<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Jesus in Amerika

Es gäbe gute Gründe, Romney nicht zu wählen, sein Mormonentum ist keiner.

So trug sich die Geschichte zu: Nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar II. setzte vor etwa 2600 Jahren eine Auswanderungswelle der Israeliten aus dem Nahen Osten ein. Die führte sie zu fernen Gestaden – nach Amerika. Die Emigranten gehörten zu den verlorenen Stämmen Israels. Einige Jahrhunderte später bekamen sie Besuch. Kurz nach seiner Auferstehung erschien Jesus den amerikanischen Israeliten. Und bevor er schließlich in den Himmel auffuhr, verkündete er ihnen noch schnell das Evangelium.

Und woher wissen wir von diesen Begebenheiten? Unter den Nahost-Migranten in Amerika gab es zwei einander bekämpfende Gruppen: die guten Nephiten, die sich an die Gebote Gottes hielten, und die bösen Lamaniten, die vom rechten Glauben abgefallen waren. Letztere besiegten schließlich die Guten. Für ihren Unglauben wurden die Lamaniten mit einer dunklen Hautfarbe bestraft. Aus ihnen gingen die Indianer hervor. Der letzte überlebende Nephit aber, der Prophet Moroni, zeichnete die Story in einer nur von ihm lesbaren Schrift auf Goldplatten auf. Als Engel erschien dieser dann im Jahr 1827 einem jungen Amerikaner aus Vermont. Sein Name: Joseph Smith. Ihm half der Engel, bevor er die Goldplatten wieder an sich nahm, die Geschichte ins Englische zu übersetzen. Smith veröffentlichte sie unter dem Titel „Das Buch Mormon“. Und gründete eine Kirche: die Kirche der Heiligen der Letzten Tage. Kurz Mormonen genannt.

In den USA gibt es viele derartige Sekten. Und die Mormonen-Kirche ist gewiss nicht die größte. Zwar haben die Jünger von Joseph Smith einen Bundesstaat, Utah, gegründet und bilden da heute noch die Mehrheit der Bevölkerung. Insgesamt sind aber nur etwa 1,7 Prozent der Amerikaner Mormonen. Brisanz bekommen die Heiligen der Letzten Tage allerdings durch den amerikanischen Wahlkampf. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass kommendes Jahr ein Mann ins Weiße Haus einzieht, der an die frühe Besiedlung der Neuen Welt aus dem Morgenland und die amerikanische Reise von Jesus Christus glaubt: Aus heutiger Sicht wird der ehemalige republikanische Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, Amtsinhaber Barack Obama herausfordern. Romney ist bekennender Mormone.

Die spinnen, die Amerikaner, ist man versucht zu denken. Für Außenstehende muss der mormonische Mythos tatsächlich als blühender Unsinn erscheinen. Wie kann jemand, der sich mit so etwas identifiziert, überhaupt eine Chance auf das höchste Amt in den USA bekommen?

Gemach, gemach. Überblickt man einmal mit gehöriger agnostischer Distanz das spirituelle Panorama, das in den USA besonders reichhaltig ist, dann muss man feststellen: Nicht nur die kleinen Konfessionen, nicht nur die Sekten, auch die Mainstream-Religionen haben – genau betrachtet – Gründungsnarrative, die an Obskurantismus und Verrücktheit jener der Kirche der Heiligen der Letzten Tage nur wenig nachstehen.

Dabei hat der Mormonismus gegenüber den anderen Denominationen einen großen Vorteil: „Er ist die erste große wirklich amerikanische Religion“, schreibt Andrew Brown, der Religionsexperte des britischen „Guardian“. Die dominanten Strömungen der US-Protestanten – Methodisten und Baptisten –, deren Lehren einen starken Einfluss auf die Politik und vor allem auf die politische Rhetorik des Landes haben, sind wie die Mormonen der Meinung, dass Gott Amerika eine spezielle Mission gegeben hat. Für sie ist ihre Heimat das „neue Israel“. Joseph Smith hat da aber noch eins draufgelegt: Für ihn und seine Anhänger war Amerika immer schon ein Teil der Vorsehung Gottes, und für das Wirken des Höchsten war der Kontinent jenseits des Atlantiks von Anfang an ebenso zentral wie Israel.

Nun wird diskutiert, ob seine Religionszugehörigkeit für Romney ein Handicap im Rennen um die Präsidentschaft darstellt. Meinungsumfragen deuten tatsächlich darauf hin. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Amerikaner, was die Religion betrifft, zunehmend toleranter geworden. Noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sagten über zwanzig Prozent der US-Bürger, sie würden einen jüdischen oder katholischen Präsidentschaftskandidaten nicht wählen. So hoch war auch der Anteil, der einem Mormonen die Stimme verweigert hätte. Heute würden nur mehr sechs Prozent nicht für einen Kandidaten votieren, weil er Jude ist, und nur vier Prozent nicht für einen Katholiken. Aber nach wie vor 17 Prozent hätten auch heute noch Probleme damit, einen Mormonen ins Weiße Haus zu wählen.

Woran das liegt, ist nicht so klar: Möglicherweise hängt ihnen die Vielweiberei noch nach: Joseph Smith praktizierte und propagierte sie, von ihr losgesagt haben sich die Mormonen aber bereits seit über hundert Jahren. Vielleicht spiegeln die Zahlen aber auch nur die Stärke der fundamentalistischen Evangelikalen in den USA wider, für welche die Mormonen Abtrünnige vom rechten Glauben – also Häretiker – sind.
Es gibt hundert gute Gründe, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen nicht republikanisch zu wählen. Der Glaube des voraussichtlichen konservativen Kandidaten ist wohl der geringste. Und dennoch: Führt sein Mormonentum Romney tatsächlich in eine Niederlage gegen Barack Obama – Grund, sich ernsthaft zu kränken, wäre das wohl auch nicht.

georg.ostenhof@profil.at