Das erste Mal: Richard Lugners Wahlkampfauftakt im Jahr 1998

Der 83-Jährige startet einen zweiten Versuch

Der 83-Jährige startet einen zweiten Versuch

Herbert Lackner über Richard Lugners Wahlkampfauftakt bei seinem ersten Versuch, Bundespräsident zu werden im Jahr 1998. Der damals 65-Jährige erreichte bei seinem ersten Antritt 9,91 Prozent der Stimmen. 2016 will er es erneut wissen.

Das Wichtigste zuerst: "Do schau her, 's Mausi is schon do." In der Meidlinger Hauptstraße hebt sich die Stimmung, soweit sie sich an einem Februartag in einer zugigen Fußgängerzone heben kann. Christina Lugner hat Auftau-Dienst. Sie soll das Publikum auf ihren Mann heißmachen, den - pleno titulo kündigt sie ihn stets an - "Präsidentschaftskandidaten, technischen Rat, Baumeister Ingenieur Richard Lugner".

Mancher ist an anderem interessiert. "Waun kummt denn die Rakl?" ruft ein Mann in karierter Jacke.
Nein, Christina Lugner will jetzt nicht über den Opernball sprechen. "Der Grund, warum ich heute hier bin", hebt sie an, "ist ein sehr ernster: Es geht um uns alle." Die Anwesenden kennen ihn wahrscheinlich, den Grund. Erst unlängst hat Jörg Haider genau an derselben Stelle davon gesprochen: der Kaperung Österreichs durch raffgierige Politiker und machtgeile Parteien.

Aber wie anders trägt das die zierliche Frau vor, die sie Mausi nennen: zornig erregt, drängend fordernd - und manchmal in der rhetorischen Endlosschleife jener Verkaufstalente, die in Warenhauspassagen Universal-Gemüseraspeln anpreisen.
Als Christina Lugner gegen Ende ihrer Aufwärmrunde von der Mitschuld Thomas Klestils daran spricht, daß eine Million Österreicher unter der Armutsgrenze lebt, wird ihr sogar das abgenommen. "Hot eh recht", sagt ein Zuhörer, "und i hab im Jänner zwa Schilling Pensionserhöhung kriegt, zwa Schilling!"


Hearst Mausi, waun kummt s' denn, die Rakwa?

Die 32-jährige entfaltet Wirkung. "Wann mir der Lugner die Mausi burgt, wähl i eam", scherzt ein enflammierter Rentner in launiger Runde. "Oba schiach is sie net", meint seine Frau.

"Hearst Mausi, waun kummt s' denn, die Rakwa?" drängt der Mann in der karierten Jacke auf Auskunft.

Das Lugner-Lager hat den Chef gleich zu Wahlkampfbeginn nicht zufällig in die Arbeiterquartiere Meidling, Favoriten und Kagran geschickt: Dort, wo Haider stark zulegt, gibt es auch für einen Kandidaten Lugner fette Erde. In die Mur-Mürz-Furche müsse man, lautet die Losung, und auf die Achse Linz-Wels-Steyr, dort sei am meisten zu holen.

Richard Lugner hat schließlich eine Geschichte zu erzählen, ein Heldenepos geradezu. Jenes vom kleinen Bauingenieur, der mit einem Maurer anfängt und es zu einer Baufirma mit 600 Beschäftigten bringt, die er selbst im Winter nicht kündigt, "weil die Arbeiter mein größtes Kapital sind. Da hinten steht der Herr Betriebsratsobmann, der kann das bezeugen."

Kandidat Lugner hat dazugelernt.


Zwischenapplaus nimmt er beschämt hin, senkt lächelnd den Blick und haucht ein jungmädchenhaftes Danke.

Bisweilen freilich, wenn er gegen Parteien und Politiker, Beamte und Pfründen loslegt, verläuft der Ausritt noch etwas ungelenk. Die gegenwärtige Debatte über den ORF etwa erinnert ihn an eine "Bananenrepublik, wo bei einem Putsch zuallererst die Rundfunkstation besetzt wird". Etwas wüst fällt auch das Bild aus, das in Lugner angesichts der von ihm vermuteten Finanzierung des Klestil-Wahlkampfs durch ÖVP und SPÖ aufsteigt: "Das ist wie bei der Mafia in Italien, die haben sich auch mit den Parteien eingelassen."

