Gewissenslücken

Dass mittlerweile öffentlich über Missbrauch gesprochen wird, ist zweifellos ein Fortschritt. Aber reicht das auch schon? Elfriede Hammerl über unsere Lügen im Umgang mit Kindern.

Schlecht könnte einem werden beim Lesen. So viel erbarmungslose Gewalt. So viel Rohheit. So viel schrankenloser Egoismus. Was zählt, ist nur die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, wie immer die ausschauen. Kleine Buben, die lediglich als benützbare Körperteile gesehen und behandelt wurden. Mädchen, als Arbeitstiere geschunden und gequält, ob aus Lust oder Frust, wer weiß das schon. Keine Zuwendung, jedenfalls keine uneigennützige. Unterdrückung, Tyrannei, Heuchelei. Vertuschung.
Nach außen hin alles untadelig. Lauter moralische Vorbilder, die die Ehrbarkeit gepachtet hatten. Schamloses Ausnützen hierarchischer Überlegenheit, rücksichtsloses Bedrohen aller, die so etwas wie Gegenwehr oder auch nur Flucht anzudenken wagten. Wie war das möglich?

Monat für Monat, in insgesamt 16 großen Storys, berichtete profil im vergangenen Jahr über traumatisierte Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend massiver sexueller und/oder anderer Gewalt ausgesetzt waren. Viele tragische Schicksale, und ständig kamen neue ans Licht. Die Opfer waren sexuell misshandelt, systematisch geprügelt, psychisch gefoltert, unzureichend ernährt, als kostenlose Arbeitskräfte ausgebeutet worden.
Alle diese Untaten passierten in Österreich, in kirchlichen Einrichtungen, in staatlichen Heimen, aber auch in Familien. Die Misshandelten schwiegen Jahre und Jahrzehnte, nachdem sie die Erfahrung gemacht hatten, dass es für sie keine Hilfe gab, niemanden, an den sie sich schutzsuchend wenden konnten, niemanden, der gewillt war, ihnen zu glauben und ihre Partei zu ergreifen.

Im Gegenteil, was sich als Schutzeinrichtung darstellte, erwies sich oft genug als Steigerung des Schreckens: Heime, in die Kinder eingeliefert wurden, wenn die Fürsorge sie ­ihren gewalttätigen Eltern abnahm, waren erneut Brutstätten von Lieblosigkeit, sadistischer Gewalt und Terror. Und der Beichtvater, dem sich ein sexuell ausgebeuteter Bub anvertraute, mutierte unter Umständen zu einem weiteren Vergewaltiger.

Erst jetzt, da blinder Glaube an Autoritäten nicht mehr selbstverständlich ist, bricht das Schweigen auf. Die misshandelten Kinder von ehedem, viele von ihnen mittlerweile nahe dem oder im Rentenalter, haben zu reden begonnen: weil die Chancen günstig stehen, dass ihnen endlich geglaubt wird; weil sie, von Krankheit gezeichnet, nicht mehr die Kraft zum Verdrängen aufbringen; weil sie die ­Vorstellung nicht ertragen, dass sie vielleicht schon bald, auf Pflege angewiesen, wieder in heimartigen Einrichtungen ­landen.

Was ihre Anklagen letztlich bewirken werden, ist ungewiss. Die Klasnic-Kommission, die sich der Opfer kirchlicher ­Institutionen annehmen soll, ist eine von der Kirche eingesetzte Prüfstelle. Ob sie sich als unvoreingenommen und objektiv bewähren kann, wird von Kritikern angezweifelt. Eine speziell für die Opfer staatlicher Gewalt eingerichtete Anlaufstelle gibt es erst gar nicht.

Das öffentliche Interesse an Gewalttaten in Institutionen, denen viel zu lange ungeprüft moralische Integrität zugestanden wurde, folgt einem internationalen Trend. Auch in den USA und im übrigen Europa werden in den vergangenen Jahren schwere Vorwürfe, vor allem gegen Erziehungs­einrichtungen der katholischen Kirche, laut. In den USA meldeten mehrere Bistümer Insolvenz an, nachdem sie insgesamt 1,4 Milliarden Dollar Entschädigung an Leidtragende zahlen mussten, die als Jugendliche von katholischen Geistlichen sexuell misshandelt worden waren.

Quer durch Europa, von Irland über Belgien, Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, die Schweiz und Österreich bis nach Polen, gibt es ebenfalls entsprechende Anzeigen. ­Allerdings geht die Aufklärung zum Teil nur schleppend ­voran, und die Frage einer finanziellen Entschädigung bleibt weitgehend ungeklärt. Immerhin wurden in Irland bisher Ausgleichszahlungen von 1,5 Millionen Euro geleistet.

Derlei quantitative Angaben drängen sich einerseits auf, um die Dimension der begangenen Verbrechen irgendwie abzustecken, und bergen andererseits die Gefahr eines Ausweichmanövers, weil sie zu wenig aussagen über deren qualitative Bedeutung.

