Wettskandal in Österreich: Grätsche in Minute 91

Fußball - Wettskandal in Österreich: Grätsche in Minute 91

Wie eine Seuche greift der Betrug durch Sportwetten nun auch auf Österreich über. Der Fall Taboga ist nur die Spitze des Eisbergs.

Die Sache war an sich völlig eindeutig. Dusan Svento, Mittelfeldstar von Meister Red Bull Salzburg, war durchgebrochen und stand schon allein vor dem gegnerischen Tormann, als ihn Grödig-Abwehrspieler Dominique Taboga mit großer Entschlossenheit fällte. Dennoch blieb der Elferpfiff des Schiedsrichters aus. Spielentscheidend war das nicht mehr: Es war schon die 91. Minute, und Salzburg führte mit 3:0.

Niemand war an diesem 27. Oktober unglücklicher über den ausbleibenden Schiri-Pfiff als der das Foul begehende Abwehrspieler Taboga. Der in den Diensten Grödigs stehende Wiener hatte einigen seiner Gläubiger, unter ihnen der ehemalige Nationalspieler Sanel Kuljic (Foto), einen Elfmeter zugesagt, und diese hatten üppig darauf gewettet.

Kuljic, offenbar Mastermind dieser und ähnlicher „Match-Fixing“-Aktionen, sitzt inzwischen in U-Haft. Das Vertrauen in die „Reinheit des Sports“ hat durch diese und ähnliche Affären, die noch der Aufklärung harren, schweren Schaden genommen. Laut einer vergangene Woche im Auftrag von profil durchgeführten Umfrage der Karmasin Motivforschung glauben 75 Prozent der Österreicher, auch hierzulande manipuliere eine Wettmafia Fußballspiele und andere Wettkämpfe.

Verbandsführung hinter Gittern
Dabei ist Österreich noch supersauber im Vergleich zu anderen Staaten: In 50 der 202 nationalen Verbände des Weltfußballverbands FIFA laufen derzeit Untersuchungen wegen Matchabsprachen in den jeweils ersten Ligen. In China sitzt fast die gesamte Verbandsführung hinter Gittern, die verschaukelten Fans bleiben aus, die Stadien sind leer, der Spielbetrieb steht vor dem Zusammenbruch. Bis vor wenigen Jahren war Fußball nach Tischtennis die zweitpopulärste Sportart des Landes.

„Der Fußball ist in Todesgefahr“, befand kürzlich der frühere Weltfußballer und jetzige UEFA-Präsident Michel Platini.

In Österreich wird derzeit gegen zehn Spieler ermittelt. Vier davon waren beim Zweitligisten Vienna unter Vertrag und sollen 2011 mindestens drei Partien verschoben haben. Einer davon, der inzwischen gesperrte Verteidiger Erdzan Beciri, war Hands-Spezialist im eigenen Strafraum, wenn es darauf ankam. An seinem Beispiel wird deutlich, dass Match-Manipulation immer noch als Kavaliersdelikt gesehen wird: Als Beciri von der Vienna gekündigt wurde, kam er problemlos bei einem steirischen Landesligaverein unter.

Der frühere Kapfenberg-Spieler Mario Majstorovic hatte schon beim burgenländischen Klub Draßmarkt angeheuert, als er wegen Spiel-Manipulation bei Kapfenberg für 15 Matches gesperrt wurde. Wenig später wurde die Sperre auf sechs Monate abgeändert, weil er so wegen der Winterpause weniger Spiele versäumt.

Der Zweitligist Kapfenberg war überhaupt ein Hotspot. Im heurigen April wurden in den ersten Spielminuten in Asien 100.000 Euro darauf gewettet, dass der damalige Tabellenführer Grödig (Kapitän: Dominique Taboga) in Kapfenberg nicht gewinnt. Das Match endete dann tatsächlich mit 0:1 für den Außenseiter aus der Steiermark. Europol gab im vergangenen Februar bekannt, der europaweit höchste Profit durch Wettbetrug sei mit 700.000 Euro bei Red Bull Juniors gegen Kapfenberg (7:0) angefallen.
Nach Recherchen der Task Force „Match-Fixing“ im Innenministerium wurden in Österreich zwischen 2009 und 2011 mindestens 15 Partien manipuliert. Tatsächlich dürften es weit mehr gewesen sein.
Der Nachweis der Manipulation ist vor allem deshalb so schwierig, weil im Internet und in düsteren Wettcafés inzwischen auf absurde Details gewettet werden kann: ein Elfer in den letzten fünf Minuten, drei Corner in der ersten Spielhälfte, zwei gelbe Karten vor der Pause, ein Out-Einwurf zwischen den Minuten 50 und 52. Sogar auf die Länge der von Schiedsrichter verfügten Nachspielzeit kann gewettet werden. Böse Absicht lässt sich da kaum noch nachweisen.

