Fuat Sanaç: „Was kann ich denn machen?“

Fuat Sanaç: „Was kann ich denn machen?“

Fuat Sanaç, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, über Integration, radikalisierte Jugendliche und Dschihadismus als Popkultur.

Interview: Edith Meinhart und Christa Zöchling

profil: Dschihad beschreibe die „Anstrengung auf dem Weg Gottes“, steht auf Ihrer Website. Warum werden Sie da nicht deutlicher?
Fuat Sanaç: Ich bin nicht erst seit gestern mit dem Thema befasst. Ob als Präsident der Glaubensgemeinschaft oder als Islam-Lehrer in Österreich oder vorher schon in Deutschland: Ich habe immer gegen Gewalt und für den richtigen Islam gepredigt.

profil: Überrascht es Sie, dass bei dem Wort „Dschihad“ heute viele Menschen vor allem an grauenhafte Bilder denken?
Sanaç: Wichtig ist die Quelle, und im Koran bedeutet Dschihad, sich anzustrengen, gegen eigene böse Eigenschaften zu kämpfen. Wenn Menschen daraus einen Krieg machen, ist das sehr bedauerlich.

profil: Inzwischen ist es unser aller Problem.
Sanaç: Ja. In diesem Krieg gibt es längst keine Regeln mehr. Am traurigsten stimmt mich, dass manche ihn wie ein Fußballspiel anschauen und jubeln, wenn Häuser zerstört oder Menschen getötet werden. In welcher Zeit leben wir? Mit dem Islam hat das nichts zu tun, das ist Barbarei.

profil: Warum haben Sie so lange gebraucht, um das in aller Deutlichkeit zu sagen?
Sanaç: Ich sage das doch nicht erst seit ein paar Wochen. Wir werden oft wie ein Tauschobjekt betrachtet: Wenn im Irak Christen getötet werden, fragt man mich, was ich dagegen mache. Ich bin nicht der Papst. Und selbst er kann nichts dagegen tun. Ich bin für die österreichischen Muslime zuständig.

profil: Die Krisenherde der Welt zeitigen auch hier bei uns Wirkung.
Sanaç: Das sind genau meine Worte. Niemand kann sagen, dieser Krieg gehe uns nichts an. Er kommt langsam auch zu uns. Das ist bedrohlich. Wir erleben ihn sogar auf unseren Handys. Bedenken Sie, viele Menschen in Österreich haben Wurzeln in diesen Ländern. Sie haben dort Eltern oder Großeltern und machen sich Sorgen, egal, ob sie muslimisch, christlich oder jüdisch sind.

profil: Was unternimmt die Glaubensgemeinschaft gegen die Hassprediger und das Aufhetzen junger Muslime?
Sanaç: Uns stehen 250 Moscheen nahe, 35 Fachvereine, 150 Kindergärten, wir haben 575 islamische Religionslehrer und 66.000 Schülerinnen und Schüler. Wir können innerhalb einer Minute via E-Mail an über 100.000 Menschen appellieren, vernünftig zu bleiben. Und das machen wir auch jedes Mal, wenn irgendwo etwas Beunruhigendes passiert. Leider erlebe ich umgekehrt, dass es sehr lange dauert, bis ein Angriff auf zwei muslimische Frauen in Wien öffentlich verurteilt wird.

profil: Fühlen Sie sich zuständig für Jugendliche, die nach Syrien gehen?
Sanaç: Natürlich, das schadet uns mehr als allen anderen, weil wir angesprochen werden. Ich bekomme Drohungen, werde beschimpft und oft auch aufgefordert, etwas dagegen zu tun. Ich soll sogar im irakischen Fernsehen reden. Man verlangt unmögliche Dinge von uns. Aber von den Jugendlichen aus unseren Moscheen ist niemand nach Syrien gegangen. Es gibt einen einzigen Lehrer, der in der Türkei darüber sprach. Ich habe das Video gesehen und ihn sofort entlassen.

profil: Hört man in radikalisierten Kreisen auf den Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft?
Sanaç: Wir sind für sie Ungläubige. Sie reden nicht mit uns, sie grüßen uns nicht einmal, sie laden uns auch nicht ein, und wenn wir sie einladen, kommen sie nicht. Warum? Ich zum Beispiel habe keinen Bart, meine Hose ist ein bisschen zu lang, und ich trage eine Krawatte. Glaube ist für diese Leute eine Frage des Aussehens. Sie verstehen nicht, dass Allah darauf schaut, was im Herzen ist.

