Peter Michael Lingens

Peter Michael Lingens Der Weg zu besseren Schulen

Der Weg zu besseren Schulen

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Dass die Regierungsparteien bei den jüngsten Wahlen derart abgestraft wurden, obwohl Österreich die bedrohlichste Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren besser als Deutschland (mit weniger Arbeitslosigkeit und mehr Wirtschaftswachstum) bewältigt hat, liegt in erster Linie an ihrem Versagen in der Schulpolitik.

Ich will daher den Versuch machen, eine Schulpolitik zu skizzieren, die auf die Schulempfindlichkeiten von SPÖ und ÖVP Rücksicht nimmt und dennoch etwas weiterbringt. Denn derzeit erschöpft sich die Diskussion darin, dass die ÖVP unverändert „ein Bekenntnis zum differenzierten Schulsystem“ ablegt, während die SPÖ „den Einstieg in den Umstieg zur Gesamtschule“ fordert.

Dabei sollte man, wenn man wieder einmal feststellt, dass 40 Prozent der 15-Jährigen nicht sinnerfassend lesen können, zuerst einmal begreifen, dass das Übel offenkundig viel früher beginnt: bei Kindern, die in zunehmender Wortarmut aufwachsen. Es gab nämlich eine Zeit, in der jedes Kind schon am Ende der vierten Klasse Volksschule problemlos sinnerfassend lesen konnte – auch die Bauernkinder, die neben mir in meiner Kötschacher Volksschule saßen oder die Wiener Straßenkinder, mit denen ich die provisorische Volksschule eines Nachkriegsheims besuchte.

Es sind die Volksschulen, die das Lesen beibringen müssen – und sie sind immer Gesamtschulen gewesen.

Genau das aber ist einer der Gründe, weswegen immer mehr Eltern ihr Kind von Anfang an in Privatschulen geben. Nachdem ich einem Unterrichtstag an der Volksschule der Ursulinen in Wien-Mauer bewohnen durfte, weiß ich, warum: Denkbar kompetente, hoch motivierte Lehrkräfte unterrichten dort in einem bestens ausgestatteten Schulgebäude eine weitgehend homogene Schülerschaft.
Es gibt zwar Freiplätze für sozial Schwache – aber die Schüler, die sie erhalten, werden ausgewählt. Keines dieser Kinder kommt aus einem Umfeld, in dem akute Wortarmut herrscht.

Die erlebt auf bedrückende Weise, wer sich am Tag der offenen Tür die Zeit nimmt, eine Volksschule im fünften oder 15. Wiener Gemeindebezirk aufzusuchen: Unter 30 und mehr Kindern sind dort vielleicht drei des Deutschen wirklich mächtig – alle anderen sprechen zu Hause eine andere Sprache oder kommen aus Familien, in denen überhaupt kaum gesprochen wird.

Obwohl sich auch diesen Klassen zwei denkbar kompetente, hoch motivierte Lehrerinnen widmen, muss das Ergebnis desaströs ausfallen: Am Ende der vierten Klasse können weiterhin nur drei Kinder wirklich Deutsch. Denn was die Lehrerin vorträgt, wird von 27 Kindern nicht verstanden – sie drehen Daumen oder bitten um Hilfe. Beide Lehrerinnen wenden sich also je einem hilfesuchenden Kind zu und versuchen ihm zu erklären, was sie von ihm wollen. Sobald sie dabei lauter sprechen, um eine größere Gruppe zu erreichen, stören sie einander. Die drei des Deutschen mächtigen Kinder drehen fast immer Daumen.

Ich behaupte, dass es auch für die besten Lehrerinnen absolut unmöglich ist, den Kindern unter diesen Voraussetzungen Lesen (oder was immer) beizubringen.

Bei einer vergleichenden Untersuchung in Deutschland hat sich herausgestellt, dass die schulischen Leistungen von Kindern in großen Städten, voran Hamburg und Berlin, extrem – um bis zu zwei Schuljahre – hinter denen in ländlichen Schulen zurückbleiben, und keine „political correctness“ kann an der Erkenntnis vorbeiführen, dass das mit der hohen Zuwandererzahl solcher Ballungszentren zusammenhängt.

Da wir diese Zuwanderung aber gleichzeitig brauchen, um die Bevölkerungszahl und mit ihr die aktuelle Wirtschaftskraft aufrechtzuhalten, müssen wir weit vor der Haupt- und der Mittelschule die Volksschule vor dem Niedergang durch Inhomogenität bewahren. Und der einzige Weg dazu ist die „Kindergartenpflicht“ für mindestens zwei Jahre: Nur bestens ausgebildete (und daher adäquat bezahlte) KindergärtnerInnen können sicherstellen, dass die Kinder mit ausreichenden Sprachkenntnissen an die Volksschule kommen.

Doch selbst wenn auf diese Weise für ein etwas homogeneres Sprachniveau gesorgt ist, darf es Klassen, in denen die Mehrheit der Kinder aus fremdsprachigen Familien kommt, nicht geben. Notfalls müssen eben Kinder aus Fünfhaus in Döbling eingeschult werden – notfalls mittels „Bussing“.

In jedem Fall sind zwei Klassen mit 15 Schülern und einer Lehrkraft einer einzigen Klasse mit 30 Schülern und zwei Lehrkräften vorzuziehen, wenn man Reibungsverluste vermeiden will. Und völlig untragbar ist es, dass es die angeführten zwei Lehrerinnen aus Einsparungsgründen derzeit auch für die 30-Schüler-Klassen des Öfteren nicht gibt.

Es werden sehr viel mehr VolksschullehrerInnen gebraucht.

