Mordfall in Graz: Warum endete ein Treffen von Jugendlichen in Quälerei und Tod?

Mordfall in Graz: Warum endete ein Treffen von Jugendlichen in Quälerei und Tod?

In einem Grazer Keller trafen sich zwei junge Burschen und ein Mädchen, das noch ein halbes Kind ist. Warum endete das in verstörender Quälerei, schwerster sexueller Gewalt und Tod?

Von Tina Goebel, Salomea Krobath, Edith Meinhart und Christoph Schattleitner

„Ich bin niemand.“ Der Großvater steht mit einem Einkaufssack voll Katzenfutter vor dem offenen Postkasten und geht mürrisch die Briefe und Werbezusendungen durch. So wie jeden Tag, als käme er nicht gerade aus dem Gefängnis. Er könnte das Grauen erhellen, das sich im Keller seines Hauses in Graz abgespielt hat. Doch er schickt die Journalisten mit ihren Fragen, die ihn und seine Familie „nur in Verruf bringen“, vor die Tür.
Draußen hat jemand einen Riesentausendfüßler quer über den Sockelverputz gemalt. Das bunte Wappentier des hier ansässigen Kindergartens schlängelt sich in aller Unschuld über dem Kellerfenster, hinter dem vor drei Wochen ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt wurde und Julian*, der 16-jährige Enkel des alten Mannes, seinen gleichaltrigen Freund Moritz* mit einem Kleinkalibergewehr erschoss, das er aus der Wohnung des Großvaters im dritten Stock geholt hatte.

Man möchte begreifen, wie ein Treffen von drei sehr jungen Menschen in zutiefst verstörende Quälereien, sexuelle Verbrechen und Mord umschlagen konnte. Wo und wann hat sich diese Katastrophe abgezeichnet? Hätte sie verhindert werden können? Man möchte jeden Stein in der Kindheit der Burschen umdrehen, man möchte verstehen, warum ein Mädchen, das trotz ihres Stylings und ihrer Kapuzenshirts noch ein halbes Kind ist, in einen solchen Keller geraten konnte.

Nachzeichnen lässt sich am ehesten das Heranwachsen des 16-jährigen Todesschützen, in dem sich alles um die Figur des Großvaters mit den stechend blauen Augen dreht. Das Haus seiner Kindheit ist das Reich des 86-Jährigen. Es liegt am linken Ufer der Mur, wo sich eine konservative, urbane Bildungsschicht ausgebreitet hat und über den Fluss in jenen Teil der Stadt blickt, in dem seit Jahrzehnten die Gastarbeiterfamilien aus der Türkei und die Zeitungsausträger aus Pakistan landen.

Die Straße, in der das mehrstöckige, um die Jahrhundertwende errichtete Gebäude steht, verläuft da, wo die Ränder dieser beiden Welten ausfransen. Es passt mit seiner manierlichen Fassade und dem Hinterhof voller Gerümpel, Bauschutt und vergessener Gartenzwerge genau in diese widersprüchliche Ecke der Stadt. Der Großvater lebt im oberen Stock. Seine Tochter Elisabeth*, die nach der vor einigen Jahren verstorbenen Oma benannt worden war, bezog die Wohnung nebenan.

Julian wuchs die längste Zeit ohne Vater auf, die Ehe seiner Eltern ging in einem fürchterlichen Rosenkrieg zu Bruch, als der Bub wenige Jahre alt war. Ein Stiefvater stellte sich danach nicht mehr ein. „Schön, aber nur von außen“, hat eine Nachbarin Julians Vater in Erinnerung. Von Visavis habe sie mitbekommen, wie er „die Seele des Buben zerstörte“: „Ein Jahr lang hat das Kind nicht geredet.“ Der Vater habe sich für den Buben immer neue, grausige Strafen ausgedacht, habe ihn fast unbekleidet im Schnee frieren lassen, in den Kofferraum seines Autos gesperrt und sogar in die Waschmaschine gesteckt.

