Österreich

Jedes Schriftl a Giftl: Textet die Politik nach den Chat-Affären anders?

Wenig hat Österreichs Politik in den letzten Jahren so geprägt wie die Chat-Affäre der Volkspartei. Hat sie unseren Umgang mit Messenger-Diensten verändert? Und löschen Politikerinnen und Politiker ihre Nachrichten jetzt regelmäßiger?
Eva  Sager

Von Eva Sager

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Nirgendwo sind grüne und blaue Nachrichten-Sprechblasen so doppeldeutig wie in Österreich. Wenn man die hierzulande am Titelblatt einer Zeitung erspäht, in einem Instagram-Posting oder der Zeit im Bild, weiß man zwangsläufig, dass es für irgendwen in diesem Land gerade politisch heikel wird. Sie erinnern sich: „Kurz kann jetzt Geld scheißen.“ „Kann ich ein Bundesland aufhetzten?“ „Ich liebe meinen Kanzler.“ Die Chat-Affäre rund um ÖVP-Politikerinnen und Politiker, Medienmacher und Spitzenbeamte beschäftigt die Republik nun schon seit gut zwei Jahren. Macht das etwas mit unserem Kommunikationsverhalten? Texten Politikerinnen und Politiker anders? Und überhaupt, war es die letzte Affäre dieser Art?

Sensibilisierungsmoment

„Natürlich hat die Chat-Affäre zur Sensibilisierung beigetragen“, sagt David Stögmüller, Nationalratsabgeordneter der Grünen. Seine Nachrichten löschen sich „standardmäßig“ nach einer Woche, man sei im Umgang mit Daten und in der Kommunikation aber generell feinfühliger geworden. Ein freiheitlicher Politiker teilt profil gegenüber diese Einschätzung. Seine Nachrichten auf dem Dienst Signal verschwinden nach einem Tag, vor allem, um in der Nachrichtenflut nicht zu versinken, aber eben auch um möglichen „Fehlinterpretationen“ in der Zukunft aus dem Weg zu gehen.

Auf profil-Nachfrage bei den Parteichefinnen und Parteichefs sowie der gesamten Regierungsriege fallen die Antworten dagegen spärlich aus. Beate Meinl-Reisinger, Klubobfrau der NEOS, traut sich als einzige Parteivorsitzende eine Stellungnahme abzugeben: sie habe schon vor der Chat-Causa die Funktion der selbstlöschenden Nachrichten aktiviert, meistens sei jene auf eine Woche eingestellt. Bei Klimaschutzministerin Leonore Gewessler ist das ähnlich. Je nach Bedarf in der informellen Kommunikation verwende man die Funktion von selbstlöschenden Nachrichten – das aber schon seit längerer Zeit. „Wenn es erforderlich oder zweckmäßig ist, wird natürlich auch elektronische, mündliche oder schriftliche Kommunikation entsprechend der gesetzlichen Vorgaben dokumentiert“, heißt es. Staatssekretärin Claudia Plakolm lehnt sich nicht so weit aus dem Fenster: „Ich darf um Verständnis bitten, dass die Privatsphäre-Einstellungen auf dem privaten Smartphone der Staatssekretärin Bestandteil der Privatsphäre der Staatssekretärin sind und daher keine Auskunft darüber erteilt wird.“

Weckruf für Elite

Jörg Matthes vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft forscht unter anderem zu digitalen Medieneffekten. Er sagt: „Wir sprechen hier ja vom Medienverhalten von Eliten, also von Akteurinnen und Akteuren in Verantwortungspositionen, ob jetzt in Unternehmen oder in der Politik. Für jene war die Chat-Affäre sicherlich ein Weckruf. Vor allem dahingehend, dass man festgestellt hat, dass es keine privaten Nachrichten über öffentliche Themen gibt. Alles, was von öffentlichem Interesse ist, ist nicht geschützt durch den privaten Raum.“

Personen in Machtpositionen dürften künftig also nicht mehr frei von der Leber weg miteinander kommunizieren. In der Allgemeinbevölkerung gebe es dagegen keine Anhaltspunkte, dass sich das Kommunikationsverhalten durch die Chat-Affäre generell verändert hätte. Das liege laut Matthes auch an einem großen Unterschied in Wahrnehmung der Bevölkerung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und, im Volksmund gesprochen, „denen da oben.“

Wird es also keine Chat-Affären in Österreich mehr geben? „Solange es Menschen gibt, gibt es die menschliche Tragödie. Dementsprechend wird es immer Fehltritte geben, besonders wenn jene affektgetrieben sind, wie beispielsweise Hass oder abwertende Kommentare. Das wissen wir auch aus der Forschung, wenn wir emotional denken und reagieren, sagen wir manchmal Dinge, schriftlich wie mündlich, die wir später bereuen.“ 

Auch das Beispiel vom früheren Kurz-Intimus Thomas Schmid zeigt letztlich, dass das Verschwischen von digitalen Nachrichtenspuren manchmal schwerer ist, als man annehmen möchte: Auf Schmids Handy waren die Chats zwar gelöscht, ließen sich aber durch Cloud-Speicher und eine externe Festplatte wiederherstellen. Dazu kommt: Die selbstlöschenden Nachrichten haben in der politmedialen Bubble mittlerweile zu einem Ausweichmuster geführt: Screenshots von Chatverläufen sollen helfen, Termine oder andere Abmachungen nicht zu vergessen. 

Die grünen und blauen Nachrichten-Sprechblasen können also aufatmen, je nachdem könnte man sie früher oder später doch wieder brauchen. Wenn das wer gelernt hat, dann Österreich.

 

Eva  Sager

Eva Sager

schreibt über Gesellschaft und Gegenwart.