Stefan Petzner: Der letzte Paradiesvogel

Josef Bucher positionierte das BZÖ als seriöse Bürgerbewegung, die die Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Stefan Petzner spielte als Einziger unverdrossen die Karte Haider aus. Mittlerweile hat die Partei Petzner "wegen parteischädigenden Verhaltens" ausgeschlossen.

Am Ende lief es immer auf zwei Sekunden hinaus. Zwei Sekunden, in denen Adrenalin durch den Körper gepumpt wurde, dass das Blut nur so in den Ohren rauschte und jeder Nerv bis aufs Äußerste gespannt war; wenn der Balken auf dem Bildschirm nach oben wuchs und schließlich stoppte: Die erste Hochrechnung an einem Wahlsonntag war für Stefan Petzner immer der Gradmesser für den Erfolg einer Wahlkampagne.

Diesmal entschied sich zugleich seine politische Zukunft.

Am 28. September 2008 hatte das BZÖ unerwartet über zwölf Prozent eingefahren. Stefan Petzner zog mit 20 anderen Mandataren ins Parlament ein. Keine zwei Wochen später verunglückte Parteigründer Jörg Haider tödlich. Die Fraktion war zuletzt eine andere als unter ihm: bürgerlicher, seriöser, anzuggrau. Nur einer trat weiterhin so auf, als wollte er die Ära Haider wenigstens in Ton, Stil und Kleidung in die nächste Legislaturperiode retten: Stefan Petzner, das letzte Buberl aus dem engsten Umfeld Haiders.
Mit dessen Tod war auch Petzners Karriere ins Schleudern geraten. 2002 hatte er bei ihm als Pressesprecher begonnen, 2006 avancierte er zusätzlich zum geschäftsführenden BZÖ-Obmann in Kärnten. Er war nie FPÖ-Mitglied gewesen – und somit für den nationalen Flügel in Kärnten nur ein gesinnungsloser Quereinsteiger mehr, den Haider in die Politik geholt hatte. Seilschaften hatte Petzner nie geknüpft; sein Karabiner, der ihn innerparteilich an der Spitze hielt, war Jörg Haider gewesen.

Und der brach am 11. Oktober 2008.

Auf die Schnauze
Im Alter von 27 Jahren wurde Petzner gegen seinen Willen für ein paar Wochen an die Spitze des BZÖ geschoben, bis hinter seinem Rücken das politische Erbe Haiders zwischen den Gebrüdern Scheuch und dem späteren Landeshauptmann Gerhard Dörfler ausgeschnapst war. Petzner sagt heute, er habe gewusst, dass es ihn „auf die Schnauze“ hauen würde. Was er nicht ahnte, war, wie lange ihm diese paar Monate als BZÖ-Obmann, den keiner ernst nahm, nachhängen würden.

Der gebürtige Steirer war nie ein Mann für die erste Reihe. Zu wenig Diplomatie, zu viel Emotion, zu schräges Auftreten. Wenn er eine Meinung hatte, tat er sie auch offen kund – und machte sich damit innerparteilich Feinde. Wenn ihn etwas in Rage brachte, lebte er es aus – egal, ob im Büro oder vor laufender Kamera im „ZiB“-Studio. Auch ist es für einen Politiker unziemlich, sich, wenn auch in ganz jungen Jahren, mit nacktem Oberkörper in koketter Pose ablichten zu lassen; oder, wie 2010, so verboten schnell ins Radar zu rasen, dass der Führerschein gleich einmal weg ist.

Die carinthische Spaßpolitik hat Petzner geprägt, keine Frage. Trotzdem hat er seine Fans. Hätten zu Haiders Lebzeiten Facebook und Twitter schon eine Rolle gespielt, er wäre wohl ebenso beherzt in die Community geköpfelt wie Petzner – ungeachtet etwaiger Shitstorms. Wie kein anderer im BZÖ hat er diese Plattformen genutzt.

„Wenn es ein nächstes Mal gibt“
Berührungsängste plagten den heute 32-Jährigen auch im herkömmlichen Wahlkampf nicht. Ob im Wirtshaus mit desillusionierten Arbeitern, im Punk-Keller mit gepiercten Jugendlichen oder unter Familien beim Volksfest – er schüttelte jedem die Hand und nahm sich die Zeit zuzuhören. Wenn ihm auch der eine oder andere empfahl, sich bitte sofort zu schleichen, empfing ihn die Mehrheit doch mit Gejohle und wärmte sofort Erinnerungen an die Zeit auf, als „der Jörg noch lebte“.

