<small></i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Hoch der Obskurantismus!

Wie irrationale Ängste vor der Atomkraft die so notwendige Energiewende bringen könnten.

Es ist geradezu rührend, wie die Moderatoren deutscher und österreichischer Fernsehsender in diesen Tagen versuchen, die Japaner in Panik zu versetzen. Bevor man sie aus Tokio aus Sicherheitsgründen abzog, wurden die Korrespondenten hartnäckig bedrängt, doch Aufwallungen von Angst bei den Einwohnern der Bevölkerung der japanischen Hauptstadt zu entdecken. Berichte, wonach die Menschen dort nicht ausflippen und nach wie vor ihren Alltag leben, werden ungläubig entgegengenommen – da müssten doch hinter der ruhigen Art des Japaners tief in seinem Inneren versteckt die Schrecken vor der Atomkraft brodeln.
Es werden mehr oder minder kluge ethnologische und psychologische Überlegungen über Nippons Stoizismus angestellt. Und jenen Fachleuten, die von der Möglichkeit sprechen, das Unglück von Fukushima könnte noch einmal glimpflich ausgehen, begegnet man mit demonstrativer Skepsis. Emotionale Erleichterung bietet dann Professor Wolfgang Kromp, der mit seinem Trachtenjopperl permanent durch die deutschsprachigen Sendungen geistert: Der Katastrophenspezialist hatte bereits in den ersten Tagen des Reaktorunfalls den Super-GAU diagnostiziert, der sich nach seinen Worten in einen „Super-Super-GAU“ auswachsen werde.
Vielleicht sollte der ethnologisch-psychologische Blick weniger auf die Japaner als auf uns selbst gerichtet werden. Es ist ja schon seltsam: In apokalyptischen Bildern werden uns Leid, Tod und Zerstörung als Folgen des Erdbebens und des Tsunamis ins Haus geliefert. Wir sind erschüttert. Ungleich stärker erregt uns in der Mitte Europas aber die Entwicklung beim Atomkraftwerk Fukushima – ein Unfall, der zwar genügend Dramatik in sich birgt, bei dem aber kaum jemand zu Schaden gekommen ist. Bis jetzt zumindest. Und die Experten sind sich weitgehend einig, selbst im ärgsten Fall würde der multiple japanische Reaktorkollaps bei Weitem nicht jene destruktiven Kräfte freisetzen, die einst in Tschernobyl wirksam wurden.
Wie kommt es also, dass sich die Medien und auch das Publikum in unseren Breiten durch eine mögliche, aber keineswegs sichere Bedrohung in der Zukunft mehr emotionalisieren lassen als durch eine schon eingetretene furchtbare Katastrophe mit Zehntausenden Toten und Elend für Hunderttausende? Warum diese Diskrepanz?
Nicht nur ist es äußerst schwierig herauszubekommen, was sich in Fukushima tatsächlich abspielt. Auch die Deutung des Geschehens ist höchst kompliziert.

Zwei Narrative stehen einander schroff gegenüber:

• Trotz Three Mile Island, trotz Tschernobyl ist die Sicherheitsbilanz der AKW hervorragend. Das Schürfen von Kohle,­ das Fördern von Öl und berstende Staudämme haben bisher unvergleichlich mehr Opfer gefordert als Reaktorunfälle. Die aktuellen Ereignisse in Nordjapan zeigen, dass selbst beim fatalen Zusammentreffen eines der schwersten Beben der Weltgeschichte und einer extrem hohen Flutwelle die Sicherheitssysteme der Nuklearindustrie ein großes Desaster verhindern konnten. Diese Tatsachen verschwinden aber in der Wolke von Angst, die AKW-Unfälle immer wieder produzieren.

• In Fukushima handelt es sich ja nicht um von unerfahrenen Ingenieuren betriebene verrottete Reaktoren in einem maroden Drittwelt-Land oder „failed state“, sondern um eine wichtige Kraftwerksanlage in einem reichen, technologisch entwickelten und äußerst sicherheitsbewussten Land. Die Schwierigkeiten, mit denen die Japaner nun kämpfen, die Reaktoren zum Stillstand zu bringen, und die Hilflosigkeit, mit der man versucht, die gefährliche Kernschmelze zu verhindern oder zu stoppen – all das beweist, wie wenig tatsächlich bei dieser so komplexen Nukleartechnik vorausgesehen werden kann, was in einer Extremsituation passieren kann. Und es muss nicht immer ein Erdbeben sein: Das nächste Mal können Terroristen zuschlagen oder unerwartete Folgen der Erderwärmung eintreten.

So konträr diese zwei Interpretationen auch sein mögen, stimmig scheinen sie beide zu sein. Dass bei der Ablehnung der Atomkraft oft – besonders in deutschsprachigen Ländern – ein gerüttelt Maß an Irrationalität im Spiel ist, dass also die Angst vor Nuklearkatastrophen oft Züge von Paranoia, Hysterie und Obskurantismus in sich trägt, ist auffällig. Dazu lädt freilich auch die Grundlage dieser Technologie ein: Strahlen sind unsichtbar, die Gefahr ist also umso unheimlicher. Auch die bedenkliche Herkunft dieser Energiegewinnung – sie ist ja quasi die gezähmte Atombombe – hat eine Wirkung auf die Gefühle der Menschen.

Gleichzeitig aber dürften die AKW-Gegner – nach dem Motto: Auch Paranoiker werden verfolgt – Recht behalten. So sehr auch die Bedrohung vielfach übertrieben wird: Fukushima demonstriert dennoch klar, dass es sich bei der Kernspaltung in letzter Instanz um eine Technologie handelt, die der Mensch nicht vollends im Griff hat – und das nicht nur wegen der ungelösten Endlagerfrage.

Es sieht ganz so aus, als ob wieder einmal das Paradoxon eintritt, das wir in der Geschichte bereits öfters erlebt haben: dass Obskurantismus und Irrationalität mitunter den Weg zu Vernunft und Fortschritt ebnen. In dem aktuellen Fall hieße das: Die Welt stellt, schockiert von der japanischen Katastrophe, die Energieweichen hin zu Naturkräften wie Wind und Sonne, die leichter und gefahrloser von den Menschen in den Dienst genommen werden können als die Atomkraft.

Ob wir tatsächlich vor einer derartigen Wende stehen, ist ungewiss. Aber immerhin: In diesen Tagen befinden sich die Aktien der Nuklearindustrie im freien Fall, jene der Solartechnikunternehmen boomen.

georg.ostenhof@profil.at