profil-Morgenpost: Die Schließung der Merkel-Raute

profil-Morgenpost: Die Schließung der Merkel-Raute

Guten Morgen!

Es muss in diesen Stunden, bei aller Euphorie und Glückseligkeitssprachlosigkeit, in Sebastian Kurz auch die ein wenig trübe Vision hochgestiegen sein, nun in Verhandlungen mit Menschen eintreten zu müssen, deren Weltbilder mit den seinen kaum vereinbar sind. In charakteristischer Pose, mit wie zum Gebet ineinandergeschobenen Händen (die Schließung der Merkel-Raute zur Kurz-Faltung gehörte wohl zu den heimlichen Zielsetzungen im politischen Programm des Altkanzlers), stand er abends im Fernsehstudio und stimmte die klassische Ballade von Demut & Verantwortung an, jenen Dauerbrenner der politischen Binsenrede, mit dem man, ohne auch nur das Geringste mitzuteilen, so hervorragend betonen kann, wie ernst es einem sei.

Kurz und seine Antithese

Kurz wird die nächsten Tage und Wochen dazu benützen müssen, seinen Skeptikern – all jenen also, die in ihm nur das arglose Gesicht des rechten Austropopulismus sehen oder, wie der Politironiker Michael Niavarani es auf profil-Anfrage formuliert hat, „den Gabalier der ÖVP “ – den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wie sehr sich Kurz über die nunmehr vollzogene Rundumbegrünung des Nationalrats freut, ist fraglich. Werner Kogler ist jedenfalls so etwas wie die leibhaftige Antithese des nächsten Kanzlers in spe: laut, direkt und (vergleichsweise) befreit von den Zumutungen der Eigenliebe. Sie werden trotzdem reden müssen.

Die freiheitliche Fraktion hat sich derweil mit Strache’scher Schubumkehr ins Aus katapultiert: Der Schweiß in den wahlabendlichen Gesichtern von Norbert Hofer und Harald Vilimsky brachte die für sie so niederschmetternden Ereignisse jedenfalls glänzend auf den Punkt, dazu musste man die FPÖ-Vordenker gar nicht erst reden hören. Es genügte, sie zu sehen.

Kein Tröpchen Schweiß

Der Triumphator des Abends dagegen, der ab sofort, wie versprochen, mit allen Parteien Gespräche führen will, gab wie gewohnt kein Tröpfchen Schweiß von sich, aber auch sonst herzlich wenig von sich preis. Er blickte nur versunken in die Runde, als grübelte er bereits darüber nach, wie um Himmels willen in einer Regierung nun zusammenkommen soll, was nicht zusammengehören kann. Spannende Zeiten kommen auf uns zu.

profil wünscht einen hervorragenden Start in die Woche!

Stefan Grissemann