<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Gesamtschulisches

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Gesamtschulisches

Zum rot-schwarzen Zankapfel: Die Umstände, unter denen ein Schulsystem sich bewährt, könnten mehr Bedeutung haben als das System selbst.

Die Schulpolitik ist zweifellos das „Projekt“, bei dem SPÖ und ÖVP am schwersten zu einem Konsens gelangen werden. Dabei erwärmen sich neuerdings selbst „schwarze“ westliche Bundesländer wie Vorarlberg, Tirol oder Salzburg für die Gesamtschule, denn die „Faktenlage“ scheint eindeutig: Seit Jahren weisen alle PISA-Tests die Gesamtschul-Länder Japan, Südkorea oder Finnland als Spitzenreiter, Österreich mit seinem „differenzierten Schulsystem“ als Nachzügler aus. Doch eine These ist nicht schon richtig, weil sie sehr oft verifiziert wird – aber definitiv falsch, wenn sie auch nur einmal falsifiziert wird: Die Schweiz falsifiziert die These, dass ein Schulsystem österreichischen Zuschnitts – mit Trennung in Haupt- und Mittelschulen – schlecht funktionieren muss. Denn auch die Schweiz erreicht beste ­PISA-Ergebnisse. Desgleichen Bayern, das ebenso zwischen Hauptschulen und Gymnasien trennt.

Bayern geht dabei so altmodisch wie Österreich vor: Das Volksschulzeugnis entscheidet, ob ein Kind an ein Gymnasium darf und studieren kann. Als Hauptschüler muss es sich dagegen fast immer mit einer Lehre begnügen (auch wenn der Wechsel an eine höhere Schule theoretisch möglich ist).

Wirtschaftlich ist dieses System überaus erfolgreich: Bayern weist Deutschlands höchstes BIP pro Kopf und die niedrigste Arbeitslosigkeit aus. Dass die PISA-Ergebnisse so viel besser als in Österreich ausfallen, könnte einen einfachen Grund haben: die bessere Ausbildung bayerischer Lehrkräfte. Auch Volksschullehrer absolvieren dort ein akademisches Studium und nur ein erfolgreiches zweijähriges Praktikum vermittelt eine Anstellung.1) Zur Linken wird Bayerns Bildungssystem freilich so heftig wie das Österreichs kritisiert: Es konserviert die soziale Schichtung – das Kind eines Akademikers hat eine sechs Mal so große Chance auf einen Hochschulabschluss wie das eines Facharbeiters.

Genau das gilt freilich auch für die beiden erfolgreichsten Schulsysteme überhaupt: Japan und Südkorea liegen bei den meisten PISA-Tests noch vor Finnland – aber das Einkommen der Eltern bestimmt die Chancen des Kindes wie in Bayern. Denn beide Länder haben zwar Gesamtschulen – aber es ist entscheidend, an welchen man seinen Abschluss erlangt. Schon für „gute“ Vorschulen gibt es Aufnahmeprüfungen, und später entscheiden Prüfungen ununterbrochen darüber, ob man an eine „gute“ Mittelschule und „gute“ Oberschule gelangt, die dann für eine „gute“ Universität berechtigt. Familien geben daher Unsummen für Zusatzunterricht in eigenen Lerninstituten aus – was sicherstellt, dass die Kinder gut verdienender Eltern mit entsprechendem Vorsprung an „gute“ Schulen gelangen. Die Teilung in „schwache“ und „gute“ Schüler, die die Gesamtschule überwinden will, wird auf diesem Umweg wieder hergestellt, indem sich die guten Schüler in den „guten“, die schwachen Schüler im Rest der Schulen sammeln.

Der Lerndruck ist extrem: 16 Stunden täglichen Lernens sind nicht selten. Die Selbstmordrate unter Schülern ist beängstigend. Schlechte Schüler werden zwar mitgeschleppt, stehen aber vor allem in japanischen Schulen mit dem Rücken zur Wand: Von ihren Mitschülern verachtet und gemobbt, bilden sie eine wachsende Gruppe von Verweigerern jedweder Leistung – sie ergreifen nie einen Beruf und müssen von ihren Eltern erhalten werden. In Japan steht das Schulsystem daher unter wachsender Kritik, nachdem sich zudem herausgestellt hat, dass es längst nicht im erhofften Ausmaß zu wissenschaftlichen Höchstleistungen führt.

Finnlands Gesamtschulen kennen weder diesen Lernstress noch diese soziale Selektion. Durch neun Jahre gibt es eine gemeinsame Grundschule mit freilich sehr kleinen Klassen (im Schnitt 14 Schüler), das „Ausländer“-Problem ist gering und den Lehrer unterstützen zahlreiche Sozialarbeiter. Wie in Bayern sind finnische Grundschullehrer akademisch ausgebildet und müssen Eignungsprüfungen ablegen. Der Grundschule folgt eine (von 98 Prozent der Schüler bestandene) Prüfung für den Übertritt in eine zweigeteilte (berufs- oder allgemeinbildende) Oberstufe mit Leistungsgruppen, die man zwei bis vier Jahre besucht. Die Prüfungserfolge jeder Schule sind öffentlich. Eltern bemühen sich, ihre Kinder in erfolgversprechenden Schulen unterzubringen, weil auch jede Universität Aufnahmeprüfungen hat. Hier entstehen also ebenfalls – in fairem Wettbewerb – „gute“ und nicht ganz so gute Schulen. Anders als in Österreich sind sie weitgehend autonom: Über Personal wie Lehrmethoden wird trotz gleicher Lehrpläne vor Ort entschieden.

Schweden hat diese Schulautonomie maximiert: Schulen können die verschiedensten Betreiber haben – nur für gemeinsame Abschlussprüfungen und für die Bezahlung pro Schüler ist auch dort der Staat zuständig.

Was – außer ihrem Wunsch nach parteipolitischem Einfluss – hindert SPÖ und ÖVP, aus all diesen Systemen das für Österreich Beste zu kopieren?

peter.lingens@profil.at