<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Julia und der Klassenkampf

Die rechten Gegenspieler Barack ­Obamas gebärden sich plötzlich ­überaus antikapitalistisch.

Es ist eine wunderbare Liebesgeschichte. Ein stinkreicher skrupelloser Finanzhai von der Ostküste gabelt auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles eine Nutte auf. Er beginnt eine Beziehung mit ihr. Sie verliebt sich in den spendablen Freier und wandelt sich von einer ordinären Schlampe zur anmutigen Dame. Schließlich kriegt sie den feschen Millionär. Ein Happy End. Erraten: Es handelt sich um den Plot von „Pretty Woman“, der erfolgreichsten Romantic Comedy aller Zeiten. Millionen Zuseher haben bisher Tränen der Rührung über die schöne Pygmalion-Story vergossen, in der sich die – bei den Dreharbeiten Ende der achtziger Jahre – blutjunge Julia Roberts als Viviane in die Herzen des Publikums spielte.

Und welche Aktualität hat dieser zwei Jahrzehnte alte Streifen? Weniger bemerkt als die Geschichte der Zivilisierung der kalifornischen Bordschwalbe ist die gleichzeitig erzählte Story der Emanzipation des männlichen Protagonisten dieser Hollywood-Produktion. Edward, gespielt von Richard Gere, weilt in L. A., um eine alte Schiffswerft, die in Finanzschwierigkeiten steckt, zu kaufen. Er will das machen, was er immer tut: die Firma filetieren, die wertvollen Teile wieder verkaufen, die Belegschaft entlassen und letztlich das Unternehmen liquidieren.

Der Witz bei dem Film ist nun, dass Edward im Verlaufe seiner Beziehung zur Prostituierten sein Geschäftsmodell suspekt wird: „Was machen wir?“, fragt er seinen Kompagnon. „Wir machen eine Menge Geld“, entgegnet dieser. Und Edward/Richard Gere dann: „Aber wir produzieren nichts, wir schaffen nichts.“ Er verzichtet schließlich auf den Kauf und steckt die Millionen statt dessen in die Werft, die so überlebt. Die Realwirtschaft hat über die Finanzwirtschaft gesiegt. Und der ursprünglich eiskalte Investor erlebt seine Menschwerdung. Auch ein Happy End.

Dieser Tage erleben wir wieder einen Film, in dem ein ähnlicher „corporate raider“ im Zentrum steht. Die männliche Hauptfigur ist gut aussehend wie Gere. Er ist aber nicht fiktiv. Es ist Mitt Romney, der wahrscheinliche republikanische Präsidentschaftskandidat.

„King of Bain“ heißt der Film. Und nicht Hollywood hat ihn produziert. Sondern eine Unterstützungsorganisation von Romneys republikanischem Gegenspieler Newt Gingrich. Bain Capital, war die Firma, die Romney Mitte der achtziger Jahre gegründet hatte und der er über ein Jahrzehnt vorstand – eines jener Unternehmen, die in unseren Breiten polemisch als „Heuschrecken“, in Amerika aber als „vulture“ – Aasgeier – bezeichnet werden.

Es ist erstaunlich: Wenn man sich auch nur den Trailer für diesen halbstündigen Streifen ansieht, könnte man meinen, Michael Moore hätte Regie geführt. Man würde sich auch nicht wundern, hätte sich da ein Filmemacher betätigt, der direkt vom New Yorker Zuccotti Park ins Studio geeilt wäre, um die Untaten der berüchtigten „Ein Prozent“ anzuprangern. Da wird Romney als herzloser Kapitalist dargestellt, der Firmen ausgeraubt und zur Maximierung seines eigenen Gewinns Arbeiter gefeuert hat, der also durch das Elend der vielen reich geworden ist. Es kommen auch Arbeitnehmer zu Wort, die bezeugen, dass es Romney und sein Unternehmen waren, die ihnen durch ihr lukratives Investment die Existenzgrundlage entzogen hätten. Der Film mag zwar Propaganda sein – seine Grundaussage stimmt aber. Das schreibt sogar das überaus business-freundliche „Wall Street Journal“: Während eine ganze Reihe von Unternehmen nach dem Kauf durch die Romney-Firma in den Bankrott geführt wurden, zahlte Bain Capital saftige Gewinne aus.

Es ist schon komisch: Da wird Barack Obama von den Republikanern seit Jahr und Tag als unamerikanischer Sozialist denunziert, dessen Idee, die Steuern für die Superreichen ein wenig zu erhöhen, als tiefroter Klassenkampf angeprangert wird. Und plötzlich scheint der Klassenkampf innerhalb der amerikanischen Rechten selbst ausgebrochen zu sein: „Wenn jemand daherkommt, alles Geld aus deiner Firma herauszieht und dich dann pleitegehen lässt, während er selbst Millionen mitnimmt, dann ist das kein traditioneller Kapitalismus“, wehrt sich Gingrich gegen den Vorwurf, ein Feind der freien Marktwirtschaft zu sein.

Es sieht zwar nicht so aus, als ob Romney als Präsidentschaftskandidat noch verhindert werden kann. Aber klar wird: Das Thema von Occupy Wall Street, das auch von den Demokraten und Obama im Wahlkampf betont wird – die wachsende soziale Ungleichheit –, hat inzwischen Eingang in das nationale Bewusstsein gefunden. Das bestätigt auch eine Ende vergangener Woche erschienene Untersuchung: Die vom Pew Research Center befragten Amerikaner meinten in ihrer überwältigenden Mehrheit, dass ihr Land von einem „schweren Konflikt“ zwischen Reich und Arm erfasst sei – ein Konflikt, der inzwischen andere, wie den zwischen den verschiedenen Ethnien und jenen zwischen Inländern und Einwanderern, in den Hintergrund gedrängt hat.

Und wie kann dieser Konflikt gelöst werden? Bei „Pretty Woman“ ist es Julia Roberts und die Liebe, die zum Happy End führen. Das ist freilich ein Märchen. In der realen Geschichte gibt es kein glückliches Ende. Wenn aber der innerrepublikanische Klassenkampf dazu führt, dass Obama wiedergewählt wird, dann kann man, mit Verlaub, schon ein wenig happy sein.

georg.ostenhof@profil.at