Um die Obsorge stritten die Eltern erbittert. Es ist deshalb schwer zu sagen, ob die Geschichten stimmen, die in Umlauf sind. Etwa, dass sich der Vater einer Sekte angeschlossen hat. profil versuchte, den Mann zu erreichen, fand sein Haus mit dem gepflegten Garten im Grazer Speckgürtel aber leer und mit überquellendem Postkasten vor.

Im Kindergarten und in den zahlreichen Schulen, die Julian im Laufe der Jahre besuchte, bekam man ihn selten zu Gesicht. Als der Vater an einem Tag der offenen Tür versuchte, seinen Sohn zu sehen, kam es zum Eklat. Der Großvater nahm Julian aus der Schule. „Da haben wir erst gemerkt, wie zerrüttet die Familienverhältnisse sind“, erinnert sich eine Lehrerin. Noch während der Volksschulzeit folgten zwei weitere Wechsel.

Der Großvater füllte die Lücke, die der Vater hinterließ, mit überbordender Fürsorge und Kontrolle. Als die Kinder am ersten Schultag im Sesselkreis zusammenrückten, verabschiedeten sich alle Eltern – nur Rudolf S.* hielt Julian am Schoß fest und weigerte sich zu gehen. Bald mehrten sich die Klagen, der Enkel sei garstig zu anderen Kinder. Bestellten Lehrer die Mutter des Buben zu sich in die Schule, war der Großvater stets dabei und ließ die Frau nicht zu Wort kommen. Bei Elternsprechtagen redete er über alle Köpfe hinweg nur mit der Direktorin, Gespräche im Lehrerzimmer beendete er mit dem Satz: „Meine Tochter hat jetzt noch einen Termin.“

Rudolf S. habe den Buben isoliert und andere Kinder eingeschüchtert, berichtet eine Direktorin. Ein sechsjähriges Kind mit dunkler Hautfarbe soll er auf dem Schulweg mit einem Stock traktiert haben. Einmal bastelte der Großvater einen Paravent, damit sein Enkel sich in der Garderobe zum Turnsaal ungestört umziehen konnte, 2007 holte er die behördliche Genehmigung ein, eine private Volksschule zu betreiben. Diese erlosch nach zwei Jahren, nachdem es ihm offenbar nicht gelungen war, Schüler dafür zu finden.

Die Welt für Julian einzurichten, schien jeden Aufwand wert. Als der Bub acht Jahre alt war, gründete seine Mutter eine altersübergreifende Kindergruppe, in der ihr Sohn das einzige ältere Kind blieb. Der Großvater war auch hier stets an seiner Seite. Der „pädagogische Versuch“ trieb Eltern auf die Barrikaden. Laut einem Vater soll Julian jüngeren Kindern gedroht haben: „Ich schmeiß dich in die Mur.“ Eine Mutter erzählt, sie habe ihren dreijährigen Sohn aus der Gruppe genommen, nachdem der damals elfjährige Sohn der Kindergartenbetreiberin von oben Schrauben, Steine und Glasscherben auf die Kinder im Hof geworfen habe.

Die Mutter stellte sich vor ihren Sohn, auch als seine Missetaten Dossiers und Internetforen füllten. Dass er Kinder verletzt und im Büro mit einer Eisenkette an den Drehstuhl gefesselt haben soll, tat sie als unbewiesene Vorwürfe ab. Im Sommer 2009 vermeldete die „Kleine Zeitung“ eine Serie von Sachbeschädigungen und Diebstählen aus dem „Problem-Kindergarten“. Die Einrichtung wurde zum Gegenstand einer Anfrage im Landtag.

