<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Drei Tröstungen

Ein Versuch, gegen die Hoffnungslosigkeit anzukämpfen.

Es gibt Zeiten, da könnte man regelrecht den Glauben an die Menschheit verlieren, da scheint die Welt von allen guten Geistern verlassen zu sein. Das erleben wir gerade jetzt. Zumindest in jener Region, die man gemeinhin den Westen nennt.

Die Lage in den USA ist schlimm genug. Da wissen Millionen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen, Delogierungen sind ein Massenphänomen, die Arbeitslosigkeit will und will nicht zurückgehen, und Drittweltelend frisst sich da von der Peripherie in die Mitte der Gesellschaft vor. Und alles deutet darauf hin, dass noch Schlimmeres bevorsteht: eine veritable Depression. Gleichzeitig aber ist Washington handlungsunfähig, die Politik total blockiert. Die republikanische Rechte sagt zu allem Nein. Dem Ziel, Barack Obama aus dem Weißen Haus zu verjagen, wird alles untergeordnet. Und die Republikaner präsentieren sich heute fast durchgängig als Haufen von staatsfeindlichen Sektierern und durchgeknallten Rechtsradikalen. Von keinem der möglichen Herausforderer Obamas würde man auch nur einen Gebrauchtwagen kaufen wollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass demnächst einer von ihnen die USA regieren wird, ist aber groß. Angst und bang kann einem da werden.

Im sozialstaatlich gezähmten europäischen Kapitalismus zeigt sich die Misere zwar nicht so drastisch wie jenseits des Altantiks. Die Krise ist aber auch voll da, und sie droht demnächst die Tiefe der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre zu erreichen. Nicht nur das: An den ökonomischen Verwerfungen droht die europäische Einigung zu zerschellen. Und das politische Personal, das dieser Tage in der EU das Sagen hat, könnte unfähiger nicht sein. Jeder weiß, dass nur dramatische politische Aktionen den Euro und damit die Union retten können. Aber verfangen in ihren kleinlichen nationalen Egoismen sind die bornierten europäischen Politiker nicht in der Lage, sich auf gemeinsame rettende Schritte zu einigen. Es ist zum Verzweifeln.

Muss man mit dem italienischen Dichter Dante rufen: "Lasst alle Hoffnung fahren“? Vielleicht doch nicht. Auf der Suche nach Tröstendem bin ich auf drei Ereignisse gestoßen, die doch die Welt etwas weniger düster erscheinen lassen.

1. Dass die Aktion von Bankern einmal in mir so etwas wie Rührung aufkommen ließe, hätte ich mir auch nicht erträumt. Und doch passierte das. Und zwar am 30. November. Für alle überraschend stellten die Notenbanken der USA, Großbritanniens, Japans und der Schweiz gemeinsam mit der Europäischen Zentralbank in einer konzertierten Aktion den internationalen Finanzinstituten unbegrenzt billige Dollar zur Verfügung, so wie damals in den schlimmsten Tagen der Finanzkrise des Jahres 2008. Klarer hätte jetzt nicht demonstriert werden können, wie gefährlich die Situation ist. Aber gleichzeitig machte diese Aktion klar: Internationales Handeln ist möglich. Und so wenig abzuschätzen ist, wie nachhaltig und effektiv die Intervention der Notenbanken ist, so gibt sie doch eine Ahnung davon, dass dereinst vielleicht auch die Politik aller Kontinente an einem Strang ziehen könnte.

2. SPD-Parteitag am 4. Dezember. Altkanzler Helmut Schmidt tritt auf, und es folgt, wie ein Delegierter meint, eine "außergewöhnliche Geschichtsstunde“. In einer mehr als eine Stunde langen Rede geißelt der 92-Jährige in scharfen Worten das, was heute deutsche Europapolitik ist: "die schädliche Kraftmeierei“, die glaubt, die Transferunion verhüten zu müssen; die enormen deutschen Überschüsse in der Handels- und Zahlungsbilanz: "Das ist eine schwerwiegende Fehlentwicklung.“ Schmidt leitet aus der Historie die Verpflichtung der Deutschen ab, hilfsbereit und solidarisch zu sein - was letztlich auch im eigenen Interesse sei. Er plädiert für Eurobonds und meint, es sei hoch an der Zeit, sich gegen "diese Herde von hochintelligenten, zugleich psychoseanfälligen Finanzmanagern mit ihrem Spiel um Profit und Bonifikation“ zu wehren und die Finanzmärkte endlich zu regulieren. Man sah die Vernunft schlechthin in Aktion. Der SPD-Parteitag bereitete dem großen Alten stehende Ovationen. Und das bedeutet etwas: Wie es aussieht, werden die deutschen Sozialdemokraten demnächst wieder an die Regierung kommen.

3. Dass Obama ein Ausnahmerhetoriker ist, wissen wir. Seine wahrscheinlich beste und geschichtsmächtigste Ansprache hielt der Präsident der USA aber Anfang der vergangenen Woche in Kansas. "Endlich hat er seine Sprache gefunden“, jubeln seine Anhänger. Er prangerte die wachsende soziale Ungleichheit in seinem Land an, die nicht nur moralisch unerträglich, sondern auch ökonomisch desaströs sei. Der Kampf der Mittelklasse gegen den sozialen Abstieg sei die "entscheidende Frage unserer Zeit“. Ganz wie die Occupy-Bewegung will er die Reichen zur Kassa bitten. Wenn er diese kämpferische Linie im Wahlkampf um das Weiße Haus durchhält, dann geht sich, trotz der katastrophalen wirtschaftlichen Lage, vielleicht doch noch eine zweite Amtszeit aus, analysieren nun die Meinungsforscher. Mögen sie Recht behalten!

Jedem politisch Interessierten sei dringend geraten, sich die grandiosen Reden von Helmut Schmidt und Barack Obama auf YouTube anzusehen. Auch als Gegengift gegen die Hoffnungslosigkeit.

georg.ostenhof@profil.at