Ja, es wird öffentlich darüber gesprochen. Das ist zweifellos ein Fortschritt. Bis 1995, als profil den österreichischen Kardinal Hans Hermann Groer mit dem begründeten Vorwurf sexuellen Missbrauchs konfrontierte, war das Thema tabu gewesen. Dass es an katholischen Internatsschulen gelegentlich zu sexuellen Übergriffen kam, darüber wurde zwar immer wieder getuschelt, aber offiziell schützte die Männer der Kirche eine zwar nicht im Gesetz, aber in der Tradition verankerte Immunität.

Mittlerweile weiß man, dass katholische Internate nicht die einzigen Tatorte waren, an denen junge Menschen fürs Leben geschädigt wurden. Auch in staatlichen Erziehungsheimen regierte ungezügelte Gewalt. Und wer da meint, beides als Beweis für die Unzulänglichkeit außerfamiliärer Kinderbetreuung nehmen zu können, irrt. Gerade Familien sind alles andere als ein geschützter Raum.

Bei einer österreichweiten Umfrage der Kinderschutz­zentren „Die Möwe“ im Jahr 2009 erklärten fünf Prozent der Befragten, in ihrer Kindheit und Jugend sexuell missbraucht worden zu sein.

Das Umfrageergebnis deckt sich mit internationalen Studien, denen zufolge fünf bis 15 Prozent der Bevölkerung ­eines Landes bis zum Alter von 16 Jahren sexuelle Gewalt erfahren haben. Nur zehn bis 15 Prozent aller Betroffenen geben freilich an, „Fremdtätern“ in die Hände gefallen zu sein. Die meisten Täter finden sich im „sozialen Nahraum“ der Opfer, also in der eigenen Familie, wobei laut einer Studie des deutschen Max-Planck-Instituts am häufigsten sexuelle Übergriffe von älteren Brüdern auf jüngere Schwestern sind.

So weit, so schlecht.
Was bleibt, ist Ratlosigkeit. Denn bei Betrachtung des unterschiedlichen Ausmaßes und all der unterschiedlichen Formen von Gewalt, die Kindern und Jugendlichen angetan wurde und wird, zeichnet sich kein Muster ab, aus dem einfache Präventivmaßnahmen ableitbar wären. Der Versuch, an den öffentlich bekannt ­gewordenen Fällen eine Systematik abzulesen, ergibt, dass sexuelle Gewalt vor allem in einem klerikalen Umfeld ausgeübt wurde, während staatliche Heime sich meist auf nackten Sadismus „beschränkten“. Wie so oft wird auch hier ein Ranking nach Sozialschichten sichtbar: In katholischen Internaten waren diejenigen Zöglinge besonders gefährdet, von denen anzunehmen war, dass sie durch eine bescheidene Herkunft auf Unterordnung konditioniert waren; in den staatlichen Heimen wurden misshandelte Unterschichtkinder als gesellschaftlicher Abfall gesehen und mit entsprechender Verachtung bedacht; und bei Sexualdelikten in der Familie steigt die Chance des Täters, straflos davonzukommen, mit seinem sozialen Status.

Aber das zutiefst Erschreckende an all den bekannt ge­wordenen Fällen von brutaler Kinderzerstörung liegt wohl darin, dass sie eine Illusion gefährden, der wir uns für gewöhnlich hingeben: die Vorstellung nämlich, dass in der menschlichen Natur eine grundsätzlich wohlwollende, wertschätzende Haltung dem Nachwuchs der eigenen Art gegenüber tief und fest verankert sei.

Auf geradezu monströse Weise wird uns vor Augen geführt: Es ist kein Verlass auf den – erwachsenen – Menschen, kein Verlass auf Beißhemmung und Beschützerinstinkt. Kinder sind eine gefährdete Spezies, weil Erwachsene nicht ihre ­natürlichen Freunde sind. Was Menschen einander antun können, tun sie einander an, das Alter und die Schutzbedürftigkeit spielen dabei keine Rolle. Im Gegenteil, je schutzbedürftiger, je hilfloser, je ausgelieferter ein Mensch ist, desto mehr scheint dies so genannte niedere Instinkte in denen zu wecken, denen er überantwortet ist, desto grausamer, machtberauschter reagieren sie, desto hemmungsloser geben sie der eigenen Lust oder Unlust nach.

Im Entsetzen darüber steckt allerdings ein wenig Heuchelei. Denn bei aller Verdrängung ist eigentlich unübersehbar, dass ein liebe- und respektvoller Umgang mit Kindern keineswegs global gelebter Konsens ist. Gewalt gegen Kinder hat viele Facetten, mit einigen davon kommen wir offenbar ganz passabel zurecht. Kinderarbeit, Kinderarmut, verhungernde, an banalen Infekten sterbende Kinder in Dritte-Welt-Ländern, Kindersoldaten – man ist im Prinzip informiert, ­bedauert und findet sich damit ab. Der Handlungsspielraum des oder der Einzelnen ist schließlich begrenzt. Sein bestimmt Bewusstsein, also schottet sich das eigene Bewusstsein vom allzu andersartigen Sein der Opfer ab.

