Freundschaft! David Finchers Facebook-Drama "The Social Network"

Facebook als Gewissensfrage: Netzwerk-Pionier Mark Zuckerberg wird in David Finchers ambivalentem Filmdrama "The Social Network" kritisch stilisiert.

Freunde sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Früher reichten schon zwei, drei Vertraute, um ein halbwegs zufrieden stellendes Sozialleben zu führen; inzwischen wird bekanntlich jeder, der weniger als 100 Freunde hat, für einen Verlierer reinsten Wassers gehalten - zumindest im großen Buch der Gesichter, in jenem Paralleluniversum, das Facebook heißt und derzeit eine gute halbe Milliarde Menschen nicht nur virtuell beherbergt, sondern den meisten Mitgliedern auch ein veritables Lebens- und Suchtzentrum gibt.

Aber Hollywoods Spielverderber sind stets schnell zur Stelle, wenn die Welt sich drastisch ändert. David Finchers neue Arbeit "The Social Network" (Österreich-Kinostart: 8. Oktober) enttarnt die schöne Online-Kommunikation als hässliches Reich der Lügen, Intrigen und Business-Deals; der Film detailliert in aller Fabulierfreiheit den unerhörten Aufstieg des Mark Zuckerberg, des prototypischen Techno-Geeks und College-Sonderlings zum Multimilliardär - Zuckerbergs Vermögen wird derzeit mit knapp sieben Milliarden Dollar veranschlagt. "The Social Network" blickt dem Harvard-Studenten Zuckerberg gleichsam über die Schulter, versucht herauszufinden, wie aus Freizeitprogrammiererei 2004 eine solche Karriere wurde, wie das Exhibitionismus-Netzwerk Facebook in die Welt kam. Eine schöne Geschichte ist das nicht: Es geht um Plagiatsvorwürfe und Abfindungen, um Neid, Zynismus und Egozentrik.

Gemeinsam mit seinem formidablen Hauptdarsteller Jesse Eisenberg zeichnet Fincher ein wenig schmeichelhaftes Zuckerberg-Porträt, entwirft in schönster Hollywood'scher Ambivalenz aber auch das Bild einer wortgewandten, hochbegabten, in jedem Sinne coolen Figur. Mythologisierung und Kritik gehen in diesem Film Hand in Hand. In dem heute 26-jährigen Mark Zuckerberg, der sich als Gründer und Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Facebook zum jüngsten Milliardär der Welt hochgearbeitet hat, fand David Fincher trotzdem keinen Freund - auch wenn Zuckerberg letzthin lächelnd behauptete, "The Social Network" sei "ein Spaß" - "a movie" eben, in dem sein Leben "viel dramatischer" dargestellt werde, als es tatsächlich gewesen sei. Im Vorfeld hatte die Facebook-Chefetage aber durchaus versucht, den Filmproduzenten einen Strich durch die Rechnung zu machen. Um sein Image ist Zuckerberg dieser Tage auch sonst sehr bemüht: Vor einer Woche erst kündigte er an, aus seiner Portokasse 100 Millionen Dollar als Spende in das Schul- und Bildungssystem in Newark, New Jersey, pumpen zu wollen. Ein Schelm, wer da an einen Zusammenhang zwischen Filmstart und neuem Altruismus denkt.

Wortgefechte.
Es gibt einfachere Aufgaben, als die Geschichte des Phänomens Facebook zu verfilmen. Menschen an Tastaturen, den Blick starr auf Bildschirme gerichtet, dazu Besprechungen, Wortgefechte und gerichtliche Einvernahmen: Als besonders filmisch gilt das alles nicht. Da hilft nur die Flucht nach vorn: "Fight Club"-Regisseur Fincher hat "The Social Network" daher, wie schon seine Serienkillerfabel "Zodiac" (2007), betont trocken inszeniert; bereits die erste Szene des Films, in der ein paranoider Zuckerberg den Bruch mit seiner Freundin provoziert (an dem er fortan leiden wird), bietet nichts als ein minutenlanges Zwiegespräch in einer Bar, aufgelöst in Schuss-Gegenschuss-Staccati, die den geschliffenen Dialogen (Drehbuch: "West Wing"-Autor Aaron Sorkin) perfekt entsprechen. Keine elaborierten Kamerafahrten, keine formalen Spiele, keine Kinohochtechnologie. Unspektakulär ist das neue Fulminant.

Das durchwegs virtuose Ensemble (u. a. mit Justin Timberlake als Napster-Gründer Sean Parker), das über exquisite Theatralik sein Material zur antiken Tragödie überhöht, kommt Finchers Film ebenso zugute wie der subtile Soundtrack des Nine-Inch-Nails-Musikers Trent Reznor. So wird die Facebook-Story zu einem (letztlich nicht ganz unkonventionellen) Drama der Lieblosigkeit. Das ist eine der vielen ironischen Botschaften dieses Films: Von intakten Freundschaften ist in "The Social Network" eher nicht die Rede.