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Auf der Eselsbank

Bildungssystem - <small><i>Eva Linsinger</i></small>
Auf der Eselsbank

Das Bildungssystem verschleudert systematisch Talente. Das ist dumm, teuer – und gefährlich.

Die USA und ihr Musterschüler Großbritannien gelten als Horte des Turbokapitalismus, auch in der Bildung: Eliteuniversitäten, mit oder ohne noble Ruderklubs, sicher aber mit sündteuren Studiengebühren – und am anderen Ende der Wohlstandsskala abgesandelte Schulen mit Waffenkontrollen vor dem Eingang. Österreich hingegen gilt als Sozialstaat, in dem Bildungstüren allen offenstehen, die sich genügend anstrengen.
So weit das Klischee.

Die Realität ist in der jüngsten Studie der OECD nachzulesen: Selbst im Harvard-Land USA und im Oxford-Staat Großbritannien sind die Chancen auf Bildungsaufstieg höher als in Österreich. Hierzulande schafft kaum ein Kind einen höheren Bildungsgrad als seine Eltern; damit landet Österreich unter 26 OECD-Staaten auf dem beschämenden 23. Platz – quasi auf der Eselsbank. Im Grunde wird das von Maria Theresia eingeführte, reichlich verstaubte ständische Schulwesen praktiziert. Kinder von Akademikern oder Wohlsituierten frequentieren Gymnasium und Uni – und treffen dort so gut wie nie auf Kinder von Arbeitern oder Migranten. Diese tummeln sich in Haupt- und Sonderschulen. Das ist, ökonomisch argumentiert, gnadenlos stupide. Die Wirtschaft klagt seit Jahren über Fachkräftemangel. In einer kleinen Volkswirtschaft ohne größere Erdölvorkommen sind Humanressourcen der wichtigste Rohstoff – aber das Bildungssystem verschleudert serienweise Talente.

Besonders Zuwandererkinder werden überproportional oft in die Sackgasse Sonderschule gesteckt. Nur verbohrte Rassentheoretiker können annehmen, dass Begabung bei Migrantenkindern seltener anzutreffen sei – damit bleibt als Erklärung ein vernichtendes Zeugnis für das Schulsystem.

Es nimmt, mit überaus flacher Lernkurve, nicht zur Kenntnis, dass Österreich ein Einwanderungsland ist. Die Hälfte der Kinder an Wiens Volksschulen hat eine andere Muttersprache als Deutsch, doch in der Lehrerausbildung wird das weitgehend ignoriert. Man kann in Altgriechisch oder Französisch maturieren, aber nicht in Türkisch. In Deutschland ist das Usus, dort wird Mehrsprachigkeit als Chance begriffen, nicht nur als Bedrohung. Hierzulande nicht. Das kann man Realitätsverweigerung nennen. Oder blanke Dummheit.

Die perfekt zur Starrheit des Bildungssystems passt. Längst ist als Binsenweisheit etabliert, dass Kindergärten die wichtigsten Bildungseinrichtungen sind, weil sie spielerisch Startnachteile ausgleichen. Trotzdem bleibt die Elementarpädagogik vernachlässigtes Stiefkind. Als einziger OECD-Staat (neben der Slowakei) bildet Österreich Kindergartenpädagogen nicht akademisch aus – mit dem hanebüchenen Argument, dass dann deren (erbärmlich niedrige) Löhne steigen würden. Nach derselben kruden Kosten-Nutzen-Rechnung wird der Ausbau von Ganztagsschulen gebremst: zu teuer.

So kurzsichtig kann nur agieren, wer entweder unter ausgeprägter Mathematikschwäche leidet oder weiter achselzuckend zur Kenntnis nehmen will, dass ein Viertel der Jugendlichen die Schulen als Analphabeten verlässt. So viele Hilfsarbeiter, wie das Bildungswesen produziert, braucht die Wirtschaft längst nicht mehr; der jüngste Befund der EU-Kommission spricht eine deutliche Sprache: Österreich sackt in der Wettbewerbsfähigkeit ab, vor allem wegen massiver Bildungsdefizite. Wieder ein „Nicht Genügend“ für das Schulsystem.

Die Regierung ignoriert das genauso hartnäckig wie alle katastrophalen Belege für ihr Schulversagen. Sie widmet sich lieber mit Verve dem Kulturkampf ums Gymnasium, darin haben SPÖ und ÖVP reichlich Routine: Im Jahr 1922 (kein Tippfehler!) starteten die erste Gesamtschulversuche, seither werden in Endlosschleife dieselben Argumente ausgetauscht – und das Bildungssystem bleibt, wird nur von Jahr zu Jahr unzeitgemäßer.

Ex-Bildungsministerin Claudia Schmied versuchte, den Stellungskrieg durch die Erfindung der „Neuen Mittelschule“ zu beenden. Ein ehrgeiziges Projekt, das kläglich scheiterte.

Es bietet nur Politikern mehr Optionen, Reformbereitschaft zu simulieren, wie das Beispiel Tirol zeigt: Die schwarz-grüne Landesregierung verkündete dort mit großem Brimborium ihren „Modellversuch“ zur Gesamtschule.

Dieser besteht – allen Ernstes – darin, dass sieben Hauptschulen im Zillertal in „Neue Mittelschulen“ umbenannt werden. Ein Gymnasium ist nicht dabei. Das ist blanke Augenauswischerei und vom ernst gemeinten Test für die Gesamtschule so weit entfernt wie Tirolerisch von Piefkinesisch.

Bildung bringt gewaltige Rendite, jedes zusätzliche Jahr an Ausbildung schlägt sich hierzulande in sieben Prozent mehr Nettostundenlohn nieder. Je ungleicher Bildungschancen verteilt sind, desto größer wird die Kluft zwischen dem Klub der Gebildeten und den Abgehängten. Man muss beileibe kein Sozialromantiker sein, um solche Unterschiede für gefährlich zu halten: Sogar beim Weltwirtschaftsforum, dem Treffen der Managerelite in Davos, wurde die global steigende Ungleichheit als größte Gefahr für die Wirtschaft bezeichnet. Die OECD, ebenfalls kein Klub von Kapitalismuskritikern, argumentiert genau so und warnt davor, dass der wachsende Bildungsgraben „die Gesellschaft bedroht“.

Wie viele derartige Weckrufe braucht die Regierung noch?

linsinger.eva@profil.at