Gabriele Heinisch-Hosek über das „junge Pflänzchen“ Neue Mittelschule

Gabriele Heinisch-Hosek über das „junge Pflänzchen“ Neue Mittelschule

Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek über das „junge Pflänzchen“ Neue Mittelschule, ihre Geduld mit der Gesamtschule und ihre eigene Schulzeit.

Interview: Edith Meinhart und Christa Zöchling

profil: Ruft das Thema Schule bei Ihnen schöne Erinnerungen wach?
Gabriele Heinisch-Hosek: Meine Volksschullehrerin, damals noch im weißen Mantel, war ein Vorbild für mich. Mir hat gefallen, wie sie mit uns umging. Ich wollte ebenfalls Lehrerin werden. In der Hauptschule wurde ich dann unsicher.

profil: Warum sind Sie nicht ins Gymnasium gegangen?
Heinisch-Hosek: Ich hatte sehr gute Noten in der Volksschule, war aber sehr verwurzelt in meinem Heimatort und wollte nicht weg. Es war nicht nur wegen der Freundinnen und Freunde. Ich war als Kind ein wenig ängstlich und habe es mir nicht zugetraut. Ich stamme auch aus recht einfachen sozialen Verhältnissen.

profil: Die AHS hat offenbar seit jeher den Ruf, schwierig zu sein.
Heinisch-Hosek: Die Oberstufe habe ich dann in Wien in der Hegelgasse gemacht, wo ich merkte, dass das Lernen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen war. Ich hatte dort nicht nur sympathische Lehrer, muss ich auch sagen.

profil: Soll die AHS als eigene Schule erhalten bleiben?
Heinisch-Hosek: So steht es im Regierungsprogramm. Das ist zu akzeptieren. Trotzdem werde ich für eine Schule werben, wo sich Kinder möglichst ohne Angst bewegen, wo neue Lehr- und Lernformen erprobt werden, wo zwei Lehrer in einer Klasse im Team unterrichten. Also für die Neue Mittelschule.

profil: Nach 125 Jahren Sozialdemokratie geben Sie die Gesamtschule auf?
Heinisch-Hosek: Ich gebe gar nichts auf, ich verlange nur Geduld. Das Beste für unsere Kinder, davon bin ich zutiefst überzeugt, ist eine gemeinsame Mittelstufe der Zehn- bis 14-Jährigen, weil ich glaube, dass sich in dieser Durchmischung für jeden Einzelnen das Meiste tut. Es geht nicht allein um das Kognitive, sondern auch um den psychomotorischen und emotionalen Bereich. Das ist in einer nach innen differenzierten Schule am besten umsetzbar. Ich will nicht mehr in Türschildern denken. Die NMS ist noch ein junges Pflänzchen, ein junger Baum. Da kann man noch nicht erwarten, dass es das beste System ist. Ich bin derzeit viel in Schulen unterwegs. Ich sehe, dass es in der NMS noch Kinderkrankheiten gibt. Und ich weiß aus eigener Erfahrung als Hauptschullehrerin, dass nicht jede Teambildung optimal ist.

profil: Oder dass AHS-Lehrinnen für eine Stunde in einer Hauptschule auftauchen und dann wieder wegfahren – zum Ärger des angestammten Lehrkörpers. Ist das nicht unsinnig?
Heinisch-Hosek: Es ist auch für AHS-Lehrerinnen nicht angenehm, hier ein paar Stunden zu sein und dann wieder dort. Es stauen sich Ressentiments gegeneinander auf. Ich überlege schon, ob man das nicht anders regeln könnte.

profil: Sehen Sie die NMS als Weg in eine gemeinsame Schule oder soll das eine bessere HS werden?
Heinisch-Hosek: Ich sehe sie als eine Schule, die dafür sorgt, dass Kindern mit 14 Jahren jeder Weg offensteht. Eine NMS ist auch eine Begabungsförderung. Kinder mit Talenten werden an einer NMS genauso gesehen und gefördert wie Kinder, die ein bisschen langsamer sind. Kinder helfen einander in der Peer Group. Und das heißt nicht, dass die Gruppe insgesamt im Niveau nach unten sinkt, sondern dass sich jeder in der Gruppe weiterentwickelt. Das muss man immer wieder erklären.

profil: Aber die Tests in Englisch bei den 14-Jährigen waren doch blamabel. Die NMS hat sogar schlechter abgeschnitten als die alte Hauptschule.
Heinisch-Hosek: Es ist zu früh, um ein Urteil zu sprechen. Diese erste Englisch-Überprüfung ist noch eine Momentaufnahme von Schulversuchsstandorten, die sich bewusst für eine NMS entschieden haben, weil dort das Bedürfnis da war, neue Wege zu gehen, weil die Schülerinnen und Schüler zum Teil aus schwierigen Verhältnissen stammen – und dafür ist das eine tolle Leistung, dazu stehe ich auch. Man kann nicht sagen, die sind schlechter als die anderen. Die hatten noch nicht die Chance zu bestehen. Es hat sich gezeigt, dass die NMS enorm ausgleichend ist. Beim Erlernen einer Zweitsprache schmilzt der Unterschied zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund, wenn man nur Kinder mit dem gleichen Sozialstatus vergleicht. Auch die Unterschiede zwischen Mädchen und Burschen werden geringer.

