Junglehrer: „Wir brauchen eine
Bildungsrevolution“

Junglehrer: „Wir brauchen eine
Bildungsrevolution“

Die den ­jetzigen Umständen lange durchzustehen. Trotzdem halten sie an ihrem Traumberuf fest – und wollen für eine bessere Schule kämpfen.

Warum wollt ihr Lehrer werden?
Benedikt: Ich habe Geschichtsunterricht oft nicht anregend erlebt und will einmal das Gegenteil machen, meine Schüler davon begeistern und ihr Interesse wecken. In meiner Schulzeit hatte ich die Gelegenheit, ein zweistündiges Referat über den Zweiten Weltkrieg zu halten, ein Thema, das mich sehr interessiert hat. Das hat mir Spaß gemacht, und ich habe mein Talent erkannt.
Thesi: Meine Eltern sind Lehrer und haben mir von diesem Beruf abgeraten, lange kam er auch für mich nicht in Frage. Doch durch meine Tätigkeit bei den Pfadfindern habe ich entdeckt, dass der Umgang mit Kindern meine große Stärke ist.
Lukas: Ich hatte auch teilweise ungeeignete Lehrer und möchte meinen Weg gehen, um Dinge anders zu machen. Geschichte etwa ist nicht nur spannend, der Erkenntnisgewinn ist wichtig und fordert das kritische Denken.
Christoph: Ich schließe mich Lukas an. Zuerst wollte ich wie meine Mutter in die Werbung, doch dort arbeiten sich alle in ein Burnout – für den Profit von Unternehmen. Ich will der nächsten Generation etwas mitgeben.
Moritz: Ich habe mich für die Fächer Sport und Werken entschieden, da die heutige Gesellschaft ohnehin viel zu kopflastig ist. Ich möchte das kreative und handwerkliche Potenzial in Menschen wecken.
Wolfram: Ich komme aus einer Lehrerfamilie und kenne die öffentlich nicht gesehenen Arbeitszeiten. Ich habe während des Zivildienstes bemerkt, dass ich gerne mit Menschen arbeite. Und auch ich hatte eine fürchterliche Lehrerin. Sie war ausgebrannt und hat ihre Schüler fertiggemacht, manche gar als dumm beschimpft. Das Ergebnis einer überlasteten Bildungspolitik. Wir hatten Angst vor ihr. Ich möchte versuchen, Kindern und Jugendlichen mit Respekt zu begegnen.
Martina: Ich hinterfrage meine Wahl oft. Aber es ist mein Traumjob.

Wie kommt ihr mit dem schlechten Image dieses Berufes klar?
Wolfram: Natürlich erinnert sich jeder an die furchtbaren oder faulen Lehrer aus der eigenen Schulzeit. Das sind aber Ausnahmen. Ich habe oft erlebt, dass meine Mutter bis zwei Uhr Früh über der Korrektur der Hausaufgaben gesessen ist und am nächsten Tag um sechs wieder aufstehen musste. Sie musste auch in den Ferien viel vorbereiten. Sie hatte zwei Schularbeitsfächer und rät heute allen Junglehrern, nur eines zu wählen.
Thesi: Es wäre wichtig, dass es strengere Eignungstests und generell eine bessere Kontrolle dieser Berufsgruppe gibt. Wir alle kennen Kollegen, die so leise sprechen, dass sie kaum zu verstehen sind. Oft kann man sich nicht vorstellen, dass so jemand in der Klasse steht.
Lukas: Auch die Schulführung muss mehr Verantwortung bekommen. Ich habe schon öfter gehört, dass Lehrer, die ihre Arbeit nicht gut machen, nicht gekündigt werden können. Da muss es Ausstiegsmöglichkeiten geben.
Martina: Auch ich plädiere für ein besseres Ausleseverfahren. Ich habe eine Kollegin, die zwar hochintelligent ist, aber Angst hat, vor Menschen zu sprechen.
Wolfram: Solche Kollegen habe ich auch. Einer schummelt permanent, und ich frage mich, wie er einmal im Unterricht bestehen will.
Benedikt: Auf der pädagogischen Akademie gibt es wenigstens Sprachtests und ein Gespräch mit Professoren. Aber Lehramtsstudierende haben gar keine Hürden. Das kann nicht gut gehen. Ein angehender AHS-Lehrer etwa hat mir gegenüber neulich erklärt, dass er Lehrer wird, obwohl er keine Kinder mag.
Moritz: Lehrer-Bashing findet vor allem durch die Medien statt, unter anderem unterstützt durch das Verdrehen von Aussagen und Tatsachen. Da die Thematik sehr komplex ist, wird sie oft reduziert präsentiert.
Christoph: Ein Bashing von Berufsgruppen gab es immer, wenn Einsparungen durchgeboxt werden sollen. Das war bei den Eisenbahnern nicht anders. Leider unterstützen viele Medien bewusst die Hetzkampagnen der Politiker.

