CONTRA: Brauchen Flüchtlinge in Österreich Werteschulungen?

CONTRA: Brauchen Flüchtlinge in Österreich Werteschulungen?

Brauchen Flüchtlinge in Österreich Werteschulungen? Diese Frage entzweit die Politik - und die profil-Redaktion. CONTRA: Eva Linsinger.

Operation Schweinsbraten

Seit der Begriff Leitkultur erfunden wurde, bieten Werte-Debatten einen Vorwand, sich von "Fremden“ abzugrenzen und Rechtswähler bei Laune zu halten.

Werte können verflixt schlüpfriges Terrain darstellen. Niemand weiß das besser als Frank Stronach: Unnachahmlich knödelte der Polit-Sonderling seine Werte "Fairness, Transparenz, Wahrheit“ und beteuerte bei jeder unpassenden Gelegenheit: "Die Werte müssen stimmen.“ Blöd bloß: Als moralischer Kitt für sein Team taugten die Werte nicht, fast die Hälfte seines Nationalratsklubs ist mittlerweile entfleucht.

Trotz dieses veritablen Bauchflecks machte die vollmundige Beschwörung vager Werte Schule. Integrationsminister Sebastian Kurz, Meister im Streuen von blumigen Wortteppichen, will Flüchtlinge zu Werte-Kursen verpflichten. Eine reichlich krude Prioritätensetzung: Bund, Länder und Gemeinden waren bisher nicht in der Lage, Asylwerbern minimale Standards wie ein Dach über dem Kopf zu bieten, Tausende werden in Zelten überwintern müssen. 16-Jährige Flüchtlinge werden aus Schulen gekickt. Die Wartezeit auf Deutschkurse beträgt Monate. Und der Integrationsminister sorgt sich ausgerechnet um Werte?

Seit der deutsche CDU-Politiker Friedrich Merz vor 15 Jahren den Begriff "Leitkultur“ erfand und mit drohendem Unterton urgierte, Muslime müssten "unsere Sitten und Gebräuche akzeptieren“ bieten Wertedebatten eine willkommene Folie, sich mit großer Geste von "Fremden“ abzugrenzen, Angst und Abwehrhaltung zu schüren und Rechtswähler bei Laune zu halten. Mehr als schwammig-ideologisches Pathos war nie das Resultat, kein Wunder: Die Frage, was unsere Sitten sind, lässt sich nur gefühlt beantworten.

Debatte: Brauchen Flüchtlinge in Österreich Werteschulungen? PRO: Clemens Neuhold

Der statistisch durchschnittliche Österreicher verdrückt jährlich 70 Kilo Fleisch, 108 Liter Bier und 29 Liter Wein, hat eher Goldfische als Katzen, verbringt 25 Jahre in Pension, duscht jeden zweiten Tag und heißt am häufigsten Gruber, Eder, Moser und Pichler. Jeder Zweite ist fremdenfeindlich, jeder Dritte raucht, jeder Sechste ist übergewichtig, jeder 33. bei der Feuerwehr, bei der Kartenreservierung im Burgtheater gibt es 267 Titel zur Auswahl. Welche dieser Sitten sollen Flüchtlinge annehmen? Reicht ein Frühpensionsantrag, um als integrationswillig durchzugehen? Muss es ein Schweinsbraten mit Bier sein? Oder gar ein Hofratstitel?


Sehnsüchte nach der kulturell und soziologisch homogenen Nachkriegszeitgesellschaft passen nicht ins Jahr 2015.

Die Vermessung, welche Werte Österreich zusammenhalten, ist philosophisch interessant, wird aber zwischen knorrigen katholischen Bergbauern in Tirol und berufsjugendlichen atheistischen Vintage-Fahrradhändlern in Wiener Bobo-Vierteln nicht auf einen gemeinsamen Wertekanon zu bringen sein. Das ist auch gut so, Meinungsfreiheit bildet einen Grundpfeiler der Demokratie - in der getrost liberale Globalisierungstrommler mit rigiden Marktregulieren, Volksmusik-Machos mit Binnen-I-Versteherinnen, emphatische Bahnhofs-Helfer mit ängstlichen Abschottungsfans um Diskurshegemonie ringen können. Derartige Kluften entwerten einen aufgeklärten Staat nicht, im Gegenteil: "Zunehmende Vielfalt von Lebenswelten ist für moderne Gesellschaften charakteristisch“, wie Dieter Oberndörfer, ein Doyen der deutschen Politikwissenschaft, postulierte. Österreich ist eben kein selbstbewusstes Einwanderungsland. Es blickt lieber zurück anstatt nach vorne. Bis heute kann in Latein oder Altgriechisch maturiert werden, aber nicht in Türkisch.

Retro-Sehnsüchte nach der kulturell und soziologisch homogenen Nachkriegszeitgesellschaft passen nicht ins Jahr 2015. Pluralismus ist zumutbar, kleinmütiger Regelungsdrang eine unnötige Beschränkung. Alle verbindlichen Grundregeln für das Zusammenleben sind ohnehin in der Rechtsordnung verankert: Wer Frau oder Kinder schlägt oder den Holocaust leugnet, verstößt nicht gegen Werte, sondern gegen Gesetze. Aufklärung über den Rechtsstaat und das Funktionieren der heimischen Demokratie, von hehren Leitlinien wie dem Wahlrecht bis zu banalen Spielregeln wie Mülltrennung und Ladenschlusszeiten schadet niemandem, Schülern nicht und Neuankömmlingen aus anderen Weltgegenden noch weniger.

Werte hingegen werden besser vorgelebt - und nicht vorgegaukelt. Wenn dem offiziellen Österreich Werte wie Gleichberechtigung von Frauen oder Gleichbehandlung von Homosexuellen derart wichtig sind, bringt es wenig, sie ausgerechnet Flüchtlingen einzubläuen. Selbst wenn man den Kalauer über Oberösterreichs Männer-Regierung auslässt: In allen internationalen Rankings über Aufstiegs- und Gehaltschancen von Frauen landet Österreich verlässlich auf den hinteren Rängen der Erste-Welt-Staaten. Rechte für Lesben und Schwule werden nur dann in Trippelschritten gewährt, wenn Höchstgerichte sie erzwingen - aktuell prüft der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, wieder einmal, Österreich, diesmal, weil Homosexuellen die Verpartnerung am Standesamt verwehrt wird.

Wenn schon Werteschulungen - dann für alle. Gerade auch für jene Teile der autochthonen Bevölkerung, die sich hartnäckig weigern, im 21. Jahrhundert anzukommen.

eva.linsinger@profil.at

Twitter: @evalinsinger

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