profil: Können Sie einem guten Freund raten, sein Kind in die NMS zu geben?
Heinisch-Hosek: Schau dir die Schule genau an, würde ich sagen. Sieh dich um. Sprich mit Lehrerinnen und Lehrern. Ich höre sehr oft, wie groß der Druck auf die Kinder ist. Natürlich wollen alle Eltern das Beste für ihr Kind, aber das ist oft nicht das Beste. Viele entscheiden sich für die NMS, weil das Klima hier entspannter ist, niemand auf der Strecke bleibt und für jeden gesorgt wird. Die Kinder schon früh auf gute Noten und die AHS zu trimmen, kann ungesunden Stress machen. Wenn der Leistungsgedanke so sehr im Vordergrund steht, dass für die Eltern und den Lehrer gelernt wird, haben Kinder ein Problem. Die Phase zwischen zehn und 14 ist nicht die alles entscheidende, sondern eine Zwischenphase. Danach sollten alle Wege offen sein.

profil: Sind sie aber nicht. Von der Hauptschule schaffen es nur wenige der guten Schüler in die AHS.
Heinisch-Hosek: Wir haben auf Basis von Noten erhoben, dass in manchen Bundesländern mehr als 60 Prozent der NMS-Absolventen in die AHS wechseln könnten. Das ist ein positiver Trend.

profil: Sie haben selbst 18 Jahre lang in einer Hauptschule unterrichtet. Waren Sie eine gute Lehrerin?
Heinisch-Hosek: Ich habe unlängst meine ehemaligen Schülerinnen und Schüler, zum Teil gehörlose und schwerhörige Kinder, gefragt, woran sie sich erinnern. Du hast dich jeden Tag mit uns in eine Runde gesetzt und hast uns gefragt, wie es uns geht. Das ist ihnen geblieben. Darauf bin ich irgendwie stolz.

profil: Warum machen nur elf Gymnasien in ganz Österreich bei der NMS mit?
Heinisch-Hosek: Es ist nicht nur Dünkel. Es fehlt an der Bereitschaft, Kinder aufzunehmen, die langsamer sind, oder Kinder, die Deutsch noch nicht so gut beherrschen. Dieses Elitedenken würde ich gerne positiv aufbrechen. Eine gute Durchmischung ist das Beste für die Kinder. Doch mehr als dafür werben kann ich nicht. Das System ist, wie es ist. Das wird auch in dieser Legislaturperiode so bleiben.

profil: Das Elitedenken finden Sie auch bei sozialdemokratischen AHS-Lehrervertretern. Bestimmt das Sein das Bewusstsein?
Heinisch-Hosek: Ich kenne durchaus sozialdemokratische Gewerkschafter, die bei den Neuerungen mitkönnen. Es gibt eben Verlustängste. AHS-Gewerkschafter sind eine Gruppe, mit der ich noch intensiver Gespräche führen möchte.

profil: Wann wird es in Österreich eine gemeinsame Schule geben?
Heinisch-Hosek: Ich traue mich nicht, eine Jahreszahl zu sagen. In dieser Legislaturperiode werden die differenzierten Schulsysteme erhalten bleiben. Vielleicht löst sich das Problem ja auch einmal von selbst und man muss es gar nicht mehr gesetzlich festschreiben.

profil: Ihre Vorgängerin Claudia Schmied wurde massiv angegriffen und von den Genossen oft alleingelassen. Fürchten Sie, dass es Ihnen ähnlich ergeht?
Heinisch-Hosek: Noch habe ich nichts davon bemerkt. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer sehr konsequent bis lästig war, wenn Dinge zu entscheiden waren. In dieser Manier werde ich weiter tun.

profil: Welchen Spielraum geben Sie ihren Experten? Unter Schmied wurden unbotmäßige Wissenschafter kaltgestellt.
Heinisch-Hosek: Jede Entscheidung ist letztlich eine politische Entscheidung. Selbstverständlich brauche ich die Unterstützung und Expertise der Wissenschafter im Bildungsbereich. Aber es kommt darauf an, wie man Dinge kommuniziert. Ich schätze es nicht, wenn manche glauben, die Politik müsse auf Expertenzuruf reagieren. Ich würde mich lieber mit Menschen beraten, die viel wissen, und dann gehen wir gemeinsam raus. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall.

profil: Denken Sie an eine Quotenregelung für Männer im Lehrberuf?
Heinisch-Hosek: Nein, aber ich möchte den Lehrberuf für Männer bewerben. Da werde ich mich mit anderen Ressorts zusammensprechen. Ich glaube auch, dass wir durch unsere Bemühungen, wie wir eine tägliche Bewegungseinheit an Schulen einführen können, nicht nur weibliche Sporttrainer an Schulen bekommen werden. Ich würde gerne mehr Männer von außen einladen und natürlich bewerben, dass sozialpädagogische Berufe auch sehr reizvoll für Männer sein können. Gerade junge Leute schauen nicht mehr nur aufs Verdienen, obwohl der Lehrberuf gut entlohnt ist.

profil: Die Bundesregierung hat ein Frauenförderungspaket beschlossen. Mit einer Selbstverpflichtung soll der Anteil von Frauen in Führungspositionen in staatsnahen Unternehmen auf 35 Prozent erhöht werden. Derzeit gibt es vier weibliche Vorstände in 20 staatlichen Unternehmen.
Heinisch-Hosek: Das ist noch traurig, da gebe ich Ihnen recht. Doch unsere Selbstverpflichtung bezieht sich auf Aufsichtsratsfunktionen, und da sind wir schon bei 33 Prozent in Schnitt. Die Vorstände konnte ich in der Verhandlung nicht durchsetzen. Das wäre mir natürlich auch recht, wenn die schon erfasst wären. Das war nicht verhandelbar.

profil: Warum?
Heinisch-Hosek: Das müssten Sie die Männer fragen. Ich glaube, dass es für Männer sehr schwierig ist, Platz zu machen. Das Unter-sich-sein ist in den oberen Rängen schon eine Kategorie. Aber gemischtes Führen bringt bessere Ergebnisse, das haben einige Männer schon erkannt. Aber leider sind die noch wie die Stecknadel im Heuhaufen zu suchen.

Foto: Philipp Horak für profil