Kronen Zeitung: Österreichs auflagenstärkstes Blatt schwächelt

Kronen Zeitung: Österreichs auflagenstärkstes Blatt schwächelt

Österreichs Auflagenriese kommt in die Jahre: Gratisblätter und Internet setzen der „Kronen Zeitung“ schwer zu. Die deutschen Miteigentümer werden unruhig.

Arnikatinktur, Schafgarbentee, Ringelblumensalbe und Brennnesselsaft: Oft wurde die „Kronen Zeitung“ belächelt, weil ihr täglicher Gesundheitstipp bruchlos weiterlief, obwohl der Verfasser verstorben war. Jetzt hieß die Kolumne eben „Aus dem Vermächtnis des Kräuterpfarrers Weidinger“.

Heute gehört die Hälfte des Blattes einem Toten: „Verlassenschaft nach Hans Dichand“ wird im Firmenbuch als alleiniger Gesellschafter der „Dichand Medienbeteiligung-GmbH“ angeführt. Der 2010 im 90. Lebensjahr verstorbene Patriarch ist ganz nebenbei auch noch Gesellschafter der „Krone Verlag-GmbH“ und der „Krone Media Aktiv Gesellschaft.“

Auch vier Jahre nach seinem Tod hat sich die Familie – Witwe Helga (77) und die Kinder Michael (52), Johanna (50) und Christoph (Foto, 49) – noch nicht über die Aufteilung des zugegebenermaßen opulenten Erbes geeinigt.
Geführt wird das Blatt von Christoph Dichand, einem in der Redaktion durchaus beliebten, aber eher öffentlichkeitsscheuen Mann. Er ist damit Chef der mit Abstand größten Tageszeitung Österreichs: Sie erreicht mehr Leser als die fünf nächstgrößten Kauf-Tageszeitungen zusammen. Laut jüngster Mediaanalyse greift nach wie vor jeder dritte Zeitungsleser (32 Prozent) hin und wieder zur „Kronen Zeitung“. Die Größe des Kleinformats sagt aber wenig über seine Lage aus aus:

- Laut Mediaanalyse hat die „Krone“ in den vergangenen neun Jahren 13 Prozentpunkte an Reichweite eingebüßt – und damit mehr, als die zweitgrößte Kaufzeitung des Landes, die „Kleine Zeitung“, insgesamt hat.

- In Wien ist die „Kronen Zeitung“ nur noch Nummer zwei hinter dem Gratisblatt „heute“. Wolfgang Fellners ebenfalls kostenlos abgegebenes „Österreich“ ist der „Krone“ in Wien hart auf den Fersen.

- Und im Internet ist die „Krone“ alles andere als eine Großmacht: Laut Web- Analyse (ÖWA) liegt sie mit 2,54 Millionen Unique Clients deutlich hinter den Dachangeboten von ORF, oe24.at („Österreich“ online), „Standard“ und „Kurier“.

Christoph Dichand kann das zumindest materiell egal sein: Er hat den Syndikatsvertrag übernommen, den sein Vater 1987 mit der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ) abschloss, als im Zeitungsgeschäft noch Milch und Honig flossen. Darin wird Hans Dichand und seinen Nachkommen ein Vorabgewinn von etwa zehn Millionen Euro pro Jahr garantiert – ein stolzes Monatssalär von 700.000 Euro.

Die fetten Jahre sind vorbei
Die WAZ hatte sich seinerzeit aber nicht nur mit 50 Prozent an der „Krone“, sondern auch mit 49,5 Prozent am „Kurier“ beteiligt (die Mehrheit dort hält Raiffeisen). Man gründete eine gemeinsame Firma, die Mediaprint, die Druck, Inseratenbeschaffung und Vertrieb besorgt. Der Gewinn wird zwischen Krone“ und „Kurier“ im Verhältnis 70 zu 30 geteilt.
Solange die Mediaprint um die 30 Millionen Euro im Jahr abwarf, war der Vorabgewinn für Dichand kein Problem: Er bekam bei der Schlussabrechnung eben noch ein paar Millionen dazu, und auch der WAZ blieb genug.