Ein offener, namentlich nicht gekennzeichneter Brief an die „sehr geehrten Verantwortlichen“ machte die Runde. Darin hieß es, der elfjährige Julian beleidige Kinder und Pädagoginnen („Schau dich an, du bist so schiach!“), beschimpfe Muslime als „Terroristen“ und drohe, „eine Bombe zu bauen, die den ganzen Kindergarten in die Luft sprengt, aber mit Fernzündung, damit er sich selbst dabei nicht umbringt“. Das Schreiben gipfelte in der Bitte, „diese Familie genauer unter die Lupe zu nehmen. Es liegt die Befürchtung nahe, dass Julian Amok laufen und nicht nur Tiere, sondern auch Menschen verletzen oder sogar töten könnte.“

Professionelle Hilfe blieb aus. Einige Monate später wurde der Kindergarten geschlossen. Julians Mutter vermietete die Räumlichkeiten an einen anderen Betreiber und zog für ein Jahr zu ihrem Bruder nach Kärnten. „Der Kontakt ist danach abgerissen“, sagt die Schwägerin knapp und lässt keinen Zweifel daran, dass ihr das sehr recht ist. Mit der Frage, warum weder Jugendamt noch Schulbehörde sich je um den Buben kümmerten, wollen sich beide Behörden „aus Datenschutzgründen“ nicht auseinandersetzen.
Als profil vergangene Woche bei Julians Mutter Elisabeth S. läutet, öffnet eine Frau mit blondgelockten Haaren und sorgfältig bemalten Zehennägeln, die einen erschöpften und zerbrechlichen Eindruck macht. Sie sorge sich, dass ihr Sohn jetzt keine sauberen T-Shirts bekomme und von den Medien als übler Charakter hingestellt werde. „Das ist er nicht“, mehr könne sie im Moment nicht sagen. Dann zieht sie die Tür mit matter Geste wieder zu.
Wie oft mag sie das über ihren Sohn schon gesagt haben. Im Gymnasium fiel Julian drei Mal durch, nicht wegen schlechter Noten, sondern weil er oft fehlte. Es hieß, er sei krank, erzählen Burschen und Mädchen, die zuletzt mit ihm in einer Klasse saßen. Sie sind 13, er ist drei Jahre älter. Am Anfang hätten sie ihn gemocht, doch nach kurzer Zeit habe er ein zweites Gesicht gezeigt, sei ihnen mit gezücktem Zirkel nachgelaufen und habe einem Buben eine Holzkugel in den Bauch geschossen. Die Schleuder habe er in der Werkstatt des Opas gebastelt, habe er ihnen erzählt. Ein Mal habe er Bier ins Klassenzimmer mitgenommen und während des Unterrichts getrunken. Im Herbst 2013 sei er nicht mehr gekommen. Die Kinder sahen ihn seither ein paar Mal auf der Straße.

Einer von Julians Facebook-Freunden war der Kärntner Moritz. Er war von August 2012 bis 2013 in einem Haus vom SOS Kinderdorf in Klagenfurt einquartiert. „Wir sind an unsere Grenzen gestoßen, wir waren nicht die passende Einrichtung“, heißt es aus der Organisation. Im Mai des Vorjahres überfiel der damals 15-jährige eine Musikschule in Villach. Bewaffnet mit zwei Fleischermessern riss er die Tür zu einem Veranstaltungsraum auf und rief „Party! Party!“, während sein 18-jähriger Kompagnon mit dem Handy mitfilmte.

Die Polizei schnappte das Duo, das gestand, Zeitungskassen und Opferstöcke in Klagenfurt und Villach geplündert zu haben, und verhaftete es. Seit Anfang des Jahres kümmerte sich die Bewährungshilfe um Moritz, oder versuchte es zumindest, denn der Jugendliche trieb sich Monate lang herum und war nicht auffindbar. Ende Mai zog Moritz in eine betreute Wohngemeinschaft. Die Einrichtung genießt einen guten Ruf. Die Betreuer hofften, ihn dieses Mal über die Runden zu bringen.

