Der gnadenlose Kulturkampf um die political correctness

Der gnadenlose Kulturkampf um die political correctness

Wir leben in politisch korrekten Zeiten und sollten deshalb gut nachdenken, bevor wir zu reden beginnen. Was darf man noch sagen und was nicht – und warum löst diese Frage so heftige Emotionen aus? Ein Themenschwerpunkt über political correctness.

Kürzlich war es wieder so weit. Ein alter weißer Mann machte aus seinem Herzen keine Mördergrube und fiel dann sozusagen selbst hinein. Clemens Tönnies, 63, milliardenschwerer Fleischfabrikant aus Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen, sprach sich beim Tag des Handwerks in Paderborn entschieden gegen Klimasteuern aus. Stattdessen solle der Bundesentwicklungsminister jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren: „Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“

Danach fegte ein Shitstorm der Extraklasse durchs Land, was vor allem daran lag, dass Tönnies nicht nur Großmetzger ist, sondern auch langjähriger Aufsichtsratsvorsitzender des traditionsreichen Bundesligavereins FC Schalke 04, gewissermaßen der Uli Hoeness des Ruhrgebiets. Sein Wort hat, wie das Paderborner Beispiel zeigt, zwar nicht unbedingt Substanz und Gewicht, aber es findet Aufmerksamkeit – notfalls bis nach Berlin. „Wer dumpfen Rassismus verbreitet, stellt sich gegen Hunderttausende Fußballfans“, gab Bundesjustizministerin Christine Lambrecht zu Protokoll: „Die übergroße Mehrheit steht klar für Menschlichkeit und Toleranz.“ Tönnies versicherte bußfertig, er "stehe als Unternehmer für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein“, doch der Schaden ließ sich nicht so einfach aus der Welt schaffen – symbolische Maßnahmen waren gefragt. Der Ehrenrat von Schalke 04 stufte die Rassismusvorwürfe zwar als „unbegründet“ ein, erkannte allerdings einen Verstoß „gegen das in der Vereinssatzung verankerte Diskriminierungsverbot“ und stimmte Tönnies’ Vorschlag einer kurzfristigen Amtsniederlegung dankbar zu. Auch die Ethikkommission des Deutschen Fußballbundes trat zusammen, vertagte sich aber alsbald; man benötige noch „weitere Informationen, um eine Entscheidung zu treffen“. Welcher Art diese Informationen sein sollen, wurde nicht spezifiziert.

Der Fall Tönnies steht exemplarisch für die Mechanismen von political correctness: Jemand äußert etwas latent oder offenkundig Verunglimpfendes, wird dafür mehr oder weniger scharf kritisiert, will es deshalb eigentlich gar nicht so – oder jedenfalls nicht böse – gemeint haben, entschuldigt sich aufrichtig oder halbherzig und hat am Ende schwerwiegende oder fadenscheinige Sanktionen zu gewärtigen. Geächtet und geahndet wird dabei der Bruch eines zivilisatorischen Tabus, das eine bestimmte, hinreichend diskursmächtige Öffentlichkeit als unverletzlich erachtet.

Sprache als bewusstseinsbildende Maßnahme

Das Konzept der political correctness (in dieser Ausgabe mit PC abgekürzt) kam Mitte der 1980er-Jahre in kalifornischen Universitätskreisen auf. Es richtete sich zunächst gegen den überkommenen westlich-chauvinistischen Fokus in den Kulturwissenschaften; der allgemeine Erkenntnishorizont sollte nicht länger durch die kanonisierten Werke von „dead white European males“ begrenzt werden. Die Debatte nahm rasch Fahrt auf und wurde einerseits grundsätzlicher, andererseits erbitterter. Im Zentrum stand die Forderung, dass jedwede Diskriminierung – sei es nach Geschlecht, Herkunft, körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, sexueller Veranlagung oder religiösem Bekenntnis – zu unterlassen sei. Da das kollektive Denken und die soziale Kommunikation vorwiegend über Sprache funktionieren, lag es nahe, den PC­Hebel hier anzusetzen, sozusagen als bewusstseinsbildende Maßnahme für den friedfertigen zwischenmenschlichen Umgang. Der Respekt gegenüber anderen – insbesondere gegenüber Minderheiten – sollte sich in einem von rassistischen, sexistischen, antisemitischen oder homophoben Wörtern gereinigten Sprachgebrauch manifestieren.

Eine wunderbare, mustergültig humanistische Idee, die, konsequent umgesetzt, allen Beteiligten jedoch ein relativ hohes Maß an Einsicht, Sensibilität und Kooperationsbereitschaft abfordert. Andererseits ist PC ihrem Ursprung nach ein eminent polemischer Ansatz: Sie stellt den Herrschaftsdiskurs grundsätzlich infrage, und da dieser Diskurs über Jahrhunderte hinweg weiß, männlich, christlich und heterosexuell dominiert war, sind dessen Wortführer erwartungsgemäß wenig erfreut, wenn ihnen plötzlich bei jeder Gelegenheit über den Mund gefahren wird. „Das wird man ja noch sagen dürfen!“, maulen sie zusehends genervt – aus ihrer Sicht ein verständlicher Reflex, denn was bleibt dem Menschen noch, wenn er nicht einmal mehr reden darf, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Dass der Schnabel des Menschen tatsächlich nicht einfach arglos vor sich hinwächst, sondern durch vielerlei Einflüsse entscheidend und nachhaltig geformt wird, ist Teil genau jenes Problems, das PC auf die Agenda gesetzt hat.

