Das Ende des Zweiten Weltkrieges: Brandsalben und Leuchtgas

Das Ende des Zweiten Weltkrieges: Brandsalben und Leuchtgas

Vor 70 Jahren brach Adolf Hitlers Reich zusammen. profil stellt in einer Serie anhand von Zeitdokumenten die dramatischen Wochen des Jahres 1945 dar, in denen Österreich zum Schlachtfeld wurde und das NS-Regime bis zuletzt mordete. Teil II: 19.-25. Jänner 1945.

Britische und amerikanische Bomberverbände fliegen von ihren Stütz-punkten in Italien aus immer öfter Angriffe auf Industriezentren und Großstädte, während die deutschen "Vergeltungswaffen V“ - ballistische Raketen - auf englische Städte abgefeuert werden. Auf den Inseratenseiten der Wiener Zeitungen werden Hilfsmittel für Verletzte angeboten: "Brandwunden richtig behandeln! Nicht verkleistern! Wer Tebege, das neuartige Tannin-Brand-Gelee bereithält, leistet einen Beitrag zum Luftschutz, der sehr wichtig sein kann.“ Die "Sepro-Tinktur“ wiederum "desinfiziert zuverlässig Wunden und Verletzungen und verhindert dadurch Entzündungen und Eiterungen“.

Salben können jedoch nicht verhindern, dass am zweiten Jänner-Wochenende in Wien sieben Menschen an Leuchtgasvergiftungen sterben. Sie hatten den Gasherd in Betrieb, als das Gas wegen eines Luftangriffs abgesperrt wurde. Das später wieder gelieferte Gas konnte durch den geöffneten Gashahn ausströmen, weil sie vergessen hatten, abzudrehen.

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Bei der Meisterschaft im Eiskunstlauf auf dem Platz des Wiener Eislaufvereins siegen Helmut Seibt und Eva Pawlik. Seibt wird bei den Olympischen Spielen 1952 in Oslo die Silbermedaille gewinnen. Eva Pawliks Paarlauf-Partner und späterer Ehemann Rudi Seeliger ist im Jänner 1945 bereits in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1949 heimkehrt. Eva Pawlik wird 1949 Europameisterin, noch im selben Jahr wird ihr von Hollywood-Regisseur Billy Wilder eine Rolle in einem Eistanzfilm mit Gene Kelly angeboten. Sie lehnt ab, weil sie den Amateurstatus behalten will. 1963 wird Eva Pawlik die erste Sport-Fachkommentatorin des österreichischen Fernsehens.

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Der Gauleiter von "Oberdonau“ (Oberösterreich) August Eigruber hält in Steyr eine Durchhalterede: "Mauern brechen, Herzen nicht.“ Am Ende dieses Kriegs werde der größte deutsche Sieg stehen, prophezeit Eigruber. Der Führer sei entschlossen, dann "einen wahren Volksstaat zu errichten. Wir leben ja nur, um dem ewigen Deutschland Freiheit und eine glückliche Zukunft zu erkämpfen“, schließt der Gauleiter. In Eigrubers Machtbereich liegt das Konzentrationslager Mauthausen, in dem bis Kriegsende Tausende Menschen sterben. Noch Mitte April, Wien ist bereits befreit, werden 1400 Häftlinge in den Mauthausener Gaskammern ermordet.

Nach dem Krieg versucht Eigruber vergeblich, im Salzkammergut unterzutauchen. Er wird 1946 von einem US-Militärgericht zum Tod durch den Strang verurteilt und 1947 hingerichtet. Sein Sohn Hermann Eigruber ist von 1983 bis 1990 Nationalratsabgeordneter der FPÖ.

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Fast die gesamte NS-Prominenz - Martin Bormann, Joseph Goebbels, Heinrich Himmler - ruft "im Auftrag des Führers“ zum "Volksopfer“ auf. Bis Ende Jänner wird Ausrüstungsgerät für Volkssturm und Wehrmacht gesammelt. Der "Völkische Beobachter“ zählt auf, was etwa damit gemeint ist: "Altspinnstoffe, Lumpen und Hadern jeder Art, Strümpfe, Stoffreste, Kokosmatten, Säcke, Filzschuhe, Bindfadenreste
- selbst wenn die Dinge zerrissen und verschmutzt sind.“

Auch Waschmittel sind knapp, weshalb das Blatt praktische Tipps gibt: "Beim Waschen ersparen wir Waschmittel, wenn die Wäsche lange eingeweicht wird, wenn Wollsachen mit einem Absud von Efeublättern, Kleider und Anzüge in Salzwasser gewaschen werden.“ Wegen Papiermangels wird empfohlen, die Kalender von 1934 zu verwenden. In diesem Jahr fielen die Wochentage auf dasselbe Datum wie 1945.

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Einer der wenigen Prominenten, die außerhalb des Herrschaftsgebiets der Nazis deren Ziele vertreten, ist der berühmte schwedische Entdeckungsreisende Sven Hedin (siehe Bild) (1865-1952). Hitler-Deutschland überschüttet den Forscher daher immer wieder mit Ehrungen. Am 22. Jänner veröffentlicht Hedin in der Stockholmer Zeitung "Tagposten“ einen Artikel, in dem es heißt: "Ein Volk mit einer solchen Kriegskunst, einer solch hohen Kultur und einer so historischen Mission, wird niemals im Felde besiegt werden. Niemals werden die Deutschen die Waffen niederlegen, um die Knechtschaft zu gewinnen.“ Nach Hitlers Selbstmord am 30. April schreibt Hedin: "Ich betrachte ihn als einen der größten Menschen, die die Weltgeschichte besessen hat. Die Erinnerung an den großen Führer wird im deutschen Volk Jahrtausende weiterleben.“ Nach dem Krieg wird Hedin behaupten, er habe durch sein Vertrauensverhältnis zu Hitler Juden vor dem Tod bewahrt.

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Ab dem 23. Jänner wird der gesamte zivile Schnellzugverkehr eingestellt. Abseits der Wehrmachtstransporte werden nur von Behörden- oder Parteistellen genehmigte Dienstreisen durchgeführt. Vom Ende der Eilzüge ist auch der Postverkehr betroffen. Briefe werden nur in derselben Stadt oder in deren Umgebung befördert. Die Paketpost wird völlig eingestellt, sofern nicht Rüstungsgüter oder Medikamente betroffen sind. Der Feldpostverkehr bleibt im vollen Umfang aufrecht.

Noch 15 Wochen bis zum Ende des Weltkrieges in Europa.