Zweifellos ist es richtig, auch sie, wie geplant, akademisch auszubilden, wobei die Ausbildung wie in Bayern ein ausgedehntes Praktikum enthalten muss. Das Gehalt muss, wie in Bayern, auch an der Volksschule so attraktiv sein, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer in diesen Beruf drängen. Immerhin hat sich seinerzeit ein Karl Popper in Wien zum Volksschullehrer ausbilden lassen.

Die langen Ferien dürfen so wenig ein Kriterium für die Wahl des Lehrerberufes sein wie das Liebäugeln mit einem „Halbtagsjob“. Denn alle Schulen sind grundsätzlich als Ganztagsschulen anzubieten.

Für die von Bildungsbürgern geforderte Klavier- und Ballettstunde ist nach 16.30 Uhr ausreichend Zeit. Denn „Nachhilfe“ und „Hausaufgaben“ hat es bei „Ganztagsschulen“ nicht zu geben.

Damit endlich zum Streitthema Nummer eins – zur „Gesamtschule“. Japan, Korea oder Finnland beweisen, dass sie zu erstklassigen PISA-Ergebnissen führen kann, aber die Schweiz beweist, dass diese erstklassigen Ergebnisse auch mit unserem System der Trennung zwischen Haupt- und Mittelschule möglich sind.

Warum also darüber einen Glaubenskrieg führen?

Die bisherigen Hauptschulen mögen sich in Zukunft durchwegs „Neue Mittelschulen“ nennen, was sicher besser klingt. Aber ihr System, die Klassen in den Hauptgegenständen von zwei Lehrern betreuen zu lassen, statt wie bisher zwei Klassenzüge zu führen, ist mehr Rück- als Fortschritt. (Schon gar, wenn man den Mathematiklehrer des Öfteren durch einen Nicht-Mathematiker ergänzen muss.) Man kann nicht Schüler total verschiedenen Niveaus gleichzeitig in schwierigen Gegenständen unterrichten, sonst muss es tatsächlich, wie die ÖVP behauptet (und die Volksschule im fünften Bezirk in ­extremis vorführt) zur Nivellierung nach unten kommen.

Ich habe in der Vorwoche aufgezeigt, dass es diesen gemeinsamen Unterricht schwacher wie guter Schüler in den Gesamtschulen Japans oder Koreas auch in keiner Weise gibt – vielmehr konzentrieren sich die „guten Schüler“ in „guten“ Schulen, in die man nur mittels bester Prüfungsnoten aufgenommen wird. Mag sein, dass Finnland dieses Problem durch viele Stützlehrer minimiert, aber selbst dort unterscheiden die Eltern anhand öffentlicher Prüfungsergebnisse zwischen sehr guten und bloß guten Schulen. Und ob Finnlands Schulsystem Top-Wissenschafter hervorzubringen vermag, ist vorerst ungeklärt.

Angesichts der aufgeheizten Stimmung in Österreich scheint es mir jedenfalls das Einfachste, sich am System internationaler englischer Schulen zu orientieren: Es gibt dort nicht erst ab der neunten Schulstufe wie in Finnland, sondern meist schon ab der sechsten Schulstufe in den Hauptgegenständen eine interne Differenzierung in drei Leistungsgruppen, innerhalb derer man auf- und absteigen kann.

Das erfordert natürlich mehr Lehrer und mehr Räume als unsere Schulen sie derzeit haben. Aber Schulen sind das ideale Ziel für jene Infrastrukturinvestitionen des Staates, die am ehesten geeignet sind, die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Ich glaube nicht, dass die ÖVP sich dauerhaft dagegen sperren wird, solche neuen Mittelschulen mit interner Differenzierung bis zu einer Zentralmatura weiterzuführen. Und ich glaube nicht, dass die SPÖ sich unter dieser Voraussetzung dauerhaft dagegen sperren wird, dass es weiterhin jede Menge „Gymnasien“ gibt (die durch interne „Leistungsgruppen“ auch noch besser funktionierten).

Lehrer an Oberstufen brauchen mit Sicherheit beides: Fachkompetenz – man kann Mathematik oder Physik nur gut erklären, was man sie aus dem Effeff beherrscht – und didaktische Kompetenz, die manchen „Professoren“ derzeit abgeht. Entscheidend aber ist einmal mehr die Auslese der Lehrkräfte: Man muss dahin gelangen, dass ein Kandidat froh ist, wenn er als Lehrkraft an einer Schule aufgenommen wird und dass ihm daran liegt, nicht wieder gekündigt zu werden.

Das funktioniert nur, wenn die Schule in Personalfragen autonom ist, indem zuerst Eltern und Lehrkörper einen Direktor bestimmen (und alle vier Jahre im Amt bestätigen) und indem dieser Direktor danach seine Lehrkräfte auswählen darf.

Genau das werden die Parteien freilich unter allen möglichen Vorwänden nicht zulassen, weil es zu Lasten ihres Einflusses auf Postenvergaben geht.
Daher plädiere ich seit Jahren für eine privatwirtschaftliche Variante: Die angeblich privatwirtschaftlich orientierte ÖVP möge gesetzliche Voraussetzungen durchsetzen, unter denen „Private“ Schulen gründen und betreiben können; und der Staat möge die dort beschäftigte Lehrerschaft so finanzieren, wie er derzeit die Lehrerschaft katholischer Privatschulen finanziert. Das belastet das Budget kaum – in Wirklichkeit erspart es Geld, weil die Schulgebäude von Privaten bereitgestellt werden – und schafft gesunden Wettbewerb.

Wenn die ÖVP es dennoch nicht fordert oder die SPÖ es dennoch nicht zulässt, ist klar, dass es beiden wirklich nur um ihren Einfluss, nicht um bessere Schulen geht.

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