„Gar nichts“ könne man in Wahrheit machen, sagte der Chef der österreichischen Bundesliga, Georg Pangl, kürzlich im Ö1-„Mittagsjournal“: „Wenn ich einen verdächtigen Spieler bei uns im Senat vorlade und sage: ‚Herr Spieler X, Sie haben da einen Hands-Elfmeter verschuldet, war das Absicht?‘, dann kann man sich ausrechnen, was der Spieler sagt. Und wenn ich nicht aufpasse und irgendwo einen Namen laut sage, dann nimmt sich der einen Anwalt und verklagt die Liga.“

Wenig Unrechtsbewusstsein
Wie schweigsam auch Teamkameraden von Match-Fixern sein können, zeigt das aktuelle Beispiel Dominique Taboga: In den Einvernahmen gestand der Grödig-Spieler, vier Kollegen ein „Angebot“ gemacht zu haben. Die vier inzwischen namentlich bekannten Grödig-Spieler lehnten zwar ab, befanden es aber nicht für notwendig, die Vereinsleitung zu alarmieren.
Bei vielen Kickern herrscht auch deshalb so wenig Unrechtsbewusstsein, weil es bestimmte Formen von „Match-Fixing“ immer schon gab. Da stellte ein abstiegsgefährdeter Verein der Unterliga dem Gegner, für den es um nichts mehr ging, vor dem Entscheidungsspiel zwei Kisten Bier in die Kabine. Oder es gab einen kleinen Zuschuss für den Kauf neuer Dressen, wenn sich ein Mittelständler beim Match gegen den Tabellenführer in der letzten Runde nicht mehr übermäßig anstrengte.

Derartiger Kleinkram wird wohl immer noch vorkommen, aber darum geht es längst nicht mehr. „Heute hat die organisierte Kriminalität das Wettgeschäft entdeckt – das ist lukrativer und risikoloser als der Drogenhandel“, weiß Friedrich Stickler, Chef der österreichischen Lotterien. Als ehemaliger ÖFB-Präsident kennt der inzwischen zum Präsidenten des europäischen Lotterienverbands aufgestiegene Stickler auch die andere Seite. Der Kampf gegen Wettmanipulation steht auf der Agenda des Verbands daher ganz oben. Auch das Europaparlament und die Europäische Kommission wurden inzwischen mit dem Problem konfrontiert. Anfang November gab es in Wien eine internationale Konferenz zu diesem Thema. In der Unterlagenmappe fanden die Teilnehmer ein erschreckendes Dokument, in dem einschlägige Ereignisse der Tage vor Konferenzbeginn festgehalten waren: „27. Oktober: Einer der bekanntesten Schiedsrichter Südafrikas wird wegen Match-Fixings verhaftet. Puma kündigt den Sponsorenvertrag mit dem Nationalteam. 24. Oktober: Nachdem in El Salvador schon 19 Spieler wegen Manipulation gesperrt waren, fassten nun drei weitere lange Sperren aus. 25. Oktober: Der Trainer des marokkanischen Fußballclubs Casablanca gibt zu, dass die gesamte Meisterschaft manipuliert war. 26. Oktober: Vier Spieler und der Trainer des australischen Erstligisten Southern Stars werden von der FIFA suspendiert.“
So geht es schon lange: Seit 2010 wird weltweit im Schnitt ein neuer Fall pro Tag bekannt.

Der Wettbetrug erreichte eine neue Dimension, als die organisierte Kriminalität ihn als Mittel der Geldwäsche entdeckte: Von einem Offshore-Konto wird gewettet, der Gewinn vom Wettanbieter auf das legale Festland überwiesen – alles per Internet. Und schon ist Schwarzgeld blütenweiß. Ehemalige Finanzminister & Friends hatten ihre Millionen noch auf Weltreise durch fünf Steuerparadiese geschickt und im Plastiksackerl heimgebracht.
Entsprechend explosionsartig ist das Sportwetten-Geschäft gewachsen: Gab es 1995 weltweit erst 250 Anbieter – grenzüberschreitendes Wetten war verboten –, sind es heute rund 10.000. Die großen Dinger laufen längst nicht mehr in Europa oder den USA, sondern in Asien. Während zurückhaltende Schätzungen die Dimension des Sportwetten-Business mit 400 Milliarden Euro im Jahr einschätzen, sprechen Kenner von 1000 Milliarden. In Österreich werden in Wettcafés und auf Internet-Portalen etwa 800 Millionen Euro jährlich umgesetzt.

Die weltweit größten Anbieter – IBC Bet und SBO Bet – haben ihren Sitz auf einer kleinen Insel nahe der philippinischen Hauptstadt Manila. Während IBC im deutschsprachigen Raum mit dem doppelsinnigen Slogan „Wetten ohne Grenzen“ wirbt, hat SBO als Sponsor der englischen Premier-League-Clubs West Ham United und Cardiff City einen Fuß im realen Matchgeschehen.

Wiederholt aufgetauchte Vorwürfe, SBO sei an Match-Fixing beteiligt gewesen, hielten vor Gericht nicht – auch weil das Unternehmen die Herausgabe von Unterlagen verweigerte.
„Nachweisen lässt sich Match-Fixing fast nur durch einen Lauschangriff“, weiß Lotterienchef Stickler.

