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profil-Morgenpost
07/26/2022

Geschlechter gerechter!

Und Ryan Goslings Hardbody bebt: Was der neue Netflix-Reißer „The Gray Man“ mit der aktuellen profil-Coverstory zu tun hat.

von Stefan Grissemann

Wenn Netflix schon 200 Millionen Dollar in eine seiner Filmproduktionen investiert, müssen dabei offenbar auch die alten Verhältnisse zwischen Männern und Frauen wiederhergestellt werden. Seit wenigen Tagen läuft "The Gray Man" nun exklusiv im Programm des Streaming-Giganten, und "woke" wird man diese Vernichtungsorgie beim besten Willen nicht nennen können, die da um einen mit brisantem Wissen ausgestatteten CIA-Auftragskiller (Ryan Gosling) kreist, der von einem pathologisch sadistischen, über Leichen nicht bloß gehenden, sondern selig tänzelnden Gewalt-Freelancer (mit Gusto gespielt von "Captain America" Chris Evans) ausgeschaltet werden soll. Dabei wird das Prager Stadtzentrum, wo Hollywood stark steuerschonend drehen kann, in Schutt und Asche gelegt (Dankbarkeit sieht anders aus) und ein fingiertes Wien samt Hundertwasserhaus zum Durchgangs-Schauplatz dieser zwangsbeschleunigenden Verfolgungsjagd. Männer schlagen ihre Hardbodies gegeneinander (und gern auch im freien Fall gegen jede Art von superharten Oberflächen), während es gilt, ein wehrloses, herzkrankes Mädchen aus den Fängen des Bösen zu retten.

Für einen der zerstörungswütigen Finsterlinge, dargestellt von dem tamilischen Filmstar Dhanush, bricht nach einem Amoklauf mit zahllosen Toten überraschend eine Welt zusammen, als er erfährt, dass sein Chef kein Problem damit hätte, eine weibliche Geisel zu liquidieren. So sind die wirklich harten Männer eben: Die bloße Erwähnung einer Frau in Gefahr aktiviert auch nach blutiger Entsorgung Dutzender Gegenspieler augenblicklich ihren weichen Kern. Die Anwesenheit von Ana de Armas als kämpferisches Feigenblatt an Goslings Seite genügt jedenfalls nicht, um grundlegende Zweifel an der Aktualität der Geschlechterbilder in diesem Film zu zerstreuen.

A Walk on the Wild Side

Deutlich komplexer fächert die aktuelle Coverstory des profil in Streitgesprächen, Analysen und Interviews den gegenwärtigen Kampf um die Anerkennung eines erweiterten Gender-Spektrums auf. Wie die meisten erbittert geführten gesellschaftlichen Debatten fand auch die "Provokation" des gender-bending, die transgressive Idee, über das traditionelle, biologisch-binäre Geschlechterverständnis hinauszudenken, in der künstlerischen Avantgarde ihre Initialzündung. In den Undergroundfilmen des US-Performers und Filmemachers Jack Smith (1932–1989) etwa, die einer intensiven Auseinandersetzung mit Hollywood-Kitsch und schwuler Camp-Kultur entsprangen, wurden trotz der Androhung polizeilicher Verfolgung mutig Grenzüberschreitungen zelebriert. In Smiths einst verfemtem, heute kanonisiertem Experimentalfilm "Flaming Creatures" (1963) sind sexuell nicht eindeutig lesbare Charaktere – Transpersonen ebenso wie Transvestiten und Intersexuelle – in künstlich orgiastischen Verstrickungen zu bewundern. 

Die Dragqueen Mario Montez (1935–2013) gehörte zu Jack Smiths Stars; beide bewegten sich im Umfeld Andy Warhols, in dessen New Yorker "Factory" gendervariable Kreative und Transgender-Diven zu Subkultur-"Superstars" erhoben wurden. Leute wie Candy Darling (1944–1974),

Holly Woodlawn (1946–2015) und Jackie Curtis (1947-­1985) gehörten zu Warhols innerstem Kreis; Darling, Woodlawn und Curtis, die 1972 auch in dem Lou-Reed-Song "Walk on the Wild Side" verewigt wurden, spielten die Hauptrollen in Paul Morrisseys – von Warhol produzierter –Women’s-Lib-Satire "Women in Revolt" (1971).

Aber erst im Nachgang der sexuellen Revolution um 1968 erreichten Androgynie und Gender-Fluidität in großem Stil die Popkultur. Die Rock’n’Roll-Legende Little Richard, der schrille Gay- und Travestie-Elemente in seine Performances einzubauen wagte, hatte Pionierarbeit geleistet; im Glam-Rock der frühen 1970er-Jahre mit seinem "Glitter"-Style wurden David Bowies Metamorphosen oder Marc Bolans feminine Images zu Welterfolgen. Danach erfanden die New Romantics die Metrosexualität, und Künstler wie Boy George, Robert Smith (The Cure) oder Prince kultivierten eine bewusst uneindeutige Form der Männlichkeit. Auch in den Mode- und Musik-Stilrichtungen Emo und Gothic destabilisierte und dekonstruierte man die althergebrachten Geschlechterrollen. Diese historische Linie reicht bis zu dem die sexuelle Ambivalenz und Offenheit feiernden Pop-Superstar Harry Styles. Bis heute bedienen sich die Hipster des gegenwärtigen kulturellen Mainstreams der sanften Irritation durch Verwendung andersgeschlechtlicher Zeichen; global erfolgreiche Serien wie "Transparent" oder "Orange is the New Black" thematisieren das Transgender-Leben ganz direkt.

Wie man respektvoll über oder mit genderfluiden Menschen spricht, scheint viele Nichtbetroffene zu überfordern; in den meisten Fällen ist es aber sehr einfach, dazu muss man nur zuhören und akzeptieren können, dass manche Menschen eben andere Bedürfnisse haben als man selbst. Und Toleranz bessert die Laune! Die britische Trans-Komödiantin Eddie Izzard sieht sich als nichtbinär, legt trotzdem Wert auf das weibliche Pronomen; und auch Kunst-Star Ashley Hans Scheirl identifiziert sich als transgender, wechselt aber immer wieder zwischen "sie" und "er", auch um geschlechtliche Zuordnungen und Simplifikationen strategisch auszuhebeln. Gemeinsam mit Partnerin Jakob Lena Knebl, die das Verwirrspiel der Gender-Identität ebenfalls gern künstlerisch bearbeitet, hat Scheirl den österreichischen Pavillon der laufenden Kunstbiennale in Venedig mit betont queeren Arbeiten versehen. Besuchen Sie also die schönen venezianischen Giardini – es muss nicht gleich sein, man kann gelassen auf das Ende der Hundstage warten. Denn die Biennale läuft noch bis zum 27. November.

Einen antiautoritären Dienstag wünscht Ihnen die profil-Redaktion.