Erst verhältnismäßig kurz ist das Kindesalter in Europa ein juristisch geschützter (Zeit-)Raum, in dem Heranwachsende zwar begrenzte Rechte, aber auch nur begrenzte Pflichten haben und nicht voll verantwortlich sind für ihre Taten. (In den USA hingegen können sie bis heute nach Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt werden.) Und während wir dazu neigen, das Selbstbestimmungsrecht von Kindern auszuweiten, bei gleichbleibend eingeschränkter Verantwortlichkeit, war es in langen Phasen der Geschichte umgekehrt: Kinder waren einerseits Eigentum der Eltern, bekamen aber bei Vergehen die volle Härte des Gesetzes zu spüren wie mündige Erwachsene.
Der Blick auf Kinder hat sich im Lauf der Geschichte immer wieder verändert. Mehr Wissen über ihre Entwicklung garantiert allerdings keine ideologiefreie Wahrnehmung. Wurden sie früher als kleine Wilde angesehen, die es zu domestizieren galt und deren Willen im Interesse der gesellschaftlichen Ordnung mit Härte gebrochen werden musste, werden jetzt gelegentlich (allzu) hohe Erwartungen in ihre angeblich naturgegebene Friedfertigkeit und in ihre instinktive soziale Lösungskompetenz gesetzt. Auch darin liegt eine Gefahr: Übersteigerte Erwartungen werden leicht enttäuscht. Und Enttäuschung kann Aggressionen auslösen.

Das Wort Missbrauch, das immer noch üblich ist, um ­sexuelle Gewalt zu benennen, ist in gewisser Weise entlarvend. Missbrauch. Das Gegenteil von Gebrauch. Wenn Kinder missbraucht werden können, dann muss es auch einen erlaubten Gebrauch von Kindern geben. Worin jedoch besteht er?
Das Wunschkind, dessen Funktion sich im Wesentlichen darauf beschränkt, seine Eltern ideell zu bereichern und ihnen sinnstiftend Freude zu bereiten, ist eine Erfindung der vergangenen Jahrzehnte, und sein Vorkommen grenzt sich auf einige Bio- beziehungsweise Soziotope ein.

Davor und überall sonst kamen und kommen Kinder einfach zur Welt – manchmal ersehnt, manchmal unerwünscht, meistens hingenommen, als Freude, als Sorge, als Last. Sie waren und sind in weiten Teilen der Welt kostenlose Arbeitskräfte und die einzige Altersversorgung ihrer Eltern. Sie
sollten und sollen den Fortbestand von Familien, Dynastien, Nationen sichern.

Auch hierzulande sind sie aufgerufen, für künftiges Wirtschaftswachstum und die Stabilität der Pensionskassen zu garantieren. Wir brauchen und gebrauchen sie.

Sogar das Wunschkind dient den Eltern, ihrem Ehrgeiz, ihrem Wunsch nach Ansehen, ihrem Bedürfnis, Spuren zu hinterlassen. Und sogar das Wunschkind ist nicht vor elterlicher Wut gefeit, wenn es all das Fördern und Fordern nicht mit entsprechenden Fortschritten vergilt.

Derlei Überlegungen sollen nicht relativieren. Gräueltaten, die menschliche Wracks zurückgelassen haben, sind nicht vergleichbar mit den durchschnittlichen Nützlichkeitsanforderungen einer durchschnittlichen Gesellschaft an ihren Nachwuchs.

Aber Nachdenken kann vielleicht verhindern, dass wir uns Scheuklappen aufsetzen und uns hinter Wunschvorstellungen flüchten, die wir als unsere Realität ausgeben. Weil nicht sein kann, was wir uns nicht vorstellen mögen. Unvorstellbar. Ein Vorstellbarkeitsverbot als Bannstrahl gegen das Böse.

Doch die Grenzen sind fließend, und der Mensch ist anfällig für Manipulation. Die so genannte schwarze Pädagogik war vom Nutzen der Prügelstrafe überzeugt und davon, dass sie moralisch gerechtfertigt sei.
Die sadistischen Prügler und Quälerinnen in den staatlichen Heimen gingen zunächst einmal von eben dieser Überzeugung aus, wenn sie sich ihren Aggressionen überließen. Und sexuelle Misshandler argumentieren oft mit einem vermeintlichen Bedürfnis der Misshandelten, dem sie entgegengekommen seien.

Das Gewissen ist kein zuverlässiger Kompass. Immer wieder tun Menschen guten Gewissens Dinge, von denen man in einer anderen Zeit und in einem anderen Umfeld annimmt, dass man es nicht einmal schlechten Gewissens fertigbrächte, sie zu tun.

Deshalb: keine selbstgerechte Entrüstung. Sie macht blind, möglicherweise für eigene Anfälligkeiten. Stattdessen wachsam beiben. Vielleicht ist das eine Lehre, die wir fürs Erste ziehen sollten.