ÖBB-Chef Christian Kern hat Chancen, Nachfolger von Kanzler Faymann zu werden

ÖBB-Chef Christian Kern hat Chancen, Nachfolger von Kanzler Faymann zu werden

Christian Kern ist der erste ÖBB-Chef, für den dieser Job zum Sprungbrett werden könnte. Er gilt als wichtigste Personalreserve der SPÖ – und als möglicher Nachfolger von Kanzler Werner Faymann.

Es war einfach Pech. Eine kleine Unachtsamkeit. So etwas kann passieren, wenn man im Stress ist. Allerdings sollte es nicht passieren, schon gar nicht dem Finanzminister.

Vor Kurzem hatte Michael Spindelegger zum Rundumschlag gegen die Österreichischen Bundesbahnen ausgeholt. Dringend nötige Reformen gingen zu langsam, das Unternehmen verschlinge zu viel Geld. Allein im laufenden Jahr müsse der Staat unfassbare 5,3 Milliarden Euro zuschießen, klagte Spindelegger. Eineinhalb Tage und eine Recherche im eigenen Büro später ruderte der Vizekanzler zurück. Leider habe man eine Zeile im Excel-Sheet doppelt gezählt. Die Bahn wird heuer 4,7 Milliarden Euro kosten – also auch ganz schön viel, aber doch um die Kleinigkeit von 600 Millionen Euro weniger. Seither schweigt die ÖVP zum Thema ÖBB. Eine Blamage pro Monat genügt.

„Manche Dinge genießt man besser wortlos“
Am Donnerstag der Vorwoche liegen dicke schwarze Regenwolken über Wien. Durch die hohen Fenster im 29. Stock des Business Park Vienna auf dem Wienerberg ist der Blick dennoch atemberaubend. Das Panorama reicht von den ersten Ausläufern des Wienerwalds über den Kahlenberg bis weit über die Donau hinaus. Hier residiert Christian Kern, 48 Jahre alt und seit 2010 Chef der ÖBB-Holding. Kern war der Adressat von Spindeleggers Attacken gewesen, und er hatte sich auch pflichtschuldig gewehrt. Auf die kleinlaute Korrektur aus dem Finanzministerium antwortete der ÖBB-Boss dann aber nicht mehr. Die Schadenfreude verkniff er sich. „Manche Dinge genießt man besser wortlos“, sagt Kern und grinst. Solange seine Kritiker nicht imstande sind, fehlerfrei aus ihren eigenen Unterlagen zu zitieren, ist seine Arbeit leichter als gedacht.

Eigentlich gilt die Position des ÖBB-Chefs als ein unmöglicher Job. Das Unternehmen hängt am Gängelband der Politik, hat zigtausende pragmatisierte Mitarbeiter und steht noch dazu permanent im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die meisten von Christian Kerns Vorgängern schieden nach ein paar Jahren in dieser Tretmühle beruflich und persönlich beschädigt aus dem Amt. Für Kern dagegen läuft es prima. Gerade wurde sein Vertrag vorzeitig um fünf Jahre verlängert. Die Angriffe auf die Bahn sind seltener geworden, die Passagierzahlen steigen, die Umsätze ebenfalls.

Job als Zugmaschine
Kern muss nicht befürchten, dass seine Zeit bei der Eisenbahn für die eigene Karriere zum toten Gleis wird. Der Job könnte sich, ganz im Gegenteil, sogar als Zugmaschine erweisen – und zwar in Richtung Spitzenpolitik. Der Name Kern fällt derzeit mit Abstand am häufigsten, wenn darüber diskutiert wird, wer Bundeskanzler Werner Faymann eines Tages nachfolgen könnte. Allzu groß ist das Reservoir an Nachwuchshoffnungen in der Sozialdemokratie nicht. Und der Bedarf könnte früher als geplant eintreten, wenn die SPÖ bei den kommenden Landtagswahlen nicht endlich wieder Tritt fasst. Viel Kredit hat Faymann nicht mehr.

Von der ÖBB-Zentrale direkt ins Bundeskanzleramt: Das wäre, ohne Übertreibung, eine sensationelle Karriere. Einen Quereinstieg auf diesem Level gab es in Österreich seit Franz Vranitzky nicht mehr. Könnte das theoretisch funktionieren? Oder hat der Wiener Polit-Tratsch eine launige Idee zum hochoffiziellen Ondit geadelt?

