Knochenmühle ­Wahlkampf: Nicht wenige Politiker werden krank

Knochenmühle ­Wahlkampf: Nicht wenige Politiker werden krank

Spitzenpolitiker sind in Wahlkampagnen körperlichen und psychischen Höchstbelastungen ausgesetzt. Viele brechen darunter zusammen – aber die Öffentlichkeit erfährt davon nur, wenn es sich nicht mehr vertuschen lässt.

Siggi ist ein stattlicher junger Mann mit solidem Beruf und gefestigtem Charakter. Den 36-jährigen Tiroler Buchhalter haut so schnell nichts um. Nur das Privatleben verlief zuletzt unerfreulich. Nach zehn Jahren Beziehung hatte sich sein Lebensgefährte ziemlich unerwartet von ihm getrennt. Jetzt sucht Siggi über das Fernsehen eine neue Liebe. In der ORF-Sendung „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ trat er am 12. August mit seinem Anforderungsprofil an die Öffentlichkeit: Bei einem Mann am wichtigsten seien ihm schöne Augen und weiche Lippen, erklärte Siggi. „Zum Beispiel der Spindelegger gefällt mir gut.“

Balsam für die Seele
Der angesprochene Vizekanzler kann – als glücklich verheirateter Familienvater – mit solchen Avancen zwar nicht viel anfangen. Aus seinem Umfeld ist aber zu hören, dass sich Michael Spindelegger durchaus über die Sympathiekundgebung von unerwarteter Seite gefreut habe. Es passiert einem Politiker ja eher selten, dass er im Fernsehen als Traumtyp genannt wird. So etwas wirkt wie Balsam für die Seele – noch dazu mitten im Wahlkampf, wo die Nerven ohnehin blank liegen.

Freizeit gibt es nicht mehr
Von solchen Wellnessmomenten abgesehen sind die Wochen vor einer wichtigen Wahl für die handelnden Politiker ein Albtraum. Kein Gewerkschafter würde auch nur ausnahmsweise Arbeitsbedingungen zulassen, wie sie für die Spitzenkandidaten wochen- oder sogar monatelang gelten: Jeder Tag ist vollgestopft mit Terminen. Freizeit gibt es nicht mehr, das Privatleben muss auf irgendwann verschoben werden. Dazu kommen Attacken von allen Seiten, permanente Beobachtung durch die Öffentlichkeit und dauernde Anspannung, weil sich selbst der kleinste Fehler bitter rächen kann. Unpässlichkeiten, Launen oder gar sichtbare körperliche Beschwerden sollte sich ein Kandidat nicht leisten. Er muss funktionieren, am besten rund um die Uhr. Und er muss auch noch so tun, als mache ihm dieser Wahnsinn ganz besonderen Spaß.

Im Stundentakt
Ein Blick in die Terminkalender der Spitzenkandidaten zeigt, welche Knochenmühle die Spitzenpolitik sein kann. Im Stundentakt stehen da vom frühen Morgen an Pressekonferenzen, Betriebsbesuche, Begehungen von Einkaufszentren, Märkten und Fußgängerzonen auf dem Programm. Kein Tag, an dem nicht Interviews und Chats in Redaktionen angesetzt sind. Acht Mal muss jeder Kandidat heuer zu Debatten und Großinterviews in diverse TV-Studios – wohlvorbereitet, versteht sich. Heimkunft: meist knapp vor Mitternacht.

Dabei haben es Oppositionspolitiker noch vergleichsweise gut; bei Kanzler Werner Faymann und Außenminister Michael Spindelegger sind die Wahlkampf-Terminkalender ähnlich dicht, allerdings kommen auch noch die regulären Amtsgeschäfte dazu, und das fast zwei Monate lang. Gewiss: Das alles haben sich die Betroffenen selbst ausgesucht – niemand hat sie schließlich dazu gezwungen, Politiker zu werden. Aber von einem wegen seiner Dauerbelastung schwer ramponierten Politiker regiert zu werden, ist wahrscheinlich ebenso wenig ratsam, wie sich einem übermüdeten Arzt anzuvertrauen.

„Das kommt nicht gut an”
Die jüngere Polit-Geschichte ist voll mit Beispielen von Kandidaten, die dem Dauerdruck nicht standhielten. Der frühere ÖVP-Obmann Karl Schleinzer kam 1975, zu Beginn des Wahlkampfs, bei einem Autounfall ums Leben – er war selbst am Steuer gesessen. 1986 sah das Fernsehpublikum am Wahlabend einen völlig ausgelaugten ÖVP-Chef Alois Mock. Er hatte sich durch den Wahlkampf gequält, obwohl er damals bereits an Parkinson litt. 1995 musste Kanzler Franz Vranitzky schwer erkältet ins TV-Duell mit dem putzmunteren Wolfgang Schüssel. Im ORF meinte man es gut und brachte ihm vor der Sendung heißen Tee. „Als die Kameras aufgedreht wurden, habe ich noch mehr geschwitzt, und ich wusste: Das kommt nicht gut an“, erinnert sich der Altkanzler. Die Wahl gewann er dennoch.

