Der Wolf ist 140 Jahre nach seiner vermeintlichen Ausrottung nach Österreich zurückgekehrt.
Jagd

Konfliktherd Wolf: Schießen, schaufeln, schweigen

Die Rückkehr der Wölfe freut Tierschützer. Bergbauern und Jäger treibt sie auf die Barrikaden. Die Auseinandersetzung wird mit harten Bandagen geführt. Eine Spurensuche in Almhütten, Wirtshäusern und Amtsstuben.

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Im Kärntner Mölltal schweigt man gerne. Es herrscht, so sagen die Bewohner, die Drei-S-Regel. Schießen, Schaufeln, Schweigen. Zwischen den hohen Gipfeln, die das Tal im Nordwesten Kärntens eng und malerisch machen, regelt sie informell den Umgang mit den Wölfen. Im Vorjahr sind sie hier angekommen und streifen seither durch Bergwälder und über Almwiesen, manchmal auch entlang der Bundesstraße. Hunderte Tiere, allen voran Schafe, sollen die Wölfe schon gerissen haben. Die vielen Jäger hier würden gerne mehr von ihnen erschießen. Doch die herrschenden Gesetze verbieten es ihnen. Daher die Regel.

Doch ganz egal wie viel sie auch schießen und schaufeln: Der Wolf ist zurück in Österreich. 150 Jahre nach seiner vermeintlichen Ausrottung vergeht mittlerweile kaum eine Woche ohne Sichtung. Am vergangenen Donnerstag wurde im niederösterreichischen Tulln ein Kadaver am Donau-Ufer angespült, am Wochenende ein Problemwolf im Salzburger Pinzgau erschossen. Der Wolf hat sich zum Politikum ausgewachsen, vor allem in Österreichs versteckten Winkeln: In den Alpentälern fürchten Bergbauern um ihre Schafe, Ziegen und Kälber. Jäger bekämpfen das Abschussverbot. Die FPÖ stürzt sich auf das Thema, es passt zur Ablehnung von System und Obrigkeit.

Auch im Mölltal flucht man nicht nur über die Wölfe, sondern ebenso über Beamte und ahnungslose Politiker. Michael Kerschbaumer – 41 Jahre alt, ärmelloses Shirt, silbernes Kreuzketterl um den Hals – steht vor dem Gemeindeamt in Stall im Mölltal. Die Mittagssonne scheint ihm ins Gesicht, er hat nicht viel Zeit, um 14 Uhr beginnt seine Nachmittagsschicht in der Möbelfabrik im Ort. Dabei hat Kerschbaumer einiges zu erzählen, denn im Nebenerwerb ist er Schafbauer. „Der Wolf ist für mich ein Massenmörder“, sagt er. „Aber einer, dem man nach der Tat auf die Schulter klopft und gratuliert.“

Für Michael Kerschbaumer, Schafbauer aus Stall, ist der Wolf ein Massenmörder.

Jeden April treibt Kerschbaumer seine Schafe von seinem Hof auf die Alm. Vier Stunden dauert der Fußmarsch mit 100 Tieren, Straße gibt es keine. Fünf Monate weiden die Schafe dann oben, genießen den Auslauf und sorgen dafür, dass die Bergwiesen nicht verwachsen. Einmal in der Woche schaut Kerschbaumer nach ihnen, die Wanderung nimmt er gern in Kauf. „Es gibt nichts Schöneres“, sagt er und zündet sich eine Zigarette an. „Ich bin mit Leib und Seele Bauer.“ Wenn Ende September in den Höhenlagen der erste Schnee fällt, bringt Kerschbaumer die Tiere zurück zu seinem Hof.