profil: Ein Dutzend Moscheen in Österreich sollen problematisch sein.
Sanaç: Was heißt Moscheen? Das sind oft nur zehn Quadratmeter in einer Wohnung. Die Polizei hört ab, was die Leute dort sagen, kann aber nichts tun. Wenn ich mit dem Innenministerium rede, heißt es immer nur, Paragraf sowieso, Paragraf sowieso.

profil: Ihnen wird vorgeworfen, sich von extremistischen Vertretern des Islam nicht genug abzugrenzen. Der türkische Verein Atib etwa stellte seine Klubräume für radikale Prediger zur Verfügung.
Sanaç: Ich bin keine Sicherheitsbehörde. Ich kann Salafisten, die nach Österreich kommen, nicht an der Grenze stoppen. Aber ich habe es jedes Mal verhindert, dass sie hier eine Versammlung abhalten.

profil: In diesem einen Fall gelang es ihnen doch.
Sanaç: Wie läuft das ab? Ein Freund kommt zu mir und sagt, er brauche einen Saal für eine Hochzeit. Ich war damals bei einer Pilgerfahrt in Mekka. Als ich durch einen Anruf erfuhr, dass sie einen Saal gemietet hatten, sagte ich sofort: Das geht nicht. Und sie mussten raus. Man sollte das zu schätzen wissen. Ein Journalist hat mich angerufen: „Da sind drei radikale Salafisten in Wien.“ Ich habe ironisch geantwortet: „Wenn ich zurückkomme, werde ich sie festnehmen und ins Gefängnis stecken.“ Was kann ich denn machen?

profil: Sie selbst treffen sich mit Muslimbrüdern.
Sanaç: Was heißt Muslimbrüder? Das sind alles Menschen, die mich treffen wollen. Da sage ich grundsätzlich nicht Nein. Aber ich versichere ihnen, ich habe schon sehr viele Leute von einer Einladungsliste gestrichen, wenn ich wusste, dass es sich um Radikale handelt.

profil: Welche Rolle spielen Gelder aus Saudi-Arabien in Österreich?
Sanaç: Das wäre schön, wenn wir von denen Gelder bekämen. Keinen Cent. Wir wollen seit drei Jahren ein neues Haus kaufen, aber wir sind dazu nicht in der Lage.

profil: Wohin gehen dann die Gelder? Warum ist das so intransparent?
Sanaç: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Wir hören immer wieder, dass Gelder und auch Waffen nach Afghanistan, Pakistan oder Afrika geschickt werden. Das ist kein Geheimnis.

profil: Welche Rolle spielt die Türkei? Sie haben nie verhehlt, dass Sie aus der Milli-Görüş-Bewegung kommen.
Sanaç: Milli Görüş hat damit nichts zu tun. Ich war jetzt zwei Wochen in der Türkei. Jeden Tag kommen zehntausende Flüchtlinge über die Grenze, die über Nacht alles verloren haben. In der Türkei gibt es nun Gruppierungen, die erzählen, die Syrer hätten das Wasser vergiftet, ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt. Alles Lügen. Aber die Menschen sind aufgebracht, und der Zorn richtet sich gegen die Flüchtlinge. Man muss das Problem gemeinsam lösen. Keiner redet vom Frieden, alle reden nur vom Krieg.

profil: Präsident Erdogan deutet in einem Interview in der „Neuen Zürcher Zeitung“ an, es liege nicht in seinem Interesse, die europäischen Rekruten für den Dschihad anzugreifen.
Sanaç: In der Türkei macht sich jeder Sorgen. Wir haben eine 1000 Kilometer lange Grenze. Alle warnen davor, dass die Jungen nach Syrien gehen. Es gibt Plakate, Aufrufe. Eltern sollen sich melden, wenn sie bemerken, dass ihre Kinder sich auf den Weg über die Grenze machen. Man redet darüber, dass sie morden werden und, wenn sie zurückkommen, vielleicht sogar ihre Eltern töten. In der Türkei gibt es das Problem in einem größeren Ausmaß als hier in Österreich. Glauben Sie mir, überall in der Welt machen sich aufgeklärte Muslime Gedanken über diese jungen Menschen.

profil: Interpol fahndet derzeit nach dem Tunesier Firas A. aus Wien, der via Facebook damit prahlt, Menschen abzuschlachten. Haben seine Eltern oder Lehrer je Hilfe bei Ihnen gesucht?
Sanaç: Nein. Aber wir haben geahnt, was da passiert und haben mit den Behörden gesprochen. Und sie sagten, sie können dagegen nichts tun.

