Oscar-Preisträger Christoph Waltz im großen Interview

Christoph Waltz über Sprachlust und Berufsskepsis, Dämonie, Entwicklungsstörungen, Stechschritt und Dreivierteltakt.

profil: Sie wurden in Cannes im vergangenen Mai für Ihren Auftritt in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ als bester Schauspieler ausgezeichnet …
Waltz: Moment, halt! Nix bester! Der Superlativ ist in Cannes stilvoller­weise weggelassen, das ist der „Prix d’interprétation masculine“, der Preis für die Interpretation eines männlichen Akteurs.

profil: Allerdings der einzige.
Waltz: Na ja, das schon.

profil: Über Ihre zahlreichen Preise und die Oscar-Nominierung herrscht dieser Tage hierzulande große Freude – wie immer, wenn ein aus Österreich Emigrierter im Ausland reüssiert und die Kulturpolitik diesen dann symbolisch „heimholen“ und für sich reklamieren kann.
Waltz: Emigriert, reüssiert, reklamiert – wenigstens klingt das wie ein Dreivierteltakt, der mir im kleinen Finger lieber ist als der Stechschritt, der andernorts gerne aufs Pflaster knallt.

profil: In einem Interview sagten Sie, Sie seien von dem Begriff „Schauspieler“ nicht besonders angetan. Sie bevorzugten das Wort „Actor“. Ihr Kollege Willem Dafoe sagt Ähnliches: Er sehe sich eher als „Performer“, als jemanden, der körperlich etwas herstelle.
Waltz: Ich meine das ein bisschen anders. Der Begriff „Performer“ impliziert, dass man anderen etwas zeigt, etwas vorführt. Ich dagegen bin eher dafür, dass man sich erst sehr sorgfältig Gedanken macht und diese anschließend in Aktion umsetzt. Das heißt aber nicht, dass ich dies in erster Linie tue, um es anderen zu zeigen. Das stört mich am Schauspieler so. Ich sehe mich als „Tuer“, ich finde das unaffektierte Tun, das einen Vorgang miterlebbar macht, am „Actor“ so schön. Aber ich meine gar nicht nur den englischen Begriff: Man könnte auch „Attore“ oder „Acteur“ sagen. Es geht ums Tun. Es gab einst eine Mode, Schauspieler kurz „Spieler“ zu nennen. Das kommt der Sache schon näher. Ich habe nur einen Widerstand gegen dieses Herzeigen.

profil: Sie gehen mit Ihrer Profession unüblich kritisch um, Sie nennen sie sogar einen „Albtraumberuf“. Woher rührt Ihr Misstrauen gegen das Schauspielen?
Waltz: Man trägt in diesem Job im wahren Sinne des Wortes seine Haut zu Markte. Und der Produzent wird vom Produkt nicht mehr unterschieden. Im Schauspieler trifft der Geschäftsmann auf den Künstler, in dem ja auch ein Autor und ein Regisseur seiner selbst steckt: Da fallen viele Dinge in einer Person zusammen. Ich kann mir vorstellen, dass der Grund, Schauspieler zu werden, auf einer fehlerhaften psychologischen Grunddisposition beruht – also mehr oder weniger auf einer Entwicklungsstörung.

profil: Wie meinen Sie das?
Waltz: Jeder will irgendwann Schauspieler werden, aber die meisten entwachsen diesem Wunsch sehr bald. Der aber, der diesen Beruf ergreift, sieht sich außerstande, diesem kindlichen Wunsch zu entwachsen. Man macht die Entwicklung natürlich dennoch irgendwann, nolens volens – aber dann klebt einem der Beruf schon an der Backe.

profil: Sie stammen aus einer alten Theaterfamilie. Liegt die Berufswahl bei Ihnen nicht auch an diesen Prädispositionen?
Waltz: Im Gegenteil. Ich verspürte gegen die Branche meiner Eltern anfangs noch eine gesunde Opposition, die aber letztlich in der Konvention untergegangen ist. Das war so ein Punkt, über den ich oft nachdachte: Hab ich das alles nur gemacht, weil mir wie in Kaufmanns-, Ärzte- oder Anwaltsdynastien nichts Besseres eingefallen ist? Wo das Burli halt ins G’schäft vom Papa geht, ohne sich ernsthaft Alternativen zu überlegen.

profil: Ist die Schauspielerei nicht auch deshalb eine Gratwanderung, weil sie eine so gewagte Mischung aus Narzissmus und Schonungslosigkeit gegen sich selbst ist?
Waltz: Da steckt gar nicht so viel dahinter: eher banale Dinge, dinglich-weltliche Aspekte. So hehr und geistig-idealistisch ist die Schauspielerei nicht. Das ist in anderen Berufsgruppen ja auch so: Es gibt Ärzte, die ihren Job aus Leidenschaft und mit großer Ernsthaftigkeit betreiben, andere wieder tun das bloß nebenbei, um sich den besten Golfklub leisten zu können.

profil: Sie haben sich bei Tarantino mit dem Satz bedankt, er habe Ihnen Ihre „Berufung zurückgegeben“. Hatten Sie so starke Zweifel an dem, was Sie tun?
Waltz: Ja.

profil: Warum? Weil zu wenige interessante Rollen kamen?
Waltz: Ja. Und weil die industrielle Fertigung von Filmen, die sich ja immer mehr durchsetzt, die ursprünglichen Ambitionen und Ziele so überlagert, dass sie in Vergessenheit geraten.

profil: Sie hielten das Drehbuch von ­„Inglourious Basterds“ zunächst für zu durchgeknallt?
Waltz: Nicht für zu durchgeknallt. Für völlig durchgeknallt!

