Das Evangelium nach Oscar: Die Oscar-Show ist Hollywoods absurdeste Veranstaltung

Weiß wie Schnee, alt wie nie und populär wie einst: Die Oscar-Show wird den Geist von 1929 nicht mehr los. Stefan Grissemann über den wichtigsten und absurdesten Filmpreis der Welt.

Es gibt, wenn es um die heiligen Academy Awards geht, nichts Unbedeutendes. Alles wird ikonisch, das sich mit der Oscar-Show nur entfernt in Verbindung bringen lässt, jeder Unsinn gewinnt staatstragende Qualität. Wolfgang Pucks alljährliches Promi-Dinner etwa wurde, wie gewohnt, schon im Vorfeld bis zur letzten Meeresfrucht ausgeleuchtet – und dann musste auch noch en détail über das neue Design jener Umschläge diskutiert werden, die traditionell die Namen der Gewinner bergen.

Designer Marc Friedland pries seine rot- und goldschimmernden Kreationen mit den bedenkenswerten Worten: „Es gibt keinen bedeutenderen Moment als jenen Augenblick der Erwartung, in dem eines dieser Kuverts geöffnet wird. Wenn man da Umschläge aus dem Papiergeschäft verwendete, wäre das so, als kreuzte man bei der Oscar-Gala in kurzen Hosen und Flip-Flops auf.“

So weit kommt’s noch! Gibt es eigentlich Wichtigeres als die Vergabe von zwei Dutzend vergoldeten Statuetten an die angloamerikanische Filmprominenz? Nicht für die US-Kinoindustrie, die es in Zeiten rückläufiger Besucherzahlen dringend ­nötig hat, sich im Glanz einer in alle Welt ausgestrahlten Show jedes Jahr wieder ihrer selbst zu vergewissern: Ja, es gibt uns noch – und gut schauen wir aus! Hollywood ist schließlich auch nur ein soziales Netzwerk, und irgendwo müssen Quentin, Nicole, Jude, Scarlett, George und Natalie ja auch mal unter sich sein können.

Strahlte die Oscar-Gala aber in diesem Jahr besonders hell?
War sie gar weiß bis an den Punkt der Schneeblindheit? Die scharfzüngige Filmkritikerin Manohla Dargis und ihr Kollege A. O. Scott äußerten unlängst in der „New York Times“ ebendiesen dringenden Verdacht – und fragten sich, wie es kommen konnte, dass ausgerechnet in der Ära Obama praktisch keine schwarzen Schauspieltalente mehr in den exponierten Produkten einer Filmindustrie auftauchen, die eigentlich als politisch besonders liberal bekannt ist – und die mit starken Kinoauftritten wie jenen von Sidney Poitier den Weg für Obama erst freigemacht hat? Ist Hollywood neun ­Jahre nach dem Oscar-Doppeltriumph von Halle Berry und Denzel Washington in eine „Krise der Repräsentation“ afroamerikanischer Lebensstile geraten?

Gut möglich. Denn auch in anderer Hinsicht scheint die US-Filmindustrie im Begriff zu sein, den Kontakt zur Lebenswirklichkeit, zum Hier und Jetzt ihrer Klientel zu verlieren. Tatsächlich zeitgemäßes Kino musste man in der Oscar-Auswahl dieses Jahres jedenfalls mit der Lupe suchen. Stattdessen gab der Klassizismus den Ton vor: Die beiden Filme, auf die sich heuer die meisten Nominierungen verteilten – das sehr bühnenhafte Historienepos „The King’s Speech“ und der ­düstere Western „True Grit“ –, gerieren sich betont zeitlos, gefallen sich als Instant-Klassiker, als Kinoerzählungen alter ­Schule. Auch das Boxerdrama „The Fighter“ und der Digitaltrickfilm „Toy Story 3“ erinnern ihrer Form nach noch an die großen Zeiten Hollywoods, sind weitere Beispiele für jene unstillbare Retro-Sehnsucht, die so gut zur Beständigkeit der Oscar-Abende passt. In dieser Umgebung muss sogar ein Film wie „The Social Network“, David Finchers kühle Abrechnung mit Facebook-Mastermind Mark Zuckerberg, wie ein Fremdkörper wirken, wie ein Objekt aus der Zukunft – und erst recht sticht Darren Aronofskys delirierender Ballett-Schocker „Black Swan“ vom Akademismus des typischen Oscar-Kinos ab. Kleine unabhängige – und lebensnähere – Produktionen wie Debra Graniks beeindruckendes White-Trash-Drama „Winter’s Bone“ und Lisa Cholodenkos Patchwork-Comedy „The Kids Are All Right“ sind weiterhin Oscar-Randerscheinungen: Man braucht sie, um sich ein Mindestmaß an Respekt zu verschaffen, aber man schiebt sie am Ende wie die ungeliebten Kinder ins Hinterzimmer ab, damit sie nicht dabei stören, wenn im Salon die Erwachsenen feiern.

