Anna Fenninger: „Schonen geht gar nicht“

Anna Fenninger: „Schonen geht gar nicht“

Sommergespräch IV: Weltcup-Siegerin Anna Fenninger über die Härten ihres Sports, die Folgen der Alpenerschließung, Conchita Wurst und die Toleranz der Österreicher.

Interview: Herbert Lackner

profil: Frau Fenninger, zu wem haben Sie bei der Fußball-WM geholfen?
Anna Fenninger: Zu Deutschland.

profil: Von Beginn an oder erst nach dem Halbfinale?
Fenninger: Von Beginn an. Ich habe die letzten Großereignisse verfolgt, und die Deutschen waren immer gut, haben aber nie einen Titel geholt. So wie sie sich jetzt als Mannschaft präsentiert haben, war das ein logischer Schritt.

profil: Bis vor Kurzem war es fast riskant, als Österreicher zu sagen, man helfe zu Deutschland.
Fenninger: Das ist immer noch riskant, wie ich erfahren musste.

profil: Hat man Sie zur Rede gestellt?
Fenninger: Eines meiner Facebook-Postings ist bei einigen in Österreich sehr schlecht angekommen.

profil: Zu wem helfen Sie in der österreichischen Fußballmeisterschaft?
Fenninger: Zu Red Bull Salzburg. Klar, als Salzburgerin.

profil: Sie geben Ihre Interviews normalerweise mit einem Puls von 180 unmittelbar nach dem Abschwingen im Zielraum. Sind solche Interviews nicht relativ sinnlos?
Fenninger: In den Interviews gleich nach dem Abschwingen wird wenig Sinnvolles geredet, aber es werden die Emotionen direkt eingefangen. Das gehört halt dazu.

profil: Annemarie Moser-Pröll wurde einmal gefragt: Wie war der Schnee? Sie sagte: weiß.
Fenninger: Das muss ich mir merken.

profil: Wie viele Tage vor Weihnachten sind Sie ab jetzt noch zu Hause?
Fenninger: Nicht mehr viele. Aber ich hatte einen relativ langen Sommer. Ich bin jetzt noch knapp drei Wochen zu Hause. Ab Mitte August sind wir durchgehend unterwegs. Zuerst in Südamerika, und dann geht es ohnehin bald los.

profil: Haben Sie manchmal das Gefühl, durch den Sport einen Teil Ihrer Jugend zu verlieren? Sie verpassen ja viele Dinge, die für andere junge Menschen ganz normal sind.
Fenninger: Das ist definitiv so. Aber ich erlebe auch Dinge, welche die meisten anderen nicht erleben dürfen. Das ist zwar nicht geschenkt, sondern hart erarbeitet, aber deshalb sehr viel wert.

profil: Anna Fenninger tanzt in einer Salzburger Disco bis zwei Uhr nachts – das käme gar nicht gut, oder?
Fenninger: Das ginge schon, aber man muss mit den Konsequenzen rechnen. Im Moment bin ich körperlich so ausgelastet, dass ich gar nicht das Bedürfnis hätte, bis zwei in der Nacht auszugehen. Ich falle um zehn Uhr abends todmüde ins Bett.

profil: Haben Sie schon einmal so richtig über die Stränge geschlagen?
Fenninger: Habe ich. In der Schulzeit, als ich begonnen habe auszugehen. Ich hatte auch meine „wilde Zeit“, aber die war sicher kürzer als bei Nichtsportlern.

profil: Der Fernsehzuschauer erwartet, dass der Sportler asketisch ist und sitzt selbst mit Bier und Knabbergebäck vor dem TV-Schirm. Ist das nicht ungerecht?
Fenninger: Und will einem dann noch erzählen, was man falsch gemacht hat. Ich habe schon oft das Gefühl, dass sehr viel erwartet wird und dass man in manchen Situationen ungerecht beurteilt wird. Natürlich denkt man dann mitunter: Stell dich hin und mach es besser. Aber der Sport lebt davon, dass die Menschen mitfiebern und Erwartungen haben. Sie freuen sich ja auch mit uns, wenn wir Erfolg haben.

profil: Es ist immer die Rede vom „österreichischen Skiteam“. Gibt es überhaupt ein Skiteam? Es fährt ja jede für sich.
Fenninger: Das stimmt, aber ohne das Team dahinter ginge das nicht. Für mich wäre es das Schlimmste, wenn ich das ganze Jahr alleine mit meinen Betreuern durch die Welt reisen müsste. Es wäre nicht so lustig, wenn man nicht in der Gruppe trainieren würde und sich gegenseitig pushen oder anspornen könnte. Es ist oft witzig, aber wir haben auch unsere harten Zeiten miteinander, es wird auch gestritten. Das macht das Ganze ja interessant. Ohne das Team wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

profil: Im Wettkampf müssen Sie dennoch hoffen, dass Ihre Teamkolleginnen langsamer sind als Sie.
Fenninger: Im Wettkampf schon. Aber im Training ist es sogar ein Vorteil, wenn jemand schneller fährt. Man kann voneinander lernen und pusht sich näher an das Limit.

