„Drehscheibe“-Chef Norbert Ceipek: „Diese Kinder werden ausgebeutet“

„Drehscheibe“-Chef Norbert Ceipek: „Diese Kinder werden ausgebeutet“

Norbert Ceipek, Leiter der Wiener „Drehscheibe“, über reiche Roma-Clanchefs, ein Ausbildungscamp für Taschendiebe, verkaufte Kinder und die Identitätssuche über Google Earth.

Er war klein und schmächtig und nach eigenen Angaben erst zwölf Jahre alt. Dennoch saß der Bursche wegen des Verdachts auf Taschendiebstahl in 25 Fällen 16 Tage in Untersuchungshaft und musste sich vor dem Wiener Landesgericht für Strafsachen verantworten. Der Richter ließ ihn gehen. Das Alter des Angeklagten sei nicht eindeutig feststellbar – und strafmündig ist man in Österreich erst mit 14. Der Fall erregte jüngst einiges Aufsehen. Stimmen die Angaben des jungen Bosniers, saß ein Kind im Gefängnis. Haben Staatsanwalt und Amtsarzt Recht, nützt der junge Mann sein kindliches Aussehen, um straffrei zu bleiben. Fälle wie diesen gibt es immer wieder. Sehr oft landen sie in der „Drehscheibe“, einer sozialpädagogischen Einrichtung der Stadt Wien, die sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Fremde kümmert. Norbert Ceipek ist Leiter der Institution und ein gefragter Experte, der zu Vorträgen in ganz Europa eingeladen wird. Ceipek pflegt Klartext zu reden und hat sich ­damit schon eine Menge Schwierigkeiten eingehandelt.

profil: Sie haben die Entscheidung des Richters kritisiert, den angeblich zwölfjährigen Bosnier freizulassen. Aber was soll die Justiz tun, wenn sich das Alter eines Angeklagten nicht feststellen lässt?
Norbert Ceipek: Ich habe nur gesagt, dass der Richter den Buben dazu verurteilt hat, weiter zu stehlen. Er wird jetzt irgendwo anders eingesetzt und muss das nachholen, was er versäumt hat, weil er zwei Wochen im Gefängnis saß. Wir in der „Drehscheibe“ kennen den Burschen und haben gesagt, dass er ungefähr 16 Jahre alt ist. Der Amtsarzt schätzte ihn sogar auf 16 bis 18 Jahre. Aber der Richter hat ihm geglaubt, dass er erst zwölf ist. Daraufhin kam der Bub zu uns, hat uns den Mittelfinger gezeigt und ist sofort wieder gegangen.

profil: Wie lief das genau ab?
Ceipek: Die Polizei hat ihn zu uns gebracht. Als die Beamten die Autotür zumachten, hat er die 20 Euro gefordert, die ihm vom Gericht her zustanden. Dann drehte er sich um und ging. Ich hatte keine Möglichkeit, ihn festzuhalten.

profil: Gibt es derzeit besonders viele Taschendiebe? Angeblich ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen 70 Mitglieder einer Bande.
Ceipek: Wir hatten vor ein paar Jahren eine Serie mit bulgarischen Jugendlichen, da gab es bis zu 700 Vorfälle pro Tag. In Zusammenarbeit mit den bulgarischen Behörden haben wir das sehr gut in den Griff bekommen. Wir hatten einen Rückgang um 80 Prozent. Jetzt kommen wieder vermehrt Jugendliche, die behaupten, dass sie aus Bosnien stammten. Dort sind sie aber unbekannt. Die Hintermänner dieser Bande wissen genau, dass es in Bosnien derzeit drunter und drüber geht. Da können sie ungehindert arbeiten.

profil: Sie sagten vor Kurzem, dass niemand die Situation thematisiert, weil diese Jugendlichen Roma sind.
Ceipek: Ich wurde im Vorjahr von der eigenen Gewerkschaft des Rassismus bezichtigt und hatte Sprechverbot, weil ich sagte, was Faktum ist: Die Kinder, die wegen solcher Sachen zu uns kommen, sind zu 100 Prozent Roma. Diese Kriminalität findet im Rahmen einer Organisation statt, die von den eigenen Leuten straff geführt wird. Warum soll ich lügen? Man hat mir vorgeworfen, ich verbreite Antiziganismus. Aber da geht es um Kinder, die von Erwachsenen ausgebeutet werden. Es gibt etwa 40 solche Clanchefs, die unheimlich reich werden und ihre eigenen Landsleute ausbeuten. Wenn wir uns darauf einigen, dass es diese Gruppe gibt, können wir Maßnahmen dagegen setzen. Diese Leute dienen vielen auch als Vorwand für die Diskriminierung der Roma. Weil einige wenige kriminell sind, wird der Rückschluss auf alle gezogen.