profil: Sie haben selbst Kinder. Was würden Sie tun, wenn eines überschnappt?
Sanaç: Das wäre die totale Katastrophe. Was könnte ich tun? Sagen Sie es mir! Es gab zwei Mädchen, die sich vor der Kamera nach Syrien verabschiedeten. Ob sie tatsächlich gefahren sind oder alles nur Show war, weiß ich nicht. Selbst die Polizei hat nichts unternommen.

profil: Das Innenministerium will eine Deradikalisierungsstelle einrichten. Würden Sie als Vater dort anrufen?
Sanaç: Ich weiß nicht, was ich persönlich machen würde. Wir haben viel in Beratung investiert. Wir haben zwölf Imame, die erklären können, was Islam und was nur dörfliche Tradition ist. Aber wir haben auch Psychologen zur Hand. Oft geht es nicht um religiöse, sondern um psychische Probleme. Wir leisten sehr viel und kriegen dafür keinen Cent vom österreichischen Staat.

profil: Die gefährlichste Spezies auf diesem Planeten sind junge Männer. Wir fragen Sie als ehemaligen Religonslehrer: Was ist mit diesen jungen Muslimen los?
Sanaç: Das sind keine richtigen Gläubigen. Alle Religionen sind sich darin einig, dass man mit allen Menschen Mitleid haben muss. Wer mit dem anderen kein Mitleid hat, mit dem hat auch Gott kein Mitleid, sagt unser Prophet. Wenn jemand zum Islam konvertiert, eine Gruppe bildet, anfängt zu predigen, sich „Sheik“ nennt und die Jungen, die keine Arbeit haben, orientierungslos sind und vom Islam nichts wissen, laufen ihm nach: Was soll man da machen?

profil: Genau das ist unsere Frage an Sie.
Sanaç: Ich sage immer: „Kinder, sagt mit Stolz: Wir sind österreichische Muslime.“ Wenn jemand sich nicht zu Hause fühlt, kann er auch nicht integriert werden. Wir müssen gemeinsam gegen IS oder Boko Haram vorgehen. Mit Schuldzuweisungen kommen wir nicht weiter. Stellen Sie sich vor, unsere Jugendlichen bringen Menschen um und schreien „Allahu akbar“! Und jene, die sterben, schreien genau das Gleiche. Das ist so traurig.

profil: Wird Dschihadismus immer mehr zu einer Popkultur?
Sanaç: Ja, und jeder hat Angst, dass sein Kind einmal so wird.

profil: Ist das auch eine Krise des Patriarchats, wenn die jungen Männer sich Krieger als Leitfiguren suchen?
Sanaç: Teilweise. In meiner langjährigen Erfahrung als Lehrer bin ich auf das Problem gestoßen, dass Kinder immer öfter von den Eltern verwöhnt oder schlecht erzogen werden. Sie dürfen sich alles erlauben. Ihnen werden keine Grenzen gesetzt. Es gibt keine richtige Erziehung. Und so bleibt vieles dem Islam-Unterricht überlassen. Diese Kinder müssen wir integrieren. Daher legen wir großen Wert auf Erziehung, Bildung und Ausbildung. Mit Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz konnten wir in dieser Hinsicht einiges in die Wege leiten. Seit er Außenminister geworden ist, hat sich der Prozess verlangsamt.

Zur Person
Fuat Sanaç, Jahrgang 1954, wuchs in der Provinz Elazig im Osten der Türkei auf. Ende der 1970er-Jahre ging er nach Deutschland, studierte in Köln Wirtschaft und übersiedelte drei Jahre später nach Wien, wo er als islamischer Religionslehrer zunächst selbst unterrichtete und später als Fachinspektor darüber wachte, was in den Klassenzimmern passierte. Vor drei Jahren wählte der Schura-Rat Sanaç zum Nachfolger von Anas Shakfeh als Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.
Türkische Muslime hatten sich im arabisch dominierten Führungskader der Glaubensgemeinschaft schlecht vertreten gefühlt. Sanaç steht Milli Görüş nahe. Die türkisch-islamische Bewegung wird in Europa recht ambivalent eingeordnet. In den deutschen Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg steht sie immer wieder unter Islamismus-Verdacht. In Österreich, wo sich die Bewegung unter dem Dach der Islamischen Föderation sammelt, hält der Verfassungsschutz sie für harmlos. In den Niederlanden gilt Milli Görüş als Bündnispartner in der Integrationspolitik. Sanaç setzt sich im Rahmen des Dialogforums Islam für eine Ausbildung der Imame in Österreich ein.

Foto: Philipp Horak für profil