profil: Wenn Sie im Starthaus stehen – fahren Sie dann für Österreich oder für Anna Fenninger?
Fenninger: Beides. Wenn ich im Starthaus stehe, steht da Anna Fenninger. Ob Erfolg oder Misserfolg – das Ergebnis fahre ich genauso für Österreich ein. Man sagt zwar, „wir sind Olympiasieger“, aber die Menschen vergessen, dass man auch bei Misserfolgen Österreicherin bleibt. Das wollen viele nicht hören. Schließlich bin ich ein Mensch, und keine Maschine.

profil: Wenn Sie einmal nicht so toll fahren, ist man böse auf Sie?
Fenninger: Die Leute sind nicht böse, aber enttäuscht. Als wir etwa bei der Heim-WM in Schladming als Team nicht die großen Erfolge feiern konnten, haben wir doppelt eine draufbekommen. Das war sehr hart. In dieser Zeit habe ich vermieden, Zeitungen zu lesen. Man hat das Gefühl, jemanden enttäuscht zu haben, obwohl ich ja eigentlich für mich selbst fahre.

profil: Werden Sie auf der Straße oft angesprochen?
Fenninger: Mittlerweile ja. Es ist nicht immer leicht, alle Wünsche zu erfüllen.

profil: Was wünschen sich die Menschen?
Fenninger: Zum Beispiel ein Foto zu machen, ein Autogramm zu bekommen. Das mache ich auch gerne. Aber es gibt Situationen, in denen Hunderte ein Foto wollen. Das kann ich nicht leisten. Ich will aber auch niemanden enttäuschen. Ich musste lernen, dass ich, wenn ich alle Wünsche erfüllen würde, nicht mehr zum Trainieren und Skifahren käme. Aber es ist ja nicht nur negativ, bekannt zu sein.

profil: Wurden Sie schon einmal unangenehm angesprochen?
Fenninger: Selten. Wenn ich abends im Restaurant bin und Menschen betrunken sind, kann es schon unangenehm werden. Dann trauen sie sich extrem viel.

profil: Wie setzt sich Ihr Einkommen zusammen?
Fenninger: Grundsätzlich hängt alles vom sportlichen Erfolg ab. Im Moment bin ich zufrieden.

profil: Die Preisgelder, die der Veranstalter zahlt, sind relativ gering.
Fenninger: Im Vergleich zu Tennis oder Golf sind sie gering, im Vergleich zu Snowboard oder Turnen hoch. Es sind jedenfalls Summen, die Normalverdiener im Jahr nicht verdienen.

profil: Wie viel bekommt man für ein Rennen?
Fenninger: Das ist unterschiedlich. In Kitzbühel gibt es bei den Herren bis zu 70.000 Euro für den Sieg. Bei den Damen liegt die höchste Siegprämie bei 60.000 Euro. Das ist der Slalom in Zagreb, aber den fahre ich nicht. Im Schnitt sind es um die 30.000 Euro für den Sieg.

profil: Sie engagieren sich für Artenschutz und sind „Patentante“ von Geparden. Wie sind Sie auf Geparden gekommen?
Fenninger: Offiziell bin ich Europa-Botschafterin des Cheetah Conservation Fund in Namibia. Ein Fotografenfreund, der in Südafrika aufgewachsen ist, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass sie Unterstützung vor allem aus Europa bräuchten. Daraufhin habe ich mich damit beschäftigt. Es gibt leider nur noch wenige tausend Geparden weltweit. In den 1980er-, 1990er-Jahren wurde die Gepardenpopulation stark reduziert. Es gibt reiche Jäger, die für viel Geld Geparden schießen.

profil: In Österreich läuft Naturschutz häufig dem Tourismus zuwider. Wie sehen Sie den Ausbau der Skigebiete im Hinblick auf den Artenschutz?
Fenninger: Ich finde die Skigebiete, die wir haben, extrem cool, wir haben die besten Lifte und herrliche Abfahrten. Meiner Meinung nach ist das ausreichend.

profil: Es sollte nicht mehr verbaut werden?
Fenninger: Österreich lebt nicht nur vom Skitourismus, sondern auch von seiner herrlichen Natur. In der Region Schladming haben wir zum Beispiel eine Vier-Berge-Skischaukel, man kann vom Haus bis auf die Reiteralm durchfahren. Diese Verbindung schafft man nicht an einem Tag. Man muss bei jedem weiteren Ausbau eine Balance finden.