Doch beim Abtrieb im vergangenen Jahr war an Winter noch nicht zu denken. Schon Mitte Mai habe er die Herde holen müssen, erzählt der 41-Jährige. 150 Schafe von ihm und seinen Nachbarn seien da schon Wolfsangriffen zum Opfer gefallen. In ganz Kärnten waren es laut offiziellen Zahlen 390 Schafe und sieben Kälber. Der Wolf frisst sich nicht an einem Tier satt, nach einem Biss lässt er es oft sein – tödlich ist das trotzdem, meistens nach ein paar Tagen. „Die Schafe krepieren qualvoll“, sagt Kerschbaumer, der den Betrieb von seiner Mutter übernommen hat. „Ich war so fertig.“

Kerschbaumer hat aufgerüstet. Seit 20 Jahren ist er Jäger, Schusswaffen besitzt er also ohnehin, zusätzlich hat er eine Wärmebildkamera und ein Nachtsichtgerät gekauft, 5000 Euro dafür ausgegeben. „Ich war noch nie so viel auf der Jagd wie diesen Winter“, sagt er. „Aber gesehen habe ich nur einmal einen Wolf. Getroffen habe ich ihn leider nicht.“ An die große Glocke hängen würde er es aber sowieso nicht, auch in Stall gilt die 3-S-Regel.

Vergrämen und melden

Für das Schweigegelübde gibt es einen guten Grund. Es ist illegal, in Österreich einen Wolf zu erschießen. Gemeinsam mit Bär und Luchs ist er als großer Beutegreifer geschützt, Bejagung damit verboten. Geschossen werden dürfen nur Problemtiere. Diesen Status zu erlangen, ist gar nicht leicht. Es beginnt, wenn ein Wolf im Umkreis von Siedlungen, Ställen oder Bauernhöfen auftaucht. Ordnungsgemäß sollte er mit Licht, Lärm oder Schreckschussmunition „vergrämt“ und die Begegnung den Behörden gemeldet werden. Erst wenn sich der Vorfall innerhalb von vier Wochen wiederholt, wird der Wolf offiziell zum Problemtier und damit – per Verordnung der Landesregierung – zum Abschuss freigegeben. Bei dem Wolf, der am vergangenen Wochenende im Pinzgau erschossen wurde, ging es genau so vonstatten. „Das dauert viel zu lang und ist zu bürokratisch“, sagt Kerschbaumer. „Aber in Wien verstehen sie das nicht. Wir müssen uns selber helfen.“

Wer sich nicht an dieses Prozedere hält, riskiert den Verlust des Jagdscheins – oder sogar ein strafrechtliches Urteil. Mögliche Delikte: Tierquälerei und fahrlässige Beeinträchtigung der Umwelt. Bis zu zwei Jahre Haft stehen darauf. Wer heimlich schießt und schaufelt, dem bleibt das erspart. Sieben Wölfe seien in Stall erlegt und vergraben worden, behauptete ein anonymer Tierschützer im Vorjahr und brachte eine Anzeige ein.

Kadaverprämie in Großkirchheim

Von Stall sind es 25 Autominuten taleinwärts nach Großkirchheim. Es ist die vorletzte Gemeinde des Tals, die Möll entspringt knapp zehn Kilometer weiter am Fuße des Großglockners. Die Sonne geht gerade unter, als Peter Suntinger im Gastgarten des „Hotel Post“ Platz nimmt. Großkirchheim hat 1300 Einwohner, die meisten wohnen in den wenigen schmalen Gassen unten im Tal, einige auch auf ihren Höfen weit oben auf den Hängen der Berge. Suntinger ist Bürgermeister, seine Arme sind verschränkt, der Blick herausfordernd. Seit 1997 ist er im Amt, er erarbeitete sich mit scharfen Worten gegen Asylwerber und „großkopferte“ Beamten einen Ruf, von 2009 bis 2013 saß er für das BZÖ im Landtag. Nach der Wiedervereinigung mit den Freiheitlichen verließ er 2016 die Partei. „Wenn sie von den Dümmsten der Dummen übernommen wird, muss ich nicht mehr live dabei sein“, sagt er. Seither regiert er unangefochten an der Spitze der Liste „Gemeinsam für Großkirchheim“.

Für die Wölfe hat sich Suntinger ein Modell überlegt, das für Wirbel sorgt. 2500 Euro will die Gemeinde gemeinsam mit dem Bauernbund pro vorgelegtem Wolfskadaver dem örtlichen Jägerverband bezahlen. Ob das Tier davor ordnungsgemäß vergrämt worden ist, ist für Suntinger nicht von Bedeutung. „Wir müssen den Jägern einen Anreiz geben“, sagt er. „Der Aufwand ist groß, die möglichen Sanktionen drastisch. Vielleicht kann der Betrag etwas ändern.“ Noch aber wartet der 58-Jährige auf den ersten Kadaver. Momentan sei es ruhig. Im Frühjahr habe aber ein Wolf zwei Tage nach dem Auftrieb sieben Schafe einer Bäuerin am Eggerberg in Großkirchheim gerissen.