„Zu sehr hineingesteigert”
Im Nationalratswahlkampf 1999 holte sich der eigentlich fitte Bundeskanzler Viktor Klima eine Lungenentzündung. Schon schwer fiebrig hatte er am Vorabend in Bad Tatzmannsdorf ehemalige Skigrößen dekoriert und war bis lange nach Mitternacht geblieben. Der damalige Finanzminister Rudolf Edlinger übernahm die Termine des erkrankten Spitzenkandidaten und erlitt wenige Tage später selbst einen leichten Herzinfarkt. Er habe sich wohl zu sehr hineingesteigert, räumte Edlinger nachher gegenüber profil ein: „Rund um das TV-Duell mit Jörg Haider habe ich vier Tage lang fast nicht geschlafen.“ 2002 musste die FPÖ wenige Wochen vor der Wahl den Spitzenkandidaten auswechseln: Der Kurzzeit-FPÖ-Obmann Mathias Reichhold, ein gut trainierter Marathonläufer, hatte den Wahnsinn nur 40 Tage lang durchgehalten. Heinz-Christian Strache war gegen Ende des Wahlkampfs 2008 so heiser, dass er nur noch flüstern konnte.

„Ich bin am Ende meiner Kräfte”
Selbst Politiker, die ihre Virilität ständig vor sich her tragen, werden im Wahlkampf manchmal schwach: „Ich bin am Ende meiner Kräfte, nur Kortison hält mich noch am Leben“, keuchte die Bunga-Bunga-Größe Silvio Berlusconi während der Kampagne 2006 erschöpft.

Zu welch absurden Aktionen das Mikroklima eines Wahlkampfs gerade ältere Kandidaten verleiten kann, demonstrierte zuletzt Frank Stronach. Der bald 81-jährige Nachwuchspolitiker sah sich genötigt, zwecks Vortäuschung jugendlicher Fitness in Zeitungen seinen nackten Oberkörper zu präsentieren.

Nur einen Tag danach zog auch FPÖ-Chef Strache, 44, blank und stellte ein Badehosenfoto aus dem Ibiza-Urlaub auf seine Facebooksite. Er bekam dafür immerhin über 1500 „Gefällt mir“-Klicks.

So absurd der Stronach/Strache-Strip auch wirken mag – die beiden sind nicht die ersten Politiker, die wilde Schaffenskraft vortäuschen. Bei den aktuellen Entblößern mag diese sogar vorhanden sein; viele andere Politiker waren trotz zur Schau getragener Stärke schwer hinfällig.

Beim französischen Staatspräsidenten François Mitterrand wurde bereits kurz nach seiner Wahl 1981 fortgeschrittener Prostatakrebs diagnostiziert. Erst als er 1996 daran starb, erfuhr die Nation, dass sie 14 Jahre lang von einem Schwerkranken geführt worden war. Es durfte auch niemand von den schweren Depressionen wissen, die den deutschen Bundeskanzler und SPD-Chef Willy Brandt quälten. Als Bundespräsident Thomas Klestil 1996 mit einer atypischen Lungenentzündung ins Wiener AKH eingeliefert wurde, wollte er sogar die notwendige Lungenbiopsie – eine unter Narkose durchgeführte Gewebsentnahme – im Zimmer vornehmen lassen, damit ihn niemand sieht. Die Ärzte mussten ihn erst mühsam davon überzeugen, dass ein solcher Eingriff nur im OP-Saal möglich sei.

Krankenakt Bruno Kreisky
Besonders typisch ist der Krankenakt Bruno Kreiskys. Österreichs Langzeitkanzler litt fast während seiner gesamten Amtszeit an nicht immer ausreichend behandeltem Bluthochdruck und Diabetes. Als Folge dieser Grunderkrankungen kam es im Wahlkampf 1979 zu einem Gefäßverschluss im Auge und zu einem Glaukom. Letzteres ließ Kreisky an einer Bostoner Klinik behandeln, wo man ihm in Unkenntnis seiner vorgeschädigten Niere ein zu hoch dosiertes Medikament verabreichte. Die Niere versagte daraufhin ihren Dienst – Kreisky war ein Dialysepatient. Die Wähler sollten von all dem nichts erfahren: Vor der Wahl 1983 „redigierte“ Kreisky eigenhändig ein für die Öffentlichkeit bestimmtes ärztliches Attest, in dem von Nierenproblemen daraufhin plötzlich keine Rede mehr war.

