Goldener Schluss

Der Goldpreis eilt von Rekord zu Rekord und verführt immer mehr Kleinanleger – getrieben von Zukunftsängsten und Untergangspropheten – zu einem hochriskanten Investment.

Wien-Mauer, Geßlgasse 10, neun Uhr morgens. Simon Schnabl kann kaum den Schlüssel im Schloss umdrehen, da drängen schon die ersten Kunden ins Geschäftslokal. Der Zustrom wird den ganzen Tag über nicht abebben. Zeit für ausgedehnte Pausen bleibt ihm und seinen Kollegen derzeit nicht. Als Mitarbeiter des Goldhandelsunternehmens pro aurum erlebt Schnabl den fast schon hysterischen Run auf Gold hautnah mit.

Vom Studenten bis zum Pensionisten
– das Fieber habe mittlerweile alle Altersklassen und Gesellschaftsschichten erfasst. Ähnliche Szenen kennt man auch bei der Österreichischen Gold- und Silberscheideanstalt (Ögussa): Dort nutzen die einen die Gunst der Stunde, sprich den hohen Goldpreis, um Kettchen, Ringe und Zahngold zu Geld zu machen. Die weitaus größere Menge des Edelmetalls geht jedoch in die andere Richtung über den Ladentisch. „Wir haben im Juli und August dreimal so viele Goldbarren verkauft wie in den Monaten davor“, erzählt Ögussa-Geschäftsführer Marcus Fasching.

Das Element mit der Ordnungszahl 79 hat seit jeher die Fantasie der Menschen beflügelt und deren Begehrlichkeiten geweckt. Für Gold wurden Kriege geführt und ganze Völker ausgerottet. Nun eilt der Preis für das Edelmetall von Rekord zu Rekord – im August erreichte er den bisher nicht gekannten Höchststand von über 1900 US-Dollar (etwa 1300 Euro) pro Feinunze. Danach erlitt er zwar einen Dämpfer, hat sich aber mittlerweile auf einem Niveau von über 1800 Dollar konsolidiert. Und trotzdem wollen immer mehr Menschen kaufen. Die Sorge, schon morgen noch viel mehr für eine Unze bezahlen zu müssen oder überhaupt kein Gold mehr zu bekommen, führt bei Sparern zu einer regelrechten Kaufpanik.

Die Schuldenkrisen in den USA und Europa, niedrig verzinste Anlageformen, die Angst vor Inflation und dem großen Börsencrash lassen die Anleger in den vermeintlich sicheren Hafen flüchten. Und die Goldapologeten heizen mit ihren Horrorszenarien den Zustrom immer weiter an. Im kollektiven Bewusstsein ist Gold als Mittel der Vermögenssicherung in Krisenzeiten unübertroffen. Doch ist Gold wirklich so sicher und krisenstabil, wie viele meinen? Wird der Aufwärtstrend anhalten? Oder ist vielmehr das Entstehen einer großen Blase zu beobachten, die demnächst zu platzen droht?

Die Nachfrage nach physischem Gold als Wertanlage ist in den letzten Jahren tatsächlich erstaunlich gestiegen. Noch im Jahr 2000 war die Schmuckindustrie mit einem Anteil von 84 Prozent die mit Abstand größte Goldabnehmerin. Der Anteil der Anleger an der Gesamtnachfrage lag dagegen weltweit bei lediglich vier Prozent. In der Zwischenzeit haben sich die Relationen deutlich verschoben: Mittlerweile entfallen auf die Investoren knapp 40 Prozent der Nachfrage. Und in Österreich haben die Anleger die Schmuckindustrie als Goldkäufer sogar überholt.

Unsicherheit und Angst waren schon immer gute Argumente für Gold. Unzählige Internetseiten in unterschiedlichen Seriositätsabstufungen kreisen mittlerweile um die Themen Gold und Währungskollaps. Und sie erhalten regen Zulauf. Jede schlechte Nachricht wird als Bekräftigung für ein Investment in Gold gelesen. Ögussa-Chef Fasching muss nur die aktuellen Medienberichte verfolgen, um zu wissen, wie sich seine Absatzzahlen in den Tagen darauf entwickeln werden. Wenn etwa, wie vergangene Woche, der tschechische Premier den Eurobeitritt seines Landes infrage stellt, gehen sie nach oben.