profil: Wie alt sind die Kinder, die zu Ihnen in die „Drehscheibe“ kommen?
Ceipek: Nach eigenen Angaben sind sie alle unter 14. Aber ich kann das schwer glauben, wenn ich mir diese Bilder ansehe. (Ceipek zeigt mehrere Seiten Computerausdrucke mit den Fotos seiner Schützlinge.) In manchen Fällen fragt man sich schon: Wo hat der Amtsarzt da hingeschaut? Mir geht es über die Hutschnur, mit anzusehen, wie diese Kinder verheizt werden. Das sind noch Kinder, auch wenn sie schon 15 oder 16 sind. Sie können nicht lesen oder schreiben und müssen jeden Tag mindestens 300 Euro abliefern. Aber wir haben keine Handhabe, da einzugreifen, weil die Hintermänner so viel Druck ausüben. Diese Kinder haben keine Angst vor uns, auch nicht vor der Polizei, nur vor ihren Hintermännern.

profil: Womit werden sie bedroht?
Ceipek: Das läuft ganz subtil: Die Schwester ist in einer anderen Gruppe und bekommt vielleicht Schwierigkeiten. Oder die Eltern haben Geld bekommen, und wenn man nicht tut, was sie sagen, hat man kein Haus mehr. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Kinder nichts anderes kennen. Sie werden zum Teil schon mit vier Jahren in Ausbildungscamps trainiert.

profil: Haben Sie so etwas einmal gesehen?
Ceipek: Ja, in Bulgarien. Die Polizei dort hatte ein Lager ausgehoben und mich eingeladen, mir das anzusehen. Das war ein Raum wie dieser hier. Die Hälfte war eingerichtet wie ein Supermarkt. Außerdem gab es eine Puppe, an der überall Glöckchen montiert waren und in der eine Geldbörse versteckt war. Die Kinder mussten herausfinden, wo diese Geldbörse steckt und sie möglichst leise herausholen.

profil: Welche Rolle spielen die Eltern?
Ceipek: Die Eltern stellen die Kinder zur Verfügung. Da geht es um Geld. Vor ein paar Jahren hat ein solches Kind bis zu 20.000 Euro gebracht. Ich weiß nicht, wie die Preise jetzt sind, durch die Wirtschaftskrise sind sie gesunken.

profil: Die Eltern verkaufen ihre Kinder?
Ceipek: Das Geld wechselt den Clan. Wenn ein Kind für drei Monate ausgeborgt wird, bekommt die Familie vielleicht 3000 oder 4000 Euro. Nach drei Monaten kommt das Kind zurück.

profil: Auffällig ist, dass es sich hauptsächlich um Mädchen handelt.
Ceipek: Taschendiebstahl ist eine Domäne der Mädchen. Sie sind geschickter und fallen weniger auf.

profil: Geht es dabei nur um Diebstahl oder landen einige auch in der Prostitution?
Ceipek: Aus dieser bosnischen Gruppe haben wir von der Sitte noch niemanden bekommen. Es gab schon Mädchen, vorwiegend aus Ungarn, die auf den sogenannten Loverboy-Trick hereingefallen sind. Meist waren das Mädchen aus Heimen, die nach Österreich gelockt wurden. Hier hat sich dann herausgestellt, dass die große Liebe Vermittler eines Zuhälters war. Aber das waren Einzelfälle.

profil: Welchen Ausweg sehen Sie?
Ceipek: Der erste Schritt ist, die Hintermänner hier in Österreich auszuforschen. Dann haben die Kinder keine Wohnung mehr und damit auch keinen Fluchtgrund. Sie würden bei uns bleiben, wir könnten mit ihnen arbeiten und mit den Behörden in ihrem Heimatland oder mit den Eltern Kontakt aufnehmen.

profil: Warum findet man diese Hintermänner nicht?
Ceipek: Die Kinder sind gewieft. Aber es ist wahrscheinlich auch eine Frage der Ressourcen. Für das Delikt Menschenhandel sind im Bundeskriminalamt nur sechs oder sieben Beamte zuständig.