profil: Nicht einmal Sie schaffen das?
Fenninger: Nein. Die meisten können gar nicht so gut Skifahren, dass sie von einem zum anderen Berg kommen. Ich wüsste nicht, wozu wir hier Wald abholzen sollen, um neue Pisten zu bauen. Die Menschen verfallen oft in ein Rauschverhalten, in dem es immer noch mehr sein muss. Ich meine: Das Vorhandene sollte besser genützt werden.

profil: Sind Sie eine Grüne?
Fenninger: Ich versuche mich jedenfalls naturgemäß zu verhalten. Von der Natur kann man auch sehr viel lernen. Aber ich brauche auch mein Auto und Flugzeuge für meinen Beruf. Es muss eine gesunde Mischung sein.

profil: Sie sind jetzt an den Stadtrand von Salzburg gezogen. Wie muss man sich das Leben der Anna Fenninger vorstellen, wenn das Rennen vorbei ist und die TV-Kameras abgezogen sind?
Fenninger: Der Umzug hatte auch ganz praktische Gründe. Es ist oft so, dass wir am Sonntag nach den Rennen heimkommen, dann muss ich mir etwas kochen. Wenn ich ein bis zwei Wochen nicht zu Hause war, ist nichts im Kühlschrank. Und als Sportler hat man immer Hunger, da ist es sehr praktisch, wenn man noch etwas einkaufen kann. In Salzburg geht das.

profil: Haben Sie sich gefreut, dass Conchita Wurst den Song Contest gewonnen hat?
Fenninger: Ja, das hat mich sehr gefreut.

profil: Glauben Sie, dass sie etwas für das Verständnis für Homosexuelle erreicht hat?
Fenninger: Ja, das glaube ich schon. Conchita Wursts Erfolg taugt mir voll. Aber Österreich sieht dadurch toleranter aus, als es ist. Für mich ist es immer noch normal, wenn eine Frau und ein Mann zusammen sind. Aber ich würde niemals sagen, dass alles andere abnormal wäre.

profil: Glauben Sie, dass in Österreich die Toleranz größer ist als in anderen Ländern?
Fenninger: Es gibt schon Länder, wo die Leute toleranter sind, aber auch Gegenbeispiele wie Russland, wo Homosexualität gar nicht erlaubt ist. Jeder sollte ohne Einschränkung und Diskriminierung leben können.

profil: Gehen Sie regelmäßig wählen?
Fenninger: Na klar. Jeder Bürger sollte dieses Recht nutzen.

profil: Skifahrer sind häufig verletzt. Hatten Sie schon eine gröbere Verletzung, die Sie immer noch mitschleppen?
Fenninger: Ich hatte eine Schulterluxation samt Operation, ich hatte einen Riss des Syndesmosebandes im Sprunggelenk. Aber das sind nicht so schwere Verletzungen wie Kreuzbandrisse. Seit zwei Jahren plage ich mich mit Überlastungserscheinungen der Patellasehne, die Ablagerungen in der Kniescheibe verursachten. Es ist kein definitives Patellaspitzensyndrom, deshalb ist die Diagnose schwierig. Ich hatte auch einen großen Bluterguss, den das Knie nicht abbauen konnte.

profil: Dagegen kann man nichts machen?
Fenninger: Man kann sich schonen, der Körper muss sich selbst heilen. Es gibt keine Therapie, die es sofort wegbringen würde.

profil: Schonen ist in Ihrem Fall schwierig.
Fenninger: Schonen geht gar nicht. Das würde lange dauern. Ich versuche, es über Training und entsprechende Therapien auszuheilen. Aber das sind die normalen Verletzungen, die jeder Sportler einmal hat.

profil: Ein gesunder Beruf ist das nicht.
Fenninger: Ganz sicher nicht.

profil: Was planen Sie nach dem Ende der Skikarriere?
Fenninger: Es kommt eh immer anders, als man denkt. Was ich danach machen will, weiß ich noch nicht. Noch macht mir das Skifahren viel zu viel Spaß, als dass ich mich damit groß beschäftige. Ich habe eine Ausbildung zur Hotelkauffrau gemacht und fühle mich dadurch abgesichert. Inzwischen habe ich auch im Sport einen Stellenwert, der es möglich machen könnte, dass ich darin meinen künftigen Beruf finde.

profil: Das wäre Ihnen am liebsten?
Fenninger: Natürlich, das ist bis jetzt ja mein Leben.

Zur Person

Anna Fenninger, 25. Die Salzburgerin ist ­derzeit Österreichs ­erfolgreichste Skirennläuferin. Achtmal ­gewann sie bisher Weltcuprennen, sieben davon im Riesenslalom. In der vergangenen Saison ­holte Anna Fenninger den Gesamtweltcup und Olympia-Gold im Super-G.

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