Gender-Debatte: Woher kommt der Furor, wenn es um Frauenthemen geht?

Gender-Debatte: Woher kommt der Furor, wenn es um Frauenthemen geht?

In Internetforen und sozialen Netzwerken wird hemmungslos gegen Feministinnen gehetzt. Und nicht nur dort. Woher kommt der Furor, warum ausgerechnet bei Frauenthemen?

Schlüpfrige Witze gelten als Standard, verbale Amokläufe sind keine Ausnahme. Der Wettbewerb der Hassgesänge tobt in Online-Foren und sozialen Netzwerken. Ein Wettbewerb, der keine Siegerinnen, aber Verliererinnen kennt: Feminismus und alles, was dafür gehalten wird. An keinem anderen Thema werden derart viele Ressentiments abgearbeitet.

Wenn Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek auf Facebook daran erinnert, dass die "Töchter“ zur Bundeshymne gehören, erntet sie über 20.000 Kommentare, unter denen "die saublöde tussi soll sich endlich schleichen“ nachgerade höflich wirkt. Wenn in Wien ein "Fem-Camp“ stattfindet, wird auf Twitter prompt über "Penetrationstests“ fantasiert. Wenn 800 Professorinnen in einem Brief gegen das Binnen-I wettern und die "Rückkehr zur Normalität“ fordern, wird das unter dem Titel "Schluss mit dem Genderwahn“ begeistert aufgenommen. Die Gegenbriefe, einer vom Wiener Institut für Germanistik, einer vom "Frauenring“, die im moderaten Ton "geschlechtersensible Schreibung“ einfordern, verhallten hingegen ungehört.

Unter den Zornigen finden sich Männer und Frauen, und nicht nur solche, die gerne als Bildungs- oder Modernisierungsverliererinnen umschrieben werden: Ein deutscher Rechtsanwalt schlug keineswegs anonym vor, eine Hochschulprofessorin, "das Päderasten-Weib“, wie er sie nannte, "im Gangbang-Style anal zu penetrieren“. Anlass der Entgleisung war die Kasseler Genderforscherin Elisabeth Tuider, die laut darüber nachzudenken gewagt hatte, wie angesichts der allgegenwärtigen Pornografie im Internet ein moderner Sexualkundeunterricht in Schulen aussehen könnte. Die Reaktionen gerieten derart heftig, dass sich die "Deutsche Gesellschaft für Soziologie“ zu einer hochoffiziellen Verurteilung dieser "Hasskampagnen“ genötigt sah.

Auch die Gegenreaktionen schießen bisweilen übers Ziel hinaus, wenn jeder Genderkritiker sofort ins ganz rechte Eck gerückt wird.

Zehn Thesen zu den Gründen des anschwellenden Bocksgesangs bei Frauenthemen.

1. Fünf Minuten Ruhm

Die "Böhsen Onkelz“ bekommen Aufmerksamkeit, böse Tanten auch. Bei Büchern, Artikeln oder Wortmeldungen über die Benachteiligung von Frauen setzt das große Gähnen ein - Schmähschriften wie jene über die "Tussikratie“ oder, schon etwas angejahrt, das "Eva-Prinzip“ hingegen erweisen sich verlässlich als Renner. Das Paradebeispiel dafür ist Akif Pirincci, der mit seinen Tiraden gegen "den irren Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“, wie der Untertitel seines Buchs "Deutschland von Sinnen“ lautet, monatelang in den Top-Ten der Bestsellerliste zu finden war. Pirincci spuckt, beißt, drischt und ermuntert den ausgenutzten und ausgebeuteten Mann, "die Feindinnen hinwegzufegen“.

Das bringt Einladungen in Talkshows. Wenn die fünf Minuten Ruhm zu verblassen drohen, wird die Dosis erhöht. Pirincci selbst gab gegenüber der "taz“ den Grund für seine extreme Wortwahl freimütig zu: "Sonst nehmen die Medien meine Kritik nicht wahr.“

2. Endlich mitreden können

Die Fronten im Gaza-Krieg sind über Jahrzehnte aufgebaut und hochkomplex, die neuesten Entwicklungen der Euro-Krise ein Fall für ökonomische Feinspitze, und selbst für eine Diskussion über Millionärinnensteuern macht erst die Lektüre von ein paar Verteilungsstatistiken firm. Nur für Debatten über das Binnen-I oder die Bundeshymne braucht sich niemand mit Wissen zu belasten. Alle können prompt ihre Meinung dazu rotzen - und viele tun es auch, frei nach dem Motto: Endlich mitreden können!

