100 Jahre Erster Weltkrieg: Der letzte Frühling

100 Jahre Erster Weltkrieg: Der letzte Frühling

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Im Frühling beginnt die Laufsaison. Am vorletzten März-Wochenende 1914 steht in Wien ein „Querfeldeinlauf“ auf dem Programm. Tags darauf würdigt die „Neue Zeitung“ die Leistungen der Teilnehmer, legt die Latte dabei aber nicht sehr hoch: Keiner habe länger als 30 Minuten für die drei Kilometer lange Strecke benötigt, lobt das Blatt.

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Nach dem außergewöhnlich harten Winter setzen jetzt auch die Bauarbeiten wieder ein. Auf einer Baustelle in der Wiener Leopoldstadt werden neben dem Donaukanal die Überreste eines Kamels ausgegraben. Es stammt aus der Zeit der Zweiten Wiener Türkenbelagerung von 1683. Der Schädel wird geborgen, der Rest des Skeletts bleibt im Erdreich, weil rasch weitergebaut wird. Die Adresse des Fundorts: Taborstraße 1. Heute steht an dieser Stelle das Haus der Verlagsgruppe News.

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Ins Spital von Leoben wird ein 31-jähriger Fabrikantensohn namens Sigismund Ritter von Karpinski mit einer tödlichen Schädelverletzung eingeliefert. Wie sich bald herausstellt, wurde sie dem Studenten der Montanistik im Zuge eines mit Pistolen ausgetragenen Duells zugefügt. Der Schütze, ein 25-jähriger Kommilitone, ist vorerst flüchtig, wird aber bald gefasst. Die zwei Studenten hatten in einem Leo-bener Gasthaus Karten gespielt, wobei Karpinski seinen Partner einen „Schuft“ genannt hatte. Dieser entgegnete das böse Wort, und man vereinbarte, den Ehrenhandel auf einer Waldlichtung auszutragen. Der Säbel kam nicht in Frage, weil Karpinski bei einem früheren Duell ein Daumen abgeschlagen worden war.

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Die 35-jährige Hilfsarbeiterin Rosina Z. aus der Ybbsstraße beim Wiener Prater wird mit einer schweren Vergiftung ins Allgemeine Krankenhaus gebracht und stirbt einen Tag später. Eine Nachbarin erzählt der Polizei, Rosina Z. habe versucht, durch das Trinken einer phosphorhaltigen Flüssigkeit eine Abtreibung vorzunehmen.

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Der deutsche Kaiser Wilhelm II. geht auf Reisen. Seine erste Station ist Wien, wo ihn der österreichische Kaiser am kleinen, Schönbrunn nahe gelegenen Bahnhof Penzing abholt. Franz Josef hat für diesen Anlass die preußische Feldmarschalluniform angelegt, Kaiser Wilhelm trägt eine österreichische Marschallsuniform. Die Kapelle intoniert das deutsche Kaiserlied „Heil dir im Siegerkranz“, das zur Melodie einer alten englischen Volkshymne gesungen wird (heute singt man dazu „God Save the Queen“). Wilhelm lässt in der Kapuzinergruft Kränze an den Sarkophagen von Kaiserin Elisabeth und Kronprinz Rudolf niederlegen, reist aber noch am selben Abend nach Triest weiter. Dort erwartet ihn Thronfolger Franz Ferdinand auf Schloss Miramar. Franz Ferdinand mag Wilhelm, weil dieser seiner Gattin Sophie – ganz anders als der Wiener Hof – sehr zuvorkommend begegnet. Von Triest fährt der deutsche Kaiser nach Venedig, wo er auf dem in der Lagune ankernden Schlachtschiff „Hohenzollern“ den italienischen König Viktor Emanuel trifft. Deutsche wie italienische Zeitungen sehen nach der Begegnung „noch festere Bande“ des Dreibunds zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien, was sich bald als Fehleinschätzung herausstellen sollte.
Die „Arbeiter Zeitung“ stellt ihre Kurzmeldung über den Besuch von Kaiser Wilhelm demonstrativ neben eine gleich große Notiz über ein Konzert des Arbeiterchorvereins Favoriten, „das einen sehr hübschen Verlauf nahm“.

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Als erste legistische Maßnahme nach der Ausschaltung des Reichsrates verfügt die österreichische Regierung ein neues Wehrgesetz. Demnach dürfen Männer, die ihre Wehrpflicht noch nicht zur Gänze abgeleistet haben, das Land nicht mehr verlassen.
Die allgemeine Wehrpflicht gab es seit 1866, sie galt ab dem 21. Lebensjahr und betrug zwölf Jahre – drei Jahre davon im aktiven Dienst, den Rest in der Reserve und in der Landwehr. Die Verordnung bedeutete, dass Männer ab Ende März 1914 erst nach dem 33. Lebensjahr das Recht zum Grenzübertritt hatten. Betroffen davon waren vor allem potenzielle Auswanderer, die in Amerika ihr Glück suchen wollten.

Noch 18 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg