Ans andere Ufer - Grenzverkehr zwischen Salzburg und Deutschland

Die letzten Meter eines langen Weges: Nur mehr eine kleine Brücke trennt tausende Flüchtlinge von ihrem Ziel.

Die letzten Meter eines langen Weges: Nur mehr eine kleine Brücke trennt tausende Flüchtlinge von ihrem Ziel.

Flüchtlinge, die von Salzburg nach Deutschland wollen, müssen die Brücke eines Wasserkraftwerkes überqueren. Es ist nur ein Katzensprung - und trotzdem sehr kompliziert. profil hat den kleinen Grenzverkehr vor Ort beobachtet.

Von Franziska Tschinderle, Fotos: Martin Valentin Fuchs

Christian lässt den Blick über den Fluss schweifen und wartet auf das Zeichen. Halb hinter der Zeltplane versteckt und mit zusammengekniffenen Augen sieht er aus, als würde er eine feindliche Miliz orten. Aber die deutschen Polizisten winken freundlich herüber. Alle 20 Minuten. In der Nacht senden sie Morsezeichen. Christian steht im "Abfertigungsbereich“ des letzten österreichischen Flüchtlingslagers vor der deutschen Grenze. Er trägt eine gelbe Warnweste und redet, als handle er mit Exportwaren: "Wir schaffen etwa 670 Stück pro Tag.“

Seit Wiedereinführung der deutschen Grenzkontrollen müssen alle Flüchtlinge, die von Salzburg nach Deutschland wollen, über die Brücke eines Wasserkraftwerkes. Tagsüber lenkt der Betonklotz vom Alpenpanorama ab, mit nächtlicher Beleuchtung sieht er wie eine futuristische Wasserrutsche aus. Nachdem die Sonderzüge für Flüchtlinge vergangene Woche eingestellt wurden, ist das Kraftwerk mit seinem 60 Meter langen Radweg die einzige Alternative zum Transit.

Täglich ist ein Krisenstab beschäftigt, neu ankommende Flüchtlinge in die Logistikkette einzugliedern. "Wir sind inzwischen in Phase vier angelangt“, sagt Johannes Greifeneder, der Sprecher der Stadt Salzburg. Das heißt: Keine Züge mehr, nur noch zu Fuß geht es über die Grenze. Vergangene Woche gingen die Notbetten aus. Fast hätte der Bahnhof wegen Überfüllung gesperrt werden müssen. Helfer nahmen Flüchtlinge mit nach Hause, 400 wurden Donnerstag Nacht mit dem Zug nach Linz gebracht. Die Lage diesseits der Grenze hängt davon ab, wie lange die Beamten jenseits der Grenze für die Registrierung der Flüchtlinge brauchen.

Flüchtlinge warten auf den Grenzübertritt.

Flüchtlinge warten auf den Grenzübertritt.

Als EU-Bürger ist man mit dem Rad in zwei Minuten am anderen Ufer der Saalach. Dort stehen zwei Militärzelte, vor denen jeweils zehn Ankömmlinge warten. Sie werden von deutschen Polizisten mit Schutzmasken nach Waffen oder illegalen Substanzen durchsucht. Fündig wurden die Beamten bis jetzt noch nie, heißt es in der Pressestelle. Seit keine Sonderzüge mehr fahren, steigt die Zahl der Flüchtlinge hier. In der Nacht wird bereits mit Flutlicht gearbeitet.

Wie lange kann Salzburg noch auf die Kooperation der Bayern setzen? Merkels Politik der offenen Grenze ist in den eigenen Reihen nicht unumstritten. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer avancierte in der Flüchtlingskrise zum parteiinternen Oppositionellen. Als Transitstadt hat Salzburg sich bisher bewährt. Ein Lokalaugenschein zeigt aber: Keines der Notquartiere ist für längere Aufenthalte geeignet. Einen Eklat mit Bayern kann man sich nicht leisten. "Den Tag eines deutschen Aufnahmeboykotts könnte man zum goldenen Tag des europäischen Schleppertums erklären“, kommentiert Magristrats-Sprecher Greifender zynisch. Noch bleibt kein Flüchtling länger als zehn bis 15 Stunden.


Ich wollte niemals in meinem Leben eine Waffe angreifen. Deswegen bin ich jetzt hier.

Für Youness, der einen Kilometer Luftlinie von der deutschen Grenze entfernt auf den Bus nach Deutschland wartet, ist selbst das zu lange. Immer wieder huscht sein Blick hoffnungsvoll zum Parkplatz. Der 45-jährige Syrer sitzt in Halle 7 einer aufgelassenen Autobahnmeisterei. Feldbetten mit Schaumstoffmatten und Plastiküberzügen stehen so dicht aneinander, dass man kaum den Boden sieht. Risse und Brandflecken verteilen sich über die Wände, ein paar Betten stehen in einem ehemaligen Waschraum.