"Stellvertreterinnenkämpfe“ nennt die Machtanalytikerin Christine Bauer-Jelinek die vielen Wutproben: "Frauenfragen müssen für vieles herhalten, da entlädt sich der Sturm der Entrüstung, etwa das steigende Unbehagen darüber, dass es kaum Antworten der Politik auf die soziale Frage gibt.“ Bauer-Jelinek vertritt die These, dass es Mächtigen und Medien nicht unrecht ist, wenn über Töchter-Söhne in der Hymne diskutiert wird, statt über die wachsende Schere zwischen Arm und Reich: "Das ist ein relativ ungefährliches Ventil.“ Mit dem sich aufgestauter Druck angesichts von vermeintlichen oder realen Ungerechtigkeiten abladen lässt.

3. Hemmungslos im Internet

Hass und Häme gegen Feminismus und alles, was dafür gehalten wird, sind keine Erfindung des Internet-Zeitalters. Im Johanna-Dohnal-Archiv sind kistenweise Wutbriefe gekränkter Patriarchen an die Frauenministerin zu besichtigen, die in teils abenteuerlicher Orthografie ihren Zorn über die "ordinäre Person“ abluden. Meist anonym, oft sexuell konnotiert. An die fast 20.000 Facebook-Schmähungen, die Dohnals Nach-Nach-Nachfolgerin Gabriele Heinisch-Hosek für ihren Kommentar zur Bundeshymne einheimste, kam die Analog-Ära nicht einmal ansatzweise heran - auch von der Tonalität nicht. "Schieb dir deine Töchter hinten rein“, war eine der harmloseren Aussagen.

Der US-Psychologe John Suller beschreibt das Phänomen des verbalen Amoklaufs als "Online-Enthemmungseffekt“. Vor allem die gefühlte Abwesenheit von Gesprächspartnerinnen verleite zum übersteigerten Ton. Jede Schamgrenze fällt, jeder Aufwand sowieso. Das gilt für fast alle Themen, für Frauenthemen aber besonders. Dahinter steckt auch bewusste Strategie, wie eine in der Vorwoche publizierte Studie der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung zum "Antifeminismus im Netz“ belegt: Wer fortissimo pöbelt, fällt auf. So kann die kleine, aber sehr laute Gruppe der Männerrechtlerinnen eine Größe vortäuschen, von der sie abseits der virtuellen Welt meilenweit entfernt ist.

4. Zeitenwende

In den Anfängen der Bruno-Kreisky-Zeit, im Jahr 1974, als die Generation der heute 40-Jährigen geboren wurde, stellte sich die Welt so dar: Der Vater hatte die "Schlüsselgewalt“ inne, das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch schrieb ihm das Recht zu, über den Wohnsitz zu entscheiden und auch darüber, ob die Mutter arbeiten gehen darf. Die Mutter durfte nicht einmal eine Anmeldung für die Schule oder einen Passantrag unterschreiben, selbst dann nicht, wenn die Ehe schon geschieden war. Erlaubte der Vater der Mutter die Berufstätigkeit, dann werkte sie in den für Frauen reservierten "Leichtlohn“-Gruppen, und das auch nur, solange die Arbeitslosigkeit niedrig war: Stieg diese, wies der Österreichische Gewerkschaftsbund Frauen an, zugunsten der Männer das Berufsfeld zu räumen. Im Parlament blieben die Männer weitgehend unter sich, der Frauenanteil dümpelte dort bei sieben, an den Universitäten unter den Studierenden bei 25 Prozent. Und ein Blick in die benachbarte Schweiz offenbarte eine hitzige Diskussion, ob "Familienhader“ und "vermännlichte Frauen“ die unausweichliche Folge sind, wenn Frauen das Wahlrecht erhalten. Erst 1990 war die Debatte entschieden und Frauen durften in allen Kantonen wählen.

