Nathalie Borgers: „Jörg Haider ist kein Mythos mehr”

Nathalie Borgers: „Jörg Haider ist kein Mythos mehr”

Die Dokumentarfilmerin Nathalie Borgers spürt in ihrem Film "Fang den Haider“ der anhaltenden Faszination des Rechtspopulisten nach. Ein Gespräch über Weltbilder, Emotionspolitik und sich entziehende Zeitzeugen.

profil: Im Herbst 2008 starb Jörg Haider. In Kärnten scheint seine Faszination ungebrochen zu sein. Sie versuchen in "Fang den Haider“ nun die Verführungskraft dieses Politikers zu ergründen. Kann man ein ideologisch derart besetztes Thema objektiv behandeln?
Nathalie Borgers: Ich weiß nicht, ob ich objektiv bin, aber ich bin extrem neugierig. Ich will mich überraschen lassen und die Psychologie der Menschen möglichst vorurteilsfrei ergründen.

profil: Sie wollten Haider zu seinen Lebzeiten nie persönlich treffen. Warum?
Borgers: Ich drehte schon 2001 ein Porträt über die "Kronen Zeitung“, um keinen Film über Jörg Haider machen zu müssen. Ich lebte damals in Paris, und eine Freundin aus Österreich hatte mich alarmiert; es sei schrecklich, was durch die Machtübernahme der FPÖ passiert sei, ich müsse unbedingt einen Film dazu machen. Allerdings wollte ich Haider auf keinen Fall porträtieren, um ihm nicht noch eine Plattform zu geben. Der Film über die "Kronen Zeitung“ bot mir dann die Gelegenheit, die Stimmung im Land auf andere Weise wiederzugeben.

FANG DEN HAIDER - Trailer

profil: Hatten Sie Angst, in den Bann des Haider’schen Charmes zu geraten?
Borgers: Vielleicht. Ich befürchtete, dass seine Verführungskraft auch mich erreichen könnte. Wenn man Leute filmisch dokumentieren will, muss man ihnen wirklich nahe kommen, Tage mit ihnen verbringen. Das hätte ich mit Jörg Haider ungern gemacht.

profil: Und dennoch wenden Sie sich dem speziell österreichischen Rechtspopulismus immer wieder zu.
Borgers: Erstens lebe ich seit vier Jahren wieder in Wien. Und dann kontaktierten mich Produzenten aus Deutschland und Österreich, ich solle dieses Thema bearbeiten. Man wollte den Blick von außen, aber von jemandem, dem Österreich nicht ganz fremd war. Zunächst wollte ich ablehnen, weil ich keine Lust mehr hatte, schon wieder dieses Terrain zu betreten. Dann fand ich es aber doch auch wichtig, dies zu tun - insbesondere mit der neuen Hochkonjunktur der Rechtspopulisten in ganz Europa.

profil: Sie hätten ja über die europäische Situation einen Film machen können, nicht über einen seit Jahren toten Politiker. Festigt Ihr Film nicht auch den Mythos Haider?
Borgers: Ich wollte eben Leuten wie Viktor Orbán, Geert Wilders oder Marine Le Pen kein Forum geben - und genau deshalb kommt ja auch Heinz-Christian Strache in meinem Film nicht vor. Und ich glaube nicht, dass Haider noch ein Mythos ist: Er ist tot, das erledigt sich von selbst. Die üblen Folgen seiner Politik kann heute jeder überprüfen. Ich glaube, dass der Film eher eine Dekonstruktion der Welt Haiders geworden ist als eine Konstruktion.

profil: Wie unterscheidet sich der rechtspopulistische Prototyp Haider denn von seinen vielen Nachfolgern?
Borgers: Ein großer Unterschied besteht in dem Verdacht, als Österreicher dem Nationalsozialismus nahe zu stehen. Mit der NS-Nostalgie spielte Haider ja stets. Erst ganz zum Schluss begriff er, dass ihm das nicht guttat.


Ich wollte diesen Mann und sein Wirken vielleicht nicht naiv, aber doch mit neuen Augen betrachten.

profil: Sie scheinen das Phänomen Haider eher über das Gefühl aufschließen zu wollen als über politische Analyse. Die Hypo Alpe-Adria etwa kommt bei Ihnen nur eher am Rande vor. Wieso wählten Sie diesen Zugang?
Borgers: Es gibt zum Thema hervorragende Bücher exzellenter Politikwissenschafter. Es ist sehr viel zu Haider erschienen, nicht zuletzt in Ihrem Medium. Ich wollte diesen Mann und sein Wirken vielleicht nicht naiv, aber doch mit neuen Augen betrachten.

profil: Sie haben auch versucht, Claudia Haider für Ihren Film zu interviewen. Was hätte sie denn einbringen können?
Borgers: Die persönliche Seite: Wie schaffte es Haider, das Private und die Politik so subtil ineinander zu verschränken? Auch Haiders Töchter weigerten sich nach langen Diskussionen schließlich, sich von mir filmen zu lassen. Immerhin erklärte sich Haiders Schwester Ursula Haubner dazu bereit.

