Autor Gauß: "Leider macht der Sozialstaat die Menschen nicht besser"

Karl-Markus Gauß

Karl-Markus Gauß

Der Schriftsteller Karl-Markus Gauß wundert sich über das Comeback des Söldner-Handwerks, hält den aktuellen Wahlkampf für eine perfekte Romanvorlage und kritisiert die Österreich-Beschimpfung heimischer Intellektueller.

INTERVIEW: ROSEMARIE SCHWAIGER

profil: Wie geht es dem Geschichtenerzähler Gauß angesichts dieses absurden Wahlkampfs? Wäre das nicht Stoff für einen Roman?
Gauß: Dieser Stoff drängt sich für eine literarische Bearbeitung sogar auf. Es müsste dafür einen John le Carré der digitalen Ära geben, der das mit guten Kenntnissen über die neuen Medien aufarbeitet. Mir sind einige dieser Figuren so rätselhaft, dass es mich nach einer literarischen Deutung verlangt.

profil: Wer ist Ihnen rätselhaft?
Gauß: Zum Beispiel Tal Silberstein. Ich wüsste gerne, was in so jemandem vorgeht. Darüber hinaus kommt mir vor, als hätten die neuen Technologien einen alten Sozialcharakter reaktiviert - jenen des Söldners. Der Söldner war in der europäischen Geschichte lange eine wichtige Figur, sogar eine teilweise respektierte. Er hatte ursprünglich nicht den schlechten Ruf des Verräters. Der Söldner war jemand, der etwas gut konnte, nämlich Krieg führen. Es gab österreichische Generäle, die für den Zaren kämpften, später sogar für das Osmanische Reich. Es gab hohe Aristokraten aus Preußen und Russland, die in anderen Armeen als Generäle wirkten. Und natürlich gab es das Fußvolk der Landsknechte, die sich an den Bestzahlenden verdingten. Erst später kam der Verräter hinzu, der ein Ideal, eine Nation oder einen Kaiser hatte und sich verkaufte.

profil: Wer ist in Ihrem Bild der Söldner? Tal Silberstein?
Gauß: Nein, eher Leute, die man noch gar nicht näher kennt. Dieser Herr -wie heißt er: Puller? - ist auch eine literarische Figur. Einmal heuert er da an, dann dort. Hat so jemand noch eine Überzeugung, die er halt manchmal ändert, oder existiert er nur als Söldner?

profil: Anders als im Krieg gibt es jetzt keine Toten.
Gauß: Na ja, abwarten.

profil: Sind Sie von der SPÖ enttäuscht?
Gauß: Ich lasse die moralische Seite jetzt einmal weg. Enttäuscht bin ich, ganz allgemein, von der flagranten Unprofessionalität. Wenn man Söldner anheuert, heißt das ja auch, dass man selbst keine motivierten Kämpfer hat.

profil: Sie haben jüngst in einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" über das Phänomen geschrieben, dass die Parteien in Österreich keine Parteien mehr sein wollen und weniger auf Politiker als auf prominente Quereinsteiger setzen. SPÖ-Chef Christian Kern kommt aus dem Topmanagement und gibt jetzt den Klassenkämpfer. Nehmen Sie ihm das ab?
Gauß: Kern hat eine Partei übernommen, die in einer historisch sehr schwierigen Situation steckt. Das gilt nicht nur für die österreichische Sozialdemokratie, sondern weit darüber hinaus. Teilweise ist die Linke am eigenen Erfolg gestorben, weil viele ihrer Ziele, die wir heute für selbstverständliches Gemeingut nehmen, verwirklicht wurden. Und jetzt ist sie ratlos hin-und hergerissen zwischen den alten Idealen und einem Schröder-oder Blair-Syndrom. Man wollte bei der Modernisierung ganz vorne dabei sein und tappte dem Neoliberalismus brav hinterdrein.

profil: Wahrscheinlich hätte sich Christian Kern mehr bemühen müssen, den linken mit dem rechten Flügel zu versöhnen.
Gauß: Seit ihrer Gründung in Hainfeld hat die SPÖ diese zwei Flügel. Früher gab es allerdings klare ideologische Linien, bei denen ich sehr dafür wäre, sie wieder zu schärfen. Die neuen Technologien machen es auch schwieriger: Vieles, was sich früher in der politischen Debatte langsam annähern konnte, steht heute durch die Rasanz der neuen Medien in einem pausenlosen Kampf: Jeder gegen jeden.