Die Rechts- und Gesellschaftslage des Jahres 1974 liest sich heute wie Nachrichten aus dem Mittelalter. Binnen einer Generation hat sich das Geschlechterverhältnis radikal gewandelt, Frauen haben mittlerweile mehr Uni-Abschlüsse vorzuweisen als Männer. Ein rasantes Tempo, bei dem offenbar nicht alle mitkönnen. "Veränderung löst auch Angst aus“, sagt die Psychoanalytikerin Christine Dierks. Und weiter: "Unsere Identifizierung mit den gewohnten Verhältnissen sitzt tief. Alles Neue bedroht die eigene Identität.“

5. Machtverlust

"Ich bin ambitioniert, habe mich mit zusammengebissenen Zähnen weiterqualifiziert, doch dann bewirbt sich eine Kollegin, und ich kann einpacken. Gegen eine Frau hat man null Chance.“ So wie dieser Beamte im Bundesdienst, der auf Anonymität beharrt, denken viele Männer. Die gesetzliche Bestimmung aus dem Jahr 2001, wonach in der Verwaltung des Bundes bei gleicher Qualifikation Frauen gegenüber Männern zu bevorzugen sind - jedenfalls so lange, bis Ausgewogenheit hergestellt ist -, erleben sie als persönliches Waterloo. Selbst moderne Männer fühlen sich geprellt, demotiviert und stellen schon mal im kleinen Kreis die Frage "ob die Kollegin mit zwei Kindern daheim wirklich den Einsatz bringen kann, den eine Spitzenfunktion erfordert“.

Früher war die Konkurrenz meist männlich, und die Verlierer nahmen es sportlich. Das Gesetz bricht auch mit kulturellen Gewohnheiten: Männer haben ihre Karriere immer schon geplant, Frauen eher nicht, und dennoch werden sie belohnt. Das empfindet der Mann als ungerecht. Da trösten auch die neuesten Zahlen nicht: Tatsächlich werden von 55 Sektionen in den Ministerien und im Bundeskanzleramt nur 14 von einer Frau geleitet. Das sind 20 Prozent.

Zugunsten der Männer läuft es weiterhin bei Karrieren in der Privatwirtschaft. Stellen müssen zwar geschlechtsneutral ausgeschrieben werden, sogar sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist mittlerweile ein gesellschaftliches "No-Go“ geworden, doch erfolgt die Diskriminierung heute indirekt. Über die Bewertung von typischer Frauenarbeit und typischer Männerarbeit. Da habe sich so gut wie gar nichts getan, sagt die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen Ingrid Nikolay-Leitner. Die Lohnlücke sei nicht kleiner geworden, sondern "versteckter“. Auch bei Beförderungen haben Frauen eher schlechte Karten. Nikolay-Leitner würde keiner Frau leichten Herzens zu einer Beschwerde raten: "Das empfinden die Vorgesetzten als massive persönliche Kränkung, wenn eine Frau sagt, sie sei die Beste und sei übergangen worden.“ Nicht mehr als zwei Dutzend Frauen wenden sich pro Jahr deswegen an die Gleichbehandlungsanwaltschaft.

Selbst gefühlter Machtverlust kann zu heftigen Gegenreaktionen führen. "Mit allergrößtem Eifer stürzen sich etablierte Männer in die Diskussion, die nichts verloren haben, aber theoretisch am meisten zu verlieren hätten“, sagt Sigrid Maurer. Die 29-jährige Nationalratsabgeordnete der Grünen hat eine einfache Erklärung für die "total hysterische Reaktionen“ zu Frauenthemen: "Die Frauenbewegung war sehr erfolgreich. Die Privilegien der Männer werden weniger, Männernetzwerke funktionieren nicht mehr störungsfrei.“

6. Über den Stammtischen

Der Rechtspopulismus ist seiner Natur nach frauenfeindlich und an jedem Stammtisch daheim. Wie dort gedacht wird, dröhnt über den Marktplatz ins Hohe Haus, verstärkt das dummselige Gerede. In der FPÖ führten stets Männer das Wort, und wenn einmal eine Frau ganz nach oben kam, wie einst Barbara Rosenkranz, so wandte sie sich umso heftiger gegen Feminismus und "Genderwahn“. Gender Mainstreaming wird in den Reihen der FPÖ generell als eine Konspiration der Herrschenden "zur Abschaffung der Geschlechter“ gesehen. Schon der Säulenheilige Jörg Haider konnte seine Verachtung gegenüber Frauen nicht verbergen und war der Ansicht, dass es in jeder Partnerschaft einen "dienenden und einen führenden Teil“ gibt und Frauen von der Politik "verhärmt“ würden. Auch dem ehemaligen Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler waren Frauen "zu schade für die Politik“ und Partei-Chef Heinz-Christian Strache ist dagegen, "Kinder in Krippen auszulagern“. Phrasen zur Emanzipation hört man von der FPÖ nur, wenn es gegen "Burka-Frauen“ geht.