Derartige Meldungen sind Wasser auf die Mühlen von Währungsapokalyptikern wie Walter Eichelburg. Der Wiener betreibt die Internetseite hartgeld.com, laut eigenen Angaben die meistgelesene deutschsprachige Webseite zum Thema Gold und Krisenvorsorge. „Der Euro ist unrettbar verloren“, ist Eichelburg überzeugt. Er rechnet noch heuer mit einer Währungsreform. Die Deutsche Bundesbank habe schon eine neue Währung parat, ebenso die Oesterreichische Nationalbank. Doch wie zahlreiche Weltuntergangspropheten vor ihm musste auch er den Termin für den Jüngsten Tag schon einmal nach hinten verschieben: Bereits im vergangenen Jahr bereitete er seine Leser auf das unmittelbar bevorstehende Ende des Euros vor. Dass es dann doch anders kam, tat dem Zuspruch durch seine Anhängerschaft keinen Abbruch. Im Gegenteil. Papiergeld, Aktien und Anleihen werden bald völlig wertlos sein, versichert sie sich im Online-Forum gegenseitig. Wer ihre Meinung nicht teilt, wird kurzerhand ­lächerlich gemacht.

Doch das Misstrauen gegenüber der Weltwirtschaft, dem Währungssystem und der Problemlösungskompetenz der Politik ist nicht mehr alleinige Sache von Verschwörungstheoretikern, sondern längst im Mainstream angekommen.

Die Skepsis ist berechtigt, und die Ängste sind durchaus ernst zu nehmen. Aber ob Gold wirklich das Allheilmittel ist, welches sicher durch alle Krisen führt, und wie sich sein Preis weiterentwickeln wird, darüber gehen die Meinungen diametral auseinander. Die Spannweite bei den Prognosen der Analysten liegt zwischen 300 und 5000 Dollar pro Feinunze. Das beweist vor allem eines: Seriös lassen sich diese Fragen kaum beantworten.

Derzeit, so scheint es, haben die Goldbefürworter die überzeugenderen Argumente. Die Staatsschuldenkrise ist von einer Lösung weit entfernt, und solange das Realzinsniveau nicht deutlich höher wird, werden noch mehr Anleger in das glänzende Investment flüchten. Doch nicht nur die Angstkäufer treiben den Preis. „Der steigende Wohlstand in Asien trägt ganz maßgeblich zu seiner Entwicklung bei“, sagt Erste-Bank-Analyst Ronald Stöferle. Neben China gehört Indien zu den größten Goldkonsumenten. Am Subkontinent fängt im Herbst die Hochzeitssaison an, welche die Nachfrage nach Gold traditionell stark anschwellen lässt.

Zudem beginnen nun auch Juweliere weltweit, sich für das Weihnachtsgeschäft einzudecken. „Der Goldpreis könnte noch heuer die 2000-Dollar-Marke durchstoßen“, glaubt der Gold­experte. Die Gefahr einer Blase sieht er nicht. Im Gegenteil, noch sei ein guter Zeitpunkt, auf den Zug aufzuspringen. „Fünf bis zehn Prozent des Portfolios in Gold zu halten macht Sinn. Ich würde Gold als Absicherung empfehlen“, so Stöferle.

Gold mit dem Argument der Sicherheit anzubieten, hält Andreas Beck, Leiter des Deutschen Instituts für Vermögensaufbau, für grob fahrlässig. Mit jedem neuen Rekordhoch wird der Kauf von Gold teurer, aber die Perspektiven für die Anlage werden ungewisser. Denn irgendwann, und das ist ziemlich sicher, sinkt der Preis auch wieder. Schon einmal war der Goldpreis ähnlich steil gestiegen – und genauso steil wieder abgestürzt: Im Jahr 1980 schnellte er auf 875 Dollar hoch. Rechnet man die Teuerungsraten mit ein, würde dies heute rund 2500 Dollar entsprechen. Wer damals zum Höchstkurs gekauft hat, sitzt heute also noch immer auf Verlusten.