Raubbau am Körper
Wird auf diese Weise auch Gesundheit vorgetäuscht – in der Wahlkampf-Wirklichkeit lauern vielfältige Gefahren, die die Kandidaten für alle sichtbar niederwerfen, wie der Internist Siegried Meryn weiß, der schon mehrere Wahlkampfopfer behandelt hat: „Es ist der klassische Raubbau am Körper. Die Work-Life-Balance stimmt nicht mehr. Es wird zu viel geraucht, zu viel getrunken, zu spät und zu fett gegessen – und dazu kommt noch der ständige Zwang zur Geselligkeit. Die Leute spüren nicht mehr, wenn sie die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit überschreiten.“

Der volle Körpereinsatz ist alternativlos: Das Wahlvolk, vor allem aber die eigene Partei, erwartet, dass die Spitzen alles geben. „Abschalten gibt es im Wahlkampf nicht“, erinnert sich Franz Vranitzky, der vier Nationalrats-Wahlkampagnen plus die EU-Volksabstimmung hinter sich brachte. Am schlimmsten empfand er den Zwang zum Suff: Schon bei Vormittagsauftritten nähert sich die der Musikkapelle voranmarschierende Marketenderin mit ihrem Schnapsfässchen dem hohen Gast, „und man darf nicht immer alles ausschlagen“, so Vranitzky. Allerdings müsse man ein System entwickeln, sonst sei man schon nach wenigen Tagen völlig fertig. Wie viele Politiker praktizierte er die „Methode Heimreise“: Sofern sie nicht im äußersten Westen des Landes unterwegs sind und auf eine Vorarlberg-Tour ein Tirol-Tag folgt, fahren die meist in Wien lebenden Spitzenkandidaten abends nach Hause. „Im Auto konnte ich immer sehr gut schlafen, und in der Hotelhalle wäre ich nur noch weitere Stunden mit Leuten herumgesessen“, erinnert sich Vranitzky an die Erholung auf dem Rücksitz des Dienstwagens.

Der Arzt und ÖVP-Abgeordnete Erwin Rasinger hält die psychischen Belastungen eines Wahlkampfes für noch gravierender als die körperlichen: „Im Wahlkampf bist du ständig mit dem geringen Ansehen konfrontiert, das die Politik heute hat. Gleichzeitig glauben die Leute, jeder Politiker sei allmächtig, und verlangen oft Unmögliches. Das schafft Stress, der ärger ist als die körperliche Belastung.“

Dazu kommt die ständige „Zeugnisverteilung“ in Form von Umfragen: Fallen diese schlecht aus, hat der Spitzenkandidat neben allem Wahlkampfstress auch noch gehörigen Erklärungsbedarf gegenüber seinen Funktionären. Außerdem sind Wahlkampfzeiten auch Zeiten der Kränkung, in der selbst sonst hochdisziplinierte Koalitionspartner mit Verbalinjurien übereinander herfallen; die Opposition formuliert noch handgreiflicher als in Normalzeiten, und Leitartikler rechnen mit Kandidaten schnell ab, wenn diese schwächeln.

Auch politisch völlig unbedeutende Äußerlichkeiten werden plötzlich zu großen Storys. Der SPÖ-Spitzenkandidat Alfred Gusenbauer etwa trug im Sommer 2006 bei einer zwölftägigen Wahlkampf-Wandertour durch Österreich eine unvorteilhaft enge Trikothose. Die Folge war eine Flut von Spott und Hohn auf allen Kanälen.

„Falls ihn das gekränkt hat, ließ er es sich nicht anmerken“, erinnert sich Josef Kalina, damals Gusenbauers engster Mitarbeiter. Kalina hat viele SPÖ-Wahlkämpfer betreut, darunter auch Michael Häupl und Viktor Klima. Ein Teil seiner Arbeit bestand darin, den jeweiligen Kandidaten wieder aufzubauen, wenn gerade etwas schiefgegangen war. „Ein Politiker muss jedes Missgeschick sofort wegstecken“, sagt Kalina: „Es gibt einfach nicht die Zeit, um lange darüber nachzudenken.“ Sollte es nötig sein, hat der Kandidat zum Wundenlecken später immer noch Gelegenheit.

Beißhemmung
Die Erfahrungen der aktuellen Wahlkämpfer sind unterschiedlich. Michaela Berger, Pressechefin der ÖVP, kann etwa berichten, dass ihr Chef beim Volk durchaus wohlwollend aufgenommen werde. „Die Menschen erzählen Michael Spindelegger von ihren Beziehungsproblemen oder Jobsorgen. Manche stellen sich lange an, damit sie ein gemeinsames Foto mit ihm machen können.“ FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky hat allerdings auch schon weniger Erfreuliches erlebt: „Es gibt Leute, die einen beschimpfen oder sogar vor einem ausspucken“, erzählt er: „Da ist die Beißhemmung in den letzten Jahren eindeutig kleiner geworden.“

Illusionen über die politische Reife der Massen mache man sich nach einem Wahlkampf jedenfalls keine mehr, sagt ein Experte. „Du lernst die Menschen besser kennen, als dir lieb ist. Es gibt erschreckend viele Bürger, die vom demokratischen System wirklich überhaupt keine Ahnung haben. Und was sollst du denen dann erzählen?“

Beruhigend nur, dass sich das alles nicht nachteilig auf die Lebenserwartung der Akteure auswirkt: Die sechs bereits verstorbenen Nachkriegs-Bundeskanzler erreichten ein Durchschnittsalter von 76 Jahren, was deutlich über jenem der männlichen Nicht-Politiker lag.