Amt des Bundespräsidenten kaum vorstellbar.

Zu Frage der Bekanntheit:

Aufgrund dieser anspruchsvolleren Methode ergab sich ein interessantes Ergebnis. Der chancenlose Spaßkandidat Richard Lugner führt die Rangreihe nach Bekanntheit mit 64 Prozent an , gefolgt von Alexander van der Bellen (63%), Irmgard Griss (46%), Norbert Hofer (45%) und Andreas Kohl (43%) an. Eine dramatische Schwäche in der spontanen Bekanntheit als Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten zeigt sich bei Rudolf Hundsdorfer. Nur 39% bringen seine Person mit dieser Wahl in einen Zusammenhang. Offensichtlich ist es nicht ausreichend gelungen, jene Medienkanäle zu bespielen, über die junge Zielgruppen erreichbar sind.

Die Kampagne für Hundsdorfer war nicht nur ästhetisch zu traditionell angelegt, sondern auch im Hinblick auf die medialen Vermittlungsträger der Informationen. Besonders versagt haben die Kommunikationsstrategien beider Kandidaten der Großparteien bei der Gruppe der 16- bis 19-jährigen. Hier konnten zum Vergleich Lugner und Van der Bellen 50% Bekanntheit generieren, während Khol und Hundsdorfer bei unter 30 Prozent liegen. Deutlich unterdurchschnittliche Bekanntheitswerte erzielt Hundsdorfer auch in den Gruppen der jungen Frauen und bei den niedrigen und mittleren Bildungsschichten.

Zur Frage, warum junge Lehrlinge Norbert Hofer wählen:

Gerade anhand der Lehrlinge, einer Gruppe, der 40 Prozent der jungen Österreicher angehören, zeigt sich besonders, wie verfehlt die Bildungsdiskussion in Österreich läuft. Speziell die Lehrlinge werden nur im Hinblick auf ihre Funktionalität für den Arbeitsmarkt gesehen, es kommt also nur die „halbe Persönlichkeit“ der sich in der dualen Ausbildung befindlichen jungen Menschen in den Focus der öffentlichen Diskussion. Der Mensch außerhalb der Arbeit, der politische Mensch, der Freizeitmensch, der Beziehungs- und Familienmensch ist den Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft offensichtlich völlig egal. Vor allem die politische Bildung wird bei Lehrlingen vernachlässigt wie bei keiner zweiten Gruppe von jungen Menschen in Österreich.

Die Rechnung bekommt die etablierte Politik dafür bei jeder Wahl präsentiert. Die Lehrlinge, die sich von den etablierten Schichten nicht genügend anerkannt und wertgeschätzt fühlen, sind zur passiven Rebellion gegen das System angetreten. Der passive Aufstand manifestiert sich durch das Votum für rechtspopulistische Parteien und Kandidaten. Zudem zeigt sich, dass die Affinität für den Rechtspopulismus unter Lehrlingen nicht alleine auf politischer Überzeugung beruht, die aus einer differenzierten Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und politischen Sachverhalten zurückgeht, die der Grund für die Diskriminierung ihrer Interessen und Bedürfnisse sind. Ein großer Anteil der Lehrlinge wählt rechts, weil es ihnen an Aufklärung und Orientierung mangelt, kurz gesagt, weil sie verwirrt sind.


Die Lehrlinge werden lediglich als Ware, als menschliches Produktionsmittel betrachtet.

Jährlich finden in Österreich Konferenzen zum Thema Lehrlinge statt, weil Lehrlinge ein knappes Gut sind. Mit Diskussionen darüber, wie man sich im Konkurrenzkampf um eine Mangelware des Arbeitsmarktes als Unternehmen gut positioniert und wie man, wenn man sie im Betrieb hat, deren Output optimiert, lässt sich offenbar gutes Geld verdienen. Und das ist auch das Problem. Die Lehrlinge werden lediglich als Ware, als menschliches Produktionsmittel betrachtet. Auf den Konferenzen und Tagungen werden sie in erster Linie als Humanressource, als Betriebsmittel behandelt, was dabei unter den Tisch fällt, ist der ganze Mensch, die Erziehung der jungen Auszubildenden zu verantwortungsvollen, selbständig denkenden Staatsbürgern und glücksfähige Privatmenschen, die eine sinnvolle und zufriedene Privatexistenz zu leben imstande sind.

Die Lehrlinge bekommen natürlich mit, dass man sie nur als Arbeitskräfte und Konsumenten zu instrumentalisiert versucht und intelligent wie sie sind, nicken sie den Politikern, ihren Arbeitgeber, den Zukunftsforschern, Betriebsberatern und Ausbildungspädagogen freundlich zu, um sie bei der nächsten Wahl klammheimlich mit einem Votum für den Rechts-Populismus in den Arsch zu treten.

+++ Lesen Sie hier: Wie beurteilen junge Österreicher die Plakatkampagnen? +++