Es bringt wenig, Christian Kern selbst zu verhören. Er antwortet, als wäre er längst Politiker: „Diese Frage stellt sich nicht. Ich weiß nicht, was die Grundlage für so ein Gerücht sein soll.“ Lieber wäre ihm, wenn er als Nachfolger von Google-Chef Eric Schmidt im Gespräch wäre, fügt er spaßhalber hinzu. „Wenn Sie mir eine Freude machen wollen, dann schreiben Sie das.“

„Nicht missbrauchen lassen“
Anders als die ÖVP ist die SPÖ in Personalfragen eine disziplinierte Partei. Öffentliches Head-Hunting gilt in der Sozialdemokratie als verpönt. Erstaunlich viele Genossen waren zum Thema Christian Kern leider nicht erreichbar; sie machen angeblich Urlaub in so entlegenen Gebieten, dass ihr Handy nicht funktioniert. Ein hoher Gewerkschafter, der nicht namentlich genannt werden will, gibt immerhin zu Protokoll, er könne sich Kern als Kanzler vorstellen, „aber weniger gut als SPÖ-Chef“. Peter Kostelka, einst SPÖ-Staatssekretär und einige Jahre Kerns Chef, wird am deutlichsten: „Christian Kern ist eine personelle Hoffnung für die SPÖ und ohne Zweifel ministrabel.“ Für weitergehende Prognosen werde er, Kostelka, sich aber „nicht missbrauchen lassen“.

"Das wäre das Beste"
Der Koalitionspartner ist da einen Schritt weiter. „Der ÖBB-Chef ist offenbar bereits in der Innenpolitik angekommen“, feixte Generalsekretär Gernot Blümel jüngst. „Die Aussendungen klingen jedenfalls so, als würden sie direkt aus dem SPÖ-Parteisekretariat kommen.“ Kern bewerbe sich offenbar als Nachfolger von Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos. Letzteres kann man ausschließen; die SPÖ-Zentrale taugt schlecht als Sehnsuchtsort für einen Topmanager. Zumindest einen Fan beim Koalitionspartner hätte Kern bereits. Ein politischer Job wäre genau das Richtige für den ÖBB-Chef, fand VP-Familienministerin Sophie Karmasin vor eineinhalb Jahren, als sie noch Meinungsforscherin war. Im Magazin „Trend“ hatte sie Kern damals in den höchsten Tönen gelobt. Dieser Mann in der Politik: „Das wäre das Beste, das Österreich passieren könnte.“

Wie ein Sohn aus besserem Haus
Rein optisch wirkt Christian Kern nicht wie der kommende Arbeiterführer. Er trägt augenscheinlich teure, eng geschnittene Anzüge und ist so perfekt gestylt, dass auch ein unerwarteter Schnappschuss kein Malheur wäre. Schon als junger Mann habe er sich benommen wie ein Sohn aus besserem Haus, erzählt ein alter Freund. „Wir haben uns im Dialekt unterhalten, der Christian sprach immer gepflegtes Hochdeutsch.“ Dabei kommt Kern nicht aus einem von Wiens Villenbezirken, sondern aus dem rauen Simmering. Der Vater war Elektriker, die Mutter Sekretärin. Er erinnert sich an eine behütete, liebevolle Kindheit. Und an den Ehrgeiz vor allem der Mutter, dass aus dem Sohn und der Tochter etwas werden sollte. „Ich war der Erste in der Familie, der Matura gemacht hat.“

Mittel zum Zweck
Es folgte ein Studien-Potpourri, das mit einigen Vorlesungen in Soziologie und Volkswirtschaft begann und irgendwann mit einem Magister in Publizistik und Kommunikationswissenschaften endete. „Ich habe einfach das Fach abgeschlossen, in dem ich am weitesten war“, erzählt Kern. Der akademische Grad dürfte eher Mittel zum Zweck als ein persönliches Anliegen gewesen sein. Die Magisterarbeit zum Thema „Media Monitoring: die innenpolitische Berichterstattung der österreichischen Tages- und Wochenzeitungen 1993“ lässt jedenfalls nicht auf großen wissenschaftlichen Ehrgeiz schließen. Nebenbei hatte sich Kern im Verband Sozialistischer Studenten (VSSTÖ) engagiert und als Chefredakteur dessen Blatt „Rotpress“ geleitet. Den ersten richtigen Job fand er als Journalist beim Wirtschaftspressedienst, danach arbeitete er kurz beim Wirtschaftsmagazin „Option“.