Der Widerstand gegen PC war seit Anbeginn so massiv wie die PC-Bewegung selbst, was durchaus in der Natur der Sache liegt, denn immerhin stehen die Mehrheitsverhältnisse (also die von der Mehrheit dominierten Verhältnisse) zur Disposition. Und während die nominelle Mehrheit trotzig auf ihre althergebrachten Gewohnheitsrechte verweist und sich über die „absurden Auswüchse“ von „Sprachpolizei“ und „Verbotskultur“ echauffiert, machen immer mehr Minderheiten ihre Ansprüche auf umfassende Rücksichtnahme geltend: Angehörige von indigenen Völkern, Menschen fremdländischer Abstammung, Menschen mit anderer als weißer Hautfarbe, Menschen mit Behinderung, Menschen in vorgerücktem Alter, Menschen mit nichtchristlichem Bekenntnis, Menschen mit nichtheterosexueller Orientierung und viele andere mehr. Dabei sind es keinesfalls nur Minderheiten, die akuten Korrektheitsbedarf sehen: Die Frauen zum Beispiel haben schon lange genug davon, sich bei der Verwendung der Maskulinformen im Deutschen ständig „mitgemeint“ fühlen zu müssen. Sie wollen explizit als solche angesprochen – sprich: respektiert – werden.

Imperativ und Krux

Wer PC ernst nimmt, hat sein Vokabular unentwegt auf die Goldwaage zu legen. Darin wurzelt der Imperativ von PC, und darin liegt auch ihre Krux: Das politisch korrekte Wörterbuch wird stetig differenziert und verfeinert, was die soziale Kommunikation fraglos präziser und pluralistischer gestaltet, aber leider auch alles andere als einfach. Vielen erscheint die PC-Sprache mittlerweile als flächendeckend vermintes Terrain, auf dem jederzeit eine Bombe hochgehen kann, ausgelöst durch ein falsches Wort oder eine flapsige Formulierung. Die WächterInnen über die Korrektheit ahnden jedes Verbalvergehen umgehend und rigoros. Und da niemand vor Gedankenlosigkeit gefeit ist, reagieren inzwischen selbst Wohlmeinende und Gutwillige auf den allgegenwärtigen PC-Druck empfindlich bis allergisch. Die wehrhaften Unwilligen wiederum fühlen sich dadurch in ihrer Ablehnung von „Gutmenschen-Zumutungen“ jeder Art erst recht bestärkt.

Warum aber polarisiert das Konzept der politischen Korrektheit so ungemein? Kaum etwas ist für den Menschen so vertraut und selbstverständlich wie die Sprache. Wenn er in dieser Selbstverständlichkeit gestört oder gar erschüttert wird, aktiviert er instinktiv seine Widerstandskräfte. Sprache bildet das Zentrum seines geistigen Immunsystems, das jede Herausforderung unvermittelt als potenzielles Infektionsrisiko wahrnimmt und entsprechend resolut bekämpft. Auf kommunikationstheoretischer Ebene erfüllt PC alle Kriterien einer Disruption, und zu welchen Verwerfungen Disruptionen führen können, zeigt die jüngere Weltwirtschaftsgeschichte. Auf psychologischer Ebene führen die PC-Antagonisten einen existenziellen Abwehrkampf: Dass andere selbstbewusst, manchmal auch aggressiv darauf bestehen, in ihrer „Andersartigkeit“ zumindest symbolisch respektvoll gewürdigt zu werden, kommt für die Zurechtgewiesenen und Gemaßregelten einem Angriff auf ihre eigene Identität gleich.

So meinen wir das doch gar nicht, sagt die moderate PC-Fraktion. Genau so meinen wir das!, sagen die PC-Fundis. In diesem Spannungsfeld tobt der Kulturkrieg um politische Korrektheit. Und eben dieses Spannungsfeld vermessen wir in der aktuellen Coverstrecke. Woher kommt und was bezweckt political correctness? Warum ist sie sinnvoll, warum so kompliziert oder manchmal schlicht lästig? Wer fordert und wer verwünscht sie? Wo kann man sie in Reinkultur erleben, und wo hat sie – bei aller prinzipiellen Wertschätzung – wirklich nichts verloren? Die Meinungen darüber sind geteilt, und sie bleiben es wohl noch länger.
Clemens Tönnies sollte übrigens am 1. September als Gastredner beim Erntedankfest in Espeln, unweit von Paderborn, dem Ort seiner Waterloo-Erfahrung, auftreten. Er sagte kurzfristig und ohne nähere Begründung ab.