Mich stört, dass die politische Klasse das Volk permanent unterschätzt.

profil: Verfolgen Sie die TV-Duelle?
Gauß: Ich hab mir das früher gern angesehen. Jetzt bin ich einer von sicher sehr vielen, die glauben, dass dieser Overkill an Debatten und Diskussionsrunden nicht der Demokratie dient. Und das Kuriose ist: Kaum ist die Wahlkonfrontation vorbei, kommt schon die Nachbetrachtung der Wahlkonfrontation. Da sitzen dann die Journalisten und ewiggleichen Erklärer, die uns darüber aufklären, was wir gesehen haben, und den Politikern Ratschläge geben.

profil: Die meisten Beobachter finden, das rhetorische Niveau der Kandidaten sei diesmal besonders hoch. Sehen Sie das auch so?
Gauß: Sie sind in einem professionellen Sinn gut gecoacht und können besser reden als früher. Das führt dazu, dass ausgerechnet HC Strache jetzt authentisch wirkt, weil er als Einziger immer noch in der Grammatik herumrudert. Das alte rhetorische Ideal der Sachlichkeit, Präzision und Ruhe verkörperte bei den Wahldebatten interessanterweise am ehesten Ulrike Lunacek, die deswegen bei den Befragungen nachher immer am schlechtesten wegkam. Mich stört, dass die politische Klasse das Volk permanent unterschätzt. Ich glaube, Politiker könnten auf einem höheren Niveau argumentieren, aber es hat ihnen irgendwer eingeredet, das Volk sei zu blöd dafür. Für mich gab es da eine Zäsur: Kreisky behauptete gerne, sein liebstes Buch sei "Der Mann ohne Eigenschaften", ein sehr schwieriges Werk, das selbst unter Germanisten kaum einer zu Ende gelesen hat. Dann kam Erwin Pröll und sagte, er habe nur ein Buch gelesen, nämlich den "Schatz im Silbersee", was natürlich nicht stimmte. Früher wollten Politiker als gebildet gelten, heute ist das fast schon ein Makel. Dafür drängeln jetzt alle mit simplen Botschaften nach rechts der Mitte, die sich damit selbst weit nach rechts verlagerte. Das ist eine unerquickliche Situation, und daran trägt Sebastian Kurz eine große Mitschuld.

profil: Die Bürger wollen aber, dass über die Folgen der Zuwanderung geredet wird. Alle Umfragen zeigen das. Die Flüchtlingswelle hat einiges ausgelöst.
Gauß: Ich bin der Letzte, der leugnen würde, dass es reale Probleme gibt. Mir war 2015 nicht klar, woher die Panik der einen kam, aber mir war auch die Euphorie der anderen suspekt. Ich kann mich noch gut an eine Demonstration hier in Salzburg erinnern, an der ich teilnahm. Da ging vor mir eine Gruppe von drei oder vier jungen Mädchen. Sie hatten eine Tafel dabei, auf der stand: "I love Flüchtlinge". Das fand ich rührend, aber dumm. Andererseits kann es doch nicht sein, dass man alle gesellschaftlichen Fragen nur mehr mit Blick auf die Flüchtlinge bespricht!

profil: Mit dem Rechtsruck steht Österreich nicht allein da. Den Trend gibt es international.
Gauß: Ja, aber es gibt bei uns dieses interessante Phänomen, alles Mögliche als typisch österreichisch zu bezeichnen. Ich habe das früher selbst gemacht. Alles, was mich anwiderte, war für mich typisch österreichisch -bis ich feststellte, dass es bei uns auch Dinge gibt, die es wohl wert sind, gewürdigt und verteidigt zu werden.


