Eckehard Quin: "Das ist nur die zweitbeste Lösung"

Eckehard Quin: "Das ist nur die zweitbeste Lösung"

Eckehard Quin, Chef der Lehrergewerkschaft, kritisiert die Gratis-Nachhilfe.

profil: In einem Radio-Interview haben Sie die von der Stadt Wien geplante Gratis-Nachhilfe für AHS-Schüler kritisiert. Was haben Sie gegen kostenlose Bildungsmaßnahmen?
Eckehard Quin: Grundsätzlich begrüße ich jedes zusätzliche Angebot, aber in Wien wird nur die zweitbeste Lösung gewählt, wenn in den Volkshochschulen nicht entsprechend qualifiziertes Personal zum Einsatz kommt. Es wäre besser gewesen, das in den Schulen selbst die Fachlehrer machen zu lassen, die die Kinder kennen beziehungsweise jederzeit mit deren Lehrern kommunizieren können.

profil: Sie haben es aber schon bisher nicht geschafft, sie entsprechend zu unterrichten. Sonst gäbe es ja nicht diesen großen Nachhilfe-Bedarf.
Quin: Der ist geringer als in anderen Ländern. In Japan bekommen laut PISA 70 Prozent der Schüler Mathematik-Nachhilfe, bei uns sind es nur 23 Prozent.

profil: Betroffene Familien kostet die Nachhilfe bis zu 950 Euro pro Kind und Jahr. Die haben nichts davon, dass es in Japan noch teurer ist.
Quin: Ich habe ja überhaupt nichts dagegen, dass die öffentliche Hand die Nachhilfe für Schüler bezahlt, deren Eltern es finanziell schwer haben. Ich sage nur: Es wäre besser gewesen, das in den Schulen zu machen.

profil: In Form von bezahlten Überstunden, nehme ich an.
Quin: Wenn der Staat eine Leistung verlangt, dann muss er sie auch bezahlen.

profil: Der Staat verlangt von den Lehrern die Leistung, den Schülern Mathematik beizubringen. Bei einem Viertel der Schüler erbringen die Lehrer diese Leistung in ihrer Dienstzeit nicht.
Quin: Das ist jetzt aber so, als würde ich von einem Fitnesstrainer erwarten, dass er mich zu einem Kurzstreckenläufer macht, der die 100 Meter in zwölf Sekunden schafft. Das wird ihm nie gelingen, so wie es nicht gelingen wird, alle Schüler auf einen wünschenswerten Stand zu bringen.

profil: Könnte Ihre Skepsis gegen die Gratis-Nachhilfe auch damit zusammenhängen, dass viele Lehrer Bezahl-Nachhilfe geben und ihnen jetzt ein Körberlgeld entgeht?
Quin: Es ist nicht meine Aufgabe, mich für Nachhilfemöglichkeiten von Lehrern starkzumachen.

profil: Uns sind durchaus Fälle bekannt, in denen ein Lehrer seine scheiternden Schülern an einen befreundeten Kollegen zur Nachhilfe weiterreicht - und umgekehrt.
Quin: Das sollte wirklich nicht sein.

INTERVIEW: HERBERT LACKNER

Mehr zum Thema:

+++ Lehrer kritisieren Gratis-Nachhilfe in Wien +++