"Ich wollte selber etwas machen"
Ausgerechnet am 1. Mai 1991 kam das Angebot, in das Team von Peter Kostelka, damals Staatssekretär im Bundeskanzleramt, zu wechseln. Drei Jahre später wurde Kostelka SPÖ-Klubobmann im Parlament und Kern sein Büroleiter und Pressesprecher. Karl Brinek, damals in gleicher Position für ÖVP-Klubobmann Andreas Khol im Einsatz, erinnert sich an einen intelligenten, ruhigen, eher introvertierten Kollegen, der ihn gelegentlich um Rat fragte. „Ich hab mir damals schon gedacht, dass er nach Höherem strebt“, sagt Brinek. Im Jahr 1997 ergab es sich, dass Kern neben Verbund-Vorstand Hannes Sereinig im ORF-Kuratorium saß. Sereinig fragte, ob Kern nicht jemanden wüsste, der sein Assistent werden wollte – und Kern nominierte nach kurzer Bedenkzeit sich selbst. „Was, echt?“, habe Sereinig gefragt. „Ich war dort der siebte Zwerg von links, es war in der Hierarchie ein Abstieg“, sagt Kern heute. Aber nach einer gründlichen Sondierung habe er damals gefunden, dass es interessant werden könnte, die Liberalisierung der Strommärkte im Verbund sozusagen live mitzuerleben. „Außerdem wollte ich weg aus dem Kommunikationsbereich. Ich wollte selber etwas machen, anstatt zu erklären, warum jemand anderer etwas macht.“ Zehn Jahre nach diesen Überlegungen saß Kern im Verbund-Vorstand.

Gutes Timing wird als Erfolgsfaktor gemeinhin unterschätzt. Dabei kann der richtige Zeitpunkt eine Karriere in jede Richtung entscheiden. Christian Kern hatte stets einen Riecher dafür. Das politische Feld verließ er just zu der Zeit, als die SPÖ nach der Ära Vranitzky auf eine Ära der Ratlosigkeit zusteuerte. Im Verbund erlebte er sehr gute Jahre. Bevor in der europaweiten Elektrizitätswirtschaft die Krise ausbrach, war Kern schon wieder weg. Bei der Bahn profitiert er jetzt auch von Entscheidungen, die lange vor seiner Zeit gefallen sind. Im Herbst wird die ÖBB-Holding in den neuen, spektakulären Wiener Hauptbahnhof übersiedeln, mit dessen Bau sein Vorvorgänger Martin Huber begonnen hatte. Und dass die ÖBB sich heute ihrer Pünktlichkeit rühmen können, liegt hauptsächlich am bereits vor Jahren begonnenen Ausbau des Schienennetzes.

"Antidepressiva verschreiben"
Nicht teilen muss Kern das Verdienst, der Bahn ein modernes, sympathisches Image verschafft zu haben. Seit der Wiener dort am Steuer steht, gilt Gejammer über die ÖBB nicht mehr als oberste Bürgerpflicht. Das Personal ist freundlicher als früher, der Service ingesamt deutlich besser geworden. Ohne großes Theater gelang es ihm, den Personalstand um sieben Prozent zu verringern. Im April präsentierte Kern eine Bilanz, die in allen Teilbereichen Gewinne ausweist. Allerdings heißt ein Plus bei der Bahn nicht das Gleiche wie in einem anderen Unternehmen: Ohne die Milliardeninvestitionen des Bundes könnte der Konzern keinen Tag überleben. Ist es nicht letztlich deprimierend, einen Betrieb zu führen, der nur mit Steuergeld am Laufen gehalten wird? Christian Kern lächelt milde. Solche Diskussionen hat er in den letzten Jahren zur Genüge geführt, die Argumente liegen griffbereit: „Dann müssten Sie allen Bahnmanagern auf der Welt inklusive Richard Branson Antidepressiva verschreiben“, sagt er.

