Österreichs Landeshymnen: Männerkult und Kriegsverherrlichung

Österreichs Landeshymnen: Männerkult und Kriegsverherrlichung

Die unsäglichen Landeshymnen: Von Kriegsverherrlichung und Territorialansprüchen bis zur Peinlichkeit.

Am einfachsten machen es sich wahrscheinlich die Spanier. Zu ihrer Nationalhymne „Marcha Real“, dem königlichen Marsch, gibt es seit 1761 keinen Text. Alle, die wollen, können zur flotten Melodie ein vages „Lalala“ trällern – oder auch gar nichts. Damit lebten alle recht gut, bloß das Nationale Olympische Komitee nicht: Es wollte endlich auch Fußballer sehen, die vor einem Match inbrünstig die Hynme mitsingen und stellte im Jänner 2008, rechtzeitig vor der Fußball-Europameisterschaft, das Ergebnis eines Textwettbewerbs vor. Ein Aufschrei war die Folge, die „Marcha Real“ blieb unverändert. Also wortlos.

Am aufwendigsten treiben es wahrscheinlich die Schweizer. Ihre Nationalhymne, der Schweizerpsalm, erscheint zu religiös („Betet, freie Schweizer, betet“), zumindest der dortigen „Gemeinnützigen Gesellschaft“. 116 Vorschläge für ein moderneres und konfessionsloses Lied sind gesammelt, aus denen nun eine 18-köpfige Jury die Top 10 kürt, in alle vier Landessprachen übersetzen und von Profis singen lässt. Dann wird abgestimmt. Spätestens 2016 soll die neue Hymne fixiert sein.

Ganz ohne Krampf verlaufen die Diskussionen um zeitgemäße Adaptierungen der oft reichlich verstaubten Nationalhymnen nirgendwo, am peinlichsten gehen es aber wahrscheinlich die Österreicher an. Schon die Genese des neuen Töchter-Textes geriet zu einer Parlamentsdebatte zum Fremdschämen: weil die ÖVP-Männer an einem Nationalrats-Sommerabend vor drei Jahren lieber endlos über Mastschweine und den Süßstoff Sevia parlierten, als ihre Parteikollegin Maria Rauch-Kallat ans Rednerpult und über die Hymne sprechen zu lassen. Der neue Wortlaut war dennoch nicht zu verhindern, gilt seit dem Jahr 2012, und gerade als man zu hoffen wagte, alle, aber wirklich alle müden Scherzchen über die Hymne seien gerissen, kam Andreas Gabalier. Und mit ihm ein Shitstorm über die Frauenministerin, begeistert befeuert von der FPÖ, die sogar mit einem Volksbegehren über die Bundeshymne liebäugelt.

Das ist kein Wunder, eignet sich das Söhne-Töchter-Thema doch hervorragend für alle, die ein bisschen politisch mitreden, sich aber nicht mit Wissen über das Steuersystem oder über ähnlich gehaltvolle Fragen belasten wollen. Die untergriffige Entrüstung ist aber alles andere als eine Ermutigung für die Landeshauptleute, ihre schwülstigen Landeshymnen umzutexten, die frühere Kämpfe und Gebietsansprüche gegen Nachbarstaaten beschwören.

„Es gibt zur Zeit keine Überlegungen, die Landeshymne zu ändern“, heißt es, stellvertretend für viele, aus dem Büro des steirischen Landeshauptmannes Franz Voves. Dabei waren die Steirer vor zehn Jahren schon knapp an einer Neufassung dran. Waltraud Klasnic, die stets auf der Anrede „Landeshauptmann“ bestand, kämpfte naturgemäß nie gegen männliche Textierungen, befand aber im Jahr 2004 die Erweiterung der EU als den geeigneten Anlass für eine Modernisierung. Wird doch im „Dachsteinlied“ gleich in der ersten Strophe das „Steirer-Land“ besungen, das „vom Bett der Sav“ bis ins „Tal der Drav“ reicht. Das stimmt seit dem Ende der Monarchie nicht mehr. Save und Drau fließen heute durch Slowenien und Ungarn.

Die neuen EU-Mitglieder sollten, so wünschte es Klasnic, rechtzeitig zu deren Beitritt am 1. Mai 2004 mit einer umgetexteten Hymne begrüßt werden. 80 Prozent der Steirer stimmten in einer großangelegten Umfrage zu, „Sav“ und „Drav“ zu eliminieren. Als Favorit kristallierte sich der Alternativreim „an Thermen reich – was kommt dem gleich“ heraus. Doch Hobbyblasmusikant und FPÖ-Landesrat Leopold Schöggl begann, Unterschriften gegen die neue Hymne zu sammeln, Klasnic verhängte vor einem Jahrzehnt eine „Probezeit“. In der verharrt die Steiermark bis heute – und sicher noch bis zur Landtagswahl im kommenden Jahr.

