Das Ärgernis Bayern: o’zipft samma!

Das Ärgernis Bayern: o’zipft samma!

Oben Flugverbot, unten Ösi-Maut und flächendeckend AKW: Gernot Bauer über das Ärgernis Bayern.

Politisch höchster Aphoristiker, die bayerisch-österreichischen Beziehungen betreffend, war Bruno Kreisky. Der Kanzler fuhr seinerzeit gern zur Kur nach Bad Wörishofen im Unterallgäu. Die Begründung dafür brachte Kreisky den Karl-Valentin-Orden der Münchner Faschingsgesellschaft Narrhalla ein: „Ich fahre gern nach Bayern, da bin ich nicht mehr in Österreich und noch nicht in Deutschland.“

Wer von Österreich nach Bad Wörishofen zur Kneippkur will, könnte bald extra zur Ader gelassen werden. Ministerpräsident Horst Seehofer – eine Art Erwin Pröll mit richtiger Landeshauptstadt – ließ im Koalitionspakt von CDU/CSU und SPD die Einführung einer Maut auf deutschen Autobahnen festschreiben. Ums EU-Recht scherte sich Seehofer dabei so viel wie Pröll um Rechnungshofkritik an den niederösterreichischen Landesveranlagungen. Die Maut würde nur für Ausländer gelten, wobei es sich im Falle des viel befahrenen Großen Deutschen Ecks (Salzburg–Rosenheim–Kufstein) vor allem um Österreicher handelt. Verkehrsministerin Doris Bures – als Wiener Sozialdemokratin in jeder Hinsicht Kontrastprogramm zum CSU-Chef in München – kündigte an geeigneter Stelle („Krone“, „Österreich“, „heute“) bereits Maßnahmen an: „Wir werden gegen diese Ungleichbehandlung mit aller Vehemenz auftreten.“

Dabei hat Seehofer das Konzept nur von uns plagiiert und inländerfreundlich adaptiert. Als Anfang 1997 der österreichische Verkehrsminister – der damals Viktor Kima hieß – die Vignette einführte, betrachtete man dies in der Bayerischen Staatskanzlei, in der damals Edmund Stoiber regierte, als unfreundlichen Akt.

Aber meistens sind es dann doch die Bayern, die uns pflanzen – und nicht umgekehrt.

So hat die Bayerische Landesbank (75-Prozent-Eigentümer: Freistaat Bayern) ihre ehemalige Tochter Hypo Alpe-Adria (100-Prozent-Eigentümer: Republik Österreich) vor einem Münchner Gericht auf Rückzahlung von Darlehen in Höhe von 2,3 Milliarden Euro geklagt. Doch nicht nur beim Geld hört die Freundschaft auf, sondern auch beim Lärm. Der deutsche Verkehrsminister Peter Ramsauer – er stammt aus dem an Salzburg grenzenden Landkreis Traunstein – drohte im Wahlkampf, die Anfluggenehmigungen über bayerisches Gebiet auf den Flughafen Salzburg einzuschränken. Leider zählt Ramsauer zu jenen Politikern, die Wahlkampfversprechen umsetzen, gern auch auf Kosten anderer. Natürlich drängt sich in einer solchen Situation immer ein historischer Vergleich auf, den diesmal der ÖVP-Vizebürgermeister der Landeshauptstadt, Harald Preuner, anstellte: Ramsauers derzeit sistierte Durchführungsverordnung zur Eindämmung des Flugverkehrs sei die Fortführung der 1000-Mark-Sperre der Nazis aus dem Jahr 1933.

Als der legendäre Ministerpräsident Franz Josef Strauß in den 1980er-Jahren stur, aber letztlich erfolglos neben den bestehenden AKW den Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf betrieb, war es der damalige Kärntner Landeshauptmann Leopold Wagner, der das Unvermeidliche formulierte: Seit der NS-Zeit habe niemand mehr Österreich so schlecht behandelt.

Trotz scharfer Proteste aus Österreich ließ es sich Strauß nicht nehmen, 1987 den Wiener Opernball zu besuchen – traditionell der Höhepunkt des gehobenen Münchner Faschings jenseits von Narrhalla. Den bei Massendemonstrationen vor der Oper verletzten Polizisten ließ der Ministerpräsident später Bierkrüge mit Zinndeckel zukommen.
Strauߒ Nachfolger zeigten nicht immer das gleiche Vertrauen in die heimischen Sicherheitsbehörden. Als Österreich 1998 Mitglied des Schengen-Raums wurde, zweifelte Bayerns Innenminister Günther Beckstein öffentlich die Grenzsicherungskompetenz der Nachbarn an, wogegen Viktor Klima, mittlerweile Bundeskanzler, mit aller Vehemenz auftrat. Der damalige deutsche Kanzler Helmut Kohl – ganz gemütlicher Pfälzer – ermahnte schließlich beide Kontrahenten: „Uralte Komplexe zwischen Wien und München sind fehl am Platz.“

Vergangenes Jahr erfolgte deren Bewältigung in Rahmen einer grenzübergreifenden Landesausstellung in Burghausen, Braunau und Mattighofen. Titel: „Verbündet, verfeindet, verschwägert – Bayern und Österreich“.

