profil-Morgenpost: Angstlust!

profil-Morgenpost: Angstlust!

Guten Morgen!

"The horror, the horror" flüsterte Marlon Brando blutverschmiert, mit ersterbendem Blick im Finale von Coppolas "Apocalypse Now". Die letzten Worte jener überlebensgroßen Figur, die er da – vor vier Jahrzehnten – spielte, sind zugleich so etwas wie das inoffizielle Motto zur Endphase eines an Grässlichkeiten beileibe nicht armen Wahlkampfs geworden. Tatsächlich hält man nur mit einer Extraportion Angstlust aus, was das beschränkte Polit-Personal, das sich in die laufende Nationalratsschlacht geworfen hat, so von sich gibt, wenn der Bierzelttag lang ist: Herbert Kickl etwa wurde von Christa Zöchling in einer großen Reportage dabei beobachtet, mit welchen Sprüchen und Methoden er seine Fans scharfzumachen pflegt. So faselt Hardliner-Herbert auf öffentlichen Podien nicht nur von "Bevölkerungsaustausch" und "Inländerdiskriminierung", sondern auch von "hinterfotzigen" und "zugekifften" Linken, die man "zu ihren Freunden aus Afghanistan ins Loch sperren" sollte.

Eine der wenigen noch im Vernunfts- und Bedachtheitsbereich argumentierenden politischen Führungskräfte tritt heute um 18.30 Uhr zum letzten profil-Talk an: NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger wird von profil-Herausgeber Christian Rainer und Innenpolitikredakteurin Rosemarie Schwaiger befragt werden. Sollten Sie heute frühabends dazu nicht den Live-Stream auf profil.at sehen, sondern die Veranstaltung lieber live im Hotel InterContinental erleben, so könnten Sie gleich danach einen Ort aufsuchen, der sich, nur ein paar Schritte entfernt, nach Überqueren der Ringstraße rechterhand am Parkring findet: Im Wiener Gartenbaukino geht das große Zittern nämlich weiter, da wird um 20 Uhr das /slash-Filmfestival eröffnet. Mit einem im besten Sinne erschreckenden Film aus Österreich wird der Programmstart zelebriert – mit "The Lodge" (Bild), der ersten internationalen Produktion der Wiener Horror-Stilisten Veronika Franz und Severin Fiala. "Ein höllisches Feuerwerk" versprechen die Damen und Herren, die das /slash-Fest gewohnt sachkundig programmiert haben, auch, was den großen Rest ihres diesjährigen Aufgebots angeht. Es endet, man möchte sagen: naturgemäß, am 29. September. Der letzte Film, der in dieser Reihe allen Hochrechnungs- und Wahl-TV-Verweigern angeboten wird, heißt programmatisch, wenn auch nicht wirklich optimistisch, "Chained for Life".

Der große Francis Ford Coppola wurde übrigens vor ein paar Monaten 80 und hat seine Vietnamkriegs-Phantasmagorie, die exakt halb so alt ist wie er selbst, unlängst in einer dritten, diesmal angeblich endgültigen Schnittfassung neu veröffentlicht. Die Apokalypse ist besiegelt.

Mit Dank für Ihr anhaltendes Interesse und den besten Wünschen für einen angstlüsternen Donnerstag!

Stefan Grissemann