So wird auch der nächste historische Anlass, das 100-Jahr-Jubiläum des ersten Weltkrieges, ungenutzt verstreichen. Immerhin, die sechste Strophe des Dachsteinlieds, „wo noch deutsches Wort und Handschlag gilt“, wurde im Jahr 1929 gleich gar nicht in den Hymnenrang erhoben.

Auch in Kärnten sind alle Änderungswünsche vorerst verstummt. Die dortige Landeshymne schwankt, wie ein Großteil des Kärntner Liedgutes, zwischen weinerlich und trotzig und besingt in der vierten Strophe die Zeit, „wo man mit Blut die Grenze schrieb und frei in Not und Tod verblieb“. Nicht viel besser geht es mit „wo Mannesmut und Frauentreu die Heimat sich erstritt aufs neu“ weiter.

Diese Reminiszenzen an den Abwehrkampf und die Kärntner Volksabstimmung wurden erst im Jahr 1930 hinzugefügt und erscheinen zumindest der Initiative „Unser Land“ alles andere als zeitgemäß. Der Richter Christian Liebhauser-Karl, der es mit seiner Verurteilung von Uwe Scheuch zu einiger Bekanntheit im Land gebracht hat, singt mit der Initiative die selbstgetextete zweisprachige neue Hymne „Heimat Süden – Kärnten/Koroska“ und will sie bis zum Jahr 2020, dem 100. Jahrestag der Volksabstimmung, etabliert haben.

Dieser Zeitraum von sechs Jahren könnte für eine Änderung reichlich kurz bemessen sein, wie das Nachbarbundesland Salzburg unfreiwillig vorexerziert. Die dortige Landeshymne stammt aus dem Jahr 1928, besingt die „Hämmer an der Egge“ sowie die „nervige Hand am Pfluge“ und „jauchzt“ dem „Land unserer Väter“ entgegen. Landeshauptfrau Gabi Burgstaller ließ vor über einem Jahrzehnt eine Reformgruppe zwecks Findung neuer Texte einsetzen, die Landtagswahlen legten aber den musikalischen Innovationseifer schon im Jahr 2004 lahm.

Zum Polithit schaffte es eine mögliche neue Hymne in Salzburg nie, was daran liegen mag, dass laut einer Umfrage der „Salzburger Nachrichten“ ein sattes Drittel der Salzburger weder Text noch Melodie der alten Landeshymne überhaupt kennt. Die derzeit zuständige Landesrätin, Martina Berthold von den Grünen, weiß nach eigenen Angaben noch nicht, „ob das Thema Hymne angegangen wird“. Sie persönlich singt jedenfalls „Land unserer Eltern“.

Derartige private Umformulierungen sollte sie in anderen Bundesländern tunlichst unterlassen. Wer das „Andreas-Hofer-Lied“ in Tirol verunglimpft, das immer noch den 1835 verblichenen „guten Kaiser Franz“ rühmen lässt, macht sich eines Offizialdeliktes schuldig und muss mit Strafen bis zu 2000 Euro rechnen. In Oberösterreich stehen auf Verächtlichmachung des „Hoamatlandes“ 2200 Euro oder bis zu zwei Wochen Haft.

Auch sonst ist mit Hymnen keinesfalls zu spaßen. Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, kann davon ein Lied singen: „Ein miserables Gedicht, eine hunds-elendigliche Melodie. Oberösterreich sollte es zu einer besseren Hymne bringen“, ließ er Anfang Mai verlautbaren und stieß sich vor allem am Autor der Hymne, dem Innviertler Mundartdichter Franz Stelzhamer, der auch antisemitische Pamphlete wie den Aufsatz „Jude“ verfasste.

Mehr hatte der gebürtige Linzer Schröder nicht gebraucht. Er wurde vom „Neuen Volksblatt“ und der „Kronen Zeitung“ als „Nestbeschmutzer“ gegeißelt, Rücktrittsaufforderungen inklusive. „Es gibt gewisse Dinge, über die man nicht sprechen kann“, seufzte er einen Shitstorm später. Und weiß seither, dass Texte von Hymnen zwar gemeinhin als „unwichtig“ gelten – aber gehöriges Erregungspotenzial bergen.

Außer in Wien. Es ist das einzige Bundesland, das keine eigene Landeshymne vorzuweisen hat – bisher zumindest. Nun schreibt die „Kronen Zeitung“ 5000 Euro in einem Kompositionswettbewerb für eine Wiener Hymne aus. Zores sind garantiert.