profil: Was können Sie Kindern anbieten, die kooperieren wollen?
Ceipek: Da gibt es zwei Varianten. Entweder wir bringen sie in ihre Heimat zurück, und es wird dafür gesorgt, dass ihnen nichts passiert. Sie leben dann in anonymen Wohngemeinschaften oder in einem Krisenzentrum. Oder wir lassen sie hier bleiben und sie können etwas lernen. Das Problem ist, dass sie gehen müssen, sobald sie 18 sind. Dann haben wir ihnen in der Heimat die Wurzeln genommen und können ihnen hier auch keine bieten. Es ist uns recht gut gelungen, in vielen osteuropäischen Ländern Zentren zu finden, die mit uns zusammenarbeiten. Wenn Sie sich an die drei Buben erinnern, die vor Kurzem in Wien ausgesetzt wurden …

profil: … sie gaben an, dass der eigene Vater sie in Wien gelassen habe, weil sie nicht mehr betteln wollten.
Ceipek: Die drei stammten aus Varna. Ich hab den Bulgaren gesagt, sie sollen die Buben bitte weit weg von dort unterbringen, damit die eigene Community sie ja nicht findet. Sie leben jetzt 400 Kilometer entfernt in einem Heim. Ich habe vor ein paar Tagen mit dem Leiter telefoniert. Es geht ihnen ausgezeichnet, sie gehen zur Schule und wollen am Nachmittag nichts anderes als Fußball spielen.

profil: War die Geschichte dieser Buben für Sie glaubwürdig? Man kann sich so schwer vorstellen, dass ein Vater einfach seine Kinder aussetzt.
Ceipek: Ich habe ihnen geglaubt. Für mich ist das auch nicht vorstellbar. Aber diese Familien haben oft sehr viele Kinder. Da hat das einzelne einen geringeren Stellenwert. Bis vor Kurzem sind Kinder oft gar nicht offiziell registriert worden. Wir hatten einmal ein Mädchen hier, das sexuell missbraucht wurde und auch in der Psychiatrie war. Sie kam aus Serbien. Also haben wir mit Serbien Kontakt aufgenommen. Die Rückmeldung war: Dieses Kind existiert nicht, die ganze Familie existiert nicht. Über Google Earth konnte uns das Mädchen aber genau das Haus zeigen, in dem es gewohnt hat. Es stellte sich heraus, dass weder das Kind noch die Mutter registriert war. Um für das Mädchen einen Reisepass zu bekommen, musste erst einmal die Mutter registriert werden.

profil: Wird in den Herkunftsländern dieser Menschen genug getan? Müssten sich etwa Rumänien und Bulgarien mehr um die Minderheit kümmern?
Ceipek: In meinem Bereich, also in der Sozialarbeit, ist in den vergangenen fünf, sechs Jahren sehr viel passiert. Früher saßen in Rumänien und Bulgarien lauter alte Apparatschiks. Jetzt sind das junge Kollegen, die alle studiert haben und etwas bewegen wollen.

profil: Die EU zahlt viel Geld, um die Situation der Roma zu verbessern. Warum tut sich so wenig?
Ceipek: Ein deutscher SPD-Politiker hat mich neulich angerufen und gefragt: „Was sollen wird denn noch tun? Wir haben schon zehn Milliarden Euro investiert.“ Ich sagte: „Aber ihr habt die Kontrolle vergessen.“ Das meiste Geld fließt zu den großen Roma-Vereinen, weil die sich Rechtsanwälte leisten können, die genau wissen, wie man Förderungen beantragt. Die kleinen Vereine wollen wirklich mit den Leuten arbeiten, aber sie kommen an diese Fördergelder nicht heran, weil sie die Bürokratie nicht überblicken. Deshalb wird ein großer Teil der Förderungen nicht angefordert und verfällt. Vor drei Monaten war ich im Roma-Viertel von Burgas und habe mit dem dortigen Chef gesprochen. Er wollte von mir wissen, was er tun muss, damit er den Kindern wenigstens Schulbücher kaufen kann. Die arbeiten unheimlich gut und konzentriert. Aber das Geld landet woanders.

profil: Was wird aus Jugendlichen, die nichts anderes gelernt haben, als zu stehlen?
Ceipek: Wenn man ihnen eine Perspektive bietet, ein bisschen Ausbildung, vielleicht so etwas wie eine Lehre, kann ein kleiner Prozentsatz auf eine gute Schiene kommen. Aber wenn sie zum Stehlen zu alt sind, werden viele gleich verheiratet, bekommen Kinder und es geht wieder von vorne los.

Foto: Christian Wind