Wenn sich die konjunkturelle Stimmung wieder bessert und die großen Investoren der Meinung sind, dass sich mit Aktien wieder gute Renditen erzielen lassen, könnte das Interesse an Gold sehr schnell wieder verblassen. Der nachlassende Nachfragedruck auf das Edelmetall hätte dann unmittelbar seinen Preisabsturz zur Folge.

Was zudem gerne vergessen wird:
Langfristig gerechnet, war Gold bisher kein besonders gutes Investment. In den vergangenen 30 Jahren betrug der Jahresertrag im Durchschnitt etwas über sechs Prozent. Globale Aktien performten da deutlich besser: Sie warfen im selben Zeitraum – trotz Finanzkrise – durchschnittlich über neun Prozent pro Jahr ab.

„Gold ist ein hochspekulatives Investment. Sein Preis wird weniger aus wirtschaftlichen, sondern vielmehr aus psychologischen Gründen getrieben“, warnt Gerhard Rehor, Vorstandsdirektor der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien.

Außer als Schmuck oder Statussymbol hat Gold kaum eine wirtschaftliche Bedeutung. Die industrielle Nachfrage nach Gold ist gering. Und weil das Metall nahezu unverwüstlich ist und nur ein kleiner Prozentsatz in Produktionsprozessen verbraucht wird, nimmt der weltweite Goldbestand kontinuierlich zu. Die bisher weltweit geschürfte Menge Gold wird auf etwa 160.000 Tonnen geschätzt. Im Vorjahr betrug die globale Abbaumenge 2500 Tonnen.

Fast ein Fünftel des weltweiten Goldschatzes lagert in den Tresoren der Zen­tralbanken. Die mit Abstand größten offiziellen Goldreserven werden nach Daten des World Gold Council mit über 8000 Tonnen von den USA gehalten.

Ihre hohen Bestände machen die Zentralbanken mit zu den wichtigsten Akteuren am Goldmarkt. Sie treten sowohl als Käufer wie auch als Verkäufer auf. Stoßen sie große Mengen ab, drückt das naturgemäß den Preis. „Wie die Zentralbanken agieren werden, kann man nicht vorhersagen“, meint Rehor, „deshalb befindet man sich mit jedem Goldinvestment immer in der Nähe des Glücksspiels.“

So gesehen ist das Argument, dass man mit Gold auf Zinsen oder Dividenden verzichtet, die andere Anlageformen abwerfen, kaum relevant. Genauso wie jenes, dass eine sichere Lagerung – vorausgesetzt, man plant nicht, die Barren oder Münzen im Garten zu vergraben – zusätzliche Kosten verursacht.

Wer mit Gold reich werden will, muss auf die Greater-Fool-Theorie vertrauen, die besagt, dass es immer einen größeren Narren geben wird, der bereit ist, mehr zu zahlen als man selbst.

Aber den hartgesottenen Pessimisten geht es beim Goldkauf ohnehin weniger um ein Investment, mit dem sie ihr Vermögen vermehren wollen, sondern um die Absicherung für den schlimmsten aller Fälle.

Möglicherweise, so die Überlegung, steht eine Zeit bevor, in der man für Geld nichts mehr kaufen kann, in der aber Gold akzeptiert wird. Doch wie ein Blick in die Geschichte zeigt, macht in Krisenzeiten der Arm staatlicher Gewalt auch vor dem Privatbesitz von Gold nicht halt. US-Präsident Franklin D. Roosevelt verbot während der Weltwirtschaftskrise per Erlass den privaten Besitz von Gold und ordnete den Zwangsumtausch in Dollarnoten zu einem Festkurs an. Verstöße wurden mit hohen Geldstrafen und bis zu zehn Jahren Gefängnis geahndet.

Wie es auch kommen mag: In der ­Zwischenzeit macht die Goldindustrie das Geschäft ihres Lebens.

Mitarbeit: Victoria Beninger