Peter Suntinger, Bürgermeister und Nebenerwerbsbauer, ist Erfinder der Kadaverprämie.

Suntinger selbst war noch nicht betroffen. Auch er ist, wie so viele im Mölltal, Nebenerwerbsbauer. Reich wird man damit nicht. Sein Geld verdient er als Schnitzer. Heiligenfiguren und Krampusmasken – die zum Brauchtum der Gegend gehören – liegen in seiner Werkstatt. Den Bauernhof hat er bereits seinem Sohn vererbt, Suntinger hilft aus. „Wirtschaftlich geht sich gerade eine schwarze Null aus“, sagt er. „Wir erhalten den Betrieb aus Tradition.“ Einige seiner Nachbarn hätten ihre Höfe und Almen schon aufgegeben. Der Wolf ist eine zusätzliche Belastung. Für Suntinger ist Resignation aber keine Option: Nach dem Gespräch mit profil – es ist bereits Nacht – fährt er auf die Alm. Einer Kuh muss er ein fiebersenkendes Mittel spritzen. Der befahrbare Weg reicht bis auf knapp 1950 Meter über dem Meeresspiegel, den letzten Kilometer muss man zu Fuß zurücklegen. In der Almhütte gibt es weder fließendes Wasser noch Strom, für Licht sorgen zwei Kerzen. Aber wenn am nächsten Morgen die Sonne aufgeht, blickt man direkt auf den Gipfel des Glockners, der über dem Mölltal thront. „Die Aussicht entschädigt für vieles“, sagt Suntinger. Vom Wolf fehlt jede Spur.

Comeback des tödlichen Gesellen

Lange Zeit gab es ihn in Österreich gar nicht mehr. 1882, heißt es in verschiedenen Quellen, sei der letzte Wolf erlegt worden. Ob die Jahreszahl stimmt, ist schwer zu belegen. Im Jänner 1911 war jedenfalls in der „Kronen Zeitung“ zu lesen: „Mit der fortschreitenden Kultur ist der Wolf in unseren Gegenden verdrängt oder ausgerottet worden, und nur in einzelnen Exemplaren taucht dieser tödliche Geselle auf.“ Voller Eifer gingen die Jäger damals ans Werk, das Raubtier zurückzudrängen, um immer größere Flächen für die Bewirtschaftung zu erschließen. Parallel bat man um göttlichen Beistand. Ab dem frühen 16. Jahrhundert pilgerten Bergbauern zu Beginn des Almsommers jährlich vom Pinzgau über die Hohen Tauern nach Heiligenblut ins Mölltal, um Schutz vor dem Wolf zu erbitten. Der fast mystischen Bedeutung des Wolfes kann man noch heute in Dutzenden Kapellen nachspüren, die seinetwegen in ganz Österreich errichtet wurden.

Ganz ausgestorben ist der Wolf nie, im Süden und Osten Europas blieb er. Als sein Lebensraum dann ab den 1990er-Jahren durch Naturschutzmaßnahmen wieder größer wurde, bahnte sich das Comeback an. Im Oktober 2009 war es so weit: Ein Wolf riss im Tiroler Oberland zwölf Schafe, er war offenbar aus Italien zugewandert. Anfänglich hielten sich die jährlichen Sichtungen im einstelligen Bereich, in den letzten Jahren sind sie stark angestiegen. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres zählte das zuständige „Österreichzentrum Bär Wolf Luchs“ 31 Wölfe.

„Danke, WWF“

An diesem Punkt kommen die Naturschützer ins Spiel. „Es ist illusorisch, zu glauben, dass man den Wolf wieder ausrotten kann“, sagt Christian Pichler, Artenschutzexperte der Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF). „Ob man will oder nicht, er wird sich weiter ausbreiten. Darauf müssen wir uns vorbereiten.“ Für den WWF ist die Erleichterung der Wolfsabschüsse der falsche Weg. Um die Weidetiere vor den großen Beutegreifern zu schützen, seien elektrische Zäune und speziell ausgebildete Hunde ein probates Mittel. In der Schweiz und im Tiroler Oberland funktioniere das bereits gut. „Aber das muss die Politik fördern. Wir können die Bauern damit nicht allein lassen“, sagt Pichler.