„Wir haben eine gesellschaftliche und eine ökologische Verpflichtung, wir sind auch einer der größten Arbeitgeber und der größte Lehrlingsausbildner im Land.“ Dennoch dürfe man den betriebswirtschaftlichen Maßstab nicht verlieren. Er verstehe seinen Job auch als Experiment, sagt Kern. „Es geht darum, zu zeigen, dass ein Unternehmen mit öffentlichem Eigentümer gut geführt werden kann.“ Für jemanden, der nie eine betriebswirtschaftliche Ausbildung genoss, ist das ein ziemlich selbstbewusster Zugang.

Interesse an den großen Zusammenhängen
Kern kann sehr eloquent jegliche politische Ambition leugnen. Aber das geht nicht so weit, dass er sich selbst die Qualifikation dafür absprechen würde. Beiläufig lässt er im Gespräch immer wieder sein Interesse an den großen Zusammenhängen anklingen. „Wir haben in Europa ein massives Standortproblem. Da gibt es Herausforderungen, für die wir noch kein Rezept gefunden haben.“ Oder er erzählt, wie gut er mit seinen Mitarbeitern auskomme. „Ich habe den Eindruck, die Leute freuen sich, wenn sie mich sehen. Es ist uns gelungen, den Eisenbahnern wieder mehr Selbstbewusstsein und Stolz zu geben.“ Soll keiner behaupten, dass er, der Manager, mit dem kleinen Mann nicht könne. Irgendwann muss er auch noch den jungen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi loben. „Er hat ein Konzept, eine Agenda. Ich glaube, es gibt in ganz Europa ein Bedürfnis nach Leadership.“ Zufällig ist das genau jene Eigenschaft, die Werner Faymann von Freund und Feind am öftesten abgesprochen wird.
An den Gerüchten um seine Person störe ihn besonders, dass sie die tägliche Arbeit erschweren, sagt Kern. „Was wir hier tun, funktioniert nur im Einvernehmen mit der Bundesregierung. Wie soll das rüberkommen, wenn ich plötzlich sagen würde, eure Jobs interessieren mich?“ Diese Sorge ist nicht unberechtigt. Doris Bures, für die ÖBB zuständige Infrastrukturminsterin, gilt als enge Vertraute von Kanzler Faymann.

Kern gegen Kurz?
Letztlich hängt Christian Kerns nähere Zukunft nicht unwesentlich von dem ab, was die ÖVP tut. Sollte die Volkspartei noch vor der nächsten Nationalratswahl Sebastian Kurz an die Spitze hieven, müsste sich wohl auch die SPÖ etwas einfallen lassen. Kern gegen Kurz: Das hätte nicht nur lautmalerisch Charme. Der Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer hielte so ein Duell für in jeder Hinsicht spannend: „Kurz würde bis ins linke Lager hinein wirken, Kern mit seiner Wirtschaftskompetenz über die klassische SPÖ-Klientel hinaus.“ Die jeweilige Stammwählerschaft könnte allerdings etwas verschnupft reagieren.

Mit Sebastian Kurz verbindet Christian Kern auch der etwas unheimliche Hang zur Perfektion. Beiden ist bisher kein grober Schnitzer unterlaufen. Beide formulieren druckreif und wirken dabei kontrolliert bis in die Zehenspitzen. „Emotionslos“, „pragmatisch“, „verbindlich“ „systematisch“: Das sind die Adjektive, die man von Kerns Bekannten und Freunden am öftesten hört. Ein alter Weggefährte aus dem VSSTÖ wusste in einem Zeitungsbericht zu erzählen, dass der Genosse, „nie einen Fehler gemacht und nie seine Rolle verlassen“ habe.

Kern fühlt sich unwohl mit diesen Zuschreibungen. Im Hinterkopf scheint die Frage zu rotieren, ob er vielleicht wie ein Langweiler wirken könnte. Da fällt ihm zum Glück eine Szene aus der ORF-Sitcom „MA 2412“ ein: „Der Ingenieur Breitfuß kommt eines Tages ins Büro und sagt, ‚Heute lass ich es richtig tuschen, heute riskier ich einmal was. Ich kauf mir ein Brieflos.‘“ So einer, sagt Kern, sei er wirklich nicht.

Bild: Peter M. Mayr