Matura-Debatte: Wie politischer Dilettantismus Schulreformen seit Jahren verhindert

Matura-Debatte: Wie politischer Dilettantismus Schulreformen seit Jahren verhindert

Keine Reifeprüfung, keine Noten, kein Sitzenbleiben? Oder Zentralmatura, Leistungsdenken, Schüler-Sieben? Mehr Kuschelpädagogik? Oder doch Elitenbildung? Wie politischer Dilettantismus Schulreformen in Österreich verhindert.

Wer die politische Problematik des österreichischen Schulsystems verstehen will, sollte das offizielle „Arbeitsprogramm der österreichischen Bundesregierung 2013 bis 2018“ aufschlagen. Auf Seite 41 wird unter dem Stichwort „Stärkung der Volksschulen“ der Kulturkampf der Koalitionsparteien auf einen Satz verdichtet: „Weiterentwicklung der Lehrpläne in Richtung Kompetenzorientierung mit der klaren Fokussierung auf die verstärkte Vermittlung der Grundkompetenzen (kognitiv, affektiv, psychomotorisch) und insbesondere der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen.“ Um diesen einen Satz hatten SPÖ und ÖVP im Herbst mit vollem Einsatz gerungen. Die roten Verhandler versteiften sich auf ihre reformpädagogischen „Grundkompetenzen“, die schwarzen reklamierten ihre bürgerlichen „Kulturtechniken“ dazu.

Was die Koalitionsparteien wollen – eine bessere Schule – ist klar; wie diese aussieht, schon weniger. Auch die neue Koalition streitet um die alten Themen Gesamtschule, Sitzenbleiben, Notengerechtigkeit – ohne Aussicht auf Ergebnisse. Im Gegenteil: Ambitionierte Reformvorhaben werden durch Dilettantismus, Koalitionszank und Dogmenstreit schon im Ansatz torpediert. Bildungspolitik der Jahre 2013 bis 2018? Nicht zufriedenstellend.
Der jüngste Pallawatsch betraf die Matura. Vorvergangene Woche räsonierte die scheidende Bildungssprecherin der SPÖ, Laura Rudas, über die Zukunft der Reifeprüfung: „Man kann durchaus über die Matura an sich diskutieren, also ob man nach acht Jahren Schule dann noch eine Prüfung braucht.“ Nachdem AHS-Lehrervertreter Eckehard Quin die Sinnhaftigkeit der Matura ebenfalls in Zweifel gezogen hatte, mühten sich die Koalitionäre, die Debatte wieder zu beenden. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek ließ verlautbaren, sie sei „befremdet“. Für die ÖVP lehnte Bildungssprecherin Brigitte Jank die Abschaffung der Reifeprüfung kategorisch ab. Und am Ende gaben auch Rudas und Quin an, falsch verstanden worden zu sein.

Für „so überflüssig wie einen Kropf“ hält der Bildungssprecher der Grünen, Harald Walser, die angeheizte Debatte: „Ich bin zwar nicht auf Gedeih und Verderben für die Matura, aber einfach abschaffen wäre Unsinn.“ Auch Praktiker wie die ehemalige AHS-Direktorin Heidi Schrodt staunen über die Nonchalance, mit der über eine Säule des Bildungssystems debattiert wird: „Ich kann mir eine Welt ohne Matura und Prüfungsstress zwar vorstellen. So, wie die Debatte jetzt geführt wird, wäre es aber gescheiter, sie gar nicht zu führen.“

Die Mehrheit der Länder weltweit kennt eine Form von Reifeprüfung am Ende derSekundarstufe II. In Europa verzichten nur Spanien und Schweden darauf. Dementsprechend forsch reagiert die Wissenschaft auf die aktuelle Debatte. Der Salzburger Bildungsforscher Günter Haider: „Ohne Matura verlieren wir international die Anschlussfähigkeit. Das ist ungefähr so schlau, wie eine Mauer umzureißen, ohne sich um die Statik des Gebäudes zu kümmern.“

Bildungsforscherin Christiane Spiel von der Universität Wien schätzt die Matura als „ritualisierten Abschluss“ und „Bewährungsprobe unter Stress“: „Vor einem größeren Publikum zu zeigen, dass man einen umfassenden Stoff beherrscht, ist wirklich etwas Besonderes.“ Mit allem, was dazu gehört: die elegante Kleidung, das fiebrige Gezappel vor der Kommission, der feierliche Ernst bei der Überreichung der Urkunden, der ausgelassene Ball.

Fest steht: Die Abschaffung der Matura würde unmittelbar auf den universitären Sektor durchschlagen, schließlich gilt die Reifeprüfung als allgemeine Studienberechtigung. Neo-Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner: „Um die Qualität aufrechtzuerhalten, müssten die Universitäten flächendeckend Eingangsprüfungen durchführen. Ein Ende der Reifeprüfung klingt zwar gut, durchdacht ist es aber nicht.“

Dennoch wird die Idee regelmäßig neu geboren. 2002 – Schwarz-Blau regierte das Land – bezog der damalige FPÖ-Generalsekretär Karl Schweitzer, selbst Lehrer, heftige Prügel von ÖVP-Klubobmann Andreas Khol, als er eine Abschaffung der Matura diskutieren wollte. Mitunter bezweifelten freilich auch bürgerliche Honoratioren den Sinn einer Reifeprüfung.

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