<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
1:0 für Palästina

Nahost-Konflikt - <small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
1:0 für Palästina

Warum das proklamierte Ende des Bruderkriegs zwischen Fatah und Hamas so vielversprechend ist.

Ein Radiosprecher rief begeistert: „Lasst uns mindestens ein Mal im Leben froh und glücklich sein.“ In Ramallah und in Gaza-City zogen die Menschen singend und flaggenschwenkend durch die Straßen. Aber sie feierten nicht das „Ende des so furchtbaren Bruderzwistes“, das Präsident Mahmoud Abbas am Montag dieser Woche bei der Angelobung der neuen „Einheitsregierung“ pathetisch verkündete. Nein, den Sturm der Begeisterung hatte drei Tage zuvor ein sportliches Ereignis ausgelöst.
Die schlecht ausgestattete und unter den widrigen Umständen der israelischen Besatzung trainierende palästinensische Fußballnationalmannschaft hatte wider allen Erwartungen erstmals einen großen Sieg errungen. Im sogenannten AFC-Challenge-Cupfinale auf den Malediven schlug sie die Kicker der Philippinen 1:0 und qualifizierte sich damit für den Asien-Cup 2015. Abbas gratulierte den Sportlern.

Die von seiner Fatah und den Islamisten der Hamas gebildete provisorische Technokraten-Regierung wurde von der Bevölkerung in Westjordanland und Gaza zwar auch recht positiv aufgenommen, ebenso wie die Ankündigung, dass in sechs Monaten Parlament und Präsident gewählt werden sollen – vom Enthusiasmus, der die Palästinenser angesichts des Fußballerfolgs erfasst hatte, war aber nichts zu verspüren. Und das ist durchaus verständlich.

Seit dem Bürgerkrieg zwischen Fatah und Hamas, der Palästina vor sieben Jahren gespaltet hatte – Hamas kontrolliert Gaza, Fatah die Westbank –, wurden bereits mehrere Abkommen zwischen den zerstrittenen Fraktionen unterzeichnet. Alle diese Versöhnungsversuche scheiterten aber. Warum sollte es diesmal klappen, fragt sich nun das skeptisch gewordene palästinensische Publikum.

Wenig überraschend schließt Jerusalem jegliche Verhandlungen mit diesem „von den Hamas-Terroristen unterstützten Unity Government“ kategorisch aus und zeigt sich überaus erbost darüber, dass Washington die neue Palästinenserregierung als Gesprächspartner akzeptiert und vorerst nicht die Gelder für diese sperrt. Man wolle sich das Ganze erst einmal ansehen, lässt die amerikanische Regierung vermelden. (Angeblich war sie bei der Erstellung der Ministerliste mit eingebunden.)

Die internationalen Medien bleiben eher zurückhaltend. Noch vor Kurzem hätte ein ähnlicher Versöhnungsschritt der zerstrittenen Palästinenser-Parteien Schlagzeilen gemacht und wäre hitzig diskutiert worden. Nichts davon diesmal. Offenbar befindet sich, wenn es um den Nahen Osten geht, der israelisch-palästinensische Konflikt nicht mehr wie früher im Zentrum der Aufmerksamkeit. Massenmorde in Syrien, Entspannung des Westens mit Teheran, Revolution und Konterrevolution in Ägypten – all das scheint bedeutsamer und folgenschwerer zu sein als ein Konflikt, der seit Jahren ohnehin als unlösbar erscheint.

Aber gerade die gewaltigen Umwälzungen in der Region lassen auch die Wahrscheinlichkeit steigen, dass diesmal die palästinensische Einheit nicht gleich wieder zerfällt und die Abmachungen zwischen Fatah und Hamas nicht morgen bereits gebrochen werden. Der Grund: Die neuen nahöstlichen Kräfteverhältnisse haben die in Gaza herrschenden Radikalislamisten existenzbedrohlich geschwächt.

Hamas steht heute ohne Verbündete da. Als der Aufstand der Syrer gegen den Diktator Baschar al-Assad begann, schlugen sich die palästinensischen Islamisten auf die Seite der Rebellen. Damit hatten sie es sich aber nicht nur mit Damaskus, sondern auch mit dem Iran verscherzt. Teheran hatte sie jahrelang finanziert und mit Waffen versorgt. Als der Muslimbruder Mohammed Mursi in Kairo an der Macht war, konnte sich Hamas eines generösen Protektors erfreuen. Für das Gaza-Regime war dessen Sturz eine Katastrophe. Die neuen Herrscher am Nil erklärten Hamas zum Staatsfeind, der Grenzübergang in Rafah wurde geschlossen und fast alle – so lebenswichtigen – Schmuggeltunnels zwischen Ägypten und Gaza sind inzwischen zerstört. Nun soll auch der letzte Financier, Katar, seine Zahlungen eingestellt haben. Das Hamas-Regime ist bankrott.

Fatah geht es zwar auch nicht blendend – vor allem nach dem jüngsten Scheitern der Friedensverhandlungen mit Israel. Aber immerhin: Washington gibt ganz offen nicht Abbas, sondern dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu die Schuld am Abbruch der Gespräche. Und die Weltöffentlichkeit kommt immer mehr zur Überzeugung, dass es Jerusalem – und nicht Ramallah – ist, das jegliche Verhandlungslösung verhindern will. Israel ist international isolierter denn je.

Zudem zeigen alle Umfragen, dass Fatah, trotz aller Kritik an ihrer Westbank-Verwaltung, die geplanten Wahlen locker gewinnen wird – jene des Jahres 2006 hatte Hamas noch eindeutig für sich entschieden.
Dass bis zur Wahl noch gewaltige Hürden überwunden werden müssen, ist klar. Wenn die Bewohner der Westbank und des Gazastreifens die Angelobung der neuen Einheitsregierung nicht überschwenglich bejubeln, erscheint dies also als durchaus rational.

Ein guter Tag für die Palästinenser war der Montag dieser Woche aber allemal.

georg.ostenhof@profil.at