Historisch versiert betrachtet leiden die Bayern an heftigeren Minderwertigkeitskomplexen als wir. Laut Bernhard Löffler, Inhaber des Lehrstuhls für bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg, markiert die Entstehung Österreichs „eine, wenn nicht die Verluststory bayerischer Geschichte“. Eine luzide Analyse. Was Kaiser Friedrich Barbarossa 1156 im Privilegium minus aus Bayern löste und als Herzogtum dem Babenberger Heinrich Jasomirgott übertrug, stieg dank Habsburg in die imperiale Champions League auf, während Bayern unter Wittelsbacher Führung jahrhundertelang Kreisklasse blieb. Großzügig, wie Austria gegenüber Bavaria bis heute auftritt (Alaba!), gönnten wir den Bayern zum Ende unserer Großmachtära noch eine Gastrolle in Person der Nebenlinien-Prinzessin Elisabeth.

Dabei spielten uns die Bayern im Laufe der Geschichte nicht nur ein Mal übel mit: Im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740 bis 1748) stellten sie sich gegen Maria Theresia und an die Seite des Preußen-Königs Friedrich II. Der historischen Fairness halber muss festgehalten werden, dass die Habsburger im Spanischen Erbfolgekrieg 30 Jahre zuvor unter Prinz Eugens Kommando ganz Bayern besetzt hatten. Am 25. Dezember 1705 wurden 2000 aufständische Bauern („Lieber bairisch sterben als kaiserlich verderben“) nahe München von kaiserlichen Truppen niedergemetzelt. Die „Sendlinger Mordweihnacht“ ist Teil der weiß-blauen Heldensagen, hierzulande aber in Vergessenheit geraten.

Unverzeihbar ist dagegen der Verrat der Bayern an der Seite Napoleons, als sie erst Tirol besetzten und dann Andreas Hofers Volksaufstand niederschlugen. Eine kleine Wiedergutmachung leisteten sie knapp 60 Jahre später, indem sie Österreich 1866 im Krieg gegen die Preußen unterstützten. Die krachende Niederlage kostete die Bayern zwar die Unabhängigkeit, freilich fügten sie sich bald geschmeidig ins neue Deutsche
Kaiserreich ein. Ihre politische Elastizität brachte der Münchner Volksschauspieler Walter Sedlmayer 100 Jahre später auf den Punkt: „Wir Bayern waren immer prinzipientreu: mit Frankreich gegen Österreich, mit Österreich gegen Preußen, mit Preußen gegen Frankreich.“ In dieser Prinzipientreue erkannte Josef Hader gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ ein gemeinsames bajuwarisches Mentalitätserbe: „Die Bayern und die Österreicher verstehen sich sehr gut in ihrer Hinterfotzigkeit. Da nimmt keiner dem anderen was weg.“

Regierten in Wien und München einander freundschaftlich gesinnte Herrscher, trotzte man gemeinsam jedem Unfug aus Berlin. So auch im Februar 2000, als der preußische Kanzler Gerhard Schröder mit den Franzosen eine Allianz gegen die schwarz-blaue Bundesregierung formte. Auf seinen Spezi in der Staatskanzlei konnte sich Wolfgang Schüssel freilich verlassen. Edmund Stoiber nannte die Sanktionen der EU-14 „eine umgekehrte Breschnjew-Doktrin“ und „einen diplomatischen Amoklauf“; Gerhard Schröders Verhalten sei „eine Ungeheuerlichkeit“. Denn: „Wer Österreich boykottiert, trifft Europa mitten ins Herz hinein.“ Schöner hätte es Benita Ferrero-Waldner auch nicht formulieren können.

Politisch gesehen ist die jüngere österreichisch-bayerische Geschichte vor allem eine von ÖVP und CSU. Im Gegensatz zum Urteil seiner eigenen Parteifreunde galt Edmund Stoiber in der Volkspartei stets als Charismatiker. Wo immer ein ÖVP-Landeshauptmann wahlkämpfte, war der bayerische Ministerpräsident als Stargast mit von der Partie. Stoiber muss es persönlich genommen haben, als Gabi Burgstaller der ÖVP 2004 Salzburg abjagte: Ein rotes Frauenzimmer, das im Hinterhof des Freistaats regiert – Patrona Bavariae steh uns bei!

Der historische Irrtum wurde mittlerweile korrigiert. Das gesamte bayerisch-österreichische Grenzgebiet, vom Mühlviertel bis zum Bodensee, wird wieder schwarz regiert. Von der CSU ist dennoch kein Entgegenkommen zu erwarten – weder bei Maut noch beim Salzburger Airport noch bei den Hypo-Milliarden. Wie sagte doch einst Franz Josef Strauß: „Von Bayern gehen die meisten politischen Dummheiten aus.“

Österreich
Größe: 84.000 km2
Einwohner: 8,5 Millionen
BIP/Kopf 2012: 36.430
Universitäten: 22
Atomkraftwerke: 0
Anteil Katholiken: 63 Prozent
Geburtsrate (2011): 1,42 Kinder/Frau
Fleisch: Schnitzel
Wurst: Knackwurst
Käse: Quargel
Kartenspiel: Schnapsen

Bayern
Größe: 70.500 km2
Einwohner: 12,5 Millionen
BIP/Kopf: 36.865
Universitäten: 20
Atomkraftwerke: 4
Anteil Katholiken: 54 Prozent
Geburtsrate (2011): 1,34 Kinder/Frau
Fleisch: Schweinshaxn
Wurst: Weißwurst
Käse: Obazda
Kartenspiel: Schafkopf
Philosophie Schau ma moi
Philosophie Seng ma eh