Bei besonders grotesken Wetten schlägt seit 2009 die in der Schweiz ansässige Agentur Sportradar Alarm, die den europäischen Spielbetrieb überwacht. So geschehen etwa 2011, als vor drei Vienna-Spielen 500.000 Euro in Asien gewettet wurden. Stickler kennt einen klassischen Fall aus der Zweiten Liga: Der Favorit führte bis zur 80. Minute mit 2:0. Die Quoten für den Außenseiter lagen zu diesem Zeitpunkt bei 30 zu 1. Der schoss dann noch schnell drei Tore …

Spieler der Zweiten und Dritten Liga sind für die Match-Fixer am ehesten ansprechbar: Sie verdienen nicht viel, leben aber oft auf demselben großen Fuß wie die Stars. Wenn den oft schwer verschuldeten jungen Männern dann jemand schnelles Geld anbietet, schlagen manche bedenkenlos zu.
Das versucht seit Sommer 2012 der Verein Play Fair Code zu verhindern. Sein Präsident ist der frühere Fußball-Internationale und ehemalige Rapid-Präsident Günter Kaltenbrunner; Gründungsmitglieder sind das Sportministerium (damals noch unter Norbert Darabos), der ÖFB, die Bundesliga, der Skiverband, die Lotterien und die Bundessportorganisation.
In den vergangenen Monaten pilgerten Kaltenbrunner und Geschäftsführer Severin Moritzer durch die wichtigsten Fußball-Kabinen des Landes, um den Kaderspielern der Erst- und Zweitligisten mit Vortrag und Abschreckungsvideo zu vermitteln, was ihnen blüht, wenn sie den Verlockungen eines Match-Fixers nachgeben: Sie sind schon nach dem ersten Mal erpressbar, am Ende stehen die Entlassung, die lebenslange Sperre und womöglich auch juristische Konsequenzen. Als Nächstes will Play Fair Code die österreichischen Schiedsrichter schulen.

Besonders verwerflich findet Kaltenbrunner – als Aktiver Meister mit Admira und Rapid –, wenn Spieler selbst wetten, „womöglich auf die Niederlage des eigenen Vereins“.

Kommt Match-Fixing heute in den Top-Ligen eher selten vor, war das erste geschobene Match eine echte Promi-Partie: Liverpool ließ das vom Abstieg bedrohte Manchester United gewinnen. Das war 1915. Die sieben gesperrten Liverpool-Kicker durften schon bald wieder aufs Feld.

Infobox

Wetten in Österreich
Die drei größten Sportwetten-Unternehmen sind Töchter noch größerer Glücksspielkonzerne.

Den höchsten Umsatz weist mit 233,6 Millionen Euro (2012) die Admiral Sportwetten GmbH aus (230 Beschäftigte). Der Firmensitz verrät auch bereits den Eigentümer: Gumpoldskirchen, Novomatic Straße 5. Die im Industrieviertel des berühmten Heurigenortes angesiedelte Novomatic besitzt 100 Prozent der Admiral Sportwetten. Novomatic wiederum gehört fast zur Gänze dem gelernten Fleischhauer Johann Graf. Admiral betreibt dutzende Wettcafés in ganz Österreich. Allein in Wien gibt es 54 Admiral-Spielhallen, die größte steht im Prater.
Die Wettpunkt Sports-Betting GmbH mit Sitz in Schwechat gehört zu 100 Prozent der am selben Firmensitz aufscheinenden Global Bet Holding (468 Beschäftigte). Diese weist für 2012 einen Umsatz von 188 Millionen Euro aus. Als Geschäftsführer fungieren seit heurigem Sommer zwei Russen: der erst 27-jährige Petr Bukhtoyarov und der 48-jährige Andrej Bogdanovich Mokh. Das Geschäft wickelt Wettpunkt in Filialen ab.
Die österreichische Lotterien AG betreibt drei Sportwett-Möglichkeiten: Toto, Tipp 3 und Win2day. Wettscheine sind in den Trafiken zu lösen, dazu gibt es auch Internet-Portale. Den Sportwettenumsatz weisen die Lotterien nicht gesondert aus. Ihre Wett-Möglichkeiten sind allerdings im Vergleich zu anderen Anbietern stark eingeschränkt. Missbrauchsanfällige Wettgeschäfte sind nicht möglich. Eigentümer der Lotterien ist zu 68 Prozent die Casino AG, den Rest halten Banken, auch der ORF hat einen Anteil. Die Casinos Austria AG wiederum gehört zu einem Drittel der Münze Österreich (und diese wiederum zur Gänze der Nationalbank), den Rest halten Unternehmen wie die Uniqa-Versicherung, die Kirchen-Bank Schellhammer & Schattera, die Raffeisen-Tochter Leipnik-Lundenburger Invest sowie diverse private Aktionäre. Das Hotel Sacher ist zu einem Prozent an den Casinos beteiligt.