<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Ein früher Nekrolog

Wie das seltsame Paar Merkel-Sarkozy Europa vorwärtsbrachte.

Ein Nachruf auf „Merkozy“ ist sicherlich verfrüht. Aber das Ende der ebenso engen wie seltsamen Partnerschaft zwischen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy ist abzusehen. Wenn nicht wirklich Außergewöhnliches passiert, wird „Sarko“ nach seiner ersten Amtszeit im kommenden Mai den Élysée-Palast räumen. Lange Zeit galt der Sozialist François Hollande als zu wenig präsidentiell. Aber er hat inzwischen an Statur gewonnen und führt in allen Meinungsumfragen stabil um zweistellige Prozentpunkte. Sarkozy kann machen, was er will: Die Franzosen haben ihn offenbar ein für alle Mal satt. Mit seinem Abgang aber stirbt das Paar Merkozy. Und da mag man sich politisch in einem anderen Lager verorten als in jenem der beiden konservativen Politiker – dieser voraussehbare Tod stimmt jedoch traurig.
Angela Merkel sagte es selber: „Es war uns nicht in die Wiege gelegt, dass wir uns so gut verstehen.“ In der Tat: Es war eine späte Liebe. Anfangs hatten sich die beiden wirklich nicht gemocht. Verächtlich nannte Sarkozy, der Freund schöner Frauen, die deutsche Kanzlerin im kleinen Kreis „la grosse“, die Dicke. Und in Berlin hielt man den zappelig-hektischen Franzmann für ein unernstes und frivoles Leichtgewicht. Tatsächlich konnte es schon von der beiden Herkunft keinen größeren Kontrast geben: da die biedere protestantische Pfarrerstochter aus der brandenburgischen Steppe, dort der glamouröse mediterrane Katholik mit jüdisch-levantinischen Wurzeln. Und sie fanden doch zueinander.

Heute erscheinen sie wie ein Herz und eine Seele. Sie werfen sich vertraute, ja fast verliebte Blicke zu, die „chère Angela“ und der „liebe Nicolas“ erscheinen unzertrennlich. Einst ein vehementer Kritiker des „deutschen Sparfimmels“, wird der französische Präsident nicht müde, seinen Landsleuten Deutschland als leuchtendes Beispiel anzupreisen. Bei einem TV-Auftritt kürzlich nannte er Deutschland gleich 15-mal. Seine demonstrative Germanophilie stößt in Frankreich – hämisch als „Deutschlandbesoffenheit“ charakterisiert – nicht nur in der Opposition auf massive Ablehnung. Diese „Liebe in Zeiten des Wahlkampfs“, wie diese enge Partnerschaft von der „Süddeutschen Zeitung“ genannt wird, entpuppt sich als Atout für Sarkozys Gegner.

Frau Merkel wiederum betont immer wieder, wie sehr sie Sarkozy schätzt und dass sie unbedingt auch künftig mit ihm zusammenarbeiten will. Sie hat sogar versprochen, Wahlkampfauftritte für ihn in Frankreich zu absolvieren. Was auf allgemeine Kritik stößt. Bei ihr zu Hause sieht man im „parteipolitischen“ Engagement der Kanzlerin für das amtierende französische Staatsoberhaupt einen Tabubruch. Und in Frankreich fühlen sich viele durch diese ostentative deutsche Einmischung in die heimische Politik geradezu in ihrem nationalen Stolz verletzt.

Genau dieser Tabubruch ist aber einer der Gründe, warum man der Merkozy-Ära dereinst nachtrauern wird müssen. „Europapolitik ist Innenpolitik“, hört man immer öfter in Sonntagsreden von EU-Politikern. Es bleibt meist bei der Rhetorik. Merkels Wahlkampfhilfe für den Franzosen ist aber ein erster ganz konkreter Schritt in die europäische Innenpolitik. Die beiden gehören ja der gleichen politischen Familie – der Europäischen Volkspartei – an. Der Entschluss der Kanzlerin, direkt in die französische Politik einzugreifen, weist in eine wünschenswerte Zukunft: in der, anders als jetzt, europäische Wahlen nicht bloß mit nationalen Themen und Parteien geschlagen werden, sondern sich da europäische Parteien präsentieren, die Strategien für Europa vorschlagen. Eine Zukunft, in der man etwa auch Politiker aus anderen EU-Ländern ins Parlament nach Straßburg schicken kann und in der bei nationalen Wahlen europäische Fragen nicht bloß als „unter ferner liefen“ firmieren.

Wir wissen zwar nicht, ob, wie und wann die so genannte europäische Schuldenkrise gelöst wird. Und natürlich hat die Kritik ihre Berechtigung, dass die Politik jeweils zu schwach und zu spät auf die ökonomischen Verwerfungen geantwortet hat. Aber die deutsch-französische Achse hat in dieser so schwierigen Zeit noch allemal Handlungsfähigkeit bewiesen. Und die war wichtig – trotz aller demokratiepolitischen Bedenken und trotz des Nörgelns kleiner Länder über das „Diktat“ aus Berlin und Paris.
Man muss sich zudem vor Augen führen, wie sehr sich Merkozy unter dem Druck der Verhältnisse als überaus lernfähig zeigte. Man erinnere sich an die so genannte „No-Bail-out-Klausel“ der EU, die konkret hieß: Jeder Staat muss sich selbst helfen, die Union und ihre Länder dürfen Mitgliedsstaaten in Not finanziell nicht unterstützen. Heute sind weite Rettungsschirme aufgespannt. Auch auf anderen Wegen wird maroden EU-Volkswirtschaften unter die Arme gegriffen. Und es besteht Einigkeit darüber, dass der Weg zu einer Finanzunion beschritten werden muss, dass es mehr und nicht weniger Europa braucht, dass ein wirklich politisch integriertes Europa nicht bloß eine fromme Vision, sondern eine pragmatische Notwendigkeit ist.
Bei aller Unwägbarkeit der Entwicklung: In der Zeit, als das seltsame Paar Merkel-Sarkozy die europäische Politik bestimmte, hat sich die schwerfällig-bürokratische EU gewaltig bewegt. In die richtige Richtung. Deshalb ist das hier auch kein freudiger, früher Nachruf auf Merkozy. Im Gegenteil. ■

georg.ostenhof@profil.at