Und wie zu Zeiten seines Ziehvaters flossen die Gratisrunden.

Über 38 Prozent hatte Haider 2008 für das BZÖ in Kärnten eingefahren, drei Mal so viel wie bundesweit. Das nährte Petzners Zuversicht, doch noch den Wiedereinzug zu schaffen; und natürlich die „tolle Fernseh-Performance des Seppi Bucher“, wovon er jedem Wähler vorschwärmte.
Die Haider’sche Prägung hatte freilich auch ihre unappetitlichen Seiten. Petzner ist es bis heute nicht peinlich, dass er als Pressesprecher jeden ausländerfeindlichen Rülpser seines Chefs vertrat – auch jenes Plakat, auf dem er in Göring-Manier textete „Wollt Ihr die totale Ortstafel-Frage?“, kommentiert er nüchtern: „Das war Handwerk, völlig unideologisch.“
Wirklich ernst genommen wurde er erst 2012 als BZÖ-Vertreter im Korruptionsausschuss. Von einem „neuen Stefan Petzner“ war plötzlich in den Medien zu lesen. Stets penibel vorbereitet, bot er dem grünen Chefinquisitor Peter Pilz durchaus Paroli – zumindest in jenen Themenbereichen, in denen das BZÖ nicht selbst Dreck am Stecken hatte.
Wie es nach diesem Wahlsonntag weitergehen wird, weiß Petzner nicht. Vergangenen Mittwoch saß er in der Parlamentscafeteria und frönte einem seiner Spleens: Caffè Latte mit kalter Milch, in einem hohen Gefäß, mit Strohhalm. Kellner Ali war das gewohnt, nicht aber die Aushilfskraft, die das Getränk in einem Oma-Häferl mit Henkel und überdies heiß servierte. „Das haben S‘ jetzt bitte ein bissi falsch gemacht“, sagte Petzner ganz unglücklich. „Aber macht nix, das nächste Mal wissen Sie es.“

Kurze Pause: „Wenn es ein nächstes Mal gibt.“

Anmerkung: Am Dienstag hat das BZÖ Stefan Petzner wegen parteischädigenden Verhaltens mit sofortiger Wirkung aus der Partei ausgeschlossen. Das teilte der geschäftsführende Kärntner BZÖ-Obmann Sigisbert Dolinschek in einer Aussendung mit.

Infobox
Zitterstunden
Seit Sonntag ist das BZÖ, das politische Projekt Jörg Haiders, Geschichte.

Wenn man Josef Bucher etwas nicht vorwerfen konnte, dann, ins Scheinwerferlicht zu drängen. Kein Parteichef käme auf die Idee, bei seiner Abschlusskundgebung den Kameras die ganze Zeit den Rücken zuzuwenden.

Letzten Endes war es egal. Am Schluss hat es für das 2005 nach der Abspaltung von der FPÖ gegründete Bündnis Zukunft Österreich doch nicht gereicht. Die orange Truppe blieb unter den für den Wiedereinzug ins Parlament nötigen vier Prozent. Sogar in Kärnten, der politischen Heimat des gebürtigen Friesachers, verlor das BZÖ fast durchwegs zweistellig.
Im Grunde war das BZÖ schon zu Beginn des Wahlkampfes abgeschrieben gewesen. Dass es überhaupt noch eine Rolle spielte, war Partei­chef Josef Bucher gutzuschreiben. So unpersönlich die Plakate mit seinem Konterfei waren, so sehr überzeugte er persönlich. Es waren vor allem seine Fernsehauftritte, mit denen er das Interesse der Wähler weckte.

Schlagfertig, authentisch, mit Schmäh bestritt er die TV-Duelle. Und im Format „Wahlfahrt“ war er – neben Frank Stronach – der Einzige, der Hanno Settele zeigte, wie der „private“ Bucher tickt. Doch wofür das BZÖ inhaltlich stand, konnte er nicht klarmachen.

Foto: Walter Wobrazek für profil