Rauh, aber herzlich. Am Victor-Adler-Markt in Favoriten, wo heutzutage Jörg Haider Heimspiele auszutragen pflegt, hat man für klare Worte durchaus etwas übrig. Politische Drolligkeiten gehen unbelächelt durch. Jene etwa: "Ich würde als Bundespräsident alle Parteien fragen: Was schlagts ihr vor, wo ich die Parteien zurückdrängen kann." Da möchte man dann ein Mäuschen sein.

Aber Richard Lugner hat Charme. Dem Dialekt des Wieners haben die Gastspiele in der "Seitenblicke"-Gesellschaft nur die härtesten Kanten abgeschliffen. Zwischenapplaus nimmt er beschämt hin, senkt lächelnd den Blick und haucht ein jungmädchenhaftes Danke.

Seine stärksten Passagen hat Lugner in seinen schwächsten Momenten. Was jeden Politiker vom Rednerpult und vielleicht sogar aus der Karrierelaufbahn katapultieren würde, läßt den kleinen Baumeister aus Wien-Fünfhaus auf einer Welle der Sympathie reiten: Er ist in seiner Schwäche authentisch.

O-Ton-Protokoll aus Favoriten:

Lugner: Der Bundespräsident kann die Parteien zurückdrängen und die ... und die ... jetzt fallt's mir nicht mehr ein.
Publikum (leise und etwas peinlich berührt): Haha, macht ja nix.
Lugner: Er kann die Parteien zurückdrängen und die ... na jetzt weiß ich net ...
Publikum : Die Pfarrer?
Lugner: Naaa!
Publikum: Die Medien?
Lugner: Na, des is es net! I bin ganz aus dem Faden.
Publikum (rätselt mit Lugner): ???
Lugner (nach einer längeren Nachdenkpause): Na er kann die Parteien zurückdrängen und die Regierungen!
Publikum: Bravooooo!

Später beim Autogrammeschreiben, kommt er noch einmal auf den Aussetzer zurück: "Na, heut bin ich ja schön g'hängt. Wissen S', meine Frau ist ja die viel bessere Rednerin."

"Mocht jo nix, Herr Lugner. Gehn S', schreiben S' bitte Für Walter', und eines ist für die Mama, die heißt Fritzi."


Da fügt Lugner kleinlaut an, daß ja seinerzeit auch sein Großvater "aus der Tschechei" gekommen sei.

Wer sich an Haiders Claim wagt, muß natürlich auch in der Gretchenfrage sattelfest sein. Richard Lugner ist es nicht: Gegen Ausländer hat er weit weniger als der Platzhirsch und das gemeinsame Publikum. Wohl versteht auch er nicht, "warum die Bosnier heut net heimfahrn, dort is ja kein Krieg mehr". Aber "dort, wo's gfährlich ist, die sollen net z'rückmüssen, die sollen dableiben". Das sehen nicht alle in Kagran so. Der junge Mann mit dem Flinserl, der gesichert weiß, "daß olle Türken und Tschuschen sofurt a Gemeindewohnung kriegen" - ganz im Gegensatz zu ihm übrigens -, würde alle Ausländer heimschicken: "Ex und hopp, gemma, gemma!"

Da fügt Lugner kleinlaut an, daß ja seinerzeit auch sein Großvater "aus der Tschechei" gekommen sei.

Wenn dann alle Punkte des Manuskripts abgehakt sind, wenn die Beamten ("Bitte, net olle, aber die meisten") und Parteien (alle) ihr Teil abbekommen haben, findet der Spätberufene rasch seinen Schluß: "Es gebert ja noch viel zu sagen, aber ihr seids eh schon alle derfroren. Und im Grundlegenden weiß man ja, was ich sagen will. Wiederschaun."

Wiederschaun.