Obwohl es regnet, sind alle Türen offen. Hier will sich niemand länger niederlassen. Alle sind auf dem Sprung, halten die Taschen griffbereit, bei jedem Geräusch, das nach einem Bus klingt, verstummen die Gespräche. Die Flüchtlinge tragen gelbe, rote und weiße Papierbänder mit Buchstaben um das Handgelenk. Die Codes sind an ein Wartesystem an der Grenze gekoppelt, das freiwillige Helfer eingeführt haben. Die Stadt Salzburg besteht darauf, dass die "Bebänderung“ weiter durch die Zivilgesellschaft erfolgt. Es soll nicht nach offizieller Registrierung aussehen, denn das hieße, dass das Asylverfahren in Österreich stattfinden müsste.

Youness kehrt mit einem weißen Band mit der Aufschrift "Z“ in Halle 7 zurück. Hinter seinem Bett hat jemand die Nummerntafel S-884-ME an die Wand gesprayt. Sein Bett steht auf einem ehemaligen Parkplatz. Der Mann spricht leise. 13 Tage hat seine Reise von Damaskus bis hierher gedauert.

Notbetten in der Autobahnmeisterei.

Notbetten in der Autobahnmeisterei.

Über sein altes Leben erzählt er nicht viel - im Gegensatz zu Ali, der auf die Frage nach seinen Erinnerungen an die Heimatstadt Bagdad nur stumm seine Fußballsportjacke auszieht. In den vergangenen Monaten sind die Wunden der Autobombe verheilt. Sie haben zentimetertiefe Löcher zurückgelassen, die an Krater einer Mondlandschaft erinnern. Youness sieht weg: "Ich wollte niemals in meinem Leben eine Waffe angreifen. Deswegen bin ich jetzt hier“, sagt er. Dann kommt ein Bus. Aus Halle 1 bis 13 strömen Männer und Frauen auf den Parkplatz.

Die Autobahnmeisterei, wo Youness und Ali ungeduldig auf der Kante ihrer Feldbetten sitzen, ist ein abgeschiedenes Areal. Nicht einmal ein Viertel der Fläche ist derzeit mit Sanitäranlagen, einer Krankenstation und Schlafhallen besetzt. 800 Menschen sind dort maximal untergebracht.

Noch einmal so viele schlafen in einem in der Tiefgarage direkt am Bahnhof aufgeschlagenen Notquartier. Am Dienstag der Vorwoche ist die Halle leer. Männer in Schutzanzügen versprühen eine Lösung, einmal in der Woche wird die Garage desinfiziert. Vor dem Ausgang patrouillieren zwei Bundesheersoldaten. Bei einer Massenpanik wären sie schnell überfordert. Nicht immer halten sich die Flüchtlinge an das Rauchverbot. Reibereien entstehen, weil man Angst hat, wie in Ungarn in Geisterbusse gesteckt zu werden. Freiwillige erinnern sich: "Es kommt schnell Unruhe in die Halle, wenn das Gerücht die Runde macht, dass zwei Etagen über ihnen gerade Zug nach Deutschland einfährt.“ Einsteigen dürfen sie nicht mehr. Am Bahnhof wird streng kontrolliert, die Sonderzüge wurden eingestellt.

Wer es bis in den "Abfertigungsbereich“ zu Christian direkt an der Grenze geschafft hat, kann die deutschen Polizisten winken sehen. Wartende wissen, dass sie nach der langen Reise erstmals keine Schlepper brauchen. Es ist fast andächtig ruhig. Schneidermeister Mustafa ist mit seiner Familie als Übernächster dran. Seine Tochter hat eine Wachstumsstörung und braucht Medikamente.


Denen wird in Deutschland alles nachgeworfen, sogar die Wäsche wird ihnen täglich gewaschen.

Zwei Reihen davor winkt Lilian. Ihr Englisch ist fließend. In der Heimat, der syrischen Hafenstadt Latakia, hat es sich die 19-Jährige mit der US-Serie "Friends“ selbst beigebracht. Ihre Mutter, eine Lehrerin für Physik und Chemie, sitzt ihr gegenüber. Lilian erzählt von den Momenten in der Ägäis, als sie dachte, ihr Leben sei vorbei: "Serbien war das Schlimmste. Die Polizei schlug meine Mutter auf den Kopf, sodass sie bewusstlos wurde.“ Plötzlich dröhnt eine bleierne Stimme mit bayerischem Akzent über die Saalach: "Ihr könnt’s uns wieder zehn schicken.“ Die deutschen Behörden haben Megafone installiert. Jetzt muss Christian nicht mehr spähen und aufpassen.

Keine 100 Meter entfernt, am deutschen Ufer der Saalach, breiten Johanna und Peter Luftpolsterfolie auf einer Parkbank aus. Sie rasten und kommentieren die Szenen am Kraftwerk: "Denen wird in Deutschland alles nachgeworfen, sogar die Wäsche wird ihnen täglich gewaschen.“ In Freilassing, wo das Paar lebt, sei eine Eishockeyhalle zu einem Flüchtlingsheim umfunktioniert worden: "Unsere Kinder können nicht einmal mehr Sport treiben, wie kann das sein?“

Es dauerte keine zwei Minuten, bis Lilian in Deutschland war. Die junge Frau, die gerade zu studieren begonnen hatte, als der Krieg ausbrach, blieb nicht einmal stehen, um ein Alpenpanorama-Selfie zu machen. Sie hat zu lange gewartet. Lilians Kleider hat bisher niemand gewaschen. Ihre Jacke ist noch salzig vom Meer.