Wenn man dem alten Hollywood Boulevard im kalifornischen Los Angeles auch längst nicht mehr ansehen kann, dass er einst als Prachtstraße im Herzen der amerikanischen Filmmetropole galt, so ist er doch, wenigstens symbolisch, ­immer noch die Hauptschlagader des US-Kinobetriebs: Im Kodak Theatre, Ecke Highland Avenue und Hollywood ­Boulevard, werden die Oscars seit 2002 vergeben – von einer durchaus überalterten Oscar-Jury, die aus rund 6000 Film­professionisten besteht, aus Branchenvertretern aller fürs Kino relevanten Berufsgruppen. Das Durchschnittsalter der Mit­glieder der ehrwürdigen Academy of Motion Picture Arts and Sciences: 57.

Schon im vergangenen November wurden die Ehren-Oscars in Los Angeles vergeben, auch sie allesamt Auszeichnungen für weiße alte Männer: Sie gingen an den britischen Kinohistoriker Kevin Brownlow, 72, an den 95-jährigen US-Schauspieler Eli Wallach sowie, in Abwesenheit des gänzlich desinteressierten Preisträgers, an den 80-jährigen Filmemacher Jean-Luc Godard. Francis Ford Coppola, mit 71 der Jüngste im Bunde, wurde für sein Lebenswerk mit dem Irving G. Thalberg Memorial Award geehrt.

Seit 1929 werden die Academy Awards im Rahmen der Oscar-Gala vergeben, seit 1953 wird diese auch im Fernsehen übertragen, inzwischen in über 200 Länder weltweit. Der Oscar ist schon dieser Streuwirkung wegen nicht ohne Macht: Er kann Einspielergebnisse und Schauspielermarktwerte heben, kann die Laufbahnen von Regisseuren, Autoren, Kameraleuten und Filmtechnikern beflügeln – und komplizierte Machtverhältnisse in Hollywood neu ordnen. Die jährliche Vergabe der goldglänzenden Trophäen für konsensfähige filmkünstlerische Verdienste hat ein Ziel, das all die Egomanen und Karriere-Einzelkämpfer der nordamerikanischen Filmszene wenigstens einen Abend lang eint: die langfristige Erhaltung der traditionellen Weltherrschaft amerikanischer Laufbilder. Und die Academy-Award-Show leidet, wenigstens in den USA selbst, derzeit keineswegs unter schwindenden Popularitätswerten: Um ganze 14 Prozent war die TV-Quote der Live-Übertragung von 2009 auf 2010 gestiegen – auf rund 41,3 Millionen US-Fernsehteilnehmer.

Die hohen Erwartungen, die Hollywoods Produzenten noch immer an den Academy Award knüpfen, wachsen sich aber zuweilen zur ernstlichen Bedrohung aus. So kann bereits die Oscar-Favoritenrolle ein Produktionsunternehmen an den Rand des Ruins treiben: Die horrenden Kosten weit überzogener Werbekampagnen im Vorfeld der Feier sind oft kaum wieder einzuspielen. Und die Zugkraft der Oscars ist de facto beschränkt. Interessanterweise sorgt in den meisten Fällen eher die Nominierung für nennenswerte Profite als die Auszeichnung selbst. Die US-Regisseurin Kathryn Bigelow konnte mit dem Irak-Bombenthriller „The Hurt Locker“ in den Wochen nach ihrem Triumph bei den 82. Academy Awards vor genau einem Jahr an den US-Kinokassen gerade noch 2,3 Millionen Dollar einspielen. Die begehrte Oscar-Statuette bietet in diesem Zusammenhang übrigens selbst ein gutes Bild: Trotz ihres Gewichts von immerhin vier Kilo ist an ihr bezeichnenderweise nicht alles Gold. Die Kupfer- und Nickelanteile unterhalb der Goldschicht sind hoch.

Der Österreicher Stefan Ruzowitzky weiß das; er besitzt eine dieser Statuetten. Und er läuft seit drei Jahren der vagen Chance hinterher, einen größeren Film in Hollywood zu machen; seit seinem Oscar-Gewinn 2008 hat er sich in aufreibende taktische Verhandlungen mit US-Filmstudios verstrickt. Gegenwärtig bereitet er ein Krimi-Drama namens „Blackbird“ vor, geplante Fertigstellung: 2012. Man schreibt Filmgeschichte, wenn man im Kodak Theatre reüssiert, aber nicht unbedingt auch schwarze Zahlen. Das Evangelium nach Oscar ist alles andere als unfehlbar.