7. Linke Camouflage

Das linke Milieu hat die Gleichberechtigung auf seine roten Fahnen geschrieben, und diese Tradition wird heute von jungen Sozialdemokratinnen und Frauenpolitikerinnen hochgehalten. Doch im Grunde galt die Frauenfrage in diesem Lager immer nur als "Nebenwiderspruch des Kapitalismus“. Die verspäteten linken Männer aus der 68er-Bewegung, die heute noch Spitzenämter bekleiden, kehrten in ihren wilden Jahren den Macho hervor und entpuppten sich später als Spießbürger. "Die Lebenswelt der Linken war immer konservativ, das ideologische Konzept darübergestülpt“, sagt der Trendforscher Bernhard Heinzlmaier.

Dazu gesellt sich eine Gewerkschaftsmacht, die sich lange Zeit hindurch weder in Arbeitskämpfen noch in kulturellen Fragen für Frauen starkgemacht hat. Am Wiener Donauinselfest im vergangenen Juni glänzte die Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschaftsmänner mit einer Bar, bei der ein Wodka-Drink namens "Haxen-Spreizer“ verkauft wurde.

8. Erziehungsmonopol

Auf der Themenliste des Maskulinismus steht Väterlichkeit ganz oben. Männer erscheinen als "fürsorgewillige Väter, die durch Exfrauen und eine feministisch unterwanderte Justiz von ihren Kindern getrennt werden“, heißt es in der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die der neuen Welle des Frauenhasses auf den Grund geht. Die "vaterlose Gesellschaft“ ist seit den 1990er-Jahren als Begriff etabliert, seit damals wird beklagt, dass Väter zeugen und zahlen, aber sonst wenig Rolle spielen dürfen. Vergleichsweise neu ist der Sturm gegen das "Erziehungsmonopol“ der Frauen, von der Wohnung über den Kindergarten bis in die Volksschule, das in einer "Bubenkrise“ münde.

Gerade auf diesem Themenfeld geht viel an berechtigter Kritik und ernsthafter Diskussion unter - übertönt von schrillen Männerrechtlerinnen, die "Feminazis“ als Schuldige ausmachen.

9. Tugendterror

Es ist schick geworden, über den allgegenwärtigen Tugendterror zu klagen. Ein Verlust der Kultur sei es, dass man nicht mehr "Zigeunerin“ oder "Negerin“ sagen dürfe, himmelschreiendes Unrecht, dass Männern wie dem FDP-Politiker Rainer Brüderle wegen eines sogenannten Altherrenwitzes die Karriere vermiest wird. Er habe einer jungen Journalistin doch nur ein Kompliment gemacht ("Sie könnten auch ein Dirndl ausfüllen“), das werde man doch noch sagen dürfen. Die Kritikerinnen haben vergessen, worum es in der Debatte ging. Zwei junge Bloggerinnen hatten damals einen Hashtag unter dem Titel "Aufschrei“ eingerichtet, und zigtausend Frauen berichteten von verschwitzten Anspielungen am Arbeitsplatz, unerwünschten Berührungen, lästigen Einladungen und davon, wie man sich abends fühlt, wenn man sich das gefallen hat lassen, weil es sich um den Arbeitskollegen, den Chef oder einen wichtigen Kunden gehandelt hat. Es ging um Fragen von Macht und Abhängigkeit, die immer seltener gestellt werden, seit es die Frauenbewegung als organisierte Kraft nicht mehr gibt.

10. Der Rest ist Schweigen

Niemand lässt sich gern mit Dreck bewerfen. Wer einmal Ziel-1-Gebiet eines Shitstorms war, wird sich künftige Meinungsäußerungen überlegen, wer in Zeitungsforen und Co als "sexuell frustriert“ beleidigt wird, verliert die Lust am Mitdiskutieren. "Das Ziel ist, alle Andersdenkenden einzuschüchtern und zum Verstummen zu bringen“, beschrieb die US-amerikanische Zeitschrift "New Statesman“ die Strategie des Online-Mobbings. Der Fall der Genderforscherin Elisabeth Tuider in Kassel ist exemplarisch: Seit sie in anschwellenden Hassgesängen als "irre Lesbe“ beflegelt und sexuell bedroht wurde, ist sie untergetaucht und schweigt.

Damit gehört die Diskussionsarena den Wutmännern allein.