Im Mölltal ist man auf den WWF nicht gut zu sprechen. Es hält sich das Gerücht, der WWF setze Wölfe aus. In einem Video, das auf TikTok kursiert, sieht man einen Bauern, der seine Schafe ins Tal treibt. Text: „Wegen Wolf Almabtrieb. Danke an den WWF.“ WWF-Experte Pichler weist die Vorwürfe zurück: Das seien absurde Verschwörungstheorien. Er hat das schon oft beteuert, wirklich durchdringen tut er damit nicht. Aufgrund der harten Bandagen ist man in der Öffentlichkeitsarbeit vorsichtig geworden. „Wir bringen uns gezielt in Diskussionen ein, kommentieren aber nicht mehr jede Unmutsäußerung“, sagt Pichler. „Das befeuert nur den Konflikt.“

Ob man will oder nicht, der Wolf wird sich weiter ausbreiten.

Christian Pichler

Artenschutzexperte WWF

FPÖ reüssiert

In der Aufregung über den Wolf drückt sich Hass und Misstrauen gegenüber der Obrigkeit – oder was man dafür hält – aus. Kerschbaumer und Suntinger beklagen den Einfluss der Umweltorganisationen, denen viel mehr Gehör geschenkt werde als einfachen Menschen. Kerschbaumer sagt, die da oben würden es sich richten, das habe man schon bei den Bundespräsidentschaftswahlen 2016 gesehen, als immer mehr Stimmen für Alexander Van der Bellen aufgetaucht seien. Suntinger sagt, während der Coronapandemie sei ein Polizeistaat errichtet worden. In Kerschbaumers Heimatgemeinde Stall war die Impfquote österreichweit am niedrigsten.

Es ist in dieser Gemengelage keine Überraschung, dass die FPÖ das Wolfsthema voll bespielt. Erst Anfang Juli lud Landesparteiobmann Erwin Angerer zu einer Veranstaltung unter dem Namen: „Wolf-freies Kärnten?“, schon vor den Landtagswahlen im März sprach er sich für die Erleichterung von Abschüssen aus. Im Mölltal war man dankbar. Während das landesweite Plus mit 1,6 Prozent moderat ausfiel, verdoppelten sich die Freiheitlichen in Stall auf 54 Prozent. Auch in den Nachbargemeinden Rangersdorf, Mühldorf, Flattach und Reißeck waren die Zugewinne zweistellig. „Der Wolf hat sicher eine Rolle gespielt“, sagt Kerschbaumer. „Viele Bauern wollen sich von der ÖVP nicht mehr verarschen lassen.“ Mittlerweile setzen sich, zumindest im Mölltal, Vertreter der Volkspartei und der SPÖ für die Abschusserleichterungen ein, Suntingers Kadaverprämie wird in vielen Gemeinden diskutiert.

Gegen Ende des Gesprächs kommt Michael Kerschbaumer dann noch auf andere Probleme des Tals zu sprechen, auf solche, die sich nicht im Parteiprogramm der Freiheitlichen finden. Da ist zum Beispiel der Fichtenborkenkäfer, der sich hier immer stärker ausbreitet und aus Bäumen Totholz macht. Immer wieder sieht man bei der Fahrt durchs Tal kahle Stellen in den Wäldern entlang der Hänge. Auch die höheren Temperaturen machen Kerschbaumer zu schaffen. Wenn der Permafrost auftaut, könne es zu Bergstürzen kommen. Erst Anfang Juni ist das im Fluchthorn-Massiv im Tiroler Galtür passiert. „Wir werden das schon alles hinkriegen“, sagt Kerschbaumer. „Aber ob meine Buben auch noch Bergbauern sein können, weiß ich nicht.“ Daran sind nicht nur Wölfe schuld.

Moritz Ablinger

Moritz Ablinger

war bis April 2024 Redakteur im Österreich-Ressort. Schreibt gerne über Abgründe, spielt gerne Schach und schaut gerne Fußball. Davor beim ballesterer.