Wie ungerecht findet ihr das neue Lehrerdienstrecht?
Lukas: Unsere Plattform nennt sich Initiative für ein faires Lehrerdienstrecht, kurz IFLD. Wir wollen nicht dagegen sein, wir wollen nur faire Bedingungen, diese Worte waren bewusst gewählt. Mich persönlich ärgert, dass sich alles um dieses Dienstrecht dreht. Wenn über Bildung diskutiert wird, reden alle über die Arbeitszeit der Lehrer. Dabei bräuchten wir endlich eine fundierte Bildungsreform. Nein, eigentlich eine Bildungs-revolution.
Christoph: Genau. Und die Gewerkschaft setzt sich in Wahrheit auch nur für die Gruppe der AHS-Lehrer ein. Natürlich ist es ihr Job, sich gegen Einsparungen und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen zu wehren. Jedoch haben sie bisher auch viele gute Reformversuche blockiert.
Wolfram: Das Lehrerdienstrecht ist nichts weiter als ein Sparpaket. Mehr Unterrichtsstunden pro Lehrer heißt einfach, dass mehr Kinder von einem Lehrer unterrichtet werden und für Einzelbetreuungen gar keine Zeit mehr bleibt.
Moritz: Es sollten sich endlich alle Entscheidungsträger an einen Tisch setzen und diskutieren, wie die Schule der Zukunft aussehen soll und was Chancengleichheit für alle Kinder bringen kann. Doch ein Sparpaket als Reform zu verkaufen, ist eine Farce.
Martina: Ich will doch nur faire Arbeitsbedingungen. Ich habe zwei Nebenjobs, um mir das Studium finanzieren zu können, und ich will dafür später gerecht entlohnt werden. Lehrer wird man ohnehin nicht wegen des Geldes. Da hätte ich etwas anderes studiert.
Wolfram: Natürlich stehen die Lehrer als Blockierer da, die nicht mehr Stunden arbeiten wollen. Aber dieses Dienstrecht ist nicht akzeptabel, jede Berufsgruppe würde sich wehren. Und niemand wird sich an einen Tisch setzen und über eine Reform diskutieren, wenn sie immer gleich als Sparpaket daherkommt. Einsparungen im Bildungsbereich sind überhaupt so sinnvoll, wie sich im Winter in die Hose zu pinkeln, um es warm zu haben. Der positive Effekt hält vielleicht fünf Minuten an, längerfristig ist es verheerend.

Wie sollte eine Bildungsreform eurer Meinung nach aussehen?
Christoph: Bevor wir über eine Reform sprechen, müssen wir überhaupt den Begriff Bildung neu definieren. Wir sollten uns fragen, was Kinder heute können und leisten müssen. Deshalb fordert die IFLD eine Arbeitsplatzbeschreibung, die alle Tätigkeiten, die der Lehrberuf umfasst, genau definiert, all diese Arbeiten anerkennt und entsprechend bezahlt, anstatt bloß die Unterrichtsstunden zu zählen.
Lukas: Außerdem können wir eine Reform nicht in die bestehende, veraltete Infrastruktur quetschen. Wie soll eine Ganztagsschule in diesen uralten Schulgebäuden funktionieren? Die Kinder können doch nicht den ganzen Tag in der Klasse sitzen. Sie bräuchten Rückzugsgebiete und andere räumliche ­Angebote.
Martina: Genau. Es wird versucht, das Pferd von hinten aufzusatteln. Zuerst redet man über die Arbeitsstunden der Lehrer, danach kommt die Frage nach der Kompetenz, später nach dem Sinn der Stundenpläne, und irgendwo hintan steht die Reform. Das ist absurd.
Thesi: Jeder, der selbst in der Schule war, glaubt, ein Bildungsexperte zu sein. Warum berufen sich weder das Ministerium noch die Medien auf wissenschaftliche, vom Ministerium selbst durchgeführte Studien, wie die Talis-Studie oder LehrerIn 2000, aus denen hervorgeht, dass ein vollzeitbeschäftigter Lehrer 1900 Stunden im Jahr arbeitet? Der Durchschnittsbürger arbeitet 1730 Stunden, laut Wirtschaftskammer. Die typischen „faulen Lehrer“ sind also offenbar nur die Randgruppe.
Moritz: Einsparungen alleine bringen nichts. Lehrerinnen brauchen mehr Zeit für jede Schülerin und jeden Schüler, für individuelle Förderung und Beratung, und keine zusätzlichen Klassen und keine Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung.
Benedikt: Ich musste in meiner Ausbildung von Anfang an in der Klasse stehen. Und die Zustände sind teilweise erschütternd. In manchen Klassen in der neuen Mittelschule sitzen viele Kinder mit sozialen Schwierigkeiten. Bei Unterstützungslehrern und Schulpsychologen wird gespart. Heute kommt auf 29 Lehrer eine Unterstützungskraft. Am Ende bleibt also der Klassenlehrer übrig. Unter solchen Bedingungen ist das ein Wahnsinn, das muss sich ändern. Ich selbst kann mir vorstellen, dass ich das nur kurze Zeit aushalten kann. Ich denke heute schon nach, welchen anderen Job ich dann einmal ausüben werde.