Vor einigen Monaten traf Julian im Grazer Bahnhofsviertel auf Nathalie. Laut seiner Aussage wurden sie ein Paar. Auch Moritz war über Facebook mit der 14-Jährigen laufend in Kontakt. Er stand auf die Websites „Weed“, „Meine Wahl = Hanf legal“ und „Satanismus“, mochte Hip-Hop, Eminem, den österreichische Rapper Chakuza und RAF Camora („Wenn du leidest, bin ich glücklich“).

Das Jugendamt hatte Nathalie erst im vergangenen April in einem Mädchenwohnheim des SOS Kinderdorf in Graz untergebracht. Zwei Wochen vor der grauenhaften Kellerparty wird die 14-Jährige ins Krankenhaus eingeliefert. Das hinderte sie laut
Facebook jedoch nicht daran, gleich danach das Holi Festival in Graz zu besuchen. Am 21. Juni, einen Tag bevor sie zu dem gemeinsamen Abend mit Julian und Moritz aufbrach, war sie laut Facebook noch auf einem Hip-Hop-Event in Wien. Das aktuelle Facebook-profil von Julian S. weist bescheidene 18 Freunde auf, Nathalie ist überraschenderweise nicht darunter. Auf der sozialen Plattform goutierten die Jugendlichen wechselseitig Bilder und Posts.

Am 22. Juni kreuzten sich die Wege der Jugendlichen im Souterrain des Grazer Hauses, vor dem vergangene Woche die Journalisten und Kameraleute lauerten. Julian hatte den Ermittlern erzählt, die Party habe harmlos begonnen. Man habe zunächst Bier getrunken, dann Wodka und Red Bull. Laut seinen Schilderungen soll Moritz irgendwann ausgeflippt sein und mit einer Gaspistole Nathalie genötigt haben, sich nackt auf das Bett zu legen, um sie dann stundenlang sexuell zu misshandeln, bevor er ihn, Julian, gezwungen habe, sich ebenfalls an dem Mädchen zu vergehen. Um das Martyrium zu beenden, habe er ein Gewehr aus dem Waffenschrank des Großvaters geholt. Doch Moritz habe ihn mit der Pistole bedroht. Er habe ihn erschossen, weil sich eine Kugel aus dem Gewehr in seinen Händen löste.

Danach richtete es der Großvater, wie schon so oft. Er half dem Enkel, die Leiche in einem Waldstück an der österreichisch-ungarischen Grenze zwischen Heiligenkreuz und Szentgotthard-Rabafüzes verschwinden zu lassen. Vergangene Woche führte Julian die Ermittler an die Stelle, wo sie den toten Jugendlichen vergraben hatten. Danach durfte Rudolf S., gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Unterdrückung von Beweismitteln und Stören der Totenruhe ermittelt, nach Hause gehen. Sein unter Mordverdacht stehender Enkel blieb in Haft. Auch die Mutter wird als Beschuldigte geführt. In ihrem Auto soll die Leiche weggeschafft worden sein. Nun ist zu klären, was sie von dem Verbrechen mitbekommen hat.
Was das traumatisierte und inzwischen einvernommene 14-jährige Vergewaltigungsopfer, das auf der Psychiatrie in Graz versorgt wird, aussagte, ist geheim. Die nächsten Wochen werden mit Warten auf Befunde vergehen. Die Ballistiker werden klären, in welchem Winkel und aus welcher Distanz die Gewehrkugel in Moritz Kopf eindrang, die Gerichtsmediziner werden herausfinden, ob und mit welchen Drogen sich die Jugendlichen berauscht haben, die Kriminalbeamten werden erkunden, ob die Waffen in der Wohnung des Großvaters legal sind, und vielleicht werden sie sogar rekonstruieren, was sich in dem Keller seines Hauses abgespielt hat. Was danach bleiben wird, ist ein immer noch unbegreiflicher Abgrund.