Ich versuche, Österreich weder zu verdammen noch zu verklären. Meiner Meinung nach geht es immer noch darum, Österreich zu entdecken.

profil: Typisch österreichisch und wohl auch typisch deutsch ist die permanente Kritik der Intellektuellen am eigenen Land. Bei Amerikanern oder Franzosen wird man das nicht finden.
Gauß: Kritik ist gut, Übertrumpfung dieser Kritik ist dumm. Bei uns bekommt aber der die Königskrone, dessen Hiebe am heftigsten, dafür ungenauesten ausfallen. Wer Österreich gewohnheitsmäßig zur Vorhölle auf Erden erklärt, dem wird dann gerne bescheinigt, dass sein Hass in Wahrheit nichts als eine vertrackte Liebe wäre. Was für ein Unsinn! Das alles kann sich übrigens künstlerisch in durchaus interessanten Werken manifestieren, die allerdings kuriose Reaktionen provozieren. Wenn zum Beispiel in Spanien österreichische Gegenwartsliteratur gelesen wird, sind die spanischen Besucher in Österreich völlig überrascht, dass nicht schon beim Westbahnhof rechtsradikale Horden unterwegs sind und Touristen zusammenschlagen. Thomas Bernhard wird im Ausland fälschlich ja auch als Realist verstanden. Ich versuche, Österreich weder zu verdammen noch zu verklären. Meiner Meinung nach geht es immer noch darum, Österreich zu entdecken.

profil: Und was entdecken Sie da so?
Gauß: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Nach der Bundespräsidentenwahl kam es in der österreichischen Publizistik zu einem massiven Bashing der Provinz. Es hieß, dort wohnten die Depperten, die Hofer wählten. Ich bin damals in den Lungau gefahren, wo es eine Reihe von Gemeinden gibt, in denen Norbert Hofer geradezu dramatisch gesiegt hatte. Und was habe ich dort gesehen? Die Leute haben erlebt, dass der Postbus eingestellt wurde, das Lebensmittelgeschäft zusperren musste, die Volksschule nur mit Mühe gerettet wurde, ihre Kinder zum Arbeiten abwandern mussten - kurz: Es ist eine reale Verschlechterung ihrer Situation eingetreten. Dafür suchen sie einen Namen oder eine Lösung. Natürlich ist Herr Hofer nicht diese Lösung. Aber es ist auch hochmütig, zu sagen, diese Provinzler hegten nur aus blöden Vorurteilen ein Ressentiment gegen die Welt, wie sie heute ist. Nein, sie fühlen sich nicht nur abgehängt -sie sind es.

profil: Bleibt die Frage, warum die Armen und Abgehängten heutzutage rechts wählen, nicht links.
Gauß: Das hängt auch damit zusammen, dass viele von uns Linken das eigentliche Hauptanliegen aus den Augen verloren haben: Besserstellung und soziale Gerechtigkeit überall dort, wo Menschen auf verlorenem Posten stehen. Stattdessen werden Kämpfe um symbolische Fragen oder auch um so wichtige und richtige Dinge wie die Home-Ehe geführt, die allerdings an der Lebensrealität von sehr vielen Menschen in Bedrängnis nicht viel ändern. Was mich wirklich anwidert, ist die Verachtung der angeblich dummen Verlierer.

profil: Verachtet werden nur die Rechtswähler.
Gauß: Ich bin ein großer Anhänger des Sozialstaats. Leider macht er die Menschen aber nicht besser. Wer vorher schuften musste und in einer winzigen Wohnung hauste, wird durch eine größere Wohnung und eine ordentliche Pension nicht zu einem sozial empfänglicheren Menschen. Verachten darf man ihn dennoch nicht.

profil: Gibt es für Sie eine Lehre, die man aus diesem Wahlkampf ziehen kann?
Gauß: Für mich wäre es sehr positiv, wenn die Wahl so ausginge, wie die Umfragen zu Beginn des Wahlkampfs waren. Nicht, weil Kurz dann gewinnt, das ist mir wirklich kein Anliegen. Aber weil dann alle wüssten, dass sich die ganze Verblödung mittels digitaler Hochrüstung nicht auszahlt.

Karl-Markus Gauß, 63
Der vielfach preisgekrönte Schriftsteller und Publizist wurde vor allem mit Reisegeschichten aus Südosteuropa bekannt. Das bisher jüngste Werk des Salzburgers erschien im Februar ("Zwanzig Lewa oder tot"). Gauß gilt auch als pointierter Kommentator heimischer Politik und wird am 8. November die Eröffnungsrede der "Buch Wien" halten.