profil: Auch Stefan Petzner wollte sich nicht mit Ihnen treffen. Was hätten Sie ihn denn gefragt?
Borgers: Wie das lief mit der Gründung des BZÖ beispielsweise. Erst danach begann Haider sich ja von der Kriegsgeneration zu distanzieren. Und diesen Schritt konnte er erst setzen, nachdem sein Vater gestorben war.

profil: Nach der privaten Beziehung zwischen Petzner und Haider hätten Sie nicht gefragt?
Borgers: Ich weiß nicht. Ich habe den Eindruck, in dieser Beziehung herrscht auch unter Journalisten so eine Art Schweigegebot. Als wäre das zu persönlich. Die einzige sozial relevante Konsequenz aus Haiders Interesse an jungen Männern war, dass er viele in die Politik gebracht hat, obwohl sie keine Ahnung davon hatten.

profil: Viele Kärntner glauben bis heute, Haider sei einem Attentat zum Opfer gefallen. Im Film heißt es, Haider müsste heute eigentlich auf der Anklagebank sitzen, und er könnte diese Schmach kaum ertragen. War es doch Selbstmord?
Borgers: Vielleicht unbewusst. Diesem Gedanken stehe ich näher als der Version, er sei umgebracht worden.


Er hat an diesem Tag nicht aufgepasst. Das passierte in seinem Leben sonst nur selten.

profil: Voll betrunken mit dem Auto verunglücken - das war kein besonders glamouröser Abgang.
Borgers: Er hat an diesem Tag nicht aufgepasst. Das passierte in seinem Leben sonst nur selten. Er hatte sich und andere sonst immer unter Kontrolle.

profil: Gab es politische Interventionen gegen Ihren neuen Film?
Borgers: Nein, wir waren ganz frei. Der ORF ist gefragt worden, Co-Produzent zu sein, aber ich hielt das für keine gute Idee. Es wäre vielleicht finanziell günstiger gewesen, aber ich bin froh, dass der ORF nicht mitgemacht hat. So hatte ich die Freiheit, die ich wollte.

profil: Der ORF hat abgesagt?
Borges: Ja, die Gründe dafür habe ich nicht erfahren. Es hieß, der ORF hätte schon eigene Filme zu Haider gemacht.

profil: Wolfgang Schüssel kommt bei Ihnen nur auf Archivbildern vor. Er maßregelt Haider im Parlament, dann kommt das berühmte Bild der beiden in Haiders Porsche. Wie sehen Sie den früheren Bundeskanzler Schüssel?
Borgers: Er ist an dem ganzen Debakel mitverantwortlich, aber niemand spricht über ihn. Das verstehe ich nicht.

profil: Haben Sie den Eindruck, dass Sie am Ende dieser Reise besser verstanden haben, warum er so ein großer Verführer war?
Borgers: Er hat schon einige Fähigkeiten gehabt. Er war gerne unter Menschen und hat den Eindruck gemacht, gut zuzuhören und zu verstehen. Ein Populist eben. Dadurch und durch seine Unterhaltungspolitik hat er sich Freunde gemacht. Dann hat er auch Feindbilder erfunden und damit Ängste geschürt, um sich als Beschützer zu präsentieren. Aber er brauchte auch viel Geld, um seine Freunde bei Laune zu halten.

profil: Inzwischen ist jeder Österreicher an den 19 Milliarden Euro Haftungen des Landes Kärnten beteiligt. Trotz der Skandale ist Haiders Ruf in Kärnten noch immer weitgehend intakt.
Borgers: Die Stimmung ist gekippt. Am Anfang meines Drehs sind die Skandale gerade geplatzt, da haben ihn noch viele verteidigt. Doch ein Jahr später habe ich gemerkt, dass sogar Menschen, die ihn sehr geschätzt hatten, nunmehr echt enttäuscht von ihm waren. Die Hälfte seiner Wähler haben bemerkt, dass sie sich von ihm verführen ließen. Aber es gibt einen harten Kern von Leuten, die ihn immer verehren werden.

Nathalie Borgers, 50,

absolvierte in Brüssel eine Journalismusausbildung und in San Francisco ein Filmstudium. Seit den 1980er-Jahren dreht sie Dokumentarfilme. Die Belgierin, die das Jahr 1992 in Wien verbrachte, befasst sich in ihren Filmen mit dem Balkankrieg ("Truth Under Siege“, 1994), mit Nomadinnen in der Sahara ("Die Frauenkarawane“, 2009) und den eigenen Familiengeheimnissen ("Liebesgrüße aus den Kolonien“, 2011), aber immer wieder auch mit der speziellen österreichischen Medien- und Politszene. Ihre Arbeit "Kronen Zeitung - Tag für Tag ein Boulevardstück“ erregte 2002 vor allem jener Szene wegen Aufsehen, in der Blattchef Hans Dichand dem damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil bei Kaffee und Kuchen Order gibt. Seit 2011 lebt und arbeitet Borgers wieder in Österreich.