profil: War es einfach, zu dem SS-Mann, den Sie für Tarantino darstellten, eine Art Liebe zu entdecken?
Waltz: Das war kein Problem. Sie meinen, weil das ein Nazi ist?

profil: Auch. Und die Figur ist wirklich sadistisch, dämonisch.
Waltz: Dämonie ist wieder so eine Sache, die nur das Ergebnis einer Reihe von Vorgängen ist. Aber das ist interessant: Wir kommen auf den Tuer zurück. Er tut, was zu tun ist – und nicht das, was er von der Sache hält. Denn Meinung ist schwer in Aktion umzusetzen.

profil: Man könnte meinen, es sei unglaublich lustig, mit Tarantino zu drehen. Er selbst fand es diesmal gar nicht amüsant, weil alles so schnell gehen musste. Wie war das für Sie? Lustvoll?
Waltz: Ja. Aber ich muss gestehen, je schwieriger mir etwas erscheint, desto lieber hab ich’s. Ich hab gern was zu tun.

profil: Haben Sie starke Nerven? Können Sie den achten Take nach sieben gescheiterten noch unbelastet absolvieren?
Waltz: Na, unbelastet hätte ja keinen Sinn. Aber versuchen werde ich’s in jedem Fall. Ich habe mal stärkere Nerven, mal schwächere, aber bei Wiederholungen laufe ich warm, das ist meine Spezialität.

profil: Sie spielen Hans Landa in „Inglourious Basterds“ mit viel komischer Energie: Das ist ein Sprach- und Sprechspieler – und ein Ordnungsfanatiker. Hatten Sie da Modelle?
Waltz: Nein! Es wurde irgendwann modern, sich an lebenden oder toten Figuren zu orientieren. Ich verweigere das kategorisch. Nicht weil es schädlich wäre, die Verhaltensweisen historischer Figuren zu studieren, sondern weil ich nicht weiß, was genau es mir bringen sollte. Natürlich schau ich mich um; aber ich vertiefe mich nicht in konkrete Modelle. Sonst würde ich mich immer nur an Sekundärmaterial halten.

profil: Aber muss man sich nicht, wenn man jemanden darstellt, der man nicht selbst ist, an irgendetwas halten, das außerhalb von einem liegt?
Waltz: Ich halte mich ans Drehbuch. Alles andere führte in eine hochkomplexe Diskussion, die in der Frage gipfelte, wie denn das eigentlich gehen sollte: jemanden darzustellen, der man nicht ist? Wie sollte man das denn tun?

profil: Sie haben berichtet, dass ein älterer Kollege Ihnen einmal erklärt habe, dass er in seinem Leben nicht mehr als drei wirklich wichtige Rollen gespielt habe. Welche waren – neben der Tarantino-Figur – Ihre wichtigsten Parts?
Waltz: Roy Black war schon eine sehr gute Rolle. Das war zumindest eine wunderbare Aufgabe, weil der Film eine so eigene Tonart hatte.

profil: Am Theater arbeiten Sie bereits seit 15 Jahren nicht mehr. Warum nicht?
Waltz: Ich komme da, ehrlich gesagt, nicht mehr mit. Mein kognitiver Apparat scheint da falsch verdrahtet zu sein. Ich versteh’s nicht mehr.

profil: Aber Sie schließen nicht aus, dass Sie doch wieder für das Theater gewonnen werden könnten?
Waltz: In keiner Weise schließe ich das aus! Ich wüsste nur derzeit nicht, wo und was. Film ist tatsächlich mein Hauptinteresse. Das Medium hat mich immer fasziniert: Schon als Mittelschüler bin ich im Wiener Filmmuseum gehockt; blöderweise bin ich nie auf die Idee gekommen, Film zu studieren.

profil: Erinnern Sie sich an prägende Filmerlebnisse?
Waltz: Ich habe viel zu früh Fellinis „8 1/2“ gesehen – als 14- oder 15-Jähriger. Ich war dermaßen gebannt von diesem Film, wusste aber nicht, warum. Seither hab ich ihn immer wieder gesehen: Das ist unter Garantie jener Film, den ich am öftesten gesehen habe.

profil: Fellini hat Ihnen mit 14 eine Ahnung von der Midlife-Crisis vermittelt?
Waltz: Er hat mir vermittelt, welche Möglichkeiten das Kino hat. Ich habe auch „Clockwork Orange“ viel zu früh gesehen. Und an George Cukors „Philadelphia Story“ habe ich erstmals gesehen, wie faszinierend Kino als Ergebnis handwerklicher Arbeit aussehen kann. Cukor ist einer meiner Lieblingsregisseure geworden.

profil: Vielleicht symptomatisch: Das ist ein Komödienregisseur.
Waltz: Ja, aber auch ein Schauspielerregisseur, der vom Theater kam. „Philadelphia Story“ war übrigens der einzige Film, den ich im Karussell gesehen habe: Ich ging im Wiener Burg-Kino bei der Kassa hinein, sah den Film, verließ den Saal und ging bei der Kassa wieder hinein. Das hab ich dreimal en suite gemacht.

profil: Wie beurteilen Sie selbst Ihre Chancen bei der kommenden Oscar-Verleihung? Sie gelten immerhin als absoluter Favorit.
Waltz: Selbst wenn ich meine kurzen ­Anflüge von Größenwahn habe, ist der Gedanke an solche Auszeichnungen für mich kein Thema. Die Herumrechnerei am Erfolg macht wahnsinnig schwer, ­behindert nur die Fantasie für andere, lohnendere Dinge.