Aber diese Zeiten sind vorbei. Im Geschäftsjahr 2011/12 lag der Jahresüberschuss der Mediaprint nur noch knapp über zwei Millionen, im darauf folgenden bei nicht ganz sieben. Leicht auszurechnen, dass die WAZ eigenes Geld zuschießen musste, um Dichand den Vorabgewinn zu bezahlen. Erst ab einem Jahresüberschuss von 15 Millionen – er wird im Geschäftsjahr 2013/14 für möglich gehalten – steigen die deutschen Miteigentümer einigermaßen pari aus.

Für den westdeutschen Familienbetrieb, der sich nach einer Begradigung in der Eigentümerschaft nun „Funke Mediengruppe“ nennt, ist das auch ein psychologisches Problem. Vor allem: Solange der Vorabgewinn wie ein Mühlstein an den 50 „Krone“-Prozenten hängt, ist der WAZ-Anteil nicht viel wert oder sogar völlig unverkäuflich. Demnächst soll ein in der Schweiz ansässiges Schiedsgericht über die von den Deutschen angestrebte Kündigung des Dichand-Vorschusses befinden.

Der Essener Konzernzentrale passt in der „Krone“ aber auch einiges andere nicht. „Wir haben das Gefühl, da muss ein anderer Schwung rein, auch im Digitalbereich“, sagt ein Verantwortlicher: „Man muss den Laden endlich modernisieren.“ Das Blatt ähnelt gestalterisch einer kuscheligen, aber recht abgewohnten Vorstadtbude. Die die Zeitung prägenden Stars hat durchwegs noch Dichand selig angeheuert, zum Teil vor einem halben Jahrhundert. Wirtschafts-Ressortleiter und Co-Chefredakteur Georg Wailand ist 68, Kampfkolumnist Michael Jeannée 71, Innenpolitik-Chef Peter Gnam 73, Großkommentator Ernst Trost 81 und „Telemax“ Robert Löffler 83. Chef-Außenpolitiker Kurt Seinitz ist mit seinen 67 nachgerade ein Benjamin.
Das Durchschnittsalter der „Krone“-Leser liegt laut jüngster Mediaanalyse bei 50,5 Jahren, die Leser der Mitbewerber auf dem Boulevard, „heute“ und „Österreich“, sind mit 43 beziehungsweise 45 Jahren im Schnitt deutlich jünger. Oben sterben Käufer weg, unten wachsen keine nach. Dieses Problem haben viele Zeitungen, beim Dichand-Blatt sind sie nur besonders ausgeprägt.

Immer noch mächtiger Pfosten
Dennoch ist die „Kronen Zeitung“ allein aufgrund ihrer schieren Größe noch immer ein mächtiger Pfosten in der Medienlandschaft. In einer vergangenen Mai durchgeführten Umfrage hielten sie 36 Prozent der Befragten für die einflussreichste Zeitung – das ist mit Abstand Platz eins. Am Glauben an die Allmacht der „Kronen Zeitung“ ändern auch die Fehlversuche, selbst Politik zu machen, offenbar nur wenig. Dichand senior wollte 2008 eine Volksabstimmung über den Lissabon-Vertrag – abgeblitzt. 2013 kampagnisierte das Blatt für ein Berufsheer – bei der Volksbefragung waren dann fast 60 Prozent dagegen. Die Fußgängerzone Mariahilfer Straße war für die „Krone“ eine „Schmuddel-Fuzo“ und „eine Schande für Wien“ – gebaut wird sie trotzdem.

Die Achse zur Politik funktioniert dennoch. Die persönliche Freundschaft zwischen Hans Dichand und dem jungen Politiker Werner Faymann übertrug sich nach dem Tod des Zeitungszaren auf Zarewitsch Christoph. Bei Aktionen der „Krone“ ist der Kanzler nach wie vor gerne dabei. Erst vor wenigen Wochen schlug er sich mit dem „Krone“-Chef in die Donauauen östlich von Wien, um in Wort und Bild einen Beitrag zur „Krone“-Aktion „Natur freikaufen“ zu leisten.

Die „Krone“ durfte im August exklusiv den Aufstieg von Doris Bures ins Nationalratspräsidium und die Namen der neuen SPÖ-Minister vermelden. Man revanchierte sich mit einer freundlichen Schlagzeile in der starken Sonntagsausgabe: „Die Faymann-SPÖ wieder vorn!“ Ein Telefonat zwischen dem Kanzler und Wladimir Putin wurde im Aufmacher zur „Friedensmission“ hochgejazzt.

Besondere Würze bekommt die Causa „Krone“ aber durch das „Konkurrenzblatt“, die Gratiszeitung „heute“. Sie hat der „Krone“ in Wien längst Platz eins abgenommen und steht mehrheitlich im Besitz von Eva Dichand, der Frau von „Krone“-Chef Christoph.

Die Gründung des Blattes war eine der merkwürdigsten Episoden der heimischen Mediengeschichte. Mit dem Argument, man müsse einem schwedischen Investor mit einer Gratis-Zeitung zuvorkommen, hatte Hans Dichand 2001 den „U-Express“ ins Leben gerufen. Die Genehmigung zum Aufstellen der Ständer in den Stationen beschaffte ihm der damalige Wohnbaustadtrat Faymann.

Als das Blatt nach drei Jahren noch immer defizitär war, setzten Dichands Partner in der Mediaprint, die WAZ-Leute und Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad, dessen Einstellung durch.

Bequem abstürzen
Wie aus dem Nichts tauchte wenig später eine neue U-Bahn-Zeitung namens „heute“ auf. Sie war aus einem Stiftungs-und Treuhandkonstrukt hervorgegangen, das zuvor eine Gemeindebauzeitung herausgegeben hatte. Verantwortlich dafür: Stadtrat Faymann und dessen enge Mitarbeiter Josef Ostermayer und Wolfgang Jansky. Als Mehrheitseigentümer von „heute“ trat eine Stiftung „Fidelis“ auf – angeblich im Besitz des SPÖ-nahen Steuerberaters Günther Havranek. Eine Minderheitsbeteiligung hielt schon damals eine Periodika Privatstiftung – in ihrem Vorstand sitzen SPÖ-Vertrauensleute.

Die Inserate öffentlicher Stellen, vor allem jene der Gemeinde Wien, sprudelten von Beginn an wie eine munterer Quell im Frühling. Eva Dichand outete im Mai 2012, dass eigentlich sie und ihr Bruder hinter der Havranek-Stiftung stehen. Für Eingeweihte kam das Bekenntnis nicht überraschend: Eine bevorstehende Änderung des Mediengesetzes hätte sie ohnehin zu Transparenz gezwungen.

Seit der Gründung von Wolfgang Fellners „Österreich“ ist das Boulevard-Kleeblatt komplett und wird üppig mit öffentlichen Mitteln gedüngt. Aus den veröffentlichen Zahlen nach dem Medientransparenzgesetz geht hervor, dass allein die „Krone“ im Vorjahr 22,1 Millionen Inseraten-Euro aus Steuergeldern bezogen hat, bei „heute“ waren es 13,5 Millionen, bei „Österreich“ 11,8 Millionen. Oder anders gerechnet: Ein Viertel aller Anzeigen von Bund, Ländern, Gemeinden, ÖBB, Asfinag etc. (insgesamt 202 Millionen) floss 2013 in die drei Boulevardblätter. Die beiden Zeitungen der Familie Dichand schnitten mit mehr als 35 Millionen dabei äußerst günstig ab.

Die weitere Entwicklung ist ungewiss. Solange die Frage der Aufteilung des Dichand-Erbes nicht geregelt ist, dürfte sich bei der „Krone“ nicht viel ändern. Die anderen Familienmitglieder sind wirtschaftlich nicht tätig – und wenn doch, dann mit durchwachsenem Erfolg. Christoph Dichands älterer Bruder Michael hatte Probleme mit einer großen Biolandwirtschaft im Burgenland, aus denen ihm seine Mutter mit einer kräftigen Finanzspritze half. Vor einigen Jahren beteiligte er sich an einer Biogasanlage in Güssing, die im Juli 2013 insolvent wurde, als das Finanzamt eine Vergünstigung in der Höhe von 350.000 Euro strich. Die Gläubiger wurden mit einer 30-Prozent-Quote abgefunden, Michael Dichand übernahm die gesamte Anlage. Derzeit wird wieder Strom geliefert.

Wie immer das Schweizer Schiedsgericht in der Causa Vorabgewinn auch entscheiden wird: Persönlich sind die Nachkommen des großen Alten abgesichert. Oder wie ein Mitkonkurrent meint: